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Die Gesellschaftsordnung der Êzîdî: Şêx, Pîr, Mirîd
Die êzîdîsche Gesellschaft der Êzîdî (auch Yeziden oder Jesiden) ist seit Jahrhunderten in drei erbliche Stände gegliedert: die geistlichen Stände Şêx und Pîr sowie die Laien, die Mirîd. Dieses System ist keine soziale Rangordnung, sondern ein wechselseitiges religiöses Betreuungs- und Verantwortungsnetz. Dieser Artikel erklärt, wie die Ordnung funktioniert, welche Pflichten und Ämter sie kennt, warum der Vergleich mit dem indischen Kastensystem in die Irre führt, und wie die Diaspora über Bewahrung und Reform diskutiert.
Stand: 2026-06-11 · Eigennamen in lateinischer Kurmancî-Schreibweise · ezdixan.de Wiki
Inhalt
- Was bedeutet es, einen Şêx und einen Pîr zu haben?
- Überblick: drei Stände, Geburt und Endogamie
- Die Şêx, der erste geistliche Stand
- Die Pîr, die ältere Priesterschaft
- Die Mirîd, die große Mehrheit
- Warum kein „Kastensystem" wie in Indien?
- Die fünf Grundpflichten (pênc ferz)
- Religiöse Ämter und Würdenträger
- Die Kirîv-Institution
- Wandel und Debatte in der Diaspora
- Begriffsglossar
- Quellen
1. Was bedeutet es, einen Şêx und einen Pîr zu haben?
Wer als Êzîdî geboren wird, kommt nicht nur in eine Familie, sondern zugleich in ein Netz fester geistlicher Beziehungen. Jede Êzîdî-Familie hat von alters her einen bestimmten Şêx und einen bestimmten Pîr: zwei geistliche Begleiter aus festgelegten Familien, deren Zuordnung sich seit Generationen vererbt. Man sucht sie sich nicht aus, und sie wechseln nicht. Sie stehen der Familie bei den großen Übergängen des Lebens zur Seite: bei der Bisk-Zeremonie (dem rituellen Schneiden der ersten Haarlocken), bei der Eheschließung, bei der Waschung und Bestattung der Toten, ohne sie können diese Riten nicht vollzogen werden [2; 8].
Das Besondere: Diese Beziehung ist wechselseitig und lückenlos. Auch ein Şêx hat selbst wieder einen eigenen Şêx und Pîr, niemand steht außerhalb des Netzes [2]. Die Mirîd unterstützen ihre Geistlichen materiell; die Geistlichen tragen die Verantwortung für Unterweisung und seelisches Wohl ihrer Mirîd-Familien [1; 2]. Die Encyclopaedia Iranica fasst zusammen: Der Unterschied zwischen Şêx und Pîr liegt „nicht in der Art ihrer religiösen Aufgaben, sondern in der Abstammung" [1].
Dieses Beziehungsgeflecht, und nicht eine Rangpyramide, ist der Kern der êzîdîschen Gesellschaftsordnung.
2. Überblick: drei Stände, Geburt und Endogamie
2.1 Die Grundstruktur
Die êzîdîsche Gesellschaft gliedert sich in die Geistlichen (ruhanî), bestehend aus den Ständen Şêx und Pîr: und die Laien (mirîd, Kurmancî: „Schüler, Anhänger") [2; 3].
| Stand | Charakter | Kernaufgabe |
|---|---|---|
| Şêx | geistlich, erblich, drei Linien | Unterweisung und Riten für die zugeordneten Mirîd-Familien; stellen die höchsten Ämter |
| Pîr | geistlich, erblich, traditionell 40 Clans | Betreuung der zugeordneten Familien; ältere Priesterschaft, religiös den Şêx praktisch gleichgestellt |
| Mirîd | Laien, große Mehrheit | tragen das religiöse und wirtschaftliche Leben; unterstützen die Geistlichen durch Abgaben |
Wie groß die Stände sind, lässt sich nicht genau beziffern, die Angaben widersprechen sich: Omarkhali schätzt die gesamte Priesterschaft auf etwa 6–7 % (Mirîd: 93–94 %) [3]; Tagay/Ortaç nennen dagegen rund 15 % Şêx, 5 % Pîr, 80 % Mirîd [2]. Gesichert ist: Die große Mehrheit der Êzîdî sind Mirîd.
2.2 Zugehörigkeit durch Geburt
Die Standeszugehörigkeit wird ausschließlich durch Geburt erworben und kann nicht gewechselt werden [2; 3]. Das Êzîdentum missioniert nicht, eine Konversion ist nicht möglich, Êzîdî ist, wessen beide Eltern Êzîdî sind (siehe Religion und Kultur) [2; 3].
2.3 Endogamie: Heirat innerhalb des Standes
Aus dem Geburtsprinzip folgt die Endogamie: Geheiratet wird nur innerhalb der Glaubensgemeinschaft und nur innerhalb des eigenen Standes [2; 3]. Şêx und Pîr dürfen auch untereinander nicht heiraten, traditionell begründet damit, dass sie füreinander religiöse Unterweiser sind und dieser Status durch eine Heirat verloren ginge [2]. Innerhalb der Mirîd bestehen keine weiteren Beschränkungen [1]. Aus êzîdîscher Sicht ist die Endogamie ein historisch gewachsener Schutzmechanismus: In Jahrhunderten der Verfolgung sicherte sie Zusammenhalt und Überleben [2]. Zur heutigen Debatte siehe Abschnitt 10.
2.4 Entstehung: Überlieferung und Forschungsstand
Nach êzîdîscher Überlieferung geht die Ordnung auf Şêx Adî (ʿAdī ibn Musāfir, ca. 1073/75–1162) zurück, der sich Anfang des 12. Jahrhunderts im Tal von Laliş niederließ (siehe Heiligtümer): Ihm sei Tawûsî Melek: der ranghöchste der sieben Engel, von Außenstehenden fälschlich und für Êzîdî zutiefst verletzend mit dem Bösen gleichgesetzt, erschienen; daraufhin habe Şêx Adî das Ordnungssystem hed û sed („Recht und Ordnung") eingeführt [2].
Die Forschung differenziert: Die Struktur durchlief im 12. Jahrhundert, in der Zeit Şêx Adîs und seines Adawiyya-Ordens, ihre tiefgreifendste Umformung [3], aber sie entstand nicht an einem Tag. Teile, insbesondere die Pîr als ältere Priesterschaft, existierten vermutlich schon vorher; die Ordnung entwickelte sich über einen langen Prozess [2; 9]. Theologisch verankert ist sie im Glauben, dass die göttliche Siebenschaft periodisch in heiligen Menschen (xas) erscheint, die geistlichen Stände führen ihre Abstammung auf solche Manifestationen zurück [2]. Die Stammbäume und Heiligengestalten behandelt Heilige Genealogie.
3. Die Şêx: der erste geistliche Stand
3.1 Aufgaben im Alltag
Şêx sind keine ausgebildeten Theologen: ihr Wissen wird mündlich in der Familie tradiert, ihre Autorität beruht auf Abstammung und Dienst [2]. Zu ihren Aufgaben gehören die Bisk-Zeremonie, die Mitwirkung bei Eheschließungen, die Waschung der Toten und Begleitung der Totenzeremonie, die laufende religiöse Betreuung sowie häufig die Rolle der Jenseitsgeschwister (7.2) [2; 8]. Dafür erhalten sie Abgaben; die an den Şêx sind traditionell höher als die an den Pîr [1].
3.2 Die drei Linien: Şemsanî, Adanî, Qatanî
Der Şêx-Stand gliedert sich in drei Abstammungslinien, die auf eigene heilige Stammväter zurückgehen und untereinander, nach Mehrheitsmeinung der Quellen, nicht heiraten dürfen, was die Partnerwahl erheblich einschränkt [1; 2; 9]:
| Linie | Stammvater (Tradition) | Stellt das Amt | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Şemsanî | die vier Söhne des Êzdîna Mîr: Şemsedîn (Şêx Şems), Fexredîn, Nasirdîn, Sicadîn | Bavê Şêx und Şêx Wezîr (Hüter des Şêşims-Heiligtums) | ältere, schon vor Şêx Adî wirkende Schicht |
| Adanî | Şêx Hesen (gest. 1254), aus der Verwandtschaft Şêx Adîs | Pêşîmam | traditionell als Einzigen Lesen und Schreiben erlaubt |
| Qatanî | Şêxûbekir, ein Verwandter Şêx Adîs | Mîr (Fürst) | Linie der Fürstenfamilie |
Diese Aufteilung hat eine bemerkenswerte Funktion: Da jede Linie genau eine Spitzeninstanz stellt, ist die Macht zwischen den Şêx-Gruppen annähernd gleich verteilt [2].
Vertiefung. Die Heiligengestalten hinter den Linien, Êzdîna Mîr und seine Söhne, Şêx Hesen, Şêxûbekir, die Verbindung zu den sieben Engeln und die Mîr-Dynastie, behandelt Heilige Genealogie; hier geht es um die Funktion der Linien im System.
4. Die Pîr: die ältere Priesterschaft
Pîr (Kurmancî/Persisch: „Ältester, Weiser") bilden den zweiten geistlichen Stand. Nach verbreiteter Auffassung entsprechen sie den alten Priestern, die schon vor der Zeit Şêx Adîs für den Erhalt der Religion zuständig waren [2]. In religiösen Fragen haben sie im Grunde dieselbe Stellung wie die Şêx; durch die Aufgabenzuweisungen der Şêx-Adî-Zeit stehen sie praktisch leicht hinter ihnen, ein Unterschied der Abstammung, nicht des Ranges [1; 2]. Ihre Aufgaben gleichen denen der Şêx: Betreuung der erblich zugeordneten Mirîd-Familien, Mitwirkung an Festen und Übergangsriten, Empfang von Abgaben [1; 2].
Gliederung. Traditionell zählt man vier Hauptfamilien: Hesen Meman (Hesmeman), Pîr Afat, Pîr Jerwan (Cerwan) und Pîr Hacî Alî, mit zahlreichen Untergruppen; die klassische Zählung spricht von 40 Pîr-Clans, Omarkhalis Feldforschung dokumentiert rund 87–90 Pîr-Linien [1; 2; 3; 4]. Bei den Heiratsregeln gehen die Quellen im Detail auseinander; als Grundlinie gilt: Ehen zwischen Pîr-Linien sind vielfach möglich, einzelne Linien, bekanntestes Beispiel die Hesmeman: bilden Ausnahmen mit strengeren Regeln [1; 3].
5. Die Mirîd: die große Mehrheit
Die êzîdîsche Gesellschaft besteht ganz überwiegend aus Mirîd: je nach Quelle aus etwa 80 bis über 90 Prozent (Abschnitt 2.1) [2; 3]. Falsch wäre es, sie als „unterste Schicht" zu verstehen:
- Mirîd tragen die Gemeinschaft. Sie stellen die wirtschaftliche und soziale Basis und unterstützen die Geistlichen materiell [2].
- Mirîd sind religiös vollwertig. Die Standeszuordnung ist nicht mit Vergünstigungen oder einer sozialen Wertung verbunden [2]; Mirîd nehmen an allen Festen und Riten teil.
- Mirîd können religiöse Würden erwerben. Die Würde des Feqîr stand traditionell grundsätzlich jedem offen, die des Koçek kann bis heute standesunabhängig erworben werden (Abschnitt 8) [2].
- Innerhalb der Mirîd herrscht Heiratsfreiheit: anders als bei Şêx und Pîr [1].
Im Alltag heißt Mirîd-Sein vor allem: in einem festen, ererbten Verhältnis zu „seinem" Şêx und „seinem" Pîr zu stehen, Teil des Netzes, das die Gemeinschaft seit Jahrhunderten zusammenhält.
6. Warum kein „Kastensystem" wie in Indien?
In westlichen Texten wird die êzîdîsche Ordnung oft als „Kastensystem" bezeichnet, die Fachliteratur benutzt das Wort meist mit Einschränkung („hereditary groups, often called castes") [3]. Der Vergleich mit dem indischen Kastenwesen führt in die Irre [2; 9]:
| Merkmal | Indisches Kastenwesen | Êzîdîsche Ständeordnung |
|---|---|---|
| Rangordnung | ausgeprägte Hierarchie mit Statusgefälle | keine soziale Wertung; Unterschied liegt allein in Abstammung und religiöser Aufgabe |
| Ausgegrenzte | „Unberührbare" (Paria) außerhalb der Ordnung | es gibt keine Paria |
| Berufe | traditionell mit Berufen und Reinheitsgraden verknüpft | keine Berufszuweisung |
| Reichweite | regelt weite Teile des sozialen Lebens | betrifft ausschließlich religiöse Belange [9] |
| Zweck | , | wechselseitige Interdependenz: enger Zusammenhalt der ganzen Gemeinschaft [2] |
Tagay und Ortaç bringen es auf den Punkt: Das System trennt die Gesellschaft nicht, sondern will „durch eine gegenseitige Interdependenz der einzelnen Glieder einen engen Zusammenhalt aller gesellschaftlichen Schichten garantieren" [2]. Auch zwischen Şêx und Pîr besteht kein Wertgefälle [1]. Dieser Artikel verwendet daher bevorzugt „Stände" oder „Erbgruppen"; „Kaste" erscheint nur, wo Quellen zitiert oder Missverständnisse erklärt werden.
7. Die fünf Grundpflichten (pênc ferz)
7.1 Das Prinzip
Unabhängig vom Stand muss jede*r Êzîdî nach der Lehre der pênc ferz („fünf Pflichten") fünf geistliche Bezugspersonen anerkennen [2; 3]:
| Pflicht | Bedeutung | Erläuterung |
|---|---|---|
| Şêx | der eigene Şêx | ererbte Zuordnung (Abschnitt 3) |
| Pîr | der eigene Pîr | ererbte Zuordnung (Abschnitt 4) |
| Hosta | „Meister" | Deutung uneinheitlich: Anerkennung Gottes als des Meisters [2], oder eigene Bezugsperson mit heute unscharfer Funktion [3] |
| Merebî (Mirebbî) | „Erzieher, Lehrer" | geistlicher Lehrer, aus jedem Stand nach erblichen Regeln gewählt; Funktion heute ebenfalls unscharf [1; 3] |
| Birayê / Xuşka Axiretê | „Jenseitsbruder / -schwester" | gewählte geistliche Geschwister fürs Jenseits (7.2) |
Dass Hosta und Merebî heute unscharf geworden sind, ist selbst ein Befund: ein schleichender Bedeutungswandel innerhalb der Ordnung [3].
7.2 Birayê / Xuşka Axiretê: Geschwister für das Jenseits
Zu Lebzeiten, üblicherweise um die Pubertät, wählt sich jede*r Êzîdî einen Bruder oder eine Schwester für das Jenseits, in der Regel aus einer Şêx-Familie [1; 2]. Diese Wahlgeschwister übernehmen gegenseitig die moralische Mitverantwortung für die irdischen Taten, „begleiten" einander in der Totenzeremonie und erfüllen bei Übergangsriten wichtige Aufgaben [1; 2]. Die Forschung vergleicht die Institution mit der alevitischen musahiplik-Wahlverwandtschaft [3].
8. Religiöse Ämter und Würdenträger
Die höchsten Ämter sind genealogisch an die drei Şêx-Linien gebunden (Abschnitt 3.2); daneben stehen Würden, die teils standesunabhängig erworben werden können.
8.1 Mîr: das Oberhaupt
Der Mîr (Fürst) ist weltliches und repräsentatives Oberhaupt aller Êzîdî; seine Person gilt als geheiligt [1]. Das Amt ist erblich in der Qatanî-Linie; traditioneller Sitz ist Ba’edrê (Baadre) im Şêxan-Gebiet nahe Laliş [1; 2]. Über die Nachfolgeregel gehen die Angaben auseinander, ältester Sohn [2] oder Bestimmung durch den amtierenden Mîr zu Lebzeiten [7] –; 2019 benannte der Geistliche Rat den neuen Mîr, ein Beleg für den Wandel des Verfahrens [4; 10]. Der Mîr sitzt dem Geistlichen Rat (Meclîsê Ruhanî) vor, dem u. a. Bavê Şêx, Şêx Wezîr, Pêşîmam und das Oberhaupt der Qewwals angehören [1; 2].
Amtsinhaber: Seit dem 27. Juli 2019 ist Mîr Hazim Tahsin Beg (geb. 1963) im Amt, inthronisiert in Laliş als Nachfolger seines Vaters Mîr Tahsin Said Beg, der rund 75 Jahre regiert hatte [5; 11]. Die Einsetzung war umstritten: Kritiker, vor allem aus Şingal, warfen ihm Nähe zur Partei KDP vor; Teile der Şingal-Gemeinschaft erkennen stattdessen Naif bin Dawud an [5; 10].
8.2 Bavê Şêx (Baba Şêx): das geistliche Oberhaupt
Der Bavê Şêx („Vater-Şêx") ist die höchste Autorität in der Auslegung religiöser Fragen. Er stammt aus der Şemsanî-Linie, führt ein frommes, enthaltsames Leben und überwacht die religiösen Gesetze; viele Zeremonien in Laliş können ohne ihn nicht stattfinden [1; 2]. Ernannt wird er vom Mîr [6].
Amtsinhaber: Am 18. November 2020 wurde Şêx Alî Ilyas (geb. 1979 in Şêxan) in Laliş als Bavê Şêx vereidigt, als Nachfolger des verstorbenen Xurto Hecî Îsmaîl (Amtszeit 1995–2020) [6; 12]. Auch diese Einsetzung wurde von Protesten begleitet; Teile der Şingal-Êzîdî verweigerten die Anerkennung [6; 10]. Anfang 2025 wurde über eine schwere Erkrankung des Amtsinhabers berichtet [13]; verlässliche neuere Angaben zum Amtsstatus liegen für diesen Artikel nicht vor.
Einordnung. Dass beide Spitzenämter seit 2019/2020 umstritten besetzt sind, spiegelt die Zerreißproben nach dem Genozid von 2014, insbesondere die Konflikte um die Zukunft Şingals, und die wachsende Distanz zwischen den Institutionen in Şêxan und Teilen der Diaspora [5; 6; 10].
8.3 Weitere Ämter und Würden
| Amt / Würde | Herkunft | Funktion |
|---|---|---|
| Pêşîmam | Adanî-Şêx, vom Mîr berufen | Wahrung und Interpretation des Glaubens; leitet Rituale, traditionell bei Eheschließungen [1; 2] |
| Baba Çawûş | vom Mîr ernannt | Wächter des Şêx-Adî-Heiligtums in Laliş; lebt dort fromm und zölibatär [1; 2] |
| Feqra (Leiterin: Kebanî) | Frauenorden in Laliş | zölibatäre Frauen; die Kebanî betreut das Mausoleum Şêx Adîs und formt die heiligen berat-Kugeln [1; 2] |
| Feqîr | allen offen; in jüngerer Zeit faktisch erblich | Asketen, kundige Kenner der Tradition; erkennbar an der schwarzen Woll-xerqe, die als heilig gilt [1; 2] |
| Koçek | standesunabhängig erwerbbar | „der Kleine": ekstatischer Diener bei Kulthandlungen; berichtet der Tradition nach über das Schicksal verstorbener Seelen [1; 2] |
| Micêwir | , | Schreinwärter einzelner Heiligtümer [3] |
8.4 Die Qewwal: Sondergruppe außerhalb des Dreierschemas
Die Qewwal (Rezitatoren und Hymnensänger) bilden eine Sondergruppe außerhalb des Dreierschemas: Sie stammen aus zwei Stämmen, den kurmancî-sprachigen Dimlî und den arabisch-sprachigen Tazhî, aus Başîqa und Bahzanê [1]. Sie spielen die heiligen Instrumente def (Rahmentrommel) und şibab (Flöte), rezitieren die Qewl (heilige Hymnen) und führen den Tawûsgeran durch, den Umzug der Tawûsî-Melek-Standarten (senceq). Sie gelten als „lebendes Gedächtnis der Gemeinschaft"; bis vor Kurzem lebten auch sie endogam, inzwischen sind Ehen mit Mirîd gestattet [1; 2]. Ausführlich: Qewl-Tradition.
9. Die Kirîv-Institution
Eine Brücke über die Standesgrenzen, und sogar über die Religionsgrenze, hinweg schlägt der Kirîv (Pate): Für einen Jungen wird zur Beschneidung ein Pate gewählt, mit dem die Familie eine lebenslange Bindung mit gegenseitiger Unterstützungspflicht eingeht. Der Kirîv muss aus einem anderen Stand stammen; zwischen beiden Familien gilt anschließend ein Heiratsverbot, traditionell für sieben Generationen [1; 2].
In den traditionellen Siedlungsgebieten wählten Êzîdî ihren Kirîv häufig aus der muslimischen Nachbarschaft: als Schutzbündnis und soziale Brücke in Verfolgungszeiten; selbst nach dem Genozid von 2014 bestehen solche Beziehungen fort [1; 2]. Die Institution zeigt: Die êzîdîsche Ordnung ist nicht auf Abschottung, sondern auf gestiftete Verbindung angelegt, zwischen den Ständen ebenso wie zur Außenwelt.
10. Wandel und Debatte in der Diaspora
Mit der Migration, vor allem nach Deutschland, wo die größten Diaspora-Gemeinden leben (siehe Diaspora), ist die Ständeordnung in Bewegung geraten. Die Debatte hat zwei ernstzunehmende Seiten.
10.1 Die empirischen Befunde
Die EZI-Studie unter Êzîdî in Deutschland (383 Befragte) liefert die genauesten Zahlen [2]: 31,4 % nannten die Endogamie als negative Seite des Êzîdentums, 19,5 % das Ständewesen selbst; etwa jede*r Vierte hält das Ständesystem ohne Einschränkung für reformbedürftig. Omarkhali konstatiert, die Standes-Endogamie sei „zu einem großen Hindernis für junge Êzîdî in der Diaspora geworden" [3]. Eine Befragte aus dem Şêx-Stand bringt das Dilemma auf den Punkt: Das System an sich finde sie gut, aber das Heiratsverbot zwischen den Şêx-Linien enge die Partnerwahl so ein, dass „diese Kasten dadurch irgendwann aussterben" [2].
10.2 Die Verteidigung der Ordnung
Dem steht eine ebenso ernsthafte Position gegenüber: Offizielle Vertreter bekräftigen das Ständewesen als Garanten für Zusammenhalt und Solidarität: nur so habe das Êzîdentum die Jahrhunderte überlebt [2]. Auch unter Diaspora-Êzîdî sieht eine Mehrheit die Endogamie als bewährten „Schutzwall gegen externe Gefahren"; vor dem Hintergrund der kollektiven Traumata, der überlieferten 73 Ferman (Verfolgungen) und des Genozids von 2014 (zusammen die 74 Ferman), wird jede Veränderung von vielen „als Gefahr für das Fortbestehen der Gemeinschaft wahrgenommen" [2]. Für eine Gemeinschaft, die wiederholt an den Rand der Auslöschung gebracht wurde, ist die Ordnung nicht bloß Tradition, sondern Überlebensstrategie.
10.3 Institutionen unter Druck
Zur inneren Debatte kommt eine institutionelle: Der in Şêxan residierende Geistliche Rat kann für Diaspora-Êzîdî oft keine passenden Antworten auf die Herausforderungen pluralistischer Gesellschaften bieten, weil ihm deren Lebensrealität wenig vertraut ist [2]. Die umstrittenen Einsetzungen von Mîr (2019) und Bavê Şêx (2020) haben das Vertrauen zusätzlich belastet (Abschnitt 8). Auch die Wissensordnung wandelt sich: Die traditionellen Qewwal-Schulen existieren nicht mehr, und mit der Verschriftlichung der Hymnen verändert sich die Rolle der Stände als exklusive Wissensträger grundlegend [1] (siehe Qewl-Tradition). Wie die Gemeinschaft diese Spannungen löst, ist offen, die Debatte wird innerhalb der Gemeinschaft geführt, zwischen der Bewahrung eines Systems, das Jahrhunderte der Verfolgung überstanden hat, und der Lebensrealität einer jungen Generation.
11. Begriffsglossar
| Begriff (Kurmancî) | Bedeutung |
|---|---|
| Şêx | erster geistlicher Stand; auch: der einer Familie zugeordnete geistliche Begleiter |
| Pîr | „Ältester, Weiser"; zweiter geistlicher Stand, ältere Priesterschaft |
| Mirîd | „Schüler, Anhänger"; Laienstand, die große Mehrheit der Êzîdî |
| Şemsanî, Adanî, Qatanî | die drei Şêx-Abstammungslinien |
| Pênc ferz | die „fünf Pflichten": Şêx, Pîr, Hosta, Merebî, Jenseitsgeschwister |
| Birayê / Xuşka Axiretê | „Jenseitsbruder / -schwester"; gewählte geistliche Geschwister |
| Kirîv | Pate (bei der Beschneidung); stiftet eine lebenslange Bindung zwischen zwei Familien |
| Mîr | Fürst; Oberhaupt aller Êzîdî, aus der Qatanî-Linie |
| Bavê Şêx (Baba Şêx) | „Vater-Şêx"; geistliches Oberhaupt, aus der Şemsanî-Linie |
| Pêşîmam | „Vorsteher-Imam"; höchster Gelehrter, aus der Adanî-Linie |
| Baba Çawûş | Wächter des Heiligtums von Laliş |
| Feqîr | „der Arme"; Asket in der schwarzen xerqe (Wolltunika) |
| Koçek | „der Kleine"; ekstatischer Diener mit Aufgaben bei Kulthandlungen |
| Qewwal | Rezitator der heiligen Hymnen (Qewl) |
Quellen
- Allison, Christine: „YAZIDIS i. GENERAL", Encyclopaedia Iranica (2004, akt. 2017). https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-i-general-1
- Tagay, Şefik / Ortaç, Serhat: Die Eziden und das Ezidentum. Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, 2016. https://www.hamburg.de/contentblob/6271994/21807c33b23c0f8e930ad75a1da7753c/data/ezidenund-ezidentum.pdf
- Omarkhali, Khanna: The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written. Harrassowitz, Wiesbaden 2017. https://www.uni-goettingen.de/de/document/download/7aa23de7edf74949749e706f404d2d4e.pdf/Omarkhali_Yezidi_Religious_Textual_Tradition_2017.pdf
- Wikipedia (en): „Yazidi social organization". https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_social_organization
- Wikipedia (en): „Hazim Tahsin Beg". https://en.wikipedia.org/wiki/Hazim_Tahsin_Beg
- Wikipedia (en): „Sheikh Ali Ilyas". https://en.wikipedia.org/wiki/Sheikh_Ali_Ilyas
- Ezipedia: „Mîr – Das weltliche Oberhaupt" (2012). https://www.ezipedia.de/mir-das-weltliche-oberhaupt/
- Dînê Şerfedîn (Community-Seite): „Şêx – Shekh – Shêx – Scheich". https://jesiden.wordpress.com/sex/
- RAA Brandenburg / Fachstelle Islam: „Ezidinnen und Eziden – Eine kurze Übersicht" (2019). https://raa-brandenburg.de/Portals/4/media/UserDocs/Dokumente_2019/RAA_Fachstelle-Islam_Handreichung-Eziden.pdf
- Dangeleit, Elke: „Streit unter den Eziden", Telepolis, 15.11.2020. https://www.telepolis.de/features/Streit-unter-den-Eziden-4960336.html
- France24: „Son of Iraq’s late Yazidi prince takes over as leader" (27.7.2019). https://www.france24.com/en/20190727-son-iraqs-late-yazidi-prince-takes-over-leader
- Rudaw: „New Yazidi spiritual leader sworn in" (18.11.2020). https://www.rudaw.net/english/kurdistan/181120204
- Rudaw: „Yezidi spiritual leader in hospital after suffering stroke" (5.4.2025). https://www.rudaw.net/english/kurdistan/050420251
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