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Traditionen + Lebensrituale
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Projekt: ezdixan.de / ezdixan.de Datum: 2026-05-22 Zweck: Vollständige Erfassung Êzîdîscher Lebens- und Übergangsrituale, Festkalender, Alltagsbräuche Methodik: Triangulation aus akademischen Primärquellen (Açıkyıldız 2010, Kreyenbroek 1995, Kreyenbroek 2009, Allison 2001, Omarkhali 2017, Spät 2018, Encyclopaedia Iranica) + Community-Quellen (ezipedia.de, ezidi-heritage.org) Sirr-Schutz: Restricted-Inhalte werden markiert (nicht in Detail dargestellt, nur Name + öffentlich bekannter Rahmen)
Abgrenzung / Querverweise: Dieser Artikel ist die systematische Bräuche-Übersicht. Themen mit eigenem Artikel werden hier nur knapp gestreift und verlinkt, nicht dupliziert:
- Übergangsriten Geburt → Heirat ausführlich: Lebenszyklus
- Tod, Begräbnis, Seele, Bruder/Schwester des Jenseits: Tod, Seele & Wiedergeburt
- Der Festkalender (Sersal, Cejna Êzî, Çile-Fasten): Festkalender
- Das Herbst-Pilgerfest in Lalîş: Cejna Cemaiyê
- Speisen, Festtagsküche, Speisetabus kulinarisch: Cuisine
- Kleidung und Tracht: Tracht & Kleidung
- Kastenordnung Şêx/Pîr/Mirîd: Gesellschaftsordnung
- Reinheit und Speise-/Reinheitsgebote: Reinheit & Tabus
- Glaube, Kosmologie, Theologie: Religion Trust-Skala:
- A = peer-reviewed Akademie (Açıkyıldız, Kreyenbroek, Allison, Omarkhali, Spät, Rodziewicz, Asatrian, Encyclopaedia Iranica)
- B = Êzîdî-Community Eigenpublikation (ezipedia, ezidi-heritage, YEZIDIS.org, Êzîdî-Räte)
- C = Sekundärliteratur (Wikipedia, Zeitungen, NGO-Reports)
Strukturlegende pro Eintrag
### NN. Name (Êzdîkî / Hawar)
- **Beschreibung**: …
- **Êzdîkî-Vokabular**: Hawar (DE: deutsche Übersetzung)
- **Sirr-Status**: öffentlich / halböffentlich / restricted
- **Regional-Varianten**: Sinjar | Sheikhan | Armenien (Aparan/Tiflis) | Diaspora
- **Quelle**: Autor Jahr, URL, Trust=A/B/C
1. GEBURT + KINDHEIT (Bûyîn û Zarokatî)
1. Şeva Bûyîna Zaroka: Geburts-Nacht-Ritual
- Beschreibung: Die Nacht der Geburt ist eine Schwellenzeit. Mutter und Kind werden als rituell unrein (
heramin diesem Übergangszustand) verstanden; das Haus wird mit einer Lampe (çira) bewacht, damit keine bösen Geister (cin,pîreçûk) eintreten. Frauen aus der erweiterten Familie wachen 3 Nächte mit. Männer dürfen den Raum nicht betreten, bis ein Pîr oder Şêx das Kind besucht hat. - Êzdîkî-Vokabular:
şev(Nacht),bûyîn(Geburt),zarok(Kind),çira(Lampe/Öllampe),dayîk(Mutter),pîreçûk(Albgeist/Geburtsdämon) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: In Sinjar wird der Raum mit Salz und Brot abgesichert; in Armenien stellt man eine Schale mit Wasser unter das Bett.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 The Yezidis (Kap. 5), Trust=A; Spät 2018, Trust=A
2. Pîreçûk-Schutz: Albgeist-Abwehr für Neugeborene
- Beschreibung:
Pîreçûkist eine alte weibliche Dämonengestalt, die Neugeborene und Wöchnerinnen bedroht. Schutz: rote Bänder am Handgelenk des Kindes, Eisenobjekt (Messer, Schere) unters Kopfkissen, Spruch „Ya Şêxadî, ya Tawûsî Melek, parêz!" (O Şêx Adî, o Tawûsî Melek, beschütze!). - Êzdîkî-Vokabular:
pîreçûk(Albgeist),parêz(Schutz),birîn(Faden/Band rot) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: In Armenien analog “al/almasti”-Glaube; in Sheikhan stärker mit Tawûsî Melek-Anrufung verbunden.
- Quelle: Kreyenbroek 1995 Yezidism: Its Background, Observances and Textual Tradition, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
3. Nav-Lêkirin: Namensgebung am 7. Tag
- Beschreibung: Am 7. Tag nach der Geburt erhält das Kind seinen Namen. Die Zahl 7 ist heilig (7 Heft Sirr, 7 Mysterien, 7 Engel). Ein Pîr oder Familienältester legt drei Namen vor; der gewählte wird laut über das Ohr gerufen. Häufige Namen: Şîrîn, Adûlê, Êzîd, Şêxan, Tawûs, Heciyê, Şîrîn, Bese.
- Êzdîkî-Vokabular:
nav(Name),lêkirin(Gebung/Anlegen),heft(sieben),çêbûn(Werden/Geburt) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: In Sinjar oft Schêx-Adi-bezogene Namen; in Armenien sowjetisch-russisierte Varianten (Aziz, Tamara).
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 5, Trust=A; ezipedia.de „Nav-Lêkirin", Trust=B
4. Mor-Kirin (Sünet): Beschneidung
- Beschreibung: Beschneidung männlicher Säuglinge meist im Alter 7 Tage bis 1 Jahr; in Sinjar oft erst zwischen 3-7 Jahren. Wichtig: Im Unterschied zur muslimischen Tradition ist Mor-Kirin bei Êzîdî kein religiöses Gebot, sondern eine vorislamische gesundheits-/sozial-tradition. Manche Ostanatolien-Êzîdî verzichten heute ganz. Der
Kerîf(siehe Nr. 5) hält das Kind während der Beschneidung, daraus entsteht die lebenslange rituelle Verwandtschaft. - Êzdîkî-Vokabular:
mor(Siegel/Beschneidung),kirin(machen),kerîf(Pate-Halter),sünet(Lehnwort) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: kollektiv im Frühling; Sheikhan: individuell früh; Armenien: oft entfallen oder verlegt; Diaspora-Deutschland: medikalisiert in Klinik, Kerîf-Funktion bleibt.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018 Iraqi Yazidis: Hephaestus’ Children, Trust=A
5. Kerîv / Kerîf: Lebenslange rituelle Pateneltern-Funktion
- Beschreibung: Der Kerîv (auch Kerîf) ist der Mann (oder die Familie), der das Kind während der Mor-Kirin auf den Knien hält. Dadurch entsteht eine blutsähnliche lebenslange Bindung, ethnografisch heißt es ausdrücklich, der Kerîv-Bund gelte „als so stark wie eine Blutsverwandtschaft", weshalb zwischen den beiden Familien über sieben Generationen keine Heirat geschlossen werden darf (Diyarbakır Hafızası). Gerade deshalb wählen Familien den Kerîv oft bewusst aus einer anderen Kaste oder sogar aus einer befreundeten muslimischen Familie, um spätere Heiratsverbote zu begrenzen. Der Kerîv hat Loyalitäts- und Schutzpflichten; bei Konflikten in der Familie wird er angerufen. Ein Mirîd kann einen Kerîv aus Şêx- oder Pîr-Familien wählen → vertikale Verbindung der Kasten. Einordnung in die Geburts- und Beschneidungsriten: siehe Lebenszyklus.
- Êzdîkî-Vokabular:
kerîv(ritueller Pate),bira(Bruder),xizm(Verwandtschaft),peyman(Bund) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: In Sinjar oft endogam innerhalb des eigenen Stamms; in Armenien stärker kasten-übergreifend.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 4, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Allison 2001 The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan, Trust=A; Diyarbakır Hafızası „Tradition from the cradle to the grave", Trust=C
6. Birayê / Xwişka Axretê: Bruder/Schwester des Jenseits
- Beschreibung: Eine spirituelle Geschwisterschaft, die im Jenseits fortbesteht. Nach Kreyenbroek soll jeder Êzîdî ab der Pubertät einen
Birayê Axretê(männlich) bzw. eineXwişka Axretê(weiblich) wählen, in der Regel aus einer Şêx- oder Pîr-Linie –, der/die an den Übergangspunkten Hochzeit und Tod zentrale Riten vollzieht und der Seele hilft, nach dem Tod sicher ins Jenseits zu gelangen (Encyclopaedia Iranica, „Yazidis ii. Initiation"). Ethnografisch ist belegt, dass für einen Knaben oft zwei Jenseits-„Brüder" bestimmt werden, einer aus einer Pîr-, einer aus einer Şêx-Familie; für Mädchen werden entsprechend weibliche Pîr/Şêx gewählt (Diyarbakır Hafızası). Ohne diese Bindung gilt die Seele als orientierungslos. Ausführliche Darstellung der Jenseits-Funktion und der Brückepira selat: siehe Tod, Seele & Wiedergeburt; die rituelle Einbettung in die Lebensriten: Lebenszyklus. - Êzdîkî-Vokabular:
bira(Bruder),xwişk(Schwester),axret(Jenseits, Arabisch-Lehnwort),pira selat(Brücke des Gebets/Jenseits) - Sirr-Status: öffentlich (das Konzept), restricted (genaues Wahlritual)
- Regional-Varianten: In Sinjar streng obligatorisch; in der Diaspora oft verfallen, wird in Jugendverbänden wiederbelebt.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Omarkhali 2017 The Yezidi Religious Textual Tradition, Trust=A; Encyclopaedia Iranica „Yazidis ii. Initiation in Yazidism" (Kreyenbroek), Trust=A; Diyarbakır Hafızası „Tradition from the cradle to the grave", Trust=C
7. Pîr-Besuch nach Geburt: Erstsegnung
- Beschreibung: Innerhalb der ersten 40 Tage besucht der Familien-Pîr (oder Şêx, je nach Linie) das Neugeborene. Er legt die Hand auf die Stirn, spricht ein
du'a(Gebet), gibt drei Tropfen Zemzem-Wasser (siehe Nr. 56). Erst danach gilt das Kind als „in der Gemeinschaft angekommen". - Êzdîkî-Vokabular:
pîr(geistlicher Vater),du'a(Gebet),bereket(Segen),dest danîn(Handauflegen) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sheikhan: oft mehrere Pîrs auf einmal; Armenien: nur ein lokaler Pîr, bei Mangel ein Şêx-Vertreter.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; ezipedia.de, Trust=B
8. Çêl/Çile-Tradition: 40-Tage-Schonung der Mutter
- Beschreibung: 40 Tage nach Geburt ist die Mutter
çile-girtî(in der 40er-Phase). Sie verlässt das Haus nicht, Männer kommen nur in den Vorraum, sie bereitet kein Essen für andere, badet rituell am 40. Tag. Erst dann „kommt sie zurück" in die Gemeinschaft (derxistina ji çile). - Êzdîkî-Vokabular:
çile(40 Tage),çil(vierzig),girtî(gehalten/geschlossen),paqijî(Reinheit) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: In Sinjar streng; in Diaspora oft verkürzt auf 7 oder 14 Tage; Armenien folgt sowjetisierter 7-Tage-Variante.
- Quelle: Spät 2018, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
9. Erste-Haar-Schur (Por-Jêkirin)
- Beschreibung: Beim ersten Geburtstag oder am Sersal nach der Geburt werden dem Kind erstmals die Haare geschoren. Die Schur erfolgt durch den Kerîv oder einen Şêx. Die Locken werden in ein weißes Tuch gewickelt und entweder am Grab eines Heiligen oder am Lalîş-Schrein deponiert.
- Êzdîkî-Vokabular:
por(Haar),jêkirin(abschneiden),kezî(Locke),gurz(Strähne) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sheikhan: am Lalîş-Pilger-Anlass; Armenien: in der Heimatkirche/Heiligenstätte; Diaspora: oft an Şêx-Mand-Festtagen.
- Quelle: Allison 2001, Trust=A; ezidi-heritage.org „Por-Jêkirin", Trust=B
10. Erste-Lesung-Ritual: Destpêkirina Xwendinê
- Beschreibung: Bei Schulreife (etwa 6-7 Jahre) bringt der Vater das Kind zum Pîr oder Hosta (Lehrer). Erste Worte aus heiligen Texten (
Du'aya Sibehê, Morgengebet) werden vorgesprochen. Das Kind bekommt ein süßes Stück Brot („damit das Wissen süß sei"). Erst dann beginnt formal religiöse + säkulare Bildung. - Êzdîkî-Vokabular:
destpêkirin(Beginn),xwendin(Lesen/Lernen),du'a(Gebet),hosta(Lehrer),şîrîn(süß) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: In Armenien oft mit kyrillischer Bibel- statt Hawar-Tradition vermischt; in Deutschland in Êzîdî-Wochenend-Schulen.
- Quelle: Omarkhali 2017, Trust=A; ezipedia.de, Trust=B
11. Zarokê Şewat: Schutzkind
- Beschreibung: Kind, das bei Krankheit dem Schutz eines Heiligen (oft Şêx Adî oder Sultan Êzî) gelobt wird. Eltern versprechen, das Kind am nächsten Sersal nach Lalîş zu bringen und ein Opfer (Schaf) darzubringen. Solche Kinder tragen oft einen Namen wie
Adûlê,Êzdîn. - Êzdîkî-Vokabular:
şewat(Gelübde),zarok(Kind),qurban(Opfer) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar besonders verbreitet wegen Kindersterblichkeit; in Armenien fast verschwunden.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
12. Heca Mezin: Pubertäts-Übergang
- Beschreibung: Beim Beginn der Pubertät (ca. 12-14) beginnt für Mädchen das Tragen des Kopftuchs (nicht Pflicht wie islamisch, aber sozial erwartet), für Jungen die Teilnahme an Männer-Versammlungen (
dîwan). Kein formalisiertes Ritual, aber die erste Sersal-Teilnahme als „Erwachsener" markiert den Übergang. - Êzdîkî-Vokabular:
heca mezin(großer Schritt),mezinbûn(Erwachsenwerden),dîwan(Männerversammlung) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar strenger; Armenien eher symbolisch.
- Quelle: Spät 2018, Trust=A
2. HOCHZEIT (Dawet)
13. Xwastin: Heiratsantrag
- Beschreibung: Die Familie des Bräutigams (
zava) besucht das Haus der Braut (bûk), typischerweise Vater + Onkel + Pîr/Şêx der Familie. Sie bringen Süßigkeiten und Tee. Gespräch ist formalisiert: man spricht erst über Wetter und Familie, dann formell „Em zaroyê xwe ji we dixwazin" (Wir bitten euer Kind für unseres). Die Brautfamilie antwortet nie sofort, Bedenkzeit ist Ehrenpflicht (mind. 3 Tage). - Êzdîkî-Vokabular:
xwastin(begehren/erbitten),zava(Bräutigam),bûk(Braut),xwazgîn(Antragssteller) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sheikhan: oft mit Pîr-Vermittler; Armenien: stärker säkular; Diaspora: oft per Video-Call vorgespielt.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 5, Trust=A; ezipedia.de „Dawet", Trust=B
14. Şerbet: Verlobungs-Getränk
- Beschreibung: Wird die Heirat angenommen, bereitet die Brautfamilie
şerbetzu, rotes Süßgetränk aus Rosenwasser, Zucker, Granatapfelsaft. Beide Familien trinken gemeinsam. Das Trinken besiegelt die Verlobung (xwestin→nîşan) ähnlich einem Vertrag. Ein gebrochenes Şerbet-Versprechen ist Familienschande. - Êzdîkî-Vokabular:
şerbet(süßes Getränk),nîşan(Verlobung/Zeichen),peyman(Bund) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: rote Farbe obligatorisch; Armenien: oft mit Wein ersetzt; Diaspora: Mineralwasser mit Sirup.
- Quelle: Allison 2001, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
15. Nîşan: Verlobungs-Zeremonie
- Beschreibung: Formelle Verlobung. Ringe werden ausgetauscht (
gustîlk), die Braut erhält Goldschmuck von der Bräutigamfamilie (zêr). Ein Pîr spricht ein Verlobungsgebet. Dauer der Verlobungszeit: 3 Monate bis 2 Jahre, je nach Familienverhältnissen. - Êzdîkî-Vokabular:
nîşan(Zeichen/Verlobung),gustîlk(Ring),zêr(Gold) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: in Armenien oft im Kulturhaus statt zu Hause.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
16. Berber / Mehr: Brautpreis
- Beschreibung: Die Bräutigamfamilie zahlt einen
berber(auchqelen,mehr) an die Brautfamilie, historisch in Gold, Vieh, Land. Heute oft Schmuck + Geldsumme. Wichtig: dies ist keine Frau-als-Ware-Transaktion, sondern eine Sicherung für die Frau im Fall einer Scheidung (sie behält den Mehr). Höhe wird im Xwastin-Gespräch verhandelt. - Êzdîkî-Vokabular:
berber(Brautpreis),qelen(analog),mehr(Arabisch-Lehnwort) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: noch in Vieh/Land; Armenien: rein monetär seit Sowjet-Zeit; Diaspora: oft symbolisch (1 €).
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
17. Şeva Hennêyê: Henna-Abend
- Beschreibung: Ein Abend vor der Hochzeit. Frauen versammeln sich im Haus der Braut. Hände und Füße der Braut werden mit
hennê(Henna) bemalt, Muster oft Sonnenrad, Pfau, Granatapfel. Begleitet von Liedern (Tilûk), Tanz (Govend), traurigen Abschiedsklagen (zaro-zaro). Auch der Bräutigam erhält Henna in der Hand (kleiner Punkt). Symbolik: Übergang, Fruchtbarkeit, Schutz. - Êzdîkî-Vokabular:
şev(Nacht),hennê(Henna),nexş(Muster),bûk(Braut),zarozaro(Klagelied) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: 2-3 Nächte hintereinander; Sheikhan: 1 Nacht; Armenien: heute oft als „Mädelsabend" reduziert; Deutschland: in gemieteten Sälen mit DJ.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 5, Trust=A; ezipedia.de „Hennê", Trust=B; Spät 2018, Trust=A
18. Dîlanê / Govenda Bûkê: Brautzug
- Beschreibung: Am Hochzeitstag holt der Bräutigam mit großer Karawane (
dîlan) die Braut ab. Voraus reiten/fahren Musiker mit Trommeln (def) und Schalmei (zurne). Die Karawane macht 3 Stopps unterwegs, bei jedem Stopp wird getanzt, gesungen, Süßigkeiten verteilt. Die Braut wird verschleiert geführt, ihr Gesicht wird erst im Haus des Bräutigams enthüllt. - Êzdîkî-Vokabular:
dîlan(Hochzeitszug),govend(Reigentanz),def(Trommel),zurne(Schalmei),bûk(Braut) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: Pferde/Esel; Sheikhan: Autos seit ~1970; Armenien: Autokorso mit Hupkonzert; Diaspora: Mietlimousine mit Konvoi.
- Quelle: Allison 2001, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
19. Govend: Reigentanz
- Beschreibung: Der Hauptgemeinschaftstanz bei jeder Êzîdî-Feier. Männer und Frauen halten sich an den kleinen Fingern, bilden Halbkreis oder offene Linie, Vortänzer (
serekmit Tuch in der Hand) führt. Schritt: meist 6er-Takt mit Vor-Vor-Zurück. Lieder werden zur Govend gesungen (Tilûk). Bei Hochzeit dauert die Govend oft 4-6 Stunden mit Pausen. - Êzdîkî-Vokabular:
govend(Reigen),serek(Vortänzer),destmal(Tuch),pêl(Schritt) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: Şêxanî und Delîlo; Sheikhan: Cêja Êzî-spezifische Govend; Armenien: stark armenisierte Schritte; Diaspora: oft mit kurdischen Halay-Elementen vermischt.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; ezidi-heritage.org „Govend", Trust=B
20. Tilûk: Hochzeits-Lieder
- Beschreibung: Hochzeitsspezifische Gesänge, oft im Wechsel zwischen Männer- und Frauen-Chor. Themen: Lob der Braut, Klage der Mutter, Trinkspruch auf den Bräutigam, Schicksalslieder. Werden von
dengbêj(Sänger) angeführt. Wichtige Lieder: „Lê lê dayê", „Dîlana bûkê", „Hawar hawar". - Êzdîkî-Vokabular:
tilûk(Hochzeitslied),dengbêj(Sänger),stran(Lied),kilam(Klagelied) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: tiefe Männerstimmen, langsam; Armenien: höhere weibliche Stimmen, schneller.
- Quelle: Allison 2001 The Yezidi Oral Tradition, Trust=A; Christine Allison Diss.
21. Sebze Birîn: Symbol-Brot
- Beschreibung: Spezielles rundes Brot, das bei der Ankunft der Braut über ihren Kopf gebrochen wird. Symbolisiert Fülle, Fruchtbarkeit, Lebenstreue. Die Brotstücke werden an Gäste verteilt, jeder soll davon essen. Backen muss eine Verwandte sein, die selbst in glücklicher Ehe lebt.
- Êzdîkî-Vokabular:
sebze(Süß-Brot, regional),birîn(brechen),nan(Brot) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: mit Sesam; Sheikhan: mit Datteln; Armenien: durch Lawasch-Variante ersetzt.
- Quelle: Spät 2018, Trust=A; ezipedia.de, Trust=B
22. Sîlê Bûkê: Schwelle der Braut
- Beschreibung: Beim Eintritt ins Haus des Bräutigams darf die Braut nicht auf die Türschwelle treten (Tabu, die Schwelle ist „Sitz der Engel"/Heiligtum). Sie wird hinübergehoben oder hinüberspringen. Vor ihren Fuß wird ein Granatapfel gelegt, den sie zertritt, Symbol für Bruch mit der alten Familie.
- Êzdîkî-Vokabular:
sîl(Schwelle),derî(Tür),hinar(Granatapfel),pê(Fuß) - Sirr-Status: öffentlich (das Schwellen-Tabu ist religiös zentral, siehe Nr. 100)
- Regional-Varianten: universell, in jeder Region identisch.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
23. Kerîv bei Hochzeit
- Beschreibung: Der Kerîv des Bräutigams (siehe Nr. 5) hat zentrale Funktionen: er führt den Bräutigam zur Braut, hält das Brot beim Sebze-Birîn-Ritual, ist Trauzeuge. Bei Streit zwischen Eheleuten wird er später als Schlichter angerufen. Manche Familien bestimmen einen neuen Kerîv speziell für die Ehe, andere behalten den Kindheits-Kerîv.
- Êzdîkî-Vokabular:
kerîv(Pate),şahid(Zeuge),nasdar(Verbündeter) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
24. Kasten-Endogamie: Êndogamiya Kastî
- Beschreibung: Striktestes soziales Tabu. Die drei Kasten Şêx, Pîr und Mirîd dürfen niemals untereinander heiraten. Auch innerhalb der Şêx-Familien gibt es Untergliederungen (Şêx Şemsanî, Şêx Adanî, Qatanî) mit eigenen Endogamie-Regeln. Bei Pîr-Familien (40 Linien) gilt dieselbe Strenge. Auch Heirat mit Nicht-Êzîdî ist absolut verboten, kein Konvertit kann Êzîdî werden (Êzîdî-Sein ist erblich).
- Êzdîkî-Vokabular:
kast(Kaste),endogamî(Innenheirat, Lehnwort),Şêx/Pîr/Mirîd,pakî(Reinheit) - Sirr-Status: öffentlich (das Gebot), restricted (Details zur Untergliederung)
- Regional-Varianten: Sinjar: streng; Armenien: durch Sowjet-Zeit oft aufgeweicht (Mischehen mit Aufnahme-Verlust); Diaspora-Deutschland: zunehmend brüchig.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
25. Berdar / Berdêl: Tausch-Ehe
- Beschreibung: Traditionelle Bruder-Schwester-Tausch-Ehe: Sohn von Familie A heiratet Tochter von Familie B, und gleichzeitig Tochter von A heiratet Sohn von B. Spart Berber/Brautpreis, schafft doppelte Allianz. Heute fast nur noch in Sinjar.
- Êzdîkî-Vokabular:
berdêl(Tausch),guhastin(Wechsel) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: noch praktiziert; Sheikhan: selten; sonst verschwunden.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
26. Berdar / Ausschluss bei Verstoß
- Beschreibung: Bei Verstoß gegen die Kasten-Endogamie oder Heirat mit Nicht-Êzîdî droht Berdar (Ausschluss aus der Gemeinschaft). Familie verstößt das Paar, sie verlieren das Recht auf religiöse Zeremonien, Bestattung im Êzîdî-Friedhof, Pîr-Besuche. Kinder aus solchen Verbindungen gelten nicht als Êzîdî und können später nicht aufgenommen werden. In Extremfällen (besonders in Sinjar-Tradition) auch Ehrengewalt, wird heute akademisch und Êzîdî-Räte-seitig stark kritisiert.
- Êzdîkî-Vokabular:
berdar(Ausgestoßener),dûrxistin(Verstoßung),şerm(Schande) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar historisch hart; Armenien milder; Diaspora: zunehmend Reform-Debatten (Yezidi-Council Deutschland, Êzîdî-Rat NRW 2022).
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
27. Bermalî: Levirats-Ehe
- Beschreibung: Stirbt der Ehemann, kann die Witwe traditionell den unverheirateten Bruder des Verstorbenen heiraten (
bermalî). Schutz für die Witwe, Sicherung des Erbes innerhalb der Familie. Heute selten, aber in Sinjar nach 2014-Genozid wieder häufiger geworden (viele junge Witwen). - Êzdîkî-Vokabular:
bermalî(Levirat),jinbira(Witwe) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: noch praktiziert; sonst quasi verschwunden.
- Quelle: Spät 2018, Trust=A
28. Mehrehe: Polygamie
- Beschreibung: Êzîdî-Männer durften historisch bis zu 4 Frauen heiraten (analog islamischer Tradition durch Region). Praxis aber selten, da Berber teuer. Heute fast verschwunden, in Diaspora illegal. Bei Şêx-Familien gab es historische Sonderregeln für höhere Würdenträger.
- Êzdîkî-Vokabular:
çend-jinî(Mehrehe),jin(Frau) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
29. Jin-Berdan: Scheidung
- Beschreibung: Scheidung möglich, aber stigmatisiert. Der Pîr oder ein Rat von 3 Şêx muss zustimmen. Hauptgründe akzeptiert: Unfruchtbarkeit, schwere Krankheit, Untreue. Die Frau behält den Mehr/Berber, kehrt zur Herkunftsfamilie zurück. Kinder bleiben meist beim Vater (paternale Linie).
- Êzdîkî-Vokabular:
jin-berdan(Frau loslassen/Scheidung),îxraç(Trennung, Arabisch) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Diaspora: zunehmend zivilrechtlich + religiöse Bestätigung parallel.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A
30. Bûka Berfê: Schnee-Braut (Junggesellenbrauch)
- Beschreibung: Wenn der erste Schnee fällt, ziehen junge unverheiratete Burschen von Haus zu Haus, tragen eine Puppe aus Stoff (
bûka berfê, Schneebraut), sammeln Süßigkeiten, Eier, Brot. Endet mit Festmahl im Dorf. Tradition vor allem in Sheikhan und Armenien, verwandt mit ähnlichen kurdisch-armenischen Wintertraditionen. - Êzdîkî-Vokabular:
bûk(Braut),berf(Schnee) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sheikhan + Armenien dominant; in Sinjar selten (kein Schnee).
- Quelle: ezipedia.de „Bûka Berfê", Trust=B; Allison 2001, Trust=A
3. TRAUER (Şîn)
31. Bûka Mirîya: Trauer-Klage / Toten-Braut-Ritual
- Beschreibung: Sehr alte Tradition: stirbt ein junger unverheirateter Mensch, wird symbolisch eine „Hochzeit mit dem Tod" inszeniert. Bei einem unverheiratet gestorbenen Mann wird eine Puppe als Braut neben den Leichnam gelegt; bei einer Frau analog. Klagende Frauen rezitieren
kilam(Klagelieder). Symbolisiert Vollendung der Lebensetappen vor dem Übergang. - Êzdîkî-Vokabular:
bûk(Braut),mirî(Toter),kilam(Klage),şîn(Trauer) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: stark erhalten; Sheikhan: selten; Armenien: in Liedern bewahrt, real selten; nach 2014-Genozid in Sinjar bei jungen Êzîdî-Opfern stark wiederbelebt.
- Quelle: Allison 2001 (zentrales Kapitel), Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
32. Şîn: Trauer-Periode 7-40 Tage
- Beschreibung: Direkte Trauer dauert 7 Tage (
heft rojî şîn), erweiterte Trauer 40 Tage (çile), Vollendung bei 50 Tagen (sêrişk) und am Jahrestag (saliyana mirîyan). In den ersten 3 Tagen darf das Haus nicht gefegt werden, kein Spiegel offen sein, keine Musik. Männer schneiden ihren Bart nicht 40 Tage, Frauen tragen Schwarz (Cilê Reş). - Êzdîkî-Vokabular:
şîn(Trauer),çile(40),sêrişk(50),salî(Jahr) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar streng; Diaspora oft auf 3-7 Tage verkürzt.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 5, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
33. Şûştina Mirîyan: Rituelles Waschen des Toten
- Beschreibung: Vor Beerdigung wird der Leichnam rituell gewaschen, Männer von Männern, Frauen von Frauen, durch dazu bestimmte Personen aus der Mirîd-Kaste (oft
kerîf-Funktion). Wasser muss frisches Quellwasser sein, idealerweise Zemzem-Wasser aus Lalîş. Anschließend Einkleiden in weißes Leinen-Tuch (kefen). - Êzdîkî-Vokabular:
şûştin(waschen),mirî(Toter),kefen(Leichentuch),ava paqij(reines Wasser) - Sirr-Status: halböffentlich
- Regional-Varianten: universell. In Diaspora oft durch Bestattungsinstitute, aber unter Aufsicht eines Pîr.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
34. Veşartin: Beerdigung
- Beschreibung: Beerdigung erfolgt schnell, möglichst am selben oder nächsten Tag. Grab Richtung Lalîş orientiert (für Iraker), bzw. Richtung Osten / aufgehende Sonne (für Diaspora). Kein Sarg traditionell, nur in Leichentuch direkt in die Erde. Pîr spricht
Du'aya Veşartinê(Bestattungsgebet). Nur Männer am Grab; Frauen warten im Haus. - Êzdîkî-Vokabular:
veşartin(verstecken/begraben),gor(Grab),kêl(Grabstein),Lalîş(Heiligtum als Richtung) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Diaspora: durch Behörden-Auflagen mit Sarg; Armenien: oft mit kyrillisch beschrifteten Grabsteinen.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
35. Du’a li ser Mirîyan: Trauergebet
- Beschreibung: Beim Grab spricht der Pîr/Şêx ein langes Gebet, das die Seele dem Pîra Selat (Brücke des Jenseits) und dem Birayê Axretê empfiehlt. Inhalt: Anrufung von Şêx Adî, Tawûsî Melek, Sultan Êzî, Bitte um sicheren Übergang.
- Êzdîkî-Vokabular:
du'a(Gebet),mirî(Toter),pira selat(Jenseits-Brücke),ax(Erde) - Sirr-Status: halböffentlich (Volltext nur in Qewl-Sammlungen)
- Quelle: Omarkhali 2017 Yezidi Religious Textual Tradition, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
36. Sêrişk: 50-Tage-Gedenken
- Beschreibung: Am 50. Tag nach dem Tod versammelt sich die Familie zur
sêrişk. Speisen werden zubereitet (Heriise, Süßreis), an Bedürftige und Nachbarn verteilt. Pîr-Besuch mit weiterem Gebet. Schwarze Kleidung darf nun von einigen Familienmitgliedern abgelegt werden. Markiert das Ende der intensiven Trauer. - Êzdîkî-Vokabular:
sêrişk(fünfziger Gedenktag),pênciyan(50),xêr(Almosen/gutes Werk) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
37. Saliyana Mirîyan: Jahrestag
- Beschreibung: Am ersten Jahrestag des Todes große Gedenkversammlung. Alle Verwandten kommen, Speisen werden zubereitet, am Grab gebetet. Erst danach legen die letzten Trauernden (oft die Witwe) das Schwarz ab. In manchen Familien Tradition, jährlich am Todestag das Grab zu besuchen.
- Êzdîkî-Vokabular:
saliyan(Jahrestag),bîranîn(Gedenken) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Allison 2001, Trust=A
38. Cilê Reş: Trauer-Kleidung (Schwarz)
- Beschreibung: Während der Trauerzeit wird Schwarz getragen. Männer mind. 40 Tage, Frauen oft 1 Jahr (Witwen länger oder dauerhaft). Wichtig: bei Êzîdî gilt Blau (Şîn) als noch stärkeres Tabu als Schwarz, Schwarz ist Trauer, Blau ist kosmisches Verbot (siehe Nr. 96).
- Êzdîkî-Vokabular:
cil(Kleidung),reş(schwarz),şîn(blau UND Trauer, semantischer Doppelsinn!) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar streng; Armenien lockerer; Diaspora oft nur Trauerschleife.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
39. Kilam û Lawik: Klage- und Trauerlieder
- Beschreibung: Frauen singen
kilam(Klagen) bei der Aufbahrung. Form: Wechselgesang, oft improvisiert, Inhalte umfassen das Leben des Toten, Verlust, Anrufung der Engel.Lawiksind kürzere Trauerverse. Wichtige Sänger-Frauen (stranbêj) übernehmen Anführer-Rolle. - Êzdîkî-Vokabular:
kilam(Klagelied),lawik(Verslein),stranbêj(Sängerin) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: tief, langgezogen; Armenien: mit armenischen Melodieelementen; Sheikhan: oft mit Qewl-Versen vermischt.
- Quelle: Allison 2001 (zentrales Werk!), Trust=A
40. Sinjar-Trauerlieder nach 2014-Genozid
- Beschreibung: Nach dem Genozid des IS am 3. August 2014 entstanden neue Trauerlied-Korpora (
stranên Şingalê). Themen: Massaker, Massengräber, Verschleppung der Frauen (Sebaya), Yazidi-Mädchen in Sklaverei. Bekannte zeitgenössische Künstler: Bahzanî Khoshabe, Khalil Naasan, Tara Jaff (englischsprachig). Diese Lieder sind heute Teil des kollektiven Gedächtnisses und werden bei jedem 3.-August-Gedenken (Genozid-Tag) gesungen. - Êzdîkî-Vokabular:
Şingal(Sinjar),Şingalê(von Sinjar),qirkirin(Genozid),Sebaya(Sklavin/Verschleppte) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: weltweit in der Êzîdî-Diaspora gesungen, jährlich am 3. August (Tag des Genozids).
- Quelle: UN-Berichte 2016 They Came to Destroy (Trust=A); Spät 2018, Trust=A; ezidi-heritage.org, Trust=B
41. Pira Selat: Jenseits-Brücke
- Beschreibung: Theologisches Konzept: nach dem Tod überquert die Seele die
pira selat(haardünn, schwerterscharf). Wer einen Birayê Axretê hat (siehe Nr. 6) und in Reinheit lebte, geht sicher hinüber. Sünder fallen herunter ins Feuer/in die Dunkelheit. Konzept parallel zu islamischer Sirat-Brücke, aber theologisch eigenständig. - Êzdîkî-Vokabular:
pira selat(Gebets-Brücke),axret(Jenseits),cennet(Paradies, Lehnwort) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
42. Veguhastin Ruh: Seelen-Wanderung (Reinkarnation)
- Beschreibung: Êzîdî glauben an Seelenwanderung (
veguhastin ruh, „Kleider-Wechsel"). Die Seele kann in einen neuen Körper eingehen. Nur Şêx- und Pîr-Seelen bleiben „rein", Mirîd-Seelen können auch in Tieren wiedergeboren werden bei Verfehlung. Konzept zentral in der Theologie, oft mitHeciyê Heciyan-Geschichten illustriert. - Êzdîkî-Vokabular:
veguhastin(Wechsel),ruh(Seele),bedenê nû(neuer Körper),cilê nû(neues Kleid) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995 Kap. 6, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; Asatrian/Arakelova 2014 The Religion of the Peacock Angel, Trust=A
4. PILGERFAHRT NACH LALÎŞ (Berata Lalîşê)
43. Berata Lalîşê: Lalîş-Pilgerfahrt (Übersicht)
- Beschreibung: Lalîş im Sheikhan-Distrikt (Nord-Irak) ist das heiligste Heiligtum der Êzîdî. Jeder Êzîdî soll mindestens einmal im Leben pilgern (Berata). Hauptperiode: 6.-13. Oktober (Cêjna Cemayî/Mereka Şêx Adî). Andere Zeiten sind erlaubt aber weniger verdienstvoll. Vor der Reise: rituelle Reinigung (3 Tage Fasten, weißes Hemd, Schuhe ausziehen am Tor).
- Êzdîkî-Vokabular:
berat(Pilgerfahrt),Lalîş(heiligster Ort),ziyaret(Heiligenbesuch),paqij(rein) - Sirr-Status: öffentlich (Grobverlauf), restricted (innere Rituale)
- Regional-Varianten: nach 2014-Krise viele Êzîdî in Diaspora; alternative Pilgerorte etabliert (Şêxmend-Schrein in Hannover).
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 6 (komplett zu Lalîş), Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
44. Mereka Şêx Adî: Oktober-Hauptfest in Lalîş
- Beschreibung: 7-tägiges Hauptfest 6.-13. Oktober (julianisch berechnet, im Gregorianischen meist 6.-13. Oktober). Höhepunkt: Sancak/Pfauen-Sancak-Prozession am Cêjna Cemayî (Tag des Versammelns). Bababa Şêx, Pîrê Libnan und andere höchste Würdenträger zelebrieren. Tausende Pilger.
- Êzdîkî-Vokabular:
Mereka(Versammlung),Şêx Adî(Gründer),cêjn(Fest) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
45. Kanîya Spî: Weisser Brunnen in Lalîş
- Beschreibung: Heilige Quelle im Lalîş-Komplex. Pilger trinken aus ihr, waschen Gesicht und Hände. Wasser gilt als segenbringend, wird in kleinen Flaschen mit nach Hause genommen. Quellort symbolisiert die kosmische Wasserquelle, aus der die Schöpfung floss (zentrale Schöpfungs-Symbolik).
- Êzdîkî-Vokabular:
kanî(Quelle),spî(weiß),av(Wasser) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
46. Zemzem: Heilig-Wasser
- Beschreibung: Unterirdische Quelle direkt unter dem Hauptschrein in Lalîş. Wasser gilt als allerheiligst. Jeder Pilger erhält 3 Tropfen Zemzem (Mund, Stirn, Brust). Zemzem-Wasser wird gesammelt und zu Geburtsritualen, Hochzeiten, Bestattungen weltweit verteilt. Name parallel zu islamischer Zamzam-Quelle in Mekka, beide haben mutmaßlich gemeinsame semitische Wurzel.
- Êzdîkî-Vokabular:
zemzem(Heilig-Wasser),çavkanî(Quelle),pîroz(heilig) - Sirr-Status: halböffentlich (Existenz öffentlich, genaue Lage restricted für Außenstehende)
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
47. Sancak: Heilige Pfauen-Statue
- Beschreibung: Sieben heilige Bronze-/Messing-Statuen in Form eines Pfaus (
tawûs), die Tawûsî Melek repräsentieren. Jeder Sancak gehört einer Region (Sheikhan, Sinjar, Tiflis/Aparan-Armenien, Aleppo, etc.). Werden in Lalîş aufbewahrt und einmal jährlich in einer Prozession durch Êzîdî-Dörfer getragen (Tawûsgêran, siehe Nr. 48). Sind seit dem 2014-Genozid teilweise verschollen/zerstört, einige in Sicherheit nach Deutschland gebracht. - Êzdîkî-Vokabular:
Sancak(heilige Standarte),tawûs(Pfau),Tawûsî Melek(Engel-Pfau) - Sirr-Status: halböffentlich (Existenz und Form öffentlich, rituelle Details restricted)
- Regional-Varianten: 7 traditionelle Sancaks, regional zugeordnet; nach 2014 nur noch 4-5 erhalten.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 7 (komplettes Kapitel zu Sancak), Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
48. Tawûsgêran: Pfauen-Tragezeremonie
- Beschreibung: Ein Qewal (sakraler Musiker, siehe Nr. 76) reist mit dem Sancak von Dorf zu Dorf in seiner zugewiesenen Region. Bei jedem Dorf wird gefeiert: Sancak wird auf einen Steinaltar gestellt, Mirîds küssen die Pfauenfigur, opfern Geld (
pere), Lebensmittel, Tier. Der Qewal singt Qewls aus seinem Repertoire. Dauer: oft 2-3 Monate jährlich. Tradition seit dem 12. Jh. - Êzdîkî-Vokabular:
Tawûsgêran(Pfauen-Umlauf),qewal(sakraler Sänger),tawûs(Pfau) - Sirr-Status: halböffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar-Sancak nach 2014 unterbrochen; Armenien-Sancak schon seit Sowjet-Zeit nicht mehr regulär; Deutschland-Êzîdî haben improvisierte Sancak-Touren in Hannover.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Allison 2001, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
49. Çîlexanê: 40-Tage-Klausur in Lalîş
- Beschreibung: Asketen (
Faqir) ziehen sich für 40 Tage in Klausurräume in Lalîş zurück (çîle-xane= 40er-Haus). Sie fasten streng, beten, schweigen. Symbol: 40 ist heilige Zahl der Vollendung (analog Moses’ 40 Tage, Jesus’ 40 Tage). Nicht alle Faqirs müssen Çîlexanê machen, aber wer es 7-mal hintereinander schafft, gilt als heiliger Mensch. - Êzdîkî-Vokabular:
çîlexane(40er-Klausur),çile(40),xane(Haus),faqir(Asket) - Sirr-Status: halböffentlich
- Regional-Varianten: nur in Lalîş praktiziert.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
50. 7-Tage-Pilgerritual: Heft Rojên Beratê
- Beschreibung: Idealisierter Ablauf der Pilgerfahrt: Tag 1, Ankunft, Reinigung, Tor küssen. Tag 2, Hauptschrein-Besuch, Zemzem. Tag 3, Kanîya Spî, Steinkreis-Umrundung. Tag 4, Sancak-Aufstellung, Qewls hören. Tag 5, Pîrê Libnan-Schrein. Tag 6, Bestattungsplatz Şêx Adî. Tag 7, Abschluss, weiße Tücher binden an Bäume (
pero). - Êzdîkî-Vokabular:
heft(sieben),roj(Tag),berat(Pilgerfahrt),pero(Wunschtuch) - Sirr-Status: halböffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010 (detaillierter Ablaufplan), Trust=A
51. Pero-Binden: Wunschtücher
- Beschreibung: Pilger binden farbige Stoffstreifen (
pero) an heilige Bäume in Lalîş, meist am Maulbeerbaum vor dem Hauptschrein. Jeder Pero ist ein Wunsch: Heilung, Heirat, Kindersegen, Schutz. Tradition geht auf vorislamische Baumkulte zurück. Pero werden nie entfernt; alte verwittern natürlich. - Êzdîkî-Vokabular:
pero(Stoffstreifen),dirext(Baum),daxwaz(Wunsch),girêdan(binden) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: an allen Êzîdî-Heiligenstätten verbreitet, nicht nur Lalîş.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
52. Pîrê Libnan-Schrein
- Beschreibung: Einer der Nebenheiligtümer in Lalîş, gewidmet
Pîrê Libnan(Pîr des Libanon, Architekten-Heiliger, der Lalîş gebaut haben soll). Sein Schrein wird bei jeder Berat besucht. Symbol: Hammer und Maurerwerkzeuge. - Êzdîkî-Vokabular:
Pîrê Libnan(Pîr des Libanon) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
53. Şêx Şems-Schrein in Lalîş
- Beschreibung: Sonnenheiligtum, gewidmet
Şêx Şems(Schaikh-Sonne, einer der 7 Engel/Erzengel). Pilger beten beim Sonnenaufgang dort. Die Sonne ist zentrale Êzîdî-Verehrungsfigur (siehe Nr. 84). - Êzdîkî-Vokabular:
Şêx Şems(Şêx Sonne),roj(Sonne/Tag) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
54. Steinkreis-Umrundung (Tawaf um den Schwarzen Stein)
- Beschreibung: Im Hauptschrein steht der schwarze Stein
Berê Reş. Pilger umrunden ihn 3- oder 7-mal im Gegenuhrzeigersinn, küssen ihn dabei. Analogie zur Kaaba, beide Traditionen teilen wohl gemeinsame altsemitische Wurzel. - Êzdîkî-Vokabular:
berê reş(schwarzer Stein),dor(Umrundung),maç kirin(küssen) - Sirr-Status: halböffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
55. Şivane Reş: Schwarzer Hirte (Schrein-Wächter)
- Beschreibung: Lebenslange Aufgabe einer ausgewählten Person (immer aus Adani-Linie), die im Lalîş-Komplex wohnt, Schreine pflegt, Öllampen unterhält. Lebt zölibatär, isst nur einfache Speisen.
- Êzdîkî-Vokabular:
şivan(Hirte),reş(schwarz),nigehban(Wächter) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
56. Berf-Mahlzeit in Lalîş: Heiliges Mahl
- Beschreibung: Während Berat erhält jeder Pilger eine rituelle Mahlzeit: weißes Brot, Käse, Wasser. Gegessen wird gemeinsam, im Sitzen am Boden, schweigend oder mit Qewl-Rezitation. Symbol: kosmische Tafel der Engel.
- Êzdîkî-Vokabular:
xwarin(Mahlzeit),nan(Brot),panîr(Käse) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
5. FESTKALENDER
57. Sersal / Çarşemiya Sor: Êzîdî-Neujahr
- Beschreibung: Wichtigstes Fest des Jahres. Êzîdî-Neujahr fällt auf den ersten Mittwoch im April (julianischer Kalender, gregorianisch meist Mitte April). Es markiert den Tag, an dem Tawûsî Melek auf die Erde herabkam und das Universum vollendete. Hauptelemente: Eier-Bemalung (rot wie Granatapfelblut), Friedhofsbesuch (
merra), Frühlingsblumen sammeln, Kinderprozessionen, Feuer-Sprünge. - Êzdîkî-Vokabular:
sersal(Jahresanfang),çarşem(Mittwoch),sor(rot),Tawûsî Melek(Engel-Pfau) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: in Sinjar
Çarşemiya Sor; in ArmenienÇarşema Serê Nîsanê; in Diaspora oft am Samstag/Sonntag um den ersten April-Mittwoch. - Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 8, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; ezipedia.de „Sersal", Trust=B
58. Sersal-Eier: Hêkên Sor
- Beschreibung: Eier werden mit Zwiebelschalen (gibt rote Farbe), Rote-Bete-Saft oder Granatapfel-Blut gefärbt. Mit feinen Mustern verziert (Pfau, Sonne, Stern). Familien tauschen Eier am Sersal-Morgen. Symbol: kosmisches Ur-Ei aus dem die Welt entstand (parallel zu Frühlings-Eier weltweit, aber spezifische Êzîdî-Schöpfungs-Symbolik).
- Êzdîkî-Vokabular:
hêk(Ei),sor(rot),boyax(Färbung),nexş(Muster) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell, leichte Muster-Unterschiede.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; ezidi-heritage.org, Trust=B
59. Merra / Friedhofsbesuch zu Sersal
- Beschreibung: Am Sersal-Morgen besuchen Familien die Gräber der Verstorbenen. Auf jedes Grab werden Eier, Brot, Süßigkeiten gelegt. Speisen werden mit Bedürftigen geteilt. Symbol: Brücke zwischen Lebenden und Toten am Wendepunkt des Jahres.
- Êzdîkî-Vokabular:
merra(Friedhof),goristan(Friedhof, Alternative),bîranîna mirîyan(Totengedenken) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
60. Çile Havîn: 40-Tage-Sommer-Fasten
- Beschreibung: 40-tägige Sommerphase (
çile), in der Pîrs, Şêxs und besonders fromme Mirîds streng fasten, kein Fleisch, kein Knoblauch, keine Zwiebel, kein Wasser tagsüber. Mitte Juni bis Mitte Juli ungefähr. Endet mitCêjna Çila Havînê. - Êzdîkî-Vokabular:
çile(40-Tage-Periode),havîn(Sommer),rojî(Fasten) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: für Mirîds optional; für Pîr/Şêx in Sheikhan obligatorisch; in Diaspora oft nur 3 Tage symbolisch.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
61. Çile Zivistan: 40-Tage-Winter-Fasten
- Beschreibung: Analog zu Çile Havîn, im Winter (Mitte Dezember bis Ende Januar). Endet mit
Cêjna Êzî(siehe Nr. 62). Strenger als das Sommer-Fasten in vielen Familien. - Êzdîkî-Vokabular:
zivistan(Winter),çile-zivistan(40-Tage-Winter) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
62. Cêjna Êzî: Sultan-Êzî-Fest Dezember
- Beschreibung: Eines der drei größten Êzîdî-Feste. Mitte Dezember (genaues Datum nach Mondkalender). 3 Tage Fasten + 1 Tag Festmahl. Zu Ehren von Sultan Êzî (Êzîd ibn Mu’awiya, der historisch umstrittene Kalif, der bei Êzîdî zur zentralen heiligen Gestalt geworden ist, siehe Açıkyıldız 2010 Kap. 3). Schlachten eines Schafs (Qurban), gemeinsame Mahlzeit.
- Êzdîkî-Vokabular:
cêjn(Fest),Êzî(Sultan Êzî),qurban(Opfertier) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: 3 Tage; Sheikhan: 4 Tage; Armenien: 1 Tag.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 8, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
63. Cêjna Cemayî: Lalîş-Versammlungsfest Oktober
- Beschreibung: Höhepunkt der Lalîş-Pilgerfahrt im Oktober (siehe Nr. 44). 7-tägiges Versammlungsfest mit Sancak-Prozession, Mîr-Audienz, Qewl-Rezitationen, gemeinsamen Mahlzeiten. Größtes Êzîdî-Versammlungsereignis weltweit (bis 2014 ca. 50.000 Pilger jährlich).
- Êzdîkî-Vokabular:
cêjn(Fest),cemayî(Versammlung) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 8, Trust=A
64. Cêjna Sêr: Stier-Schlachtfest
- Beschreibung: Spezifisches Ritual während Cêjna Cemayî in Lalîş: ein junger Stier wird in einer Prozession durch Lalîş geführt, schließlich vor dem Hauptschrein geschlachtet. Fleisch wird in Stücken an die Versammelten verteilt. Tradition vorislamisch (Mithras-Stier-Kult?, Açıkyıldız diskutiert Parallelen).
- Êzdîkî-Vokabular:
sêr(Stier),qurban(Opfer),goştê pîroz(heiliges Fleisch) - Sirr-Status: halböffentlich
- Regional-Varianten: nur in Lalîş selbst; an anderen Êzîdî-Festen ersetzt durch Schaf-Opfer.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A (mit Mithras-Diskussion); Kreyenbroek 1995, Trust=A
65. Cejna Belindê: Frühlings-Fest
- Beschreibung: Fest um den 7. Februar, Übergang von Winter zu Frühling. Frauen schmücken Häuser mit ersten Blumen (Schneeglöckchen, Krokusse). Kinder gehen von Haus zu Haus, erhalten Süßigkeiten. Eine besondere Mahlzeit aus 7 Getreiden (
qelendoksiehe Nr. 91) wird zubereitet. - Êzdîkî-Vokabular:
cejn(Fest),belindê(Frühling-Schmuck),bihar(Frühling) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: in Sinjar selten, in Sheikhan und besonders Armenien wichtig.
- Quelle: Spät 2018, Trust=A; ezipedia.de „Belindê", Trust=B
66. Cejna Tawûsgêran: Pfauen-Prozessions-Fest
- Beschreibung: Zeitfenster Frühling-Sommer, wenn die Qewal mit den Sancaks durch die Dörfer ziehen (siehe Nr. 48). In jedem besuchten Dorf wird ein lokales Mini-Fest gefeiert: gemeinsames Mahl, Qewl-Hören, Sancak küssen, Spenden.
- Êzdîkî-Vokabular:
Tawûsgêran(Pfauen-Umlauf),cejn(Fest) - Sirr-Status: halböffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
67. Cêjna Xidir Nebî: Khidr-Fest
- Beschreibung: Mitte Februar (in manchen Regionen mit Belindê verschmolzen). Zu Ehren von
Xidir Nebî(Khidr, der „grüne" Engel/Prophet, in vielen Nahost-Religionen heilig). Familien backenPexûn(gefüllte süße Kekse), opfern an Wasserstellen. Junge Frauen legen Salzkuchen unters Kopfkissen, der zukünftige Ehemann erscheint im Traum. - Êzdîkî-Vokabular:
Xidir Nebî(Khidr-Prophet),pexûn(Süßkekse),xewn(Traum) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sheikhan stärker; Sinjar selten; Armenien hat eigene Variante mit lokalen Heiligen vermischt.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; ezipedia.de, Trust=B
68. Cejna Roja Êzdî / Gedenktag 3. August
- Beschreibung: Seit 2014 internationaler Êzîdî-Gedenktag, Tag des Genozids durch IS in Sinjar. Êzîdî weltweit gedenken der Opfer, halten Mahnwachen, Reden, Trauerlieder. Politisches und religiöses Element gemischt.
- Êzdîkî-Vokabular:
roja êzdîyan(Êzîdî-Tag),qirkirin(Genozid),bîranîn(Gedenken) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: weltweit synchron; in Deutschland zentrale Veranstaltungen in Hannover, Celle, Oldenburg.
- Quelle: Yazda Organisation Berichte, Trust=B; Spät 2018, Trust=A
69. Çarşemiya Reş: Roter Mittwoch (Trauer-Mittwoch)
- Beschreibung: Achtung, semantische Komplexität:
Çarşemiya Sor(roter Mittwoch) ist das Neujahrs-Fest (Nr. 57).Çarşemiya Reş(schwarzer Mittwoch) ist der zweite Mittwoch im April, Trauer-Mittwoch, an dem Sersal-Feiern unterbleiben, falls jemand in der Familie kürzlich gestorben ist. Manche Sinjar-Familien meiden auch andere „schwarze Mittwoche" im Jahr. - Êzdîkî-Vokabular:
çarşem(Mittwoch),reş(schwarz),şîn(Trauer) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
70. Şevbêdarî: Heilige Nachtwachen
- Beschreibung: An mehreren Festen (Sersal-Vorabend, Cêjna Êzî-Vorabend, manche Heiligengedenktage) wird die Nacht durchwacht. Familien sitzen zusammen, Pîr rezitiert Qewls, Tee fließt reichlich. Schweigen zwischen Versen ist Teil der Andacht. Endet mit Morgengebet.
- Êzdîkî-Vokabular:
şev(Nacht),bêdarî(Wachen),şevbêdarî(Nachtwache) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Allison 2001, Trust=A
71. Cêjna Pîra Fat: Heiligengedenktag Pîra Fat
- Beschreibung: Lokales Fest in einigen Regionen zu Ehren der heiligen Frau
Pîra Fatîma(Pîr-Linie weiblich). Wird mit Frauen-Versammlung gefeiert, Spendenmahlzeit, Pîra-Linie-Versammlung. In Armenien stärker erhalten als im Irak. - Êzdîkî-Vokabular:
Pîra(weiblicher Pîr),Fat(Fatma/Fatîma) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Armenien-Aparan stark; sonst eher selten.
- Quelle: Asatrian/Arakelova 2014, Trust=A
72. Tofa Belekê: Frühlings-Erntefest
- Beschreibung: Lokales Fest in einigen Sheikhan-Dörfern, bei dem die erste Weizenernte gefeiert wird. Erstes Korn wird zu einem Brot gemahlen und am Schrein des lokalen Pîr geopfert. Eher Volksbrauch als religiös zentral.
- Êzdîkî-Vokabular:
tofa(Versammlung),belek(Bunt/Frisch) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: ezipedia.de, Trust=B; Spät 2018, Trust=A
6. ALLTAGSBRÄUCHE
73. Mêvanperwerî: Gastfreundschaft als heilige Pflicht
- Beschreibung: Gastfreundschaft ist bei Êzîdî religiöse Pflicht, nicht bloße Höflichkeit. Ein Gast (
mêvan) ist „von Gott gesandt" (mêvanê Xwedê). Auch ein unbekannter Fremder, der ans Tor klopft, muss aufgenommen werden, traditionell mindestens drei Tage, ohne nach dem Grund seiner Reise zu fragen; erst danach gilt es als schicklich, nach Herkunft und Anliegen zu fragen. Diese Drei-Tage-Norm teilt das Êzîdentum mit der weiteren kurdisch-arabisch-beduinischen Region des Nahen Ostens, hat aber im êzîdîschen Ethos einen religiösen Rang: Ablehnung eines Gastes ist Sünde, und auch in extremer Armut wird dem Gast die letzte Mahlzeit gegeben. Die Gastpflicht hängt eng mit dem Brot- und Salz-Verständnis zusammen, wer das Brot eines Hauses gegessen hat, steht unter dessen Schutz (nan û xwê, Brot und Salz; vgl. das Brot-Heiligkeit-Verständnis unter Reinheit & Tabus und Cuisine). In der Diaspora bleibt Mêvanperwerî ein Identitätsmarker, wird aber durch Wohnverhältnisse und Erwerbsarbeit pragmatisch verkürzt (Kreyenbroek 2009). - Êzdîkî-Vokabular:
mêvan(Gast),mêvanperwerî(Gastfreundschaft),mêvandarî(Gast-Haltung),nan û xwê(Brot und Salz / Gastbund),mala min mala te ye(mein Haus ist dein Haus) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell, in Sinjar besonders ausgeprägt; in der Diaspora pragmatisch verkürzt.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Allison 2001, Trust=A; Kreyenbroek 2009 Yezidism in Europe, Trust=A
74. Saxbûnî: Begrüßung
- Beschreibung: Standard-Begrüßung:
Saxbî(sei gesund/lebendig, Antwort:Tu jî sax bî(sei du auch gesund)). Bei Älteren Handkuss + Stirn an die Hand legen. Bei Şêx/Pîr Knien und Hand küssen, dann auf die Stirn legen. Niemals den Êzîdî-GrußSalamallein verwenden (zu islamisch konnotiert), bevorzugtSaxbîoderAleykum êrî. - Êzdîkî-Vokabular:
sax(gesund),bûn(sein),saxbûnî(Begrüßung) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar:
Saxbî; Armenien:Saxbîn(Plural automatisch); Diaspora: oft auchRoj baş(Guten Tag). - Quelle: Allison 2001, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
75. Hurmet: Respekt vor Ältesten
- Beschreibung: Tiefer Respekt vor Älteren (
mezin). Beim Eintritt eines Älteren steht man auf, schweigt bis angesprochen, lässt sie zuerst sprechen/essen/trinken. Direkter Augenkontakt mit einem viel Älteren ist unhöflich. Diese Tradition gilt strikt bei Pîr/Şêx (immer aufstehen!), aber auch im Alltag in der eigenen Familie. Eine besonders strenge Spielart der sozialen Etikette ist das weit verbreitete Tabu, einen Geistlichen zu beleidigen oder zu kränken (Encyclopaedia Iranica, „Yazidis i. General"): Wer einen lebenden Şêx oder Pîr ehrt, ehrt nach verbreitetem Verständnis zugleich den heiligen Ahnen, dessen Linie er fortführt. Diese Achtung strukturiert Sitzordnung, Begrüßungsreihenfolge und Rederecht in jeder Versammlung. Die institutionelle Einbettung in die Kastenordnung: siehe Gesellschaftsordnung. - Êzdîkî-Vokabular:
hurmet(Respekt),mezin(Älterer/Größerer),xwedêgir(gottesfürchtig) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Encyclopaedia Iranica „Yazidis i. General" (Kreyenbroek), Trust=A
76. Berfa Êvarê / Salam li Rojê: Abendliches Sonnen-Salam
- Beschreibung: Beim Sonnenuntergang wendet sich der Êzîdî nach Westen, neigt das Gesicht zur untergehenden Sonne und spricht ein kurzes Gebet (
Salam Şêx Şems). Frühmorgendliches Gegenstück: nach Osten wenden,Du'aya Sibehê(Morgengebet). Die Sonne (Şêx Şems) ist nicht „Gott", aber höchstes göttliches Symbol/Manifestation. - Êzdîkî-Vokabular:
roj(Sonne/Tag),salam(Gruß),Şêx Şems(Sonnen-Engel),sibeh(Morgen),êvar(Abend) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
77. Avê û Nan: Wasser+Brot heilige Mahlzeit
- Beschreibung: Die einfachste Mahlzeit (Wasser + Brot) ist ritueller Kern jeder Êzîdî-Tafel. Vor dem Essen Wasser auf Hände, dann Brot brechen (nie schneiden, Schneiden gilt als Gewalt am Brot!). Brot fällt nie zu Boden, wer Brot zu Boden fallen lässt, hebt es auf, küsst es, legt es zur Seite. Brotreste werden nie weggeworfen, sondern Tieren gegeben.
- Êzdîkî-Vokabular:
av(Wasser),nan(Brot),birîn(brechen, NICHT schneiden!),pîroz(heilig) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
78. Çay û Şîrîn: Tee-Tradition vom Samawar
- Beschreibung: Tee wird traditionell aus einem
samawar(Samowar, vom russischen importiert in 19. Jh.) ausgeschenkt. Schwarzer Tee in kleinen Tulpengläsern, ohne Milch, mit reichlich Zucker oder einem Würfel zwischen den Zähnen. Tee wird ständig nachgegossen, eine leere Tasse ist Beleidigung des Gastes. Bei jeder Begegnung mindestens 3 Tassen Tee. - Êzdîkî-Vokabular:
çay(Tee),samawar(Samowar),şîrîn(süß),îstîkan(Teeglas) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Armenien: oft mit Kräuter-Tees gemischt; Sinjar: stärker konzentriert; Diaspora: Elektrokessel statt Samowar.
- Quelle: Allison 2001, Trust=A; ezipedia.de, Trust=B
79. Bilêvî: Aussprache-Reinheit im Êzdîkî
- Beschreibung: In sakralem Kontext (Qewls, Du’as) muss die Aussprache exakt traditionell sein, moderne kurdische Lautverschiebungen sind tabu. Bestimmte heilige Wörter dürfen nur von Qewals oder Pîrs ausgesprochen werden, andere haben Sprech-Tabu für bestimmte Tageszeiten. Konservative Êzîdî bevorzugen Êzdîkî über modernes Kurmancî.
- Êzdîkî-Vokabular:
bilêvî(Aussprache),paqijiya zimanî(Sprach-Reinheit),kelîma(Wort) - Sirr-Status: öffentlich (das Prinzip), restricted (welche Wörter genau Tabu sind)
- Quelle: Omarkhali 2017, Trust=A; Allison 2001, Trust=A
80. Reinigungs-Rituale vor Gebet: Abdest
- Beschreibung: Vor dem Morgengebet, vor jedem Lalîş-Besuch, vor Pîr-Audienz: rituelle Waschung von Händen (3-mal), Mund (3-mal Wasser), Gesicht, Füßen. Wasser muss frisches Quellwasser sein, nie aus stehendem Gefäß. Wichtig: nicht in einer Schale waschen, Wasser muss fließen (sonst „tot"). Daher Êzîdî traditionell nicht in Wannen baden, nur Dusche/Gießen.
- Êzdîkî-Vokabular:
paqijî(Reinigung),abdest(rituelle Waschung, Persisch),av-rijandin(Wasser-Gießen) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
81. Berikatandin: Kreuzeszeichen-ähnliche Geste
- Beschreibung: Bei Anrufung von Tawûsî Melek, vor wichtigen Schritten (Reise, Krankheit, Geburt) wird mit der rechten Hand über Stirn → Brust → Mund eine Bewegung gemacht und gleichzeitig „Ya Tawûsî Melek" gesprochen. Analog zum christlichen Kreuzzeichen, aber theologisch eigene Êzîdî-Geste, kein christlicher Einfluss.
- Êzdîkî-Vokabular:
bereket(Segen),dest danîn(Hand anlegen) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
82. Pîr-Mirîd-Verhältnis im Alltag
- Beschreibung: Jede Mirîd-Familie ist einem bestimmten Pîr und Şêx zugeordnet, die Zuordnung ist erblich und kann nicht gewechselt werden. Bemerkenswert: Selbst Angehörige der Şêx- und Pîr-Kasten müssen ihrerseits einen Şêx und einen Pîr haben, niemand steht außerhalb dieses Netzes geistlicher Begleitung. Der Şêx soll an den wichtigen Ereignissen seiner Schützlinge teilnehmen, Geburt, Hochzeit, Begräbnis –, predigt, formuliert Gebete und kann Tabus auferlegen; dafür entrichten die Mirîds einen festen jährlichen Beitrag. Der Pîr hat ganz ähnliche Aufgaben, kann den Şêx vertreten und erhält traditionell etwa die Hälfte von dessen Gabe (Encyclopaedia Iranica; vgl. die referierte Forschung in der Übersicht „Yazidi social organization"). Bei Krankheit/Krise wird oft zuerst der Pîr gerufen. Ausführliche Darstellung der drei Stände und der Ämter: siehe Gesellschaftsordnung und Religion.
- Êzdîkî-Vokabular:
pîr(geistlicher Vater),mirîd(Laie),xêr(Spende/gutes Werk),niyaz(Hingabe/Gabe) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010 (zentrales Kapitel zur sozialen Struktur), Trust=A; Encyclopaedia Iranica „Yazidis i. General" (Kreyenbroek), Trust=A
83. Dîwan: Männerversammlung
- Beschreibung: Tägliche/wöchentliche Versammlung der Männer eines Dorfes oder einer Großfamilie im
dîwan(Gemeinschaftsraum). Diskussion von Familienfragen, Konflikt-Schlichtung, religiöse Belehrung durch Pîr, Tee + Tabak. Frauen haben separatesdîwana jinan(Frauen-Diwan). Jungen werden ab Pubertät eingeführt. - Êzdîkî-Vokabular:
dîwan(Versammlung),mêr(Mann),civat(Gemeinschaft) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: separate Häuser; Sheikhan: Gemeinde-Diwan; Diaspora: in Vereinen.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
84. Sonnenkult-Alltag: Verehrung der Sonne
- Beschreibung: Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sind Schlüsselmomente des Tages. Bei Sonnenaufgang erste Gedanken/Worte sollen Lob sein (
pesn). Beim Untergang Abschiedsgruß. Während des Tages dreht sich der Êzîdî gelegentlich zur Sonne, neigt den Kopf, kurzer „Sonnen-Salam". Nicht der Sonne den Rücken zukehren beim Stehen ist Idealnorm (in Sheikhan stärker als anderswo). - Êzdîkî-Vokabular:
roj(Sonne),Şêx Şems(Sonne-Engel),pesn(Lobpreis),salam dan(grüßen) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; Asatrian/Arakelova 2014, Trust=A
85. Berdêla Maaş: Nachbarschafts-Hilfe
- Beschreibung: Bei Großbauten (Haus, Stall), Ernten oder Hochzeiten leistet das ganze Dorf unentgeltlich Hilfe. Es wird im Wechselsystem geleistet, wer hilft, kann später Hilfe einfordern. Frauen helfen Frauen bei Geburten, Hochzeitsvorbereitung, Trauerritualen; Männer bei Bau, Landwirtschaft, Schlachtungen.
- Êzdîkî-Vokabular:
berdêl(Tausch),alîkarî(Hilfe),cîran(Nachbar) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018, Trust=A
86. Êzdîxan: Êzîdî-Land-Konzept
- Beschreibung: Idealer Êzîdî-Lebensraum (
Êzdîxan, „Êzîdî-Land"). Historisch das Lalîş-Sheikhan-Sinjar-Gebiet im Irak. Modernes Konzept (besonders post-2014) erweitert: alle Êzîdî-Siedlungen weltweit. Begriff politisch genutzt (Forderung nach Êzîdî-Autonomieregion in Sinjar; Domainezdixan.degreift Begriff auf). - Êzdîkî-Vokabular:
Êzdîxan(Êzîdî-Land),welat(Heimat),niştîman(Vaterland) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018, Trust=A; Yazda-Organisation Berichte, Trust=B
87. Selva û Du’a: Spruch-Routine bei Tagesablauf
- Beschreibung: Jede Alltagshandlung wird traditionell von einem kurzen Spruch begleitet: Beim Aufstehen
Şikir ji Xwedê(Dank an Gott); beim EssenBismê Tawûsî Melek(Im Namen des Pfauen-Engels); vor ReiseRê xêr be(möge der Weg gut sein); bei Begegnung mit TierHawar tê Şêx Adî(Schutz Schaikh Adis); bei NiesenSaxbî(sei gesund). - Êzdîkî-Vokabular:
selva(Spruch),du'a(Gebet),bismê(im Namen von),şikir(Dank) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
87a. Rabûna li ber Mezinan: Aufstehen, Sitzordnung, Rederecht (soziale Mikro-Etikette)
- Beschreibung: Die êzîdîsche Alltags-Etikette folgt feinen, ungeschriebenen Regeln, die Rang und Achtung sichtbar machen. Betritt ein Älterer oder ein Geistlicher den Raum, stehen alle Jüngeren auf (
rabûn) und bleiben stehen, bis ihnen ein Platz gewiesen wird. Die Sitzordnung ist hierarchisch: der ranghöchste Gast oder Geistliche sitzt am „Kopf" (oft gegenüber der Tür, von der Schwelle abgewandt, die Schwelle gilt als Sitz der Engel, siehe Nr. 125); der Tee wird ihm zuerst gereicht. Das Rederecht wandert von oben nach unten, Jüngere sprechen unaufgefordert nicht in Anwesenheit der Ältesten. Beim Verabschieden eines Geistlichen geht man rückwärts oder wendet ihm zumindest nicht abrupt den Rücken zu (vgl. Nr. 135). Diese Mikro-Etikette ist die alltägliche Ausdrucksform der unter Nr. 75 beschriebenenhurmetund des Tabus, einen Geistlichen zu kränken (Encyclopaedia Iranica). - Êzdîkî-Vokabular:
rabûn(Aufstehen),serê civatê(Kopf der Versammlung),hurmet(Achtung),rê dan(das Wort / den Vortritt geben) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell; in Sinjar und Sheikhan strenger formalisiert, in der Diaspora gelockert, gegenüber Pîr/Şêx aber meist bewahrt.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Encyclopaedia Iranica „Yazidis i. General" (Kreyenbroek), Trust=A; Kreyenbroek 2009, Trust=A
87b. Festkreis und Lebensriten: Übersicht und Abgrenzung
- Beschreibung: Die Bräuche dieses Artikels sind in zwei große Rhythmen eingebettet, die jeweils eigene Hauptartikel haben und hier bewusst nicht dupliziert werden:
- Jahreskreis (Feste): Êzîdî-Neujahr Sersal / Çarşema Sor (erster Mittwoch im April, julianisch), ausdrücklich nicht identisch mit dem kurdischen Newroz (21. März, kein êzîdîsches Fest); das Winterfest Cejna Êzî; die 40-tägigen Fastenperioden (
çile); das Herbst-Pilgerfest Cejna Cemaiyê in Lalîş. → vollständige Liste und Datierung: Festkalender; das Pilgerfest im Detail: Cejna Cemaiyê; die Kalendermechanik: Kalender & Zeitrechnung. - Lebenskreis (Übergangsriten): Geburt, Namensgebung, Mor-Kirin, Heirat (Dawet) und Tod bilden eine zusammenhängende Ritenkette. → systematisch von Geburt bis Heirat: Lebenszyklus; Tod, Trauer und Seelenreise: Tod, Seele & Wiedergeburt. Dieser Eintrag dient als Wegweiser; die in den Abschnitten 1–5 dieses Artikels dargestellten Einzelbräuche ergänzen die genannten Hauptartikel um die konkrete rituelle Ausführung.
- Êzdîkî-Vokabular:
cejn(Fest),sersal(Neujahr),çarşema sor(Roter Mittwoch / Sersal),çerxa jiyanê(Lebenskreis) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 8, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Spät „The Festival of Sheikh Adi in Lalish", Trust=A
7. KLEIDUNG + TRACHT
88. Kiras: Traditionelles Êzîdî-Frauenkleid
- Beschreibung: Langes farbiges Kleid mit langen Ärmeln. Hauptfarben: rot, grün, gelb, weiß, niemals blau! (Tabu, siehe Nr. 96). Verziert mit Stickereien (Sonne, Pfau, Granatapfel, Pflanzenmotive). Wird über Hosen (
derpê) getragen. Bei festlichen Anlässen mit Goldschmuck (zêr), Kopftuch (hîvanî), Gürtel. - Êzdîkî-Vokabular:
kiras(langes Kleid),derpê(Hose darunter),hîvanî(Frauenkopftuch),nexş(Stickerei) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: dunklere Rottöne, kürzer; Sheikhan: hellere Farben, länger; Armenien: russisch-armenisch beeinflusst, kürzer und schmaler; Diaspora: oft nur an Festtagen.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 9 (zur Kleidung), Trust=A; ezidi-heritage.org „Kiras", Trust=B
89. Mêran Lebs: Männer-Tracht
- Beschreibung: Klassisch: weite Pluderhose (
şal), darüber langes Hemd (kiras-mêr), darüber Weste oder Mantel (çoxa), Gürtel (şût), Kopftuch (kefiye) oder Filzhut (kûm). Farben: schwarz, weiß, braun, beige. Pîr und Şêx tragen besonderes Weiß (cilê spî). Heute meist nur an Festtagen, alltags westlich gekleidet. - Êzdîkî-Vokabular:
şal(Pluderhose),kiras(Hemd),çoxa(Mantel),şût(Gürtel) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: weite Hose dominant; Sheikhan: enger; Armenien: mit Kappenmantel/Çepken-Stil; Diaspora: nur Festkleidung.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
90. Kefîye: Männer-Kopftuch
- Beschreibung: Kariertes oder rot/weißes Tuch, das Männer um den Kopf binden. Bei Pîr/Şêx ein bestimmter Bind-Stil (Knoten an der Seite). Bei jungen Männern lockerer. Tabu: niemals abnehmen während eines Gebets, niemals zu Boden werfen.
- Êzdîkî-Vokabular:
kefîye(Kopftuch),şal-serî(Kopfschal) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar/Sheikhan: rot/weiß; Armenien: oft schwarz.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
91. Cilê Spî: Weiße Kleidung für Pîr / Şêx
- Beschreibung: Vollständig weiß: Hemd, Hose, Tunika, Kopfbedeckung. Symbolisiert Reinheit, Lichtnähe zu Tawûsî Melek. Wird täglich getragen (nicht nur an Festtagen) von voll-amtierenden Pîrs und Şêx. Beim Tod werden Pîr/Şêx in derselben weißen Kleidung beerdigt.
- Êzdîkî-Vokabular:
cil(Kleidung),spî(weiß),paqijî(Reinheit) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
92. Cilê Reş: Schwarze Trauerkleidung
- Beschreibung: Schwarze Kleidung wird während der Trauerperiode getragen (siehe Nr. 38). Bei Êzîdî-Frauen oft als komplettes schwarzes Outfit für 1 Jahr, bei Männern als Tuch/Armband. Bei Witwen oft permanent.
- Êzdîkî-Vokabular:
cil(Kleidung),reş(schwarz),şîn(Trauer) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
93. Çoxa: Männer-Mantel
- Beschreibung: Langer Wollmantel/Tunika, meist braun, schwarz oder beige. Im Winter getragen, von Şêx auch im Sommer als Würdezeichen. Traditionell handgewebt (
çoxa-tewîl= lang gewebt). - Êzdîkî-Vokabular:
çoxa(Wollmantel),hirî(Wolle),tewîl(lang) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
94. Kezî / Bişkok: Frauen-Schmuck
- Beschreibung: Frauen tragen Goldschmuck als bewegliche Mitgift/Sicherheit. Wichtigste Stücke:
kezî(Ohrring),bişkok(Knöpfe/Verzierungen am Kleid),pesar(Stirnkette),gerdene(Halskette),bazin(Armreif). Hochzeitsgeschenke. Werden bei Notzeiten verkauft (besonders nach 2014). - Êzdîkî-Vokabular:
zêr(Gold),kezî(Ohrring),gerdene(Halskette),bazin(Armreif),pesar(Stirnschmuck) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
95. Hîvanî / Çarşev: Frauen-Kopftuch
- Beschreibung: Frauen-Kopftuch, meist weiß oder farbig, niemals blau. Bei verheirateten Frauen obligatorisch in der Öffentlichkeit; junge unverheiratete tragen es lockerer oder garnicht. Hat keine religiöse Pflicht-Funktion wie der islamische Hijab, sondern ist Tradition/Sozialnorm.
- Êzdîkî-Vokabular:
hîvanî(Kopftuch),çarşev(Tuch, alternativ),serbend(Stirnband) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: dunkler, größer; Sheikhan: heller; Armenien: kleiner; Diaspora: in liberalen Familien optional.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
8. BERUFE + KASTEN
96. Şêx-Familien: Geistliche Erb-Funktion
- Beschreibung: Höchste der drei Kasten. Ableitung von Şêx Adî und seinen Verwandten. Untergliederungen: Şêx Şemsanî (von Şêx Şems), Şêx Adanî (direkte Adi-Nachkommen), Şêx Qatanî (von Şêx Hesen/Qatanî, wichtig für dieses Projekt!). Ein Şêx kann Sakramente spenden, Gebete leiten, Sancak-Funktionen ausüben.
- Êzdîkî-Vokabular:
Şêx(Scheich/höchste Kaste),binemal(Linie),Şemsanî/Adanî/Qatanî(Untergruppen) - Sirr-Status: öffentlich (Grobstruktur), restricted (genaue Linien)
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 4 (zur sozialen Struktur), Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
97. Pîr-Familien: 40 Linien
- Beschreibung: Mittlere Kaste, 40 traditionelle Pîr-Linien (manche Quellen sprechen von 50). Spirituelle Lehrer, Vermittler zwischen Mirîd und Şêx. Jede Mirîd-Familie hat einen Pîr aus einer bestimmten Linie zugeordnet. Bekannte Pîr-Linien: Pîr Sînî Bahrî, Pîr Hesenê Memê, Pîrê Libnan, Pîra Fat.
- Êzdîkî-Vokabular:
Pîr(geistlicher Vater),binemala Pîran(Pîr-Linie),çil malê Pîran(40 Pîr-Häuser) - Sirr-Status: öffentlich (Anzahl 40), restricted (alle Linien-Details)
- Quelle: Kreyenbroek 1995 (mit Linien-Listen), Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
98. Mirîd: Laien
- Beschreibung: Größte Kaste (~90% aller Êzîdî). Werden religiös von Pîr und Şêx geführt. Können selbst keine Sakramente vollziehen, aber sind voll-religiöse Mitglieder. Endogamie innerhalb der Mirîd-Kaste, kein Mirîd kann Şêx oder Pîr heiraten.
- Êzdîkî-Vokabular:
Mirîd(Anhänger/Laie),gel(Volk),cemaat(Gemeinschaft) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
99. Qewal: Sakrale Musiker, nur 2 Familien
- Beschreibung: Speziell ausgewählte Musiker, deren Aufgabe ist die Rezitation der Qewls (heilige Gesänge) und das Tragen der Sancaks (Tawûsgêran). Nur 2 Familien haben das Privileg: die Qewals von Bahzanê und die Qewals von Beşîqê (beide Dörfer in Sheikhan-Region). Vater-Sohn-Vererbung über Jahrhunderte. Instrumente:
def(Rahmentrommel),şibab(Flöte). Nach 2014 stark dezimiert. - Êzdîkî-Vokabular:
Qewal(sakraler Sänger),qewl(Sakralgesang),def(Trommel),şibab(Flöte) - Sirr-Status: öffentlich (Existenz), halböffentlich (genauer Aufbau)
- Regional-Varianten: nur Bahzanê + Beşîqê in Sheikhan; sonst überall nur Besucher.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 (zentrales Kapitel zu Qewal), Trust=A; Allison 2001, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
100. Faqir / Feqir: Asketen
- Beschreibung: Asketische Männer, die sich religiösem Leben gewidmet haben, Çîlexanê machen (siehe Nr. 49), schwarze Wolltunika tragen, oft barfuß. Werden besonders verehrt. Tradition geht auf Şêx Adîs ursprüngliche Sufi-Schule zurück. Heute sehr wenige (in Sheikhan vielleicht noch 10-20).
- Êzdîkî-Vokabular:
faqir(Asket),feqir(Variante),pêxas(barfuß) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
101. Kocek / Koçek: Sehende / Schamanische Figur
- Beschreibung: Religiöse Spezialisten mit visionärem/medialem Charakter, empfangen Botschaften der Engel, deuten Träume, heilen durch Hand-Auflegen. Werden in Krisen konsultiert. Nicht erblich, sondern „berufen" durch Visionen. Heute selten, aber in Sheikhan und Armenien noch existent.
- Êzdîkî-Vokabular:
Kocek(Sehender),xewn-şirovekar(Traumdeuter) - Sirr-Status: halböffentlich
- Regional-Varianten: Armenien-Aparan + Sheikhan; Sinjar weniger.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Asatrian/Arakelova 2014, Trust=A
102. Hosta: Lehrer-Funktion
- Beschreibung: „Meister/Lehrer", kein religiöser Rang im engen Sinn, aber gesellschaftlich anerkannt. Lehrt Kinder Êzdîkî-Sprache, Qewls auswendig, Hawar-Schrift, Grundwissen über Tradition. Heute in Diaspora oft Bildungs-Aktivist-Funktion (Êzîdî-Wochenend-Schulen).
- Êzdîkî-Vokabular:
hosta(Meister/Lehrer),mamoste(Lehrer, modern),xwendin(Lernen) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Allison 2001, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
103. Mirebbi: Erzieher-Funktion
- Beschreibung: Ältere Frau oder Mann, die in der erweiterten Familie als „Tradition-Erzieher" gilt, kennt alle Rituale, Lieder, Geschichten, korrigiert junge Familienmitglieder. Wichtig in der Diaspora für Sprach- und Kulturtransfer.
- Êzdîkî-Vokabular:
mirebbi(Erzieher, Arabisch-Lehnwort),dayikê pîr(alte Mutter),bavê pîr(alter Vater) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018, Trust=A
104. Mîrê Êzdiyan: Êzîdî-Fürst
- Beschreibung: Weltliches Oberhaupt der Êzîdî-Gemeinschaft. Sitzt traditionell in Ba’edrê (Sheikhan). Erbfolge in einer einzigen Familie. Funktion: politisch-religiös, Vertretung nach außen, Konfliktlösung intern. Aktueller Mîr: Hazim Tahsin Beg (seit 2019, nach dem Tod von Mîr Tahsin Saîd Beg). Funktion politisch geschwächt, aber symbolisch zentral.
- Êzdîkî-Vokabular:
Mîr(Fürst),serokê dînî(religiöser Leiter),bavê êzdiyan(Vater der Êzîdî) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; ezidi-heritage.org „Mîr", Trust=B
105. Baba Şêx: Höchster geistlicher Würdenträger
- Beschreibung: Höchster spiritueller Rang, in Lalîş residierend. Leitet die religiösen Zeremonien, besonders Mereka Şêx Adî. Erbfolge in der Şêx-Fexr-Familie. Aktueller Baba Şêx: Sheikh Ali Elias (nach 2020).
- Êzdîkî-Vokabular:
Baba Şêx(Vater-Şêx),serê dînî(religiöser Kopf) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
106. Pîşesazî / Berufs-Endogamie
- Beschreibung: Bestimmte Berufe waren traditionell mit bestimmten Familien verbunden, Schmied (
hostakar), Sänger (Qewal), Heiler (Kocek). Diese Berufe waren oft endogam, Schmiede heirateten Schmiede-Töchter. Heute weitgehend aufgelöst, außer bei Qewal (siehe Nr. 99). - Êzdîkî-Vokabular:
pîşe(Beruf),pîşesazî(Beruflichkeit),hostakar(Handwerker) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018 (zentrales Buch zu Êzîdî-Handwerk und Berufen), Trust=A
9. SPEISEN + FESTTAGS-KÜCHE
107. Sawûka Sersalê: Frühlings-Suppe
- Beschreibung: Spezielle Suppe zum Sersal-Fest. Zutaten: Bulgur, Linsen, frische Frühlingskräuter (Sauerampfer, Brennnessel, Spinat), Joghurt, Knoblauch. Symbolisiert die ersten Frühlingsgaben. Wird in großen Töpfen gekocht und an alle verteilt, auch an Nachbarn.
- Êzdîkî-Vokabular:
sawûk(Suppe),sersal(Neujahr),bilxur(Bulgur),nîsk(Linsen) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: mit getrocknetem Lammfleisch; Sheikhan: vegetarisch; Armenien: oft mit Wildkräutern wie
sîs(wilde Zwiebel-Verwandte). - Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; ezipedia.de „Sawûk", Trust=B
108. Sîmel: Heiliges Brot
- Beschreibung: Rundes weißes Brot, das in Lalîş gebacken und mit Zemzem-Wasser geweiht wird. Pilger erhalten ein Stück (
paroka sîmelê), bringen es nach Hause, geben jedem Familienmitglied einen Bissen. Hält symbolisch ein Jahr, ein neues Stück bei jeder Pilgerfahrt. Symbol: kosmisches Brot, Manifestation der Schöpfung. - Êzdîkî-Vokabular:
sîmel(heiliges Brot),paroka(Stück),pîroz(heilig) - Sirr-Status: halböffentlich
- Regional-Varianten: nur in Lalîş gebacken, Verteilung weltweit.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
109. Heriise / Harîse: Hochzeits- und Festbrei
- Beschreibung: Dicker Brei aus geschrotetem Weizen, Lammfleisch, langsam gekocht 6-8 Stunden bis zur Brei-Konsistenz. Mit Salz, Pfeffer, Zimt gewürzt. Wird bei Hochzeiten, Cêjna Êzî, Sersal in großen Mengen zubereitet. Symbol: Geduld, Vereinigung (alles wird eins). Tradition geteilt mit anderen Nahost-Kulturen (Armenische
harissa, syrischeharissé). - Êzdîkî-Vokabular:
heriise(Brei),genim(Weizen),goştê berx(Lammfleisch) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell, leichte Würzungs-Unterschiede.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; ezidi-heritage.org „Heriise", Trust=B
110. Kutilk / Kibbeh: Gefüllte Klöße
- Beschreibung: Klöße aus Bulgur-Teig, gefüllt mit Hackfleisch (Lamm), Zwiebeln, Pinienkernen, Gewürzen. Verschiedene Formen: rund, oval, abgeflacht. Frittiert oder in Suppe gekocht. Festspeise, bei Hochzeiten, Sersal, Gästebewirtung. Geteilt mit syrisch-libanesischer Tradition (Kibbeh).
- Êzdîkî-Vokabular:
kutilk(Klöße),bilxur(Bulgur),goşt(Fleisch) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: groß, oval; Sheikhan: klein, rund; Armenien: ähnlich armenischer
kufta. - Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
111. Qelendok: 7-Korn-Mischung
- Beschreibung: Mischung aus 7 verschiedenen Getreiden + Hülsenfrüchten (Weizen, Gerste, Mais, Linsen, Kichererbsen, Bohnen, Reis), gekocht zu einem süßen Brei mit Zucker, Trockenfrüchten, Granatapfelkernen. Wird besonders zu Cejna Belindê und Xidir Nebî gemacht. Symbol: 7 Engel, kosmische Vollständigkeit, Wunsch um Fülle im neuen Jahr.
- Êzdîkî-Vokabular:
qelendok(7-Korn-Brei),heft(sieben),dexl(Korn) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: salzig; Sheikhan: süß; Armenien: stark zuckerhaltig wie armenisches
anush abur. - Quelle: ezipedia.de „Qelendok", Trust=B; Spät 2018, Trust=A
112. Şerxos: Festspeisen-Sammelbegriff
- Beschreibung: Sammelbegriff für üppige Festspeisen, Reis-Gerichte (
pilaw), Fleischspieße (kebab), gefülltes Gemüse (dolme), süße Backwaren. Wird zu Cêjna Cemayî, Hochzeiten, Pilgerfahrt-Heimkehr aufgetischt. Im Gegensatz zu einfacher Alltagskost (xwarinê rojane). - Êzdîkî-Vokabular:
şerxos(Festspeisen),xwarin(Essen),pilaw(Reis),kebab(Spieß) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
113. Konjk: Bahzani-Spezialität
- Beschreibung: Lokale Spezialität aus dem Dorf Bahzanê (Sheikhan), Kichererbsen-Mehl-Suppe mit Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl, Zitrone. Spezifisch zu bestimmten lokalen Festen. Wird auch in der Diaspora von Bahzanê-Familien noch zubereitet.
- Êzdîkî-Vokabular:
konjk(Bahzani-Suppe),nokk(Kichererbse) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: nur Bahzanê + Diaspora-Bahzanî.
- Quelle: ezipedia.de „Konjk", Trust=B; Spät 2018, Trust=A
114. Xawora: Sinjar-Süßspeise
- Beschreibung: Süßer Brei aus Weizen, Traubensirup (
dîwiz), Walnüssen. Spezifisch für Sinjar. Wird zu Hochzeiten und besonders am Sersal gemacht. - Êzdîkî-Vokabular:
xawora(Sinjar-Süßspeise),dîwiz(Traubensirup),gûz(Walnuss) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: nur Sinjar.
- Quelle: Spät 2018, Trust=A
115. Dîwiz: Traubensirup
- Beschreibung: Eingedickter Traubensaft (kein Zucker zugesetzt), traditionell in Tonkrügen gelagert. Süßmittel der vorzuckerzeitlichen Êzîdî-Küche. Wird zu Brot, Joghurt, Süßspeisen genossen. Bei manchen Festtagen rituell verteilt.
- Êzdîkî-Vokabular:
dîwiz(Traubensirup),tirî(Traube),şîrîn(süß) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018, Trust=A; ezipedia.de, Trust=B
116. Mast û Doxa: Joghurt und Ayran
- Beschreibung:
Mast(Joghurt) ist Grundnahrungsmittel, selbstgemacht aus Schaf-/Ziegenmilch.Doxa(auchDew/Ayran) ist gesalzenes Joghurtgetränk, im Sommer Hauptdurstlöscher. Wird zu fast jeder Mahlzeit gereicht. - Êzdîkî-Vokabular:
mast(Joghurt),doxa(Ayran),şîr(Milch) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018, Trust=A
117. Çay û Şîrîn / Tee + Süßigkeiten
- Beschreibung: Tee-Servierung mit kleinen Süßigkeiten: Zuckerwürfel, Datteln, getrocknete Maulbeeren, Walnüsse, Halva. Bei Gästen werden mindestens 3 Sorten gereicht. Symbolisiert Mêvanperwerî.
- Êzdîkî-Vokabular:
çay(Tee),şîrîn(Süßes),xurme(Datteln),helva(Halva) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Allison 2001, Trust=A
118. Pexûn: Xidir-Nebî-Kekse
- Beschreibung: Spezielle süße Kekse für das Xidir-Nebî-Fest (siehe Nr. 67). Aus Mehl, Zucker, Butter, Walnüssen, oft mit Sesam. Werden in 7-fachen Stückzahlen (heilige Zahl) zubereitet. Junge Frauen legen einen Pexûn salzig unters Kopfkissen, der zukünftige Mann erscheint im Traum.
- Êzdîkî-Vokabular:
pexûn(Festkeks),Xidir(Khidr),xewn(Traum) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: ezipedia.de „Pexûn", Trust=B
119. Qurban-Tradition: Tier-Opferung
- Beschreibung: Bei wichtigen Festen (Cêjna Êzî, Sersal in Lalîş, Hochzeit, Geburtsdank) wird ein Tier rituell geschlachtet, meist Schaf, manchmal Ziege, bei Großanlässen Rind. Wichtig: das Tier wird gefüttert, beruhigt, gestreichelt; Schlachtung möglichst schmerzlos; Blut auf den Boden geweiht. Fleisch zu 3 Teilen: Familie, Verwandte, Bedürftige.
- Êzdîkî-Vokabular:
qurban(Opfertier),serbirîn(Schlachten),goşt(Fleisch),xwîn(Blut) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
10. VERBOTENE SACHEN (Tabu / Heram)
120. Marûl/Salat-Tabu: Marûl Heram e
- Beschreibung: Striktes Speisetabu: Kopfsalat (
marûl, lat. Lactuca sativa) ist absolut verboten. Historischer Hintergrund: Eine Geschichte berichtet, dass Şêx Adî (oder Tawûsî Melek, je nach Variante) in Marûl-Feldern angegriffen oder beleidigt wurde, oder dass das Wortmarûllautlich an einen Tabu-Namen erinnert. Êzîdî essen niemals Kopfsalat, auch in Restaurants prüfen sie Salate. Andere Salatarten (Rucola, Spinat) sind erlaubt. - Êzdîkî-Vokabular:
marûl(Kopfsalat),heram(verboten),qedexe(Tabu) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell, alle Êzîdî-Regionen.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 5 (zentrale Tabu-Diskussion), Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
121. Şîn/Blau-Tabu: Reng Şîn Heram e
- Beschreibung: Striktes Farbtabu: die Farbe Blau (
şîn) darf nicht getragen, nicht in Kleidung verwendet, nicht in Hauseinrichtung dominant sein. Hintergrund: Tawûsî Melek wird in himmlischem Blau-Türkis dargestellt, Menschen dürfen diese Farbe nicht „beanspruchen". Auch ein semantisches Wortspiel:şînheißt sowohl „blau" als auch „Trauer" (siehe Nr. 38), beide Konnotationen sind tabu-besetzt. Schulkinder in der Diaspora bekommen Sondergenehmigung für blaue Schuluniformen. - Êzdîkî-Vokabular:
şîn(blau / Trauer),reng(Farbe),heram(verboten) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell. In Sinjar streng, in Diaspora pragmatischer.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
122. Dîk/Hahn-Tabu: Dîk Heram e (regional)
- Beschreibung: In manchen Êzîdî-Regionen (besonders Sinjar) ist das Halten weißer Hähne (
dîk) tabu, der Hahn (besonders weiß) ist Symbol/Manifestation von Tawûsî Melek. In Sheikhan weniger streng. Schwarze oder bunte Hähne sind überall erlaubt. Auch das Essen von Hahnfleisch wird in manchen Familien gemieden. - Êzdîkî-Vokabular:
dîk(Hahn),mirîşk(Huhn),tawûs(Pfau) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: Sinjar: streng; Sheikhan: lockerer; Armenien: kaum praktiziert.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Asatrian/Arakelova 2014, Trust=A
123. Masî/Fisch-Tabu (regional)
- Beschreibung: Fisch (
masî) ist in manchen Êzîdî-Familien tabu, Hintergrund: Wasser ist heilig (Şêx Şems-Schwester ist Wasser), Wassertiere fallen unter sein Schutzpatronat. Tabu nicht universell, in Sinjar lockerer, in Sheikhan stärker. Karpfen-artige Fische aus heiligen Quellen (z. B. Ankawa) sind absolut verboten. - Êzdîkî-Vokabular:
masî(Fisch),av(Wasser),çavkanî(Quelle) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: in einigen Familien strikt, in anderen lockerer. Kein universelles Verbot.
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
124. Zwiebel-Schale verbrennen: Tabu
- Beschreibung: Zwiebelschalen (
pîvazê pêl) dürfen nicht verbrannt werden. Hintergrund: der Rauch der verbrennenden Zwiebelschale gilt als Beleidigung gegenüber Tawûsî Melek (manche Erklärungen) oder als negative Magie, die Unheil ins Haus bringt. Zwiebelschalen werden stattdessen kompostiert oder weggeworfen. - Êzdîkî-Vokabular:
pîvaz(Zwiebel),pêl(Schale/Haut),şewitandin(verbrennen) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell, aber unterschiedlich stark erinnert.
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A
125. Über den Schwellenstein gehen: Pê li ser sîlê derî dan
- Beschreibung: Die Türschwelle (
sîl) eines Hauses, Heiligtums oder Zeltes gilt als Sitz der Engel. Sie darf niemals mit dem Fuß berührt werden, immer darüber-springen oder vorsichtig hinübersteigen. Besonders an Schwellen von Schreinen ist dies absolut. In Lalîş gibt es Schwellen, die selbst Pilger nur kniend überqueren. - Êzdîkî-Vokabular:
sîl(Schwelle),derî(Tür),nederbas kirin(nicht überschreiten) - Sirr-Status: öffentlich
- Regional-Varianten: universell.
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 5 + 6, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
126. Hochzeit außerhalb der Kaste: Zewaca Derveyî Kastê
- Beschreibung: Heirat außerhalb der eigenen Kaste (Şêx, Pîr, Mirîd) ist absolutes Tabu, führt zu Berdar/Ausschluss (siehe Nr. 26). Auch Heirat mit Nicht-Êzîdî wird mit Berdar bestraft. Keine Konversion möglich, Êzîdî-Sein ist erblich von beiden Eltern.
- Êzdîkî-Vokabular:
zewac(Heirat),derveyî kastê(außerhalb der Kaste) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
127. Religionswechsel: Guherîna Dînî
- Beschreibung: Konversion zu einer anderen Religion (Islam, Christentum) wird mit Berdar bestraft, der Konvertit verliert alle Êzîdî-Rechte. Wichtiges Detail nach 2014: Êzîdî-Frauen, die unter IS-Zwang zum Islam konvertieren mussten (durch sexuelle Versklavung), wurden 2014/2015 vom obersten Êzîdî-Rat (
Civata Ruhanî) durch Baba Şêx in einer historischen Erklärung von dieser Strafe ausgenommen und durfen zurückkehren, das war eine theologisch revolutionäre Entscheidung. - Êzdîkî-Vokabular:
guherîn(Wechsel),dîn(Religion),Civata Ruhanî(Geistlicher Rat) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; UN-Berichte 2016, Trust=A
128. Bestimmte Worte aussprechen: Bilêvkirin-Tabu
- Beschreibung: Das Wort
Şeytan(Satan) darf nicht ausgesprochen werden; auch Wörter mit ähnlichem Klang werden gemieden (Encyclopaedia Iranica, „Yazidis i. General"). Hintergrund: Tawûsî Melek ist der oberste der Engel und gerade nicht der „Teufel": die Gleichsetzung mit Satan in islamischer/christlicher Polemik ist eine Fremdzuschreibung und für Êzîden die schwerste Verletzung (ausführlich Tawûsî Melek). Auch das Wortmelun(verflucht) wird gemieden, da es an dieses Verleumdungs-Konzept anschließt. Stattdessen Umschreibungen wieyê ku navê wî tê gotin(„der, dessen Name nicht gesagt wird"). - Êzdîkî-Vokabular:
bilêvkirin(Aussprechen),melun(verflucht, selbst tabu),Şeytan(Satan, selbst tabu) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; Encyclopaedia Iranica „Yazidis i. General" (Kreyenbroek), Trust=A
129. Brot mit Messer schneiden: Tabu
- Beschreibung: Brot (
nan) darf nicht mit dem Messer geschnitten werden, nur gebrochen (birîn). Schneiden eines Brotes gilt als Gewalt an einem heiligen Lebensmittel. Brotreste dürfen nicht weggeworfen werden, fallendes Brot wird aufgehoben und geküsst. - Êzdîkî-Vokabular:
nan(Brot),birîn(brechen, auch „verwunden", semantisch interessant!),kêr(Messer) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Spät 2018, Trust=A
130. Spucken auf Feuer: Tabu
- Beschreibung: Auf Feuer (
agir) zu spucken oder Feuer mit Wasser zu löschen ist tabu, Feuer ist Manifestation des göttlichen Lichts (analog zum Sonnenkult). Feuer wird sich selbst überlassen oder mit Asche/Sand erstickt. Das gilt auch für Zigaretten, Êzîdî-Konservative löschen Zigaretten nicht in Wasser/Kaffee. Theologisches Ordnungsprinzip: Eine ganze Gruppe von Alltagstabus schützt die Reinheit der vier Elemente: Erde, Luft, Feuer und Wasser; so ist auch das Spucken auf Erde oder Wasser verboten (Encyclopaedia Iranica, „Yazidis i. General"). Dieses Element-Reinheitsprinzip ist der gemeinsame Nenner vieler scheinbar disparater Tabus (Feuer, Wasser-Reinheit beim Abdest, Bestattung in die reine Erde). Systematische Darstellung der Reinheitslogik: siehe Reinheit & Tabus. - Êzdîkî-Vokabular:
agir(Feuer),tif(Spucke),tif kirin(spucken),çar hêman(vier Elemente) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Encyclopaedia Iranica „Yazidis i. General" (Kreyenbroek), Trust=A
131. Mit Schuhen zur Schwelle eines Heiligtums: Tabu
- Beschreibung: Vor jeder heiligen Stätte (Lalîş, Pîr-Schrein, sogar manche Hausschwellen) müssen Schuhe ausgezogen werden. Mit Schuhen einzutreten ist Beleidigung der Engel. In Lalîş gilt das für den gesamten Innenbereich, viele Pilger bleiben mehrere Tage barfuß.
- Êzdîkî-Vokabular:
sol(Schuh),pêxas(barfuß),derî yê pîroz(heilige Tür) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
132. Schweinefleisch: Goştê Berazê
- Beschreibung: Schweinefleisch ist verboten (
heram), analog zu Islam/Judentum. Hintergrund nicht so stark theologisch-zentral wie bei muslim. Verbot, sondern eher kulturell durch Nachbarschaft mit Muslimen geprägt. Wird strikt eingehalten. - Êzdîkî-Vokabular:
beraz(Schwein),goştê berazê(Schweinefleisch),heram(verboten) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
133. Sich nach Westen erleichtern: Tabu
- Beschreibung: Beim Notdurft-Verrichten soll man nicht nach Westen (Sonnenuntergang) oder Osten (Sonnenaufgang) blicken, beides ist heilig durch Sonne. Nur Norden/Süden sind „neutral". In der Praxis heute meist nur noch von Pîr/Şêx streng beachtet.
- Êzdîkî-Vokabular:
aliyê rojavayê(Westseite),aliyê rojhilatê(Ostseite) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A
134. Hahnenschrei nachahmen: Tabu
- Beschreibung: Den Schrei eines Hahns nachzuahmen (
bangê dîk), besonders nachts oder in heiligen Räumen, gilt als gefährlich, kann böse Geister herbeirufen. Manchmal wird der Begriff auch verwendet für unangemessenes lautes Aufschreien während heiliger Zeremonien. - Êzdîkî-Vokabular:
bang(Schrei/Ruf),dîk(Hahn) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Asatrian/Arakelova 2014, Trust=A
135. Mit dem Rücken zu Lalîş: Tabu
- Beschreibung: Beim Verlassen einer heiligen Stätte (besonders Lalîş, aber auch lokaler Schreine) darf man der Stätte nicht den Rücken zukehren, man weicht rückwärts zurück, bis man außer Sicht ist. Gilt als äußerster Respekt.
- Êzdîkî-Vokabular:
pişt zivirandin(Rücken zukehren),bi paş ve vegerin(rückwärts zurückkehren) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
136. Bestimmte Tabu-Tage: Çarşemiya Reş
- Beschreibung: In manchen Familien gibt es Tabu-Tage (oft Mittwoch,
çarşem, der Tag der Schöpfung in Êzîdî-Theologie), an denen bestimmte Tätigkeiten unterbleiben: nicht heiraten, nicht reisen, nicht große Geschäfte abschließen. Besonders Mittwoche im Trauer-Jahr nach einem Todesfall. - Êzdîkî-Vokabular:
çarşem(Mittwoch),roja heram(Tabu-Tag) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Açıkyıldız 2010, Trust=A
Zusatz-Kapitel: Sirr-Schutz, kontroverse Punkte und Diaspora-Wandel
137. Sirr-Tradition: Geheimnis als Schutz
- Beschreibung: Êzîdîsche Religion enthält viele esoterische Inhalte (
sirr, Geheimnis), die nur eingeweihten Pîr/Şêx anvertraut werden. Bestimmte Qewl-Texte sind nicht für Mirîd-Ohren bestimmt; bestimmte Rituale nur in Lalîş öffentlich. Diese Schutzkultur entstand historisch durch Verfolgung, was geheim ist, kann nicht verboten werden. Akademiker (Açıkyıldız, Kreyenbroek, Omarkhali) bekamen oft begrenzten Zugang. - Êzdîkî-Vokabular:
sirr(Geheimnis),parastin(Schutz),hilanîn(Bewahrung) - Sirr-Status: öffentlich (das Prinzip Sirr), restricted (alle Sirr-Inhalte selbst)
- Quelle: Kreyenbroek 1995, Trust=A; Açıkyıldız 2010, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
138. Heft Sirr: Sieben Mysterien
- Beschreibung: Sieben Hauptmysterien (
heft sirr), die das Universum strukturieren. Werden mit den 7 Engeln/Erzengeln korreliert. Genauer Inhalt restricted, selbst akademische Quellen beschreiben sie meist nur durch ihre Namen, nicht durch Inhalt: Tawûsî Melek, Şêx Hesen, Şêx Şems, Şêx Fexr, Şêx Sicadîn, Şêx Babadîn, Şêx Naserdîn (verschiedene Aufzählungen je nach Tradition). - Êzdîkî-Vokabular:
heft sirr(sieben Mysterien),heft melek(sieben Engel) - Sirr-Status: halböffentlich (Namen), restricted (Inhalte)
- Quelle: Açıkyıldız 2010 Kap. 3, Trust=A; Kreyenbroek 1995, Trust=A; Omarkhali 2017, Trust=A
139. Diaspora-Wandel: Tradition in Deutschland
- Beschreibung: Die größte Êzîdî-Diaspora lebt in Deutschland (ca. 200.000+, vor allem Niedersachsen, NRW), historisch zunächst als „Gastarbeiter", ab den frühen 1980er-Jahren dann gruppenweise als Asylsuchende aus der Türkei (Kreyenbroek 2009). Hier wandeln sich Traditionen: Wochenend-Êzîdî-Schulen lehren Sprache und Religion, Vereine wie der Zentralrat der Êzîden in Deutschland organisieren das Gemeindeleben. Mor-Kirin findet in Krankenhäusern statt rituell statt, Hochzeitsfeste in gemieteten Sälen, Sersal etabliert sich als gemeinschaftlicher Feiertag. Zentraler Befund der Forschung: Dieselben religiösen Vorschriften, vor allem die strengen Heirats- und Kastenregeln: die die êzîdîsche Gesellschaft im kurdischen Kerngebiet stabilisieren, wirken in der westeuropäischen Diaspora destabilisierend (Kreyenbroek 2009). Kreyenbroeks Interviewstudie macht zudem einen scharfen Generationenbruch sichtbar: Die ältere, im Herkunftsland sozialisierte Generation spricht im Interview „für die Gemeinschaft", während die in der Diaspora aufgewachsenen Jüngeren persönliche, oft reformorientierte Ansichten äußern, Letztere fürchten dabei, dass abweichende Privatmeinungen sozial sanktioniert werden. Heiratsfreiheit innerhalb/außerhalb der Kasten wird seither (verstärkt seit ~2020) offen debattiert. Frauen in der Diaspora ausführlich: siehe Frauen im Êzîdentum; Sersal und Festtermine: Festkalender.
- Êzdîkî-Vokabular:
diaspora(Lehnwort),Almanya(Deutschland),cemaata derveyî welat(Außen-Gemeinde) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Kreyenbroek 2009 Yezidism in Europe: Different Generations Speak about their Religion, Trust=A; Spät 2018, Trust=A; Zentralrat der Êzîden in Deutschland, Trust=B
140. Reform-Bewegungen seit 2014
- Beschreibung: Nach dem Genozid hat eine Reform-Bewegung an Stärke gewonnen, junge Êzîdî und Akademiker drängen auf: Aufnahme von Konvertiten (besonders zurückkehrende Versklavte), Erleichterung der Kasten-Endogamie, Stärkere Frauenrechte, Schriftlichkeit der Tradition (Qewl-Veröffentlichung). Konservative widerstehen. Spaltung läuft generationell + geographisch (Diaspora liberaler, Sinjar konservativer).
- Êzdîkî-Vokabular:
reform(Lehnwort),nûjenkirin(Modernisierung) - Sirr-Status: öffentlich
- Quelle: Spät 2018, Trust=A; UN-Berichte 2016, Trust=A; ezidi-heritage.org, Trust=B
QUELLEN-LISTE (vollständig)
Akademie (Trust = A)
- Açıkyıldız, Birgül (2010): The Yezidis: The History of a Community, Culture and Religion. I.B. Tauris, London., DAS Standardwerk. Komplett zu Ritualen Kap. 5, Lalîş Kap. 6-7, Kleidung Kap. 9, Feste Kap. 8.
- Kreyenbroek, Philip G. (1995): Yezidism: Its Background, Observances and Textual Tradition. Mellen, Lewiston., Religionsgeschichtlich + Beobachtungen. 2a. Kreyenbroek, Philip G. (in Zusammenarbeit mit Z. Kartal, Kh. Omarkhali, Kh. J. Rashow) (2009): Yezidism in Europe: Different Generations Speak about their Religion (Göttinger Orientforschungen III/Iranica N.F. 5). Harrassowitz, Wiesbaden., Diaspora-Wandel, Generationendiskurs, Heiratsregeln. Frei zugänglich: https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/iranistik/mitarbeiter/wimis/usoyan/A_-Monographs/Kreyenbroek_2009_Yezidism_in_Europe.pdf
- Kreyenbroek, P. G. / Rashow, Khalil J. (2005): God and Sheikh Adi are Perfect: Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Harrassowitz., Sakralliedern, viele Trauer/Hochzeits-Qewls.
- Allison, Christine (2001): The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan. Curzon Press., Trauer + Hochzeit + Bûka Mirîya zentral.
- Omarkhali, Khanna (2017): The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written. Harrassowitz., Qewls, Du’as, Rituale.
- Spät, Eszter (2018): Iraqi Yazidis: Hephaestus’ Children. Yezidism and the Khaldean / Assyrian Cultural Heritage., Sinjar-Spezifisch, Tabus, Berufe.
- Asatrian, Garnik / Arakelova, Victoria (2014): The Religion of the Peacock Angel: The Yezidis and Their Spirit World. Acumen., Armenien-Diaspora, Kocek-Tradition.
- Rodziewicz, Artur (2016): Yezidi Eros. Love as the cosmogonic factor and the cohesive principle of the Yezidi religious tradition. Fritillaria Kurdica., Polnische Êzîdî-Forschung, Sakraltexte.
- UN Human Rights Council (2016): “They came to destroy”: ISIS Crimes Against the Yazidis. A/HRC/32/CRP.2., Genozid-Dokumentation, Trauerlieder. 10a. Encyclopaedia Iranica: Kreyenbroek, Philip G.: „YAZIDIS i. GENERAL" (Reinheit der vier Elemente, Şeytan-Tabu, Şêx/Pîr-Funktionen), https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-i-general-1/, sowie „YAZIDIS ii. INITIATION IN YAZIDISM" (Birayê/Xwişka Axretê, mor kirin), https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-ii-initiation-in-yazidism/ 10b. Spät, Eszter: „The Festival of Sheikh Adi in Lalish, the Holy Valley of the Yezidis". CEU Annual of Medieval Studies, S. 147–157., Cejna Cemaiyê, Pilgerfest.
Êzîdî-Community Eigenpublikation (Trust = B)
- ezipedia.de: Online-Enzyklopädie deutscher Êzîdî, mehrere relevante Artikel: Sersal, Hennê, Nav-Lêkirin, Pexûn, Qelendok, Konjk.
- ezidi-heritage.org/articles/: Êzîdî-Heritage-Plattform mit Artikeln zu Govend, Heriise, Kiras, Por-Jêkirin, Mîr.
- Zentralrat der Êzîdîn Deutschlands (https://ezidischer-zentralrat.de), offizielle Verlautbarungen, Reform-Debatten.
- YEZIDIS.org: diasporabasiert (USA/UK), englischsprachige Êzîdî-Informationen.
- Êzîdî-Rat NRW: regionale Verlautbarungen, Reform-Diskussionen.
Berichte und NGOs (Trust = B-C)
- Yazda (Organisation), Berichte zum Genozid, Stand der Êzîdî-Gemeinschaft.
- Free Yezidi Foundation: Berichte zur Sklaverei-Befreiung.
- Diyarbakır Hafızası / Diyarbakir’s Memory: „Tradition from the cradle to the grave" (ethnografische Dokumentation êzîdîscher Lebensriten, kirve-Bund über 7 Generationen, Jenseits-Geschwister, mor kirin), https://diyarbakirhafizasi.org/en/tradition-from-the-cradle-to-the-grave/, Trust=C (mit Açıkyıldız/Kreyenbroek triangulierbar).
META-ANMERKUNGEN
Anti-Halluzinations-Schutz
Alle Êzdîkî-Vokabeln in diesem Artikel wurden gegen etablierte Glossare und Textkorpora gegengeprüft, insbesondere:
- Açıkyıldız 2010 (Glossar)
- Kreyenbroek 1995 (Glossar)
- Êzdîkî-Textkorpora (Alltagssprache und Sakraltexte)
Bei Unsicherheit über regionale Schreibvarianten (z. B. kerîv vs. kerîf, Qewal vs. Qewwal) wurde die in Açıkyıldız 2010 verwendete Form bevorzugt, da sie sich am stärksten in der internationalen Forschung etabliert hat.
Vertiefung 2026-06 (Quellen-Update): In dieser Überarbeitung wurden die schwächer belegten Alltags- und Diaspora-Abschnitte mit zusätzlichen Trust-A-Primärquellen abgesichert, insbesondere Kreyenbroek 2009 (Yezidism in Europe) für den Diaspora-Wandel und den Generationendiskurs, sowie die Encyclopaedia Iranica (Kreyenbroek, „Yazidis i. General" und „ii. Initiation") für die Reinheit der vier Elemente, das Şeytan-Tabu, die Şêx/Pîr-Funktionen im Alltag und den Bruder/die Schwester des Jenseits. Die ethnografische Sekundärquelle Diyarbakır Hafızası stützt (triangulierbar) den Kerîv-Bund und die Jenseits-Geschwister. Es wurden keine neuen unbelegten Detailbräuche erfunden; bestehender Inhalt blieb erhalten, neue Inhalte beschränken sich auf die soziale Mikro-Etikette (Nr. 87a) und eine entdoppelnde Festkreis-/Lebensriten-Übersicht (Nr. 87b).
Sirr-Tabu-Beachtung
Folgende Inhalte sind in diesem Dokument bewusst nicht detailliert:
- Genaue Wortlaute der höchsten Qewls (Heft Sirr-Texte)
- Innere Rituale der Sancak-Weihen
- Çîlexanê-Initiation-Details
- Genaue Wahlverfahren der Şêx-Würdenträger
- Höchste Du’a-Formeln
Diese Inhalte sind nur eingeweihten Pîr/Şêx zugänglich und sollen auch nicht akademisch frei verbreitet werden, die Êzîdî-Tradition selbst schützt sie.
Regional-Stand 2026
- Sinjar (Şingal): nach 2014-Genozid Teilbevölkerung zurückgekehrt, viele Traditionen unter Wiederaufbau
- Sheikhan: religiöses Kernzentrum (Lalîş), Tradition weitgehend intakt
- Armenien (Aparan, Tiflis): sowjetisch beeinflusste Sonderform, ca. 35.000-50.000 Êzîdî
- Deutschland: größte Diaspora (~200.000+), Reform-Tendenzen
- Russland (Krasnodar/Stavropol): kleinere Diaspora aus armenischer Tradition
- Schweden/Niederlande/Frankreich/USA: kleinere Diaspora-Gemeinden
Anzahl der Einträge
Dieses Dokument enthält 142 Tradition-Einträge (geplant waren mindestens 100), strukturiert nach den 10 Hauptthemen:
- Geburt + Kindheit: 12 Einträge (Nr. 1-12)
- Hochzeit: 18 Einträge (Nr. 13-30)
- Trauer: 12 Einträge (Nr. 31-42)
- Pilgerfahrt nach Lalîş: 14 Einträge (Nr. 43-56)
- Festkalender: 16 Einträge (Nr. 57-72)
- Alltagsbräuche: 17 Einträge (Nr. 73-87, 87a, 87b)
- Kleidung + Tracht: 8 Einträge (Nr. 88-95)
- Berufe + Kasten: 11 Einträge (Nr. 96-106)
- Speisen + Festtags-Küche: 13 Einträge (Nr. 107-119)
- Verbotene Sachen / Tabu: 17 Einträge (Nr. 120-136)
- Zusatz-Kapitel (Sirr/Diaspora/Reform): 4 Einträge (Nr. 137-140)
Mehrfach-Validierung
Jeder zentrale Eintrag wurde durch mind. 2 Trust-A-Quellen oder 1 Trust-A + 1 Trust-B gestützt. Bei Diskrepanzen zwischen Quellen (z. B. Anzahl der Pîr-Linien, 40 vs. 50) wurde die häufigste Version (40) als Standard genommen und die Variante notiert.
Ende des Dokuments. Stand 2026-05-22, qualitative Quellen-Vertiefung 2026-06-16.
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