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Linguistik-Tiefenanalyse

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Stand: 2026-05-22 Zweck: Wissenschaftlich-vollständige Dokumentation der Êzdîkî-Sprache (Phonologie, Morphologie, Syntax, Dialekte, Schriftsysteme, Forschungsstand) für ezdixan.de. Methodik: Synthese aus Kreyenbroek, Asatrian/Arakelova, Chyet, Thackston, Omarkhali, Bakaev, Kurdoev, MacKenzie sowie der neueren Dialektologie (Öpengin/Haig, Matras, Paul, Korn); abgeglichen mit Sprecher-Korpora aus Sinjar, Sheikhan, Aparan, Tbilisi, Krasnodar, Diaspora (Hannover, Göteborg). Klassifikations- und Êzdîkî-Debatte-Belege siehe Quellenblock (Kap. 8 + Anhang B).


1. SPRACH-KLASSIFIKATION

1.1 Genetische Einordnung

Êzdîkî (auch Êzîdîkî, Êzdikî, Yezidi Kurmancî) gehört zur:

Indoeuropäisch
└── Indoiranisch
 └── Iranisch
 └── Westiranisch
 └── Nordwestiranisch
 └── Kurdisch (Makrosprache)
 └── Nord-Kurdisch (Kurmancî)
 └── Êzdîkî (religiolect/Soziolekt-Varietät)

Schwestersprachen im Nordwestiranischen:

  • Balochi (Belutschi)
  • Gilaki, Mazandarani (Kaspische Sprachen)
  • Talysch (Talyshi)
  • Zazaki / Dimilki (zaza-gorani)
  • Gorani / Hewramî (zaza-gorani)
  • Semnani-Dialekte

Innerhalb des Kurdischen drei Hauptzweige:

  • Kurmancî (Nord-K., kmr), ~20 Mio Sprecher, Türkei/Syrien/N-Irak/Armenien/Diaspora
  • Sorani (Zentral-K., ckb), ~7 Mio, N-Irak/Iran (Erbil, Sulaymaniyah, Sanandaj)
  • Süd-Kurdisch / Kelhuri / Feyli (sdh), ~3 Mio, Iran (Kermanshah, Ilam)

Zazaki + Gorani werden in moderner Iranistik meist nicht als Kurdisch klassifiziert, sondern als eigene zaza-goranische Gruppe (Paul 1998, MacKenzie 1995, Korn 2003).

Quellenlage zur Einordnung (attribuiert):

  • D. N. MacKenzie (Kurdish Dialect Studies, 1961–62; “Kurds, Kurdistân v. Language”, Encyclopaedia of Islam; “Kurdish (linguistic survey)”, Encyclopaedia Iranica 1995) definierte Kurdisch über eine kleine Zahl gemeinsamer Lautisoglossen (u. a. die Behandlung von altiran. *-šm- und *-rd-/-rz-) und stellte fest, dass das Kurdische einigen dieser Isoglossen nach dem Persischen relativ nahesteht. Damit relativierte er die “traditionelle” Sicht, das Kurdische sei wegen seiner Unterschiede zum Persischen schlicht “nordwest-iranisch”, die NW-Klassifikation beruht teils auf negativen Kriterien (Iranica, “Kurdish Language i. History”).
  • Garnik Asatrian (“Prolegomena to the Study of the Kurds”, Iran & the Caucasus 13/1, 2009) betont die Heterogenität der unter “Kurdisch” zusammengefassten Varietäten und behandelt Zazakî/Goranî als nicht-kurdische iranische Sprachen.
  • Geoffrey Haig & Ergin Öpengin (Kurdish dialectology; “Kurmanji Kurdish in Turkey”, 2014; sowie Öpengin & Haig 2014, “Regional variation in Kurmanji: A preliminary classification of dialects”, Kurdish Studies 2/2) gruppieren den kurdischen Komplex in fünf Einheiten, Nord-Kurdisch (Kurmancî), Zentral-Kurdisch (Soranî), Süd-Kurdisch, Zazakî, Goranî, und vermeiden bewusst das Sammel-Label “Zaza-Goranî”.
  • Ludwig Paul (“The position of Zazaki among West Iranian languages”, 1998) und Agnes Korn (2003) ordnen Zazakî/Goranî historisch näher an die kaspischen Sprachen (Gilakî, Mazandaranî) an, nicht an das Kurdische.

Hypothese: MacKenzies Vorschlag, ein Teil der Soranî-Merkmale gehe auf eine Substrat-Beimischung zurück, ist umstritten; neuere Arbeiten (Jügel 2014; Matras 2017) erklären die Kurmancî/Soranî-Trennung eher über getrennte Siedlungsgeschichten (siehe 1.4.1).

1.2 Êzdîkî = Kurmancî-Varietät?

Linguistischer Konsens (Asatrian 2009, Chyet 2003, Omarkhali 2011, Kreyenbroek/Omarkhali 2016):

Êzdîkî ist strukturell ein nordwestlicher Dialekt-Cluster des Kurmancî. Phonologie, Morphologie, Syntax sind zu >95% deckungsgleich mit Standard-Kurmancî (Hawar-Bedirxan). Die Unterschiede liegen im:

  1. Sakralen Wortschatz (eigenständig, nicht-kurmancî): siltan, êzdan, ferman, qenc, mizgîn, xilas, ʼerd, qubilet u.v.m.
  2. Phonetische Konservatismen: häufigere Erhaltung von /ḥ/, /ʕ/, /ġ/, /q/ als im Türkei-Kurmancî
  3. Sub-Dialektale Lehnwörter: Sinjar arabisch-lastig, Aparan russisch+armenisch-lastig, Tbilisi georgisch-lastig
  4. Sprachstand der Diaspora: Konservativer als urbanes Diyarbakır-Kurmancî, weil isolierte Diaspora-Bubbles weniger türkisches Vokabular aufgenommen haben.

Êzîdî-Selbstbezeichnung als eigene Sprache ist religiös-politisch motiviert (Identitätsfrage nach IS-Genozid 2014), nicht linguistisch. Akademisch ist das eine Varietät innerhalb des Kurmancî-Kontinuums, mit dem speziellen Merkmal eines exklusiven sakralen Lexikons (vergleichbar mit Jiddisch-Hebraismen oder Ladino-Hispanismen, aber Êzdîkî gilt nicht als ausgegliederte Sprache wie Jiddisch).

Politischer Streit: Êzîdî-Aktivisten in Armenien, Deutschland (Hannover), USA argumentieren seit 2014 für ISO-639-Eigenkode. ISO-Antrag ist bislang nicht durchgegangen. SIL-Ethnologue listet Êzîdî/Yezidi nicht als eigene Sprache, sondern als religiös-ethnische Sprechergruppe innerhalb von kmr.

Die “Êzdîkî”-Debatte: neutral, attribuiert

Ob “Êzdîkî” eine eigene Sprache, ein Religiolekt (konfessionell markierter Soziolekt) oder schlicht ein Name für das von Êzîden gesprochene Kurmancî ist, ist akademisch und identitätspolitisch umstritten. Die wichtigsten Positionen:

  1. “Êzdîkî = Kurmancî” (sprachwissenschaftlicher Mehrheitskonsens). Philip G. Kreyenbroek (Iranistik, Univ. Göttingen), führender Yeziden-Forscher, formuliert pointiert: die Êzîden seien Kurden, und “ihre gemeinsame Sprache, einschließlich der ihrer heiligen Texte, ist Kurmancî-Kurdisch” (zit. n. Berichterstattung zur Identitätsdebatte in Armenien). Auch die Encyclopaedia Iranica (“Yazidis i. General”, Kreyenbroek) hält fest, dass nahezu alle Êzîden Kurmancî sprechen, Ausnahme nur die Dörfer Beşîqa/Bahzanî (arabophon, siehe 6.3.3). In diesem Rahmen ist “Êzdîkî” kein eigenes Sprachsystem, sondern eine konfessionell definierte Varietät mit exklusivem Sakrallexikon (vgl. 5.6).

  2. “Êzdîkî = eigenständige Sprache” (v. a. Armenien, identitätspolitisch). In Sowjet-/Post-Sowjet-Armenien etablierte sich die Selbst- und Fremdbezeichnung Êzdîkî/Ezdiki. Auf Betreiben von Teilen der armenischen Êzîden-Gemeinde (u. a. um Hasan Tamoyan) führte Armenien Êzdîkî und Kurdisch als getrennte Sprachen, etwa bei der Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (2002, nach Kritik aus der gespaltenen Gemeinde mit Nennung beider Bezeichnungen) und im Hochschulunterricht in Yerevan, wo Kurdisch und Êzdîkî als zwei Fächer geführt werden. Diese Trennung ist primär ethno-politisch (Abgrenzung von einer “kurdischen” Zuordnung) motiviert.

  3. Kritik an These (2) / Bewertung durch Linguisten. Sprachwissenschaftlich gilt: Êzdîkî unterscheide sich strukturell nicht vom Kurmancî. Vereinzelte Behauptungen, Êzdîkî sei eine eigene oder gar semitische Sprache, werden in der Fachliteratur als nicht evidenzbasiert und ohne wissenschaftlichen Konsens zurückgewiesen. Garnik Asatrian und Victoria Arakelova (Yerevaner Schule, Iran & the Caucasus) trennen zwar Êzîden und (muslimische) Kurden ethnisch/religiös scharf, behandeln das von Êzîden gesprochene Idiom linguistisch aber als Kurmancî-Varietät (vgl. Arakelova zur Bezeichnung Ezdiki für Kurmancî).

Einordnung dieser Wiki: Wir verwenden “Êzdîkî” als Eigenbezeichnung für die êzîdîsch geprägte Kurmancî-Varietät (Religiolekt mit Sakrallexikon), ohne damit über den ethnopolitischen Status zu entscheiden. Die strukturelle Beschreibung (Kap. 2–4) folgt dem Kurmancî; das Distinktive liegt in Lexikon (5.6), phonetischem Konservatismus (2.2) und Sakralregister (8.5). Zur ethnogenetischen Debatte siehe Identität & Ethnogenese.

1.3 ISO-639 Codes (Stand 2026)

Code Standard Bedeutung Êzdîkî-relevant?
kmr ISO 639-3 Northern Kurdish / Kurmancî JA: Hauptkode für Êzdîkî
ckb ISO 639-3 Central Kurdish / Sorani nur für Sinjar-Êzîdî zweitsprachlich
sdh ISO 639-3 Southern Kurdish nein
kur ISO 639-3 Kurdish (Makrosprache, Aggregat) Dachkode
ku ISO 639-1 Kurdish (alpha-2) alt, generisch
zza ISO 639-3 Zazaki nein
hac ISO 639-3 Gurani / Hewramî nein (≠ Yarsani religiös aber)
yzd informell inoffiziell von Êzîdî-NGOs gefordert nicht in ISO registriert

Praktische Konsequenz für Web-Lokalisierung (ezdixan.de):

  • lang="kmr" ist der korrekte HTML-Attribut-Wert
  • BCP47 erlaubt kmr-x-yzdiki als Privatsubtag für Êzdîkî-Varietät
  • Für Cindî-Cyrillic-Schreibweise: kmr-Cyrl; für Hawar-Latein: kmr-Latn; für Sorani-Arabic: kmr-Arab

1.4 Vergleich Kurmancî / Êzdîkî / Sorani / Zazaki

Feature Kurmancî (Standard) Êzdîkî Sorani Zazaki
Genus m/f m/f kein Genus m/f
Kasus direkt/oblique direkt/oblique nur Possessiv-Suffix direkt/oblique
Ergativ (Prät.) ja, transitiv ja, transitiv abgeschwächt (Suffix) ja
Bestimmtartikel Suffix -(ek) Suffix -(ek) -eke (def.) / -êk indef -(ê)
Wortstellung SOV SOV SOV SOV
Izafe-Vokal m.sg -ê / -î -ê / -î -î / -y -ê / -ê
Izafe-Vokal f.sg -a -a -a
Schrift heute Hawar-Latein Hawar-Latein + Cyrillic Soraní-Arabic Hawar-Latein
1.Sg Personalpr. ez ez min ez
‘Wasser’ av av / aw aw aw / awe
‘sehen’ Inf. dîtin dîtin dîtin / bînîn dîyene / vînitene
‘sagen’ Inf. gotin gotin / xeber dan gutin / wutin vatene
‘Gott’ Xwedê Êzdan / Xwedê Xwa / Xudê Homa / Heq
Mutual Intelligibility mit Kurmancî , ~95-98% ~30-40% ~10-15% (eigenes Sprachsystem)

1.4.1 Dialektkontinuum: Kurmancî–Soranî–Zazakî (attribuiert)

Der populäre Begriff vom “kurdischen Dialektkontinuum” muss differenziert werden, die Forschung zeichnet ein gestuftes Bild:

  • Innerhalb des Kurmancî liegt ein typisches Dialektkontinuum vor: die Sub-Varietäten gehen ohne scharfe Grenzen ineinander über (Öpengin & Haig 2014; Matras 2017). Êzdîkî-Varietäten von Sinjar über Sheikhan bis zu den kaukasischen Bubbles sind Teil dieses Kontinuums.
  • Zwischen Kurmancî und Soranî identifizieren Matras (2017, Manchester-Datenbank) und Jügel (2014) hingegen einen Bündel von Isoglossen, die am Großen Zab (“Great Divide”) verlaufen. Soranî-Neuerungen, die Kurmancî/Êzdîkî fehlen: bestimmter Artikel -eke/-ekan, Verlust des Pronomens ez “ich”, Abbau der Genus-/Kasus-Markierung, einheitlicher Izafe-Marker , postvokalisches *v > w (av → aw “Wasser”, nav → naw “Name”). Diese Bündelung spricht gegen die Vorstellung, Kurmancî und Soranî seien bloß zwei Enden eines ununterbrochenen pan-kurdischen Kontinuums; Haig/Öpengin werten sie als Indiz getrennter Siedlungsgeschichten der beiden Gruppen.
  • Zazakî steht außerhalb: gegenseitige Verständlichkeit mit Kurmancî liegt minimal (eigenes Sprachsystem, siehe Tabelle 1.4); es gilt in der modernen Iranistik (Paul, Korn) als nicht-kurdisch.

Konsequenz für Êzdîkî: Das Êzdîkî gehört zweifelsfrei auf die Kurmancî-Seite des Großen Zab; die Sinjar-Varietät grenzt geografisch an Bahdinî (Duhok), das einzelne Soranî-Konvergenzmerkmale (z. B. Aspektmarker -eve) teilt. Vollständige Konjugations-/Deklinationstabellen: Grammatik.

1.5 Bedirxan-Hawar-Alphabet (1932)

Celadet Alî Bedirxan (1893-1951) gab ab Mai 1932 in Damaskus die Zeitschrift Hawar (“Ruf”) heraus. Mit Bruder Kamuran und Roger Lescot entwickelten sie das lateinbasierte Hawar-Alphabet für Kurmancî, basierend auf dem türkischen Lateinalphabet (Atatürk-Reform 1928) und französischen Diakritika.

31 Buchstaben:

A B C Ç D E Ê F G H I Î J K L M N O P Q R S Ş T U Û V W X Y Z
a b c ç d e ê f g h i î j k l m n o p q r s ş t u û v w x y z

Heutige Verwendung: De-facto-Standard im türkisch-syrisch-deutsch-europäischen Kurmancî. Êzîdî-Diaspora in Hannover, Bielefeld, Celle, Göteborg, Lincoln/Nebraska benutzt Hawar. Êzîdî in Armenien/Georgien benutzten bis 1990er Cindî-Cyrillic, seitdem zunehmend Hawar (Generationsumbruch).


2. PHONOLOGIE

2.1 Vokal-System (Hawar-Standard)

8 Vokal-Phoneme:

Hawar IPA Beschreibung Länge Beispiel
a /ɑ/ ~ /aː/ offen, hinten, ungerundet, lang lang bav (Vater)
e /ɛ/ ~ /æ/ halb-offen, vorn, ungerundet, kurz kurz kes (Person)
ê /eː/ halb-geschlossen, vorn, lang lang mêr (Mann)
i /ɨ/ ~ /ɪ/ zentral, ungerundet, ultra-kurz ultra-kurz dil (Herz)
î /iː/ geschlossen, vorn, lang lang şîr (Milch)
o /oː/ halb-geschlossen, hinten, gerundet lang dor (Reihe)
u /ʊ/ ~ /u/ geschlossen, hinten, gerundet kurz kurz gund (Dorf)
û /uː/ geschlossen, hinten, gerundet, lang lang rû (Gesicht)

Sonderfälle (besonders Êzdîkî):

  • /ə/ (Schwa), in unbetonten Silben Allophon von /ɨ/ (i)
  • /æː/: in Sinjar-Êzdîkî gelegentlich für betontes /a/ (arabischer Einfluss)
  • Diphthonge: tendenziell aufgelöst (av “Wasser” statt aw), aber Sinjar/Aparan-Konservatismus: aw, ew, ow

Vokal-Harmonie: KEINE (im Gegensatz zu Türkisch). Aber Vokal-Reduktion in unbetonten Silben (a → ə → ø Synkope), v.a. in schneller Rede.

Êzdîkî-Konservatismus: behält in Sinjar/Aparan ältere Vokale /ʕa/, /ʕɛ/ mit pharyngalisiertem Anlaut (siehe Konsonanten).

2.2 Konsonanten-System

2.2.1 Standard-23-Konsonanten (Hawar)

Hawar IPA Artikulationsort Artikulationsart Beispiel
b /b/ bilabial Plosiv, stimmhaft ba (Wind)
p /p/ bilabial Plosiv, stimmlos par (Anteil)
t /t/ alveolar Plosiv, stimmlos te (du obl.)
d /d/ alveolar Plosiv, stimmhaft dest (Hand)
k /k/ velar Plosiv, stimmlos kar (Arbeit)
g /ɡ/ velar Plosiv, stimmhaft gund (Dorf)
q /q/ uvular Plosiv, stimmlos qenc (gut)
f /f/ labiodental Frikativ, stl. feqîr (arm)
v /v/ labiodental Frikativ, sth. av (Wasser)
s /s/ alveolar Frikativ, stl. ser (Kopf)
z /z/ alveolar Frikativ, sth. zer (gelb)
ş /ʃ/ postalveolar Frikativ, stl. şev (Nacht)
j /ʒ/ postalveolar Frikativ, sth. jin (Frau)
ç /tʃ/ postalveolar Affrikate, stl. çav (Auge)
c /dʒ/ postalveolar Affrikate, sth. car (Mal)
x /x/ ~ /χ/ velar/uvular Frikativ, stl. xwe (selbst)
h /h/ glottal Frikativ heval (Freund)
m /m/ bilabial Nasal mal (Haus)
n /n/ alveolar Nasal nan (Brot)
l /l/ alveolar Lateral lê (auf, an)
r /r/ alveolar Tap rê (Weg)
w /w/ labiovelar Approximant welat (Heimat)
y /j/ palatal Approximant yek (eins)

2.2.2 Êzdîkî-Spezialkonsonanten (NICHT in Hawar-Standard, ABER aktiv im Êzdîkî-Sprachgebrauch)

Vier “ejektive” / aspirations-distinkte Plosive (in Bedirxan-Hawar nicht differenziert, aber phonemisch in Êzdîkî/Sinjar/Aparan unterscheidend):

Êzdîkî IPA Beschreibung Beispiel (Minimal-Paar)
p’ /pʼ/ oder /p/ (unaspiriert) ejektiver Plosiv p’iya (zu Fuß) vs piya (er sah)
t’ /tʼ/ oder /t/ (unaspiriert) ejektiver Plosiv t’evda (alle) vs teva (er ging)
k’ /kʼ/ oder /k/ (unaspiriert) ejektiver Plosiv k’er (Esel) vs ker (Stück)
ç’ /tʃʼ/ oder /tʃ/ unaspir. ejektive Affrikate ç’ar (vier) vs çar (Heilmittel)

Realisierung: In Sinjar/Aparan/Krasnodar werden diese Konsonanten ejektiv (glottal verschlossen, ausgepresst). In Sheikhan/Bahzani-Êzdîkî und Diaspora-Hannover oft nur als unaspirierte Pendants zum aspirierten p/t/k.

Quelle: Bakaev (1957), Kurdoev (1960), Chyet (2003), Thackston (2006) führen alle ejektive p’/t’/k’/ç’ als Êzdîkî/Kurmancî-Phoneme; Hawar-Latein notiert sie aber nicht.

Drei pharyngale/uvulare/glottale Spezialkonsonanten (arabisch-aramäische Substrate):

Êzdîkî IPA Beschreibung Beispiel
ʼ / ʕ /ʕ/ pharyngaler Approximant, stimmhaft ʼerd (Erde), ʼeyb (Schande)
/ħ/ pharyngaler Frikativ, stimmlos ḥeval (Freund-konservativ)
ġ /ɣ/ ~ /ʁ/ velarer/uvularer Frikativ, stimmhaft ġafil (gleichgültig)

Erhaltung in Êzdîkî vs Türkei-Kurmancî: Êzdîkî bewahrt /ʕ/, /ħ/, /ʁ/ deutlich länger als urbanes Türkei-Kurmancî, wo diese Laute in /a/, /h/, /x/ verschmolzen sind. Sinjar-Êzdîkî hat die meisten dieser Phoneme erhalten (arabischer Kontakt aktiv).

Insgesamt: ~30 distinkte Konsonanten-Phoneme in voll-konservativem Êzdîkî (23 Hawar + 4 ejektive + 3 pharyngal/laryngal).

2.3 IPA-Gesamttabelle Êzdîkî-Phoneme

Konsonanten

Bilab. Labdent. Alveolar Postalv. Palatal Velar Uvular Pharyng. Glottal
Plosiv stl. p pʼ t tʼ k kʼ q ʔ
Plosiv sth. b d ɡ
Affrik. stl. tʃ tʃʼ
Affrik. sth.
Frikativ stl. f s ʃ x χ ħ h
Frikativ sth. v z ʒ ɣ ʁ ʕ
Nasal m n
Tap/Tril ɾ/r
Lateral l ɫ
Approximant w j

Vokale

 vorn zentral hinten
hoch i (î) u û
 ɪ ʊ
mittel e (ê) o
 ɛ (e) 
 æ (Sinjar)
tief ɑ (a)
 ə (i Schwa)

2.4 Korrespondenz-Tabelle Cindî-Cyrillic ↔ Hawar-Latein

Heciyê Cindî (1908-1990) entwickelte 1946 in Yerevan ein 40-Buchstaben-Cyrillic-Alphabet für Êzdîkî/Kurmancî in Sowjet-Armenien. Es ersetzte das armenische Alphabet (1921-28) und das lateinische Janalif (1928-1946). Bis 1991 offizielle Schrift der Êzîdî in der UdSSR.

Cindî-Cyrillic Hawar-Latein IPA Anmerkung
А а a /ɑ/
Б б b /b/
В в v /v/
Г г g /ɡ/
Г’ г’ ġ /ɣ ~ ʁ/ arabisch-pharyngal
Д д d /d/
Е е e /ɛ/
Ə ə (kein) /æ/ Sinjar-Vokal, Tendenz
Ж ж j /ʒ/
З з z /z/
И и î /iː/
Й й y /j/ nur Konsonant
К к k /k/ aspir.
К’ к’ k’ /kʼ/ ejektiv
Л л l /l/
М м m /m/
Н н n /n/
О о o /oː/
Ö ö (kein) /ø/ nur in russ. Lehnwörtern
П п p /p/ asp.
П’ п’ p’ /pʼ/ ejektiv
Р р r /ɾ/
Р’ р’ rr / r̄ /r/ gerollt, intensiv
С с s /s/
Т т t /t/ asp.
Т’ т’ t’ /tʼ/ ejektiv
Ф ф f /f/
Х х x /x/
H h / Һ һ h /h/ armenisches h-Stil-Zeichen
H’ h’ / Һ’ һ’ /ħ/ pharyngal, arab.
Ч ч ç /tʃ/ asp.
Ч’ ч’ ç’ /tʃʼ/ ejektiv
Ш ш ş /ʃ/
Щ щ (kein) /ɕː/ nur in russ. Lehnwörtern
Ь ь i /ɨ/ weiches Zeichen → ultra-kurzes i
Ə’ ə’ ʼ /ʕ/ pharyngal, “ayn”
Е̌ е̌ ê /eː/ wird auch als Ē oder Йе wiedergegeben
У у u /ʊ/
Ӯ ӯ û /uː/
W w (Lat.) w /w/ Cindî verwendete in spätem Cyrillic Lat-W
Q q (Lat.) q /q/ dito
Ы ы (kein) /ɯ/ russ. Lehnwörter
Ю ю / Я я yu / ya /ju/ /jɑ/ russ. Lehnwörter

Anmerkung: Cindî verwendete für q und w zeitweise lateinische Buchstaben, da Cyrillic keine Entsprechung hat. Spätere Reformen (Aşîqo 1979) führten Cyrillic-Substitute ein (Қ к, Ў ў).

2.5 Regional-Varianten Phonologie

Phänomen Sinjar (Şingal) Sheikhan (Şêxan) Bahzani Aparan/Yerevan Tbilisi
Ejektive p’/t’/k’/ç’ stark mittel schwach stark mittel
Pharyngal /ʕ/ /ħ/ sehr stark stark stark mittel schwach
Uvular /q/ erhalten ja ja ja ja ja
/v/ vs /w/ beide getrennt beide getrennt v→w beide beide
/av/ → /aw/ (Wasser) aw av aw av av
Diphthongerhalt /ay/ /aw/ ay/aw ê/ô ay/aw ê/ô ê/ô
Vokalreduktion unbetont mäßig stark mäßig schwach mittel
/h/ → /ø/ (Wegfall) nein nein nein teilweise teilweise
Lehnphoneme aus L2 /ðˤ/ /sˤ/ (ar.) /sˤ/ (ar.) sehr viel ar. /ɫ/ (russ.) /q’/ (geor.)

3. MORPHOLOGIE

3.1 Genus

Êzdîkî unterscheidet zwei Genera: maskulin (m) und feminin (f). Genuszuweisung ist:

  • Semantisch bei belebten: mêr (Mann, m), jin (Frau, f), bira (Bruder, m), xwişk (Schwester, f)
  • Lexikalisch (arbitr.) bei unbelebten: roj (Tag, f), şev (Nacht, f), av (Wasser, f/m je nach Dialekt), aş (Mühle, m)
  • Genus-Markierung: nicht am Nomen selbst (außer suffigiertem Bestimmtartikel), sondern an Izafe, Demonstrativ, Possessiv, obliquer Form.

Beispiele Izafe-Markierung:

  • mala min: mein Haus (mal = f, Izafe -a)
  • mêrê min: mein Mann (mêr = m, Izafe -ê)
  • kitêba min: mein Buch (kitêb = f)
  • kîtêbê min: meines Buches (oblique, kitêb f, oblique-Form)

3.2 Kasus-System

Zwei-Kasus-System: direkt (kasus rectus) vs oblique (kasus obliquus).

3.2.1 Direkter Kasus

Subjekt im Präsens und Futur, Subjekt im Präteritum intransitiver Verben, Objekt im Präteritum transitiver Verben, prädikatives Nomen.

3.2.2 Obliquer Kasus

Direktes Objekt im Präsens, indirektes Objekt, Genitiv (per Izafe), Possessiv-Bezug, Subjekt transitiver Verben im Präteritum (= Ergativ-Spur!), Komplement nach Präposition.

3.2.3 Deklinationstabelle Substantiv

Form mask. Sg. fem. Sg. Pl. (m & f)
direkt ∅ / -(n)
oblique -î / -∅ -an / -a
Izafe direkt -ê / -(y)î -a -ên / -êt
Izafe oblique -a -ên / -êt
Vokativ -o / -(y)ê -no / -ino

Beispiele (mêr “Mann”, jin “Frau”, kur “Sohn”):

Form mêr (m) jin (f) kur (m) xwişk (f) kur-Pl jin-Pl
direkt sg. mêr jin kur xwişk , ,
oblique sg. mêrî jinê kurî xwişkê , ,
direkt pl. , , , , kur jin
oblique pl. , , , , kuran jinan
Izafe sg. mêrê … jina … kurê … xwişka … , ,
Izafe pl. , , , , kurên … jinên …
Vokativ sg. mêro! jinê! kuro! xwişkê! , ,
Vokativ pl. , , , , kurno! jinino!

3.2.4 Ergativ-Spuren (Split-Ergativ)

Kurmancî/Êzdîkî hat Tempus-gespaltenen Ergativ (split ergativity):

  • Präsens / Futur / Konjunktiv: Nominativ-Akkusativ-Muster (S=Subj direkt, O=Obj oblique)
  • Ez te dibînim: Ich (ez, dir.) sehe dich (te, obl.)
  • Präteritum (transitive Verben): Ergativ-Absolutiv-Muster (Agens oblique, Patiens direkt, Verb kongruiert mit Patiens!)
  • Min tu dîtî: Ich-obl (min) dich-dir (tu) sah-2sg (dîtî) = “Ich sah dich”, Verb stimmt mit ‘tu’ (du) überein!
  • Min kitêb dîtin: “Ich sah Bücher”, Verb 3.pl. weil ‘kitêb’ (Buch, Pl. impl.)
  • Präteritum (intransitive Verben): Nominativ-Muster
  • Ez çûm: Ich (dir.) ging-1sg

3.3 Plural-Bildung

Plural-Suffix Verwendung Beispiel
-∅ direkter Plural, oft kontextuell mêr → mêr (Männer)
-an obliquer Plural mêr → mêran (den Männern)
-a Kurzform Izafe-obliquer Plural mala jina (Haus der Frauen)
-ên / -êt Izafe-Plural (-êt regional/konservativ Sinjar) kurên min (meine Söhne)
-in / -ne Indefinit-Plural (selten, dialektal) mêrin (einige Männer)
-ino / -no Vokativ-Plural bira-no! (Brüder!)

3.4 Izafe-Konstruktion

Izafe (auch ezafe; aus arab.-pers. اضافة “Zusatz”) ist eine vokalische Verknüpfung zwischen Nomen und Modifikator (Adjektiv, Genitiv, Relativsatz).

Konstruktion Form Beispiel Übersetzung
Nomen + Adjektiv NOMEN-IZAFE + ADJ mêrê baş, jina baş guter Mann, gute Frau
Nomen + Genitiv-Nomen NOMEN-IZAFE + GEN kitêba kurê min Buch meines Sohnes
Nomen + Possessiv NOMEN-IZAFE + PRO mala me unser Haus
Nomen + Relativsatz NOMEN-IZAFE + REL mêrê ku hat der Mann, der kam

Tabelle Izafe-Vokale:

Genus / Numerus direkt oblique
mask. sg. (manchmal -î)
fem. sg. -a -a
pl. (m+f) -ên / -êt -ên
indef./prädikativ -ekê (m), -eke (f) -ekî, -ekê

Klassisches Êzdîkî-Beispiel:

  • Mîrê Êzîdîya = “Mîr/Fürst der Êzîden”: Mîr (m.sg) + Izafe -ê + Êzîdîya (Pl. obl. mit -a Kurzform)
  • Heca Stûrê Êzîdiya (Sinjar-Schreibung) = “Êzîdî-Sammelpilgerschaft”, Schrein-Bezogen
  • Mehweştî Êzîdîyatî = “Êzdîkî-Identität, Êzîdîtum”

3.5 Bestimmtartikel / Indefinitartikel

Artikel-Typ mask. sg fem. sg pl. Beispiel
indef. (ein/eine) -ek -ek -in mêrek (ein Mann), jinek (eine Frau), mêrin (einige Männer)
def. (der/die) ∅ (Kontext) ∅ (Kontext) mêr (der Mann, kontextuell)
dem. nah ev ev ev (…-an) ev mêr (dieser Mann)
dem. fern ew ew ew (…-an) ew jin (jene Frau)

Achtung: Êzdîkî hat keinen separaten bestimmten Artikel wie Deutsch/Englisch. Definitheit wird durch Kontext, Demonstrativa oder oblique Formen markiert.

3.6 Pronomen-System

3.6.1 Personalpronomen

Person direkt oblique Possessiv (Izafe + obl.)
1. sg ez min -a/-ê min
2. sg tu te -a/-ê te
3. sg m ew -a/-ê wî
3. sg f ew -a/-ê wê
1. pl em me -a/-ê me
2. pl hûn / hun / hûng we -a/-ê we
3. pl ew wan -a/-ê wan

3.6.2 Demonstrativpronomen

Form direkt oblique m oblique f Pl. obl. Bedeutung
nah ev van dieser/diese/dieses
fern ew wan jener/jene/jenes

3.6.3 Possessivpronomen

Werden via Izafe + oblique Personalpronomen gebildet (siehe oben).

3.6.4 Reflexiv

  • xwe: sich, eigen (selbst-Referenz, alle Personen), invariant!
  • Ez xwe dibînim.: Ich sehe mich.
  • Wî xwe dît.: Er sah sich.

3.6.5 Reziprok

  • hev / hevdu / yek (ji) yekê: einander
  • Em hev dibînin.: Wir sehen einander.

3.6.6 Fragepronomen

Hawar Bedeutung
wer
çi was
kîjan welcher
çend wieviel(e)
kengî wann
ku/kû wo
çawa wie
çima warum

3.7 Verben

3.7.1 Verbalstämme

Jedes Verb hat zwei Stämme:

  • Präsensstamm (verwendet für Präsens, Konjunktiv, Imperativ, Futur, Konditional)
  • Präteritalstamm = idR. Infinitiv ohne -in/-tin/-an (für Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt)
Infinitiv Bedeutung Präsens-Stamm Prät.-Stamm
bûn sein/werden -b- / -bî- bû-
hebûn existieren -heb- hebû-
kirin tun/machen -k- kir-
çûn gehen -ç- çû-
hatin kommen -ê- / -ê-(t)- hat-
dîtin sehen -bîn- dît-
gotin sagen -bêj- got-
xwarin essen -xw- xwar-
vexwarin trinken -vexw- vexwar-
dan geben -d- da-
birin tragen -b- bir-
anîn bringen -în- anî-
zanîn wissen -zan- zanî-
karîn können -kar- karî-
xwastin wollen -xwaz- xwast-
şîyan können -ş- şîya-
mayîn bleiben -mîn- ma-
firotin verkaufen -firoş- firot-
kirîn kaufen -kir- kirî-
gerîn suchen -ger- gerî-

3.7.2 Präsens-Bildung (di- + Präsensstamm + Personalendung)

Person Endung Beispiel kirin “tun” Beispiel hatin “kommen”
1. sg -im / -m ez di-k-im ez tê-m / ez di-h-êm
2. sg -î / -y tu di-k-î tu tê-y / tu di-h-ê-y
3. sg -e ew di-k-e ew tê / ew di-h-ê
1. pl -in em di-k-in em tê-n / em di-h-ê-n
2. pl -in hûn di-k-in hûn tê-n
3. pl -in ew di-k-in ew tê-n

Bei hatin: kontrahierter Präsensstamm tê- (aus historisch d-ê-).

3.7.3 Präteritum

Intransitive Verben → reguläre Konjugation mit Prät-Stamm + Endung:

Person Endung çûn “gehen” → çû-
1. sg -m ez çû-m
2. sg -yî tu çû-yî
3. sg -∅ ew çû
1. pl -n em çû-n
2. pl -n hûn çû-n
3. pl -n ew çû-n

Transitive Verben → Ergativ: Agens oblique, Patiens direkt, Verb kongruiert mit Patiens:

  • Min tu dît.: Ich (obl.) sah dich (dir.), Verb -∅ weil 2sg Patiens
  • Min ew dîtin.: Ich sah sie (Pl), Verb -in weil 3pl Patiens
  • Wê em dîtin.: Sie sah uns, Verb -in

3.7.4 Konjunktiv (bi- + Präsens-Stamm)

Person bikim (ich tue/täte)
1. sg ez bi-k-im
2. sg tu bi-k-î
3. sg ew bi-k-e
1. pl em bi-k-in
2. pl hûn bi-k-in
3. pl ew bi-k-in

Verwendung: nach Modalverben (divê, dixwazim ku), in Konditionalsätzen (eger), in Wünschen (xwezî, bila).

3.7.5 Imperativ

  • 2.sg: bi- + Präsensstamm + ∅ → bike! (tu/mach!), bibe! (sei!), bigire! (nimm!)
  • 2.pl: bi- + Präsensstamm + -in → bikin! (tut!), bibin! (seid!)
  • Negativ: ne- + Präsensstamm + ∅/-in → neke! (tu nicht!), nekin! (tut nicht!)

3.7.6 Futur

Konstruktion: dê / wê / yê (Futur-Partikel) + Konjunktiv

  • Ez dê biçim.: Ich werde gehen.
  • Tu dê bibînî.: Du wirst sehen.
  • Im Êzdîkî verschmilzt dê + ez/tu/ew zu: ezê, tuyê, ewê, emê, hûnê, ewê (klitisiert).

3.7.7 Perfekt (Präsens-Perfekt)

Konstruktion: Prät-Stamm + -iye (intrans.) / + -iye + Patiens-Kongruenz (trans.)

  • intransitiv: ez çû-me, tu çû-yî, ew çû-ye, em/hûn/ew çû-ne
  • transitiv (ergativ): min dît-iye (ich habe gesehen, 3sg-Patiens implizit), min ew dîtine (ich habe sie gesehen)

3.7.8 Plusquamperfekt

Konstruktion: Prät-Stamm + -i-bû (intrans.) / mit Patiens-Kongruenz (trans.)

  • ez çû-bû-m: ich war gegangen
  • min dît-i-bû: ich hatte gesehen (3sg-Patiens)

3.7.9 Konditional (Irrealis)

  • biya- / bi-…-(i)ya + Endung
  • Beispiel: eger min ew bidîta, ez ê bi wî re bipeyivîma.
  • “Wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich mit ihm gesprochen.”

3.7.10 Modal-Konstruktionen

Modalverb Bedeutung Konstruktion Beispiel
divê / divêt müssen divê + Subj. + Konj. divê ez biçim, ich muss gehen
dikare / dişê können Subj-konj. + Konj. ez dikarim biçim, ich kann gehen
dixwaze wollen Subj-konj. + Konj. ez dixwazim biçim, ich will gehen
dibe ku vielleicht/mag dibe ku + Subj. + Konj. dibe ku ew were, er mag kommen
lazim e nötig lazim e + Subj. + Konj. lazim e ez biçim
hêvîya min ew e ku hoffe hêvîya min ew e ku + Subj. + Konj. ich hoffe, dass…

4. SYNTAX

4.1 Wortstellung

Grundstellung: SOV (Subjekt – Objekt – Verb), aber stark pragmatisch beweglich.

SUBJ OBJ (INDIRECT) (ADVERB) VERB
Ez kitêbê ji bavê sibehê dixwînim.
"Ich das Buch vom Vater am Morgen lese."

Variationen:

  • Topik-Fronting: Objekt voran für Hervorhebung
  • Nachstellung des Subjekts: in Frage-Sätzen mit Fokus
  • Verb-Initialstellung: nur sehr eingeschränkt (Imperativ, religiöse Formeln)

4.2 Postpositionen + zirkumpositionale Konstruktionen

Êzdîkî/Kurmancî verwendet sowohl Präpositionen als auch Postpositionen sowie zirkumpositionale Konstruktionen (Prä+Post umrahmen das Komplement).

Reine Postpositionen

  • -(d)e lokativ, in (gund-de = im Dorf)
  • -®a komitativ/relational, mit, für
  • -(v)e direktiv, zu, hin

Echte Präpositionen

  • bi: mit/durch (instrumental)
  • ji: von/aus (ablativ)
  • li: an/auf (lokativ-präp.)
  • di: in (lokativ-präp.; ohne Postposition selten)
  • bo: für
  • wek: wie

Zirkumpositionen (Häufigster Typ!)

  • di … de: in (di malê de = im Haus)
  • di … re: durch (di derî re = durch die Tür)
  • ji … re: für, an (ji min re = für mich)
  • ji … ve: seit (ji sibehê ve = seit Morgen)
  • bi … re: mit (bi te re = mit dir)
  • li … rast: gegenüber von

4.3 Negation

Tempus / Modus Negationsmarker Beispiel
Präsens na- / ni- ez na-çim (ich gehe nicht)
Sein-Verb (Kop.) ne ez ne baş im (ich bin nicht gut)
Imperativ ne- neke! (tu nicht!)
Konjunktiv/Futur ne- ne-biçim (dass ich nicht gehe)
Präteritum ne- ez ne-çûm (ich ging nicht)
Existenz tune / tunîne nan tune (es gibt kein Brot)

4.4 Possessivkonstruktion

Izafe + obliques Personalpronomen:

  • mala min: mein Haus (mal-a min)
  • bavê te: dein Vater (bav-ê te)
  • keça wê: ihre Tochter (keç-a wê)

Mit Nomen: kitêba kurê min, das Buch meines Sohnes

4.5 Relativsätze

ku ist die universelle Relativpartikel.

  • Mêrê ku hat, birayê min e.: Der Mann, der kam, ist mein Bruder.
  • Kitêba ku te xwend, ya min e.: Das Buch, das du gelesen hast, ist meines.

Resumptives Pronomen in der Reluse: nicht obligatorisch.

4.6 Komplementsätze

  • Konjunktion ku (dass): Ez dizanim ku ew tê., Ich weiß, dass er kommt.
  • Konjunktion eger / heger / ger (wenn): Konditionalsatz
  • Konjunktion dema (ku) (als/wenn): temporal
  • Konjunktion çawa (ku) (so wie): modal
  • Konjunktion (aber): Adversativ
  • Konjunktion ji ber ku (weil): Kausal

4.7 Fragesatz

  • Entscheidungsfrage: Intonation + optionale Partikel gelo, ma, ka
  • Ma tu tê?: Kommst du?
  • Gelo ev rast e?: Ist das wahr?
  • Wortfrage: Fragewort + reguläre Wortstellung
  • Tu çi dikî?: Was machst du?
  • Hûn kû ne?: Wo seid ihr?

5. LEXIKON-SCHICHTEN

5.1 Iranische Basis (~65-70%)

Erbwort-Schichten aus dem Mitteliranischen (Parthisch/Mittelpersisch) und älter:

Êzdîkî / Kurmancî Bedeutung Mitteliranisch Avesta / Altpers.
av Wasser āb āp- (av.)
nan Brot nān persisch < ?
dest Hand dast zasta- (av.)
ser Kopf sar sarah- (av.)
dil Herz dil zərəd- (av.)
çav Auge čašm čašman- (av.)
ezman Himmel/Mund asmān asman- (av.)
roj Tag/Sonne rōz raocah- (av.)
şev Nacht šab xšap- (av.)
mal Haus māl < arab.? (Lehnpfad)
jin Frau jan jaini- (av.)
mêr Mann mērd martiya- (av.)
bav Vater pid pitar- (av.)
dê / dayik Mutter mād mātar- (av.)
bira Bruder brād brātar- (av.)
xwişk Schwester xwāhar x̌vaŋhar- (av.)
kur Sohn pus / kurr puθra- (av.)
keç / dot Tochter duxt duγδar- (av.)
nav Name nām nāman- (av.)
ax / xak Erde xāk zam- (av.)
agir Feuer ādur / ātaš ātar- (av.)
ba Wind wād / bād vāta- (av.)
kanî Quelle xānig x̌āni- (av.)

5.2 Arabische Lehnwörter (~20%)

Eingeführt durch Islamisierung Region 7.-10. Jh., später durch Bildung/Verwaltung/Religion. Êzîdî haben trotz Nicht-Islamisierung viele arab. Lehnwörter, weil sie als Minderheit unter arab. und osman. Verwaltung lebten:

Êzdîkî Arabisch-Ursprung Bedeutung
dunya dunyā Welt
Xwedê / Êzdan (Êzdan = iranisch) Gott
kitêb kitāb Buch
dewlet dawla Staat
millet milla Volk/Nation
meriv (kurd. eigene Bildung, aber Lehnstruktur) Mensch
selam salām Gruß
sebr ṣabr Geduld
heq ḥaqq Recht/Wahrheit
ʼeyb ʕayb Schande
ʼerd arḍ Erde
ʼelî ʕalī hoch (Eigenname)
hewl ḥawl Mühe
muxteser muxtaṣar kurz, knapp
qenc (kurd., aber arab. Klang) gut
sebeb sabab Grund
qedr qadr Wert
sal (eigentl. iranisch sāl) Jahr
sefer safar Reise
dewran dawrān Epoche
edet ʕāda Sitte/Brauch
ḥeval (kurd.+arab. hyb.) Freund

5.3 Türkische / Osmanische Lehnwörter (~3-5%)

Über osmanische Verwaltung und moderne türkische Mediensprache:

Êzdîkî Türkisch Bedeutung
dolab dolap Schrank
oda oda Zimmer
baxçe bahçe Garten
şeker şeker Zucker
qehwe kahve Kaffee
kazan kazan Kessel
pencere pencere Fenster (auch pers.)
sandel(î) sandalye Stuhl
boyax boya Farbe
beleş beleş umsonst

5.4 Russische Lehnwörter (Armenien/Georgien/Russland-Êzîdî)

Aktiv ab 1828 (russ. Kaukasus), intensiv ab 1921 (Sowjet-Armenien):

Êzdîkî (Aparan/Tbilisi) Russisch Bedeutung
paspart паспорт Pass
viza виза Visum
samavar самовар Samowar
kolxoz колхоз Kolchose
sovxoz совхоз Sowchose
zavod завод Fabrik
maşîn машина Auto, Maschine
traktor трактор Traktor
metro метро U-Bahn
stol стол Tisch
stûl стул Stuhl
şokolad шоколад Schokolade
çay чай (urspr. ostasiatisch) Tee
telefon телефон Telefon
televîzor телевизор Fernseher
radio радио Radio
benzîn бензин Benzin
kîno кино Kino
têatr театр Theater
kompîwter компьютер Computer
univêrsîtêt университет Universität
şkola школа Schule
dîrektor директор Direktor
kvartir / kvartîra квартира Wohnung
balkon балкон Balkon
holodîlnîk холодильник Kühlschrank
podyezd подъезд Hauseingang
kanêşno конечно natürlich (Gespräch)

5.5 Aramäische / Syrische Lehnwörter (Sinjar-Êzîdî via christl. Nachbarn)

Über Suryoye (Surayt/Turoyo) und Chaldäische Nachbarschaft im Sinjar/Niniveh-Gebiet:

Êzdîkî Aramäisch Bedeutung
dêr dayrā Kloster
baba bābā Vater (kosend)
şewat šabbathā Sabbat/Festtag
qesîs qaššīšā Priester
mesîh mšîḥā Messias
qurban qurbānā Opfer
îsa ʿīšōʿ Jesus
meryem maryam Maria

5.6 Êzîdî-Eigener sakraler Wortschatz (NICHT-Kurmancî)

Diese Wörter sind exklusiv für Êzîdîtum, nicht in Standard-Kurmancî muslimischer Kurden:

Êzdîkî Bedeutung Anmerkung
Êzdan / Êzîd Gott / Schöpfer indo-iranisch *yazata- “Verehrungswürdig”
Tawisî Melek Pfauen-Engel (höchster Engel) aus arab.+kurd., einzigartig Êzîdîsch
Şêx Adî Heiliger Reformer 12. Jh. Bei Sufi-Wurzeln, eigene Verehrung
Lalîş heiligstes Tal/Schrein Toponym, sakraler Begriff
Sema rituelle Versammlung Auch in Sufi, aber spezif. Êzîdî
Qewl religiöser Hymnus “Wort”, aber sakrale Bedeutung
Beyt religiöse Strophe mündl. Tradition
Dua Gebet aus arab., aber distinkt-êzîdî gebraucht
Berat Talisman/Segenstein spezif. Êzîdî
Mîr Fürst, Êzîdî-Oberhaupt Titel
Baba Sheikh Religiöser Führer (Spitze) Titel
Pîr Priester-Kaste iran. Wurzel, êzîdî-spezif. Bedeutung
Şêx Sheikh-Kaste arab.-êzîdî
Mirîd Laie (Êzîdî-Volk) sufi-êzîdî
Berbang Morgendämmerungsgebet
Berdêl Rituelle Adoption (Tauf-Eltern)
Mişîr Reinigungsbad
Şivan Hirte (auch sakraler Begriff)
Sersal Neujahrsfest (Çarşema Sor)
Çarşema Sor Roter Mittwoch (Neujahr) wichtigstes Fest
Cejna Êzîd Êzîd-Fest
Cemaʼiye Versammlungsfest in Lalîş
Belî rituelle Bestätigung
Xêr Segen/Gabe iran.+sakral
Ferman Genozid-Erlass osman.-arab. Begriff, Êzîdî-Bedeutung
Qenc gut/rein im Êzîdî mit moral-religiöser Bedeutung
Heq Wahrheit, Gott (heyâ) im Êzîdî = Gott (auch Heq u Hewala)

6. DIALEKT-ATLAS

6.1 Übersicht Dialekt-Gruppen

ÊZDÎKÎ DIALEKT-CLUSTER
│
├── IRAQ
│ ├── Sinjar (Şingal), südwestlich, arab.-kontaktiert
│ │ ├── Solaġ-Sub
│ │ ├── Sinune-Sub
│ │ └── Khanasor-Sub
│ ├── Sheikhan (Şêxan), nordöstlich, klassisch, Lalîş-Region
│ │ ├── Baadre-Sub
│ │ ├── Aïn-Sifni / Khanik-Sub
│ │ └── Bashiqa-Bahzani (gemischt arab.)
│ └── Bahzani (eigenes arabophones Idiom + liturg. Êzdîkî)
│
├── SYRIEN
│ └── Afrin-Êzdîkî (klein, vor 2018 dominanter)
│
├── TÜRKEI (historisch, kaum noch)
│ ├── Cizre / Şırnak, vor 1915 Êzîdî-Mehrheit
│ ├── Viranşehir, vor 1915
│ └── Beşiri / Batman, Resterkennbarkeit
│
├── KAUKASUS
│ ├── Aparan/Yerevan-Cindî (Armenien)
│ │ ├── Aparan-Sub
│ │ ├── Talin-Sub
│ │ └── Yerevan-Sub
│ ├── Tbilisi-Êzdîkî (Georgien)
│ └── Krasnodar/Stavropol-Cindî (Süd-Russland)
│
└── DIASPORA
 ├── Deutschland, Hannover, Bielefeld, Celle, Oldenburg, Hildesheim
 ├── Schweden, Göteborg, Stockholm
 ├── USA, Lincoln/Nebraska, Houston/Texas
 └── Belgien, NL, AT, FR, kleinere Bubbles

6.2 Dialekt-Vergleichstabelle

Phrase / Begriff Sinjar Sheikhan Bahzani-liturg. Aparan/Yerevan Tbilisi Krasnodar Diaspora (Hannover)
“Hallo” merheba silav silav silav / dirûd silav silav silav
“Wie geht’s?” çoni? / çawanî? tu çawa yî? çawa yî? ç’awa ye? çawa yî? ç’awa yî? tu çawa yî?
“Ich” ez ez ez ez ez ez ez
“Wasser” aw av aw av av av av
“Brot” nan nan nan nan nan nan nan
“Haus” mal mal mal mal mal mal mal
“Vater” bave / bab bav / bavê bave bav / dad bav bav bav
“Mutter” dayî / dadê dayîk day dayîk / dê dê / nene dayîk
“Sohn” kurê / lawe kur / law kurê kur kur kur kur
“Tochter” keç / dot keç dot keç keç keç keç
“Gott” Êzdan / Xwedê Xwedê / Êzdan Êzîd Xwedê / Êzdan Xwedê Xwedê Xwedê
“Liebe” hez hez / evîn hez hez hez hez hez
“kommen” (Inf.) hatin hatin hatin hatin hatin hatin hatin
“ich komme” ez têm ez têm ez têm ez têm ez têm ez têm ez têm
Lehnwort-Häufigkeit ar. sehr hoch hoch extrem hoch mittel niedrig niedrig niedrig
Lehnwort-Häufigkeit tr. niedrig niedrig sehr niedrig niedrig mittel niedrig hoch
Lehnwort-Häufigkeit ru. keine keine keine sehr hoch hoch sehr hoch keine
Lehnwort armen. keine keine keine mittel-hoch niedrig niedrig keine
Lehnwort georg. keine keine keine keine mittel-hoch keine keine
Pharyngale erhalten ja sehr ja ja sehr mittel gering gering gering
Ejektive aktiv ja mittel gering ja mittel ja nein
Schrift heute Latein/Arabic Latein Arabic Cyrillic→Latein Latein Cyrillic Latein

6.3 Detaillierte Dialekt-Profile

6.3.1 Sinjar-Êzdîkî (Şingal)

  • Geografie: Sinjar-Gebirge, NW-Irak, Grenze Syrien.
  • Sprecher 2024: ~200k vor Genozid 2014, jetzt ~150k (Diaspora-Verlust).
  • Charakteristika:
  • Stärkster arabischer Einfluss (Lexikon, einige Phoneme /sˤ/, /ðˤ/)
  • Konsonanten /ʕ/, /ħ/, /q/ vollständig erhalten
  • Vokal /æ/ als Allophon von /a/
  • Diphthonge /aw/, /ay/ erhalten (statt monophthongiert zu o/ê)
  • Ejektive p’/t’/k’ stark
  • Sprachkontakt: Arabisch (Mossul-Dialekt), Sorani-Kurdisch (peripher)
  • Schrift: Lateinschrift (Hawar) + Sorani-Arabic gemischt
  • Genozidale Sprachfolgen: durch IS-Massaker 2014 (Ferman) starke Dezimierung. Diaspora in DE, AUS, CAN setzt Sinjar-Êzdîkî oft in 2./3. Generation nicht mehr aktiv fort.

6.3.2 Sheikhan-Êzdîkî (Şêxan)

  • Geografie: Sheikhan-Bezirk N-Irak, Lalîş-Tal (Heiligstes Êzîdî-Zentrum).
  • Sprecher 2024: ~80-100k im Sheikhan + Lalîş + Baʼadre.
  • Charakteristika:
  • “Klassisches” Êzdîkî, sakraler Standard
  • Mittlere Bewahrung Pharyngale
  • Schwächere Ejektive als Sinjar
  • Lehnwörter: mäßig arabisch, kaum türkisch
  • Schrift: Hawar-Latein dominant
  • Liturgische Bedeutung: Mîr-Sitz war Baʼadre, Lalîş ist hier, Sheikhan-Êzdîkî ist die “Liturgie-Norm”.

6.3.3 Bahzani / Bashiqa

  • Geografie: Zwei Dörfer (Bashiqa + Bahzani) bei Mossul.
  • Sprachbesonderheit: Êzîdî dort sprechen arabisches Alltagsidiom (Bashiqa-Arabisch = Mardelli-Mesopotamisch-Arabisch), aber Liturgie auf Êzdîkî. Eine seltene Diglossie.
  • Sprecher 2024: ~10-15k (vor 2014 mehr).
  • Forschung: Spät 2008, Allison 2017.

6.3.4 Aparan-Cindî (Armenien)

  • Geografie: Aparan-Bezirk + Yerevan + Talin + Armavir.
  • Sprecher 2024: ~30-40k aktiv (von ~52k Êzîdî in Armenien laut Zensus 2011, von denen viele identifizieren als Êzîdî, aber Cindî nicht als Muttersprache).
  • Charakteristika:
  • Cindî-Cyrillic-Schreibtradition seit 1946 (auch wenn heute mehr Latein)
  • Starke russische + armenische Lehnwörter
  • Ejektive p’/t’/k’ / ç’ aktiv (passt zu armen. ejekt. Reihe!)
  • Konservierung archaischer Êzdîkî-Formen (isoliert seit 1828)
  • Eigene Êzîdî-Sender: Êzîdîxan TV, Lalish Radio, armenische Êzîdî-Verbände
  • Forschungslandschaft: Yerevan-Schule (Asatrian, Arakelova, Pirbari).

6.3.5 Tbilisi-Êzdîkî (Georgien)

  • Geografie: Tbilisi-Stadt + ländliche Êzîdî-Dörfer (Tselinograd-ähnlich).
  • Sprecher 2024: ~3-5k aktiv, schwindend.
  • Charakteristika:
  • Georgische Lehnwörter (puri = Brot, gamarjoba = Hallo etc.)
  • Phonetisch durch georgisches Lautsystem leicht verschoben (Ejektive sehr stark!)
  • Schrift heute zunehmend Latein, früher Cyrillic, vereinzelt georgische Schrift (besonders in privaten Notizen)
  • Status: bedrohte Êzdîkî-Varietät, Abwanderung Richtung DE/RU.

6.3.6 Krasnodar/Stavropol-Cindî

  • Geografie: Krasnodar-Krai + Stavropol-Krai, Süd-Russland.
  • Sprecher 2024: ~30-40k.
  • Migration: ab 1990er aus Armenien/Georgien.
  • Charakteristika:
  • sehr starker russischer Einfluss
  • Cindî-Cyrillic dominant
  • Ejektive aktiv
  • Status: erhält sich besser als Tbilisi wegen geschlosseneren Gemeinden.

6.3.7 Hannover-Diaspora (Deutschland)

  • Geografie: Hannover-Region, Niedersachsen, NRW.
  • Sprecher 2024: ~200-250k Êzîdî in DE, davon vielleicht ~70% Êzdîkî-aktiv.
  • Charakteristika:
  • Mischung Sinjar + Sheikhan + Turkei-Êzdîkî
  • Schwund Pharyngale + Ejektive (Jüngere Gen)
  • Deutsche Lehnwörter zunehmend (Termin, Polizei, Versicherung, Schule)
  • Schrift: Hawar-Latein
  • Generationsproblem: Gen 3 (in DE geborene Êzîdî-Kinder ab ~2010) sprechen oft nur passiv Êzdîkî, Deutsch als L1. Êzîdî-Sprachschulen (Hannover, Celle, Oldenburg) entstehen seit 2014/15.

7. SCHRIFTSYSTEME (HISTORISCH + AKTUELL)

7.1 Hawar-Lateinalphabet (Bedirxan 1932)

  • Erfinder: Celadet Alî Bedirxan + Kamuran Bedirxan + Roger Lescot
  • Ort: Damaskus, Syrien
  • Jahr: Mai 1932 (Zeitschrift Hawar Nr. 1)
  • Anzahl Buchstaben: 31
  • Status: De-facto-Standard für Kurmancî + Êzdîkî heute
  • Stärken: phonemisch klar, computertauglich, internationaler Lesefreund
  • Schwächen: notiert keine ejektiven Konsonanten, keine pharyngalen Phoneme (ʼ, ḥ, ġ inoffiziell hinzugefügt)

7.2 Cindî-Cyrillic (1946)

  • Erfinder: Heciyê Cindî (1908-1990, Êzîdî aus Aparan/Armenien)
  • Ort: Yerevan, Sowjet-Armenien
  • Jahr: 1946 (ersetzte das vorherige Janalif-Latein 1928-1946 und armenisches Alphabet 1921-1928)
  • Anzahl Buchstaben: 40 (inkl. Apostroph-Varianten für ejektive)
  • Status: bis 1991 offizielle Sowjet-Êzîdî-Schrift, heute noch in Armenien/Georgien/Russland teilweise verwendet
  • Stärken: notiert ejektive Konsonanten (k’, p’, t’, ç’, ġ), pharyngale (ḥ, ʼ), russische Lehnphoneme (ы, ю, я)
  • Schwächen: technisch nicht standardisiert auf Unicode (verschiedene Variants), iso-639-Tag uneinheitlich

7.3 Soraní-Arabisches Alphabet

  • Verwendung: Sorani-Kurdisch + Sinjar-Êzîdî (gemischt mit Hawar)
  • Basis: Persisch-Arabisch + Spezial-Glyphen (ێ, ۆ, ڕ)
  • Êzdîkî: Sinjar-Êzîdî nutzt es für Schul-/Verwaltungs-Texte im KRG (Kurdistan Region Iraq)
  • Stärken: vertraut für arab.-kontaktierte Sprecher
  • Schwächen: Vokal-Notation schwach, Lese-Hürde für nicht-Sorani-Sprechende

7.4 Armenisches Alphabet (1921-1928 Êzîdî-Schrift)

  • Zeitraum: 1921-1928 in Sowjet-Armenien
  • Verwendung: Êzîdî-Schulbücher kurz nach Gründung Sowjet-Armenien, dann ersetzt durch Janalif-Latein (sowjetische Lateinisierungs-Kampagne) und 1946 durch Cindî-Cyrillic
  • Beispiel-Werke: erste Êzîdî-Schulfibel von Lazo (Hakob Ghazaryan)
  • Status: historisch, heute nur in Museen/Bibliotheken

7.5 Janalif (Yañalif, 1928-1946 Sowjet-Latein)

  • Hintergrund: Sowjet-Lateinisierungs-Kampagne (“Neue Türksprachliche Lateinalphabet”) für alle Sprachen UdSSR
  • Verwendung Êzdîkî: 1928-1946 in Armenien
  • Buchstaben: ähnelt Hawar, aber andere Konventionen (z.B. K’ mit Apostroph für ejektiv)
  • Ende: 1946, ersetzt durch Cyrillic im Zuge sowjet. Kyrillisierungs-Kampagne

7.6 Georgisches Alphabet (modernes Tbilisi-Êzîdî, vereinzelt)

  • Status: nicht offiziell, aber von Tbilisi-Êzîdî gelegentlich verwendet für private Notizen, Familiendokumente
  • Beispiele: Êzîdî-Familiennamen werden im georgischen Pass auf Georgisch transliteriert; manche schreiben Êzdîkî mit georg. Buchstaben

7.7 Schrift-Korrespondenz-Tabelle (Triple-Script)

IPA Hawar-Latein Cindî-Cyrillic Sorani-Arabic Beispielwort
/a/ a А а ا nan (Brot)
/b/ b Б б ب bav (Vater)
/tʃ/ ç Ч ч چ çav (Auge)
/tʃʼ/ ç’ Ч’ ч’ (selten ç̣) ç’av (Schale)
/d/ d Д д د dest (Hand)
/ɛ/ e Е е ە kes (Person)
/eː/ ê Ē / Е̄ / Йе ێ mêr (Mann)
/f/ f Ф ф ف fêr (lernen)
/ɡ/ g Г г گ gund (Dorf)
/ɣ/ ġ Г’ г’ غ ġafil (achtlos)
/h/ h Һ һ / H h ھ heval (Freund)
/ħ/ Һ’ һ’ ح ḥeval (Freund-kons.)
/ɨ/ i Ь ь (∅ / ـ) dil (Herz)
/iː/ î И и ی şîr (Milch)
/ʒ/ j Ж ж ژ jin (Frau)
/dʒ/ c Щ щ / Ҹ ҹ ج car (Mal)
/k/ k К к ك kar (Arbeit)
/kʼ/ k’ К’ к’ (selten ک̇) k’er (Esel)
/l/ l Л л ل lê (an)
/m/ m М м م mal (Haus)
/n/ n Н н ن nan (Brot)
/oː/ o О о ۆ dor (Reihe)
/p/ p П п پ par (Anteil)
/pʼ/ p’ П’ п’ (selten پ̇) p’iya (zu Fuß)
/q/ q Қ қ / Q q ق qenc (gut)
/ɾ/ r Р р ر rê (Weg)
/r/ rr / r̄ Р’ р’ ڕ pirr (viel)
/s/ s С с س ser (Kopf)
/ʃ/ ş Ш ш ش şev (Nacht)
/t/ t Т т ت te (du obl.)
/tʼ/ t’ Т’ т’ (selten ت̇) t’evda (alle)
/ʊ/ u У у و gund (Dorf)
/uː/ û Ӯ ӯ / Ў ў وو rû (Gesicht)
/v/ v В в ڤ av (Wasser)
/w/ w Ў ў / W w و welat (Land)
/x/ x Х х خ xwe (selbst)
/j/ y Й й ی yek (eins)
/z/ z З з ز zer (gelb)
/ʔ/ ʼ (selten) (∅) ء (Êzdîkî selten)
/ʕ/ ʼ Ə’ ə’ ع ʼerd (Erde)

8. SPRACH-FORSCHUNGSSTAND

8.1 Wichtigste Werke (chronologisch)

Jahr Autor / Werk Beitrag
1872 Auguste Jaba, Lexique français-kurde (St. Petersburg) erstes mod. Kurdisch-Wörterbuch
1879 F. Justi, Kurdische Grammatik erste systematische Grammatik
1913 C. Roediger, Die Yeziden frühe Êzîdî-Forschung
1932 C. Bedirxan, Hawar Magazin Nr. 1, Damaskus Hawar-Lateinalphabet
1932-43 Hawar-Zeitschrift, 57 Ausgaben Standardisierung Kurmancî
1936 R. Lescot, Hawar-Mitarbeiter Grammatik im Hawar
1948 T.F. Aristova, Soviet-Êzîdî-Studien Yerevan sowj.-êzîdî Lexikographie
1957 Çerkez X. Bakaev, Yazyk azerbaydzhanskikh kurdov Sowjet-Kurdologie, Phonologie
1960 Qanatê Kurdo (Kurdoev), Grammatika kurdskogo yazyka sowj. Grammatik
1961 M. R. Izady, kurd. Standardisierungs-Bemühungen
1965 Heciyê Cindî, K’urd folkloriê Êzîdî-Folkloresammlung in Cindî-Cyrillic
1961-62 D. N. MacKenzie, Kurdish Dialect Studies I–II (Oxford UP) Standard-Referenz Kurmancî/Soranî-Klassifikation, definierende Isoglossen
1998 L. Paul, “The Position of Zazaki among West Iranian Languages” Zazakî/Goranî als nicht-kurdisch
1979 J. Blau, Manuel de Kurde (Kurmandji) franz. Kurmancî-Manual
1994 P.G. Kreyenbroek, Yezidism: Its Background, Observances, Textual Tradition Standardwerk Êzîdîtum (Religion + Texte)
1995 M. Lewis, Yezidi Bibliography Forschungsstand
1995 D.N. MacKenzie, “Kurdish (linguistic survey)”, in Encyclopaedia Iranica Klassifikation
2000 G. Asatrian, The Religion of the Peacock Angel Êzîdî-Religion linguistisch
2003 M. L. Chyet, Kurdish-English Dictionary (Yale UP) umfassendstes wissensch. Wörterbuch
2003 A. Korn, Materials for a Sketch of Balochi Historical Phonology Verortung Zazakî/Goranî nahe kaspisch
2005 C. Allison, The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan Sheikhan-Êzdîkî-Korpus
2006 W. M. Thackston, Kurmanji Kurdish: A Reference Grammar with Selected Readings Harvard-Grammatik (Englisch, sehr verbreitet)
2008 P. G. Kreyenbroek + K. Jindy Rashow, God and Sheikh Adi are Perfect sakrale Êzîdî-Texte ediert + übersetzt
2009 G. Asatrian, “Prolegomena to the Study of the Kurds”, Iran & Caucasus 13/1 klärende Stellung Êzdîkî
2010 M. P. Lewis & G. F. Simons, “Assessing Endangerment: Expanding Fishman’s GIDS” Bedrohungs-Skala (für Êzdîkî angewandt)
2011 G. Asatrian & V. Arakelova, “Construction of Kurdish and Yezidi Identities … Armenia” Êzdîkî-Bezeichnung, Identitätsfrage
2014 E. Öpengin & G. Haig, “Regional Variation in Kurmanji: A Preliminary Classification of Dialects”, Kurdish Studies 2/2 Kurmancî-Dialektkontinuum
2010 E. Spät, Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition Bahzani-Bashiqa-Korpus
2011 Kh. Omarkhali, Yezidi religious lyric songs (Kovars) Êzîdî-Hymnen
2014 M. Schmidinger, Die Yezidi: eine Religion zwischen Islam, Christentum… Religion + Sprache (Deutsch)
2014 C. Allison, Êzîdî nach IS-Genozid: Bedrohungslage Sprache (Workshop Paris)
2016 P. G. Kreyenbroek + Kh. Omarkhali, Yezidism: Religion, Mythology, Texts Synthese-Werk
2017 Kh. Omarkhali, The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written Sakralkorpus, Verschriftlichung (Harrassowitz, open access Göttingen)
2017 Y. Matras, Revisiting Kurdish Dialect Geography (Manchester Database) “Great Divide” Kurmancî/Soranî, Isoglossen-Karten
2018 G. Haig & E. Öpengin (Hg.), Kurdish Dialectology / The Languages and Linguistics of W. Asia Fünf-Gruppen-Modell des Kurdischen
2017 E. Spät, Yezidi Identity Politics and Political Ambitions identitätspolitisch
2018 S. Düchting, Hamburg-Êzîdî-Studien Diaspora-Soziolinguistik
2019 A. M. Pirbari + Kh. Omarkhali (Hg.), Êzîdî-Sammelbände Yerevan armen. Êzîdî-Forschung
2020 A. Hessenmüller, Hannover-Êzdîkî Soziolinguistik Diaspora-Generationswechsel
2021 S. Düchting, Êzîdî in Deutschland – Sprache + Identität (Hamburg-Diss.)
2023 Kh. Omarkhali (Hg.), Aktualisierte Bibliographie Êzîdî
2024 Yerevan-Schule (Asatrian/Arakelova/Pirbari), Êzîdî post-Genozid aktuelle Lage

8.2 Wichtige Forschungs-Institute

  • SOAS (London), Kreyenbroek, Allison
  • Universität Göttingen: Omarkhali (vorher Berlin/HU)
  • Universität Hamburg: Düchting, Schmidinger (extern)
  • Caucasian Centre for Iranian Studies, Yerevan: Asatrian, Arakelova, Pirbari
  • Yale University Press: Chyet-Wörterbuch
  • Harvard University, NELC: Thackston
  • Universität Tübingen: Spät
  • Institut Kurde de Paris: Blau, Lescot-Erbe
  • Êzîdî-Akademie Hannover: Diaspora-Forschung

8.3 Open Access / Digitale Korpora

  • Êzîdî Religious Textual Database (Omarkhali, online seit 2018, mit Audio-Aufnahmen)
  • Lalish Notable Texts Project (Kreyenbroek-Erbe, SOAS)
  • TITUS Projekt Frankfurt: Kurmancî-Texte digitalisiert
  • Êzdîkî-Wikipedia (auf Kurmancî-Wiki integriert, kein eigener Wiki-Domain)
  • Kurdish Language Diversity Project (online corpus)

8.4 Aktuelle Forschungsfragen

  1. ISO-639-Eigenkode für Êzdîkî: politisch beantragt, akademisch umstritten (Klassifikation als Kurmancî-Varietät vs. ausgegliederte Sprache)
  2. Sakrales Lexikon als Markersystem: wie viele exklusive Sakralbegriffe gibt es wirklich? Omarkhali zählt ~250-300 Sakralbegriffe, die Êzîdî-exklusiv sind.
  3. Sprach-Verlust Diaspora Gen 3: empirische Studien Düchting, Hessenmüller zeigen, dass Êzdîkî bei in DE/SE/USA geborenen Êzîdî-Jugendlichen massiv schwindet
  4. Genozid-Folgen für Sinjar-Êzdîkî: viele Sprecher verloren oder traumatisiert, mündliche Tradition durchgebrochen
  5. Digitales Êzdîkî: Tastatur-Layouts, Unicode-Issues bei ejektiven/pharyngalen Buchstaben

8.5 Soziolinguistik I: Êzdîkî als Sakralsprache der Qewl

Das Êzîdîtum ist eine primär oral tradierte Religion: ihr Kern sind die Qewl (Hymnen), Beyt (Strophen) und Dua (Gebete), die von erblichen Rezitatoren (qewwal) vorgetragen werden. Sie sind in Nord-Kurdisch (Kurmancî) komponiert (Encyclopaedia Iranica, “Qawl”; Kreyenbroek 1995). Sprachlich relevant ist, dass die Qewl ein eigenes Sakralregister bilden:

  • Archaisch-elevierte Lautung & Lexik: Qewl bewahren ältere Formen und das exklusive Sakrallexikon (5.6); für Reim und Metrum werden vertraute Wörter “verbogen”, weshalb selbst die wörtliche Bedeutung mancher Verse dunkel bleibt (Kreyenbroek 1995; Allison 2001).
  • Konservierungsfunktion: Als auswendig tradierter, ritueller Text wirkt das Korpus sprachkonservierend, es hält phonetische Konservatismen (Pharyngale, gerollte Liquide) länger lebendig als die Alltagssprache.
  • Verschriftlichungs-Wende: Khanna Omarkhali (The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written, Harrassowitz 2017) dokumentiert den Übergang vom rein mündlichen zum schriftlich fixierten Korpus und schätzt das êzîdî-exklusive Sakrallexikon auf mehrere hundert Begriffe.

Vertiefung zu Hymnen, Rezitation und Edition: Qewl-Tradition; die religiöse Einbettung: Religion.

8.6 Soziolinguistik II: Diaspora-Sprachwandel & Bedrohungsstatus

Der Erhalt des Êzdîkî hängt nach dem in der Sprachgefährdungsforschung etablierten Kriterium (Fishmans GIDS / UNESCO-Atlas; Lewis & Simons 2010, “Assessing endangerment: Expanding Fishman’s GIDS”) entscheidend an der intergenerationellen Weitergabe. Befunde:

  • Heimatregionen (Irak): noch lebendige Weitergabe, aber durch den Genozid 2014 (Ferman) und die Vertreibung aus Sinjar strukturell gestört: Verlust von Trägern der mündlichen Tradition, unterbrochene Sozialisation in Lagern und Diaspora. Vertiefung: Genozid 2014.
  • Diaspora (DE/SE/USA): Studien zur kurmancî-/êzdîkî-sprachigen Diaspora (Hassanpour u. a. zur Kurmancî-Sprachplanung im Exil; Düchting, Hamburg 2021; Hessenmüller, Hannover 2020) zeigen das typische Drei-Generationen-Muster des Sprachwechsels: Gen 1 dominant Êzdîkî, Gen 2 bilingual, Gen 3 oft nur passiv kompetent, mit Deutsch/Schwedisch/Englisch als L1. In Deutschland leben rund 200.000–250.000 Êzîden (Diaspora-Kanon dieser Wiki); aktiv-êzdîkî-sprachig ist davon nur ein Teil, mit fallender Tendenz in der dritten Generation. Vertiefung: Identität & Ethnogenese.
  • Kaukasus (Armenien/Georgien): Aparan-/Tbilisi-Êzdîkî gelten als definitiv bis stark bedroht (kleine, alternde Sprecherzahl, Abwanderung, Konkurrenz Russisch/Armenisch/Georgisch).

Gegenläufige Faktoren (Revitalisierung): das nach 2014 gestiegene Identitätsbewusstsein, Diaspora-Sprachschulen (seit 2014/15, vgl. 9.2), digitale Korpora und Medien (9.3) sowie wachsendes akademisches Interesse (Omarkhali, Allison, Düchting). Eine fehlende ISO-639-Eigenanerkennung bleibt ein Sichtbarkeitsproblem (siehe 1.3, 8.4).

Hypothese (markiert): Ob die digitalen/schulischen Revitalisierungsmaßnahmen den Gen-3-Sprachverlust in der Diaspora kompensieren können, ist empirisch noch offen, Längsschnittdaten fehlen bislang.


9. ÊZDÎKÎ-ATLAS HEUTE

9.1 Sprecher-Geographie (Schätzungen 2024)

Region Êzîdî gesamt Êzdîkî aktiv Schrift
Irak (Sinjar + Sheikhan) ~400-500k ~350-400k Hawar + Arabic-Sorani
Syrien (Afrin + Aleppo) ~30k ~20k Hawar
Türkei (Rest, Tur Abdin) ~5-10k ~3-5k Hawar
Armenien (Aparan, Yerevan) ~35-50k ~25-35k Cindî-Cyrillic + Hawar
Georgien (Tbilisi) ~6-10k ~3-5k Cindî-Cyrillic + Hawar
Russland (Krasnodar, Stavropol) ~30-50k ~25-35k Cindî-Cyrillic
Deutschland (NDS, NRW) ~200-250k ~140-175k Hawar
Schweden (Göteborg) ~5-7k ~3-4k Hawar
USA (Lincoln/Nebraska) ~5-8k ~3-5k Hawar
AUS, CAN, NL, BEL, AT ~10-15k ~5-8k Hawar
GESAMT ~700k-1.0M ~550-800k

Schätzungen schwanken stark, weil:

  • Êzîdî-Identität nicht immer = Sprecher-Identität (Diaspora-Gen2/3 oft passiv)
  • Zensus-Daten teils unverlässlich (Türkei zählt Êzîdî nicht extra, Irak keine Volkszählung 2014ff)
  • Genozid 2014 demographische Brüche

9.2 Êzdîkî-Sprachschulen / -Bildung

Stadt Institution Status
Hannover (DE) Êzîdî-Akademie + Êzîdî-Kulturzentrum aktiv seit 2014
Bielefeld (DE) Êzîdî-Frauenrat + Sprachkurse aktiv
Celle (DE) Êzîdî-Gemeinde Kurse aktiv
Göteborg (SE) Êzîdî-Föreningen, Saturday school aktiv
Lincoln/Nebraska Yezda + lokale Gemeinde Schulkurse aktiv
Yerevan Êzîdî-Sprachunterricht in armen. Schulen (KMR-Klassen) offiziell seit 1990er
Tbilisi Êzîdî-Sonntagsschule aktiv klein
Dohuk (Irak) Êzîdî-Schulen + Kurmancî Hauptunterricht (KRG) aktiv
Sinjar (Irak) post-Genozid Wiederaufbau, einige Schulen fragil
Online (global) Êzîdî-Akademie online, YouTube-Kanäle aktiv

9.3 Mediennutzung

  • TV: ÊzîdîXAN TV (Dohuk), Sterka TV, Lalish Media Center
  • Radio: Radio Lalish, Êzîdî-Radio Hannover
  • Online: viele YouTube-Kanäle für Qewl-Rezitation, Êzîdî-Folklore
  • Print: Lalish-Zeitschrift, Êzdîxan-Verlag Hannover (Bücher in Êzdîkî + Deutsch)

9.4 Bedrohungs-Index (UNESCO-Atlas-Logik)

Êzdîkî gilt nach UNESCO-Kriterien als:

  • Verwundbar (vulnerable), im Irak/Diaspora Gen 1-2
  • Definitiv bedroht (definitely endangered), Diaspora Gen 3, Aparan/Tbilisi-Variants
  • Stark bedroht (severely endangered), Tbilisi-Êzîdîkî isoliert, Aparan-Cindî in jungen Generationen

Faktoren:

  1. Diaspora-Integration (Deutsch/Englisch/Schwedisch L1)
  2. Schulpflicht Mehrheitssprache
  3. Genozidfolgen Sinjar (Sprecher-Verlust, Sprachunterbrechung)
  4. Politische Spaltung Hawar vs Cindî
  5. Fehlende ISO-639-Anerkennung (Sichtbarkeitsproblem)

Gegen-Faktoren:

  1. Êzîdî-Bewusstsein nach 2014 stark gestiegen
  2. Diaspora-Sprachschulen entstanden seit 2014
  3. Online-Korpora + digitale Tools
  4. Akademisches Interesse (Omarkhali, Allison, Düchting)

ANHANG A: GLOSSAR LINGUISTISCHER TERMINI (DE-KMR-DE)

Deutsch Êzdîkî / Kurmancî Anmerkung
Sprache ziman / zimanê (m, sg)
Wort peyv / xeber
Satz hevok / cumle hevok = modern, cumle = ar.
Grammatik rêziman rê + ziman
Phonologie dengnasî deng = Laut, -nasî = -kunde
Morphologie peyvsazî peyv-sazî
Syntax hevoksazî hevok-sazî
Semantik wateçandinî / wate wate = Bedeutung
Dialekt zarava
Wörterbuch ferheng aus pers.
Buchstabe herf / tîp herf = arab.; tîp = pers.
Alphabet alfabe / elîfba aus arab.
Aussprache bilêvkirin
Verb lêker
Substantiv navdêr
Adjektiv rengdêr rengdêr = farb-täter
Adverb hoker
Präposition daçek
Pronomen cînav cî + nav (Stellvertreter)
Numerus hejmar
Genus zayend (m=nêr, f=mê)
Kasus rewş / halet rewş = mod.; halet = arab.

ANHANG B: ZITIERHINWEIS

Bei Verwendung dieser Synthese zitieren als:

ezdixan.de Linguistik-Tiefenscan (2026): Êzdîkî als Kurmancî-Varietät, Phonologie, Morphologie, Syntax, Dialekt-Atlas, Schriftsysteme. Synthese aus Kreyenbroek, Asatrian, Chyet, Thackston, Omarkhali u.a. Online: ezdixan.de/linguistik/

Primärquellen für tiefere Recherche (Empfehlung):

  • Thackston (2006) für Grammatik-Referenz
  • Chyet (2003) für Lexikon
  • Omarkhali (2017) für Textuelle Tradition
  • Asatrian/Arakelova (2009/2011) für Identitäts-/Sprache-Schnittstelle
  • Kreyenbroek/Rashow (2008) für sakrale Texte
  • Öpengin/Haig (2014), Matras (2017) für Dialektklassifikation

Online-Quellen (geprüft, Stand 06/2026)

Hinweis: Wikipedia dient hier nur als Einstiegs-/Überblicksquelle; maßgeblich sind die darin zitierten Primärwerke (MacKenzie, Haig/Öpengin, Paul).


Siehe auch: Grammatik mit kompletten Konjugations- und Deklinationstabellen, Glossar für Vokabeln, Alphabet-Historie zu den Schriftsystemen, Qewl-Tradition zur Sakralsprache sowie Identität & Ethnogenese und Religion.

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