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Gebet und religiöse Alltagspraxis im Êzîdîtum

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Dieser Artikel behandelt die gelebte Frömmigkeit der Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden), das tägliche Gebet, die kleinen Riten des Alltags und den frommen Rhythmus von Woche und Jahr. Während Religion und Tawûsî Melek die theologischen Grundlagen darstellen, geht es hier um die Praxis: Wann, wie und in welche Richtung gebetet wird; welche Gesten, Waschungen und Gegenstände dazugehören; und wie sich Frömmigkeit im Haus, im Tagesablauf und im Jahreskreis äußert.

Eine wichtige Vorbemerkung: Das êzîdîsche Religionssystem ist mündlich geprägt und regional vielgestaltig. Die Zahl der täglichen Gebete, ihre Namen und der Grad ihrer Verbindlichkeit unterscheiden sich zwischen Quellen, Regionen und Familien erheblich. Dieser Artikel attribuiert daher konsequent, wo die Angaben streuen, statt eine einzige „richtige" Version zu behaupten.

Schreibweise-Hinweis: Wir verwenden die kurmancî-lateinische Form Êzîdî/Êzîden (nicht „jesidisch", außer in direkten Zitaten), Xwedê für Gott und Tawûsî Melek für den obersten heiligen Engel, niemals mit dem „Teufel" gleichgesetzt (siehe Tawûsî Melek). Eigennamen und Gebetsnamen stehen in kurmancî-lateinischer Schreibung.


Das Gebet im Êzîdîtum: Grundzüge

Anders als in den großen Schriftreligionen gibt es im Êzîdîtum keinen verbindlichen Gebetstext, der für alle Gläubigen wörtlich festgelegt wäre, und das tägliche Beten ist nicht in gleicher Weise einklagbare Pflicht wie etwa das islamische Pflichtgebet. Die Frömmigkeit ist stärker individuell, häuslich und an die Sonnen- und Lichtsymbolik gebunden. Beten heißt für viele Êzîden vor allem: sich der aufgehenden Sonne zuwenden, eine kurze Anrufung sprechen und das Heilige im Alltag berühren.

Gebetet wird in der Religionssprache Kurmancî (Nordkurdisch), derselben Sprache, in der auch die heiligen Hymnen (Qewl) tradiert werden (siehe Qewl-Tradition). Die religiöse Sprache ist damit eng mit der ethnischen Identität verflochten; ein Gebet in einer anderen Sprache gilt vielen nicht als vollwertig.

Das Gebet ist an Tawûsî Melek und an das göttliche Licht der Sonne (kurdisch Şems, verbunden mit der heiligen Gestalt Şêx Şems) gerichtet, das als sichtbare Erscheinung des Göttlichen verehrt wird. Letztlich gilt alles Gebet Xwedê, dem einen Gott, dessen Schöpfung und Verwaltung der Welt jedoch durch die heiligen Wesen geschieht.


Die täglichen Gebete: Zahl, Zeiten und Namen

Über die Zahl der täglichen Gebete besteht in der Überlieferung keine Einigkeit. Die am weitesten verbreitete Darstellung kennt fünf Gebetszeiten, von denen im gelebten Alltag meist nur zwei oder drei tatsächlich verrichtet werden.

Fünf Gebete (ideale Form)

In einer geläufigen Aufzählung lauten die fünf täglichen Gebete (kurmancî nivêj):

  • Nivêja berîspêdê: das Gebet in der Dämmerung vor Tagesanbruch
  • Nivêja rojhilatinê: das Gebet zum Sonnenaufgang
  • Nivêja nîvro: das Mittagsgebet
  • Nivêja êvarî: das Nachmittags-/Abendgebet
  • Nivêja rojavabûnê: das Gebet zum Sonnenuntergang

Andere Quellen führen die Gebete unter der Bezeichnung Dua („Bittgebet, Anrufung") und mit teils abweichender Zählung an, etwa: Dua Fecrê (Morgendämmerung), Dua Sibê (Morgen), Dua Nîvro (Mittag), Dua Êvarê (Abend) und ein Gebet vor dem Schlafengehen (Dua Ser Belgî, auch als Glaubensbekenntnis Şehda Dînî verstanden). Welche Namen und welche Zahl gelten, hängt von der jeweiligen lokalen Tradition ab, manche Gemeinschaften sprechen von drei oder vier üblichen Gebeten.

Die gelebte Praxis: Morgen- und Abendgebet

In der Realität sind für die meisten Êzîden vor allem zwei Gebete prägend: das Morgengebet zum Sonnenaufgang und das Abendgebet zum Sonnenuntergang. Diese beiden Schwellen des Tages, das Erscheinen und das Verschwinden des Lichts, sind die zentralen Momente êzîdîscher Alltagsfrömmigkeit. Das Abendgebet (Dua Êvarê, in der Sindjar-/Diaspora-Aussprache auch Dowa Evare) wird dabei häufig allein und an einem zurückgezogenen Ort gesprochen; es ist ein Gebet des Dankes, bei dem sich die betende Person der untergehenden Sonne zuwendet.

Die übrigen Gebetszeiten gelten als verdienstvoll, aber nicht im gleichen Maße üblich. Insgesamt ist die Häufigkeit des Betens stark von der persönlichen Frömmigkeit, vom Alter und von der Nähe zu den religiösen Würdenträgern abhängig.


Ausrichtung zur Sonne

Das auffälligste Merkmal der êzîdîschen Gebetspraxis ist die Ausrichtung zur Sonne. Die betende Person wendet ihr Gesicht beim Morgengebet der aufgehenden Sonne im Osten zu, beim Abendgebet der untergehenden Sonne im Westen. Die Sonne gilt als sichtbares Zeichen des göttlichen Lichts; ihre Verehrung steht im Zentrum der praktischen Frömmigkeit, ohne dass die Êzîden „Sonnenanbeter" im Sinne einer eigenständigen Gottheit wären, die Sonne ist Erscheinung und Hinweis, nicht selbst Gott.

Nach verbreiteter Überlieferung lehrte Tawûsî Melek den ersten Menschen, sich beim Gebet der Sonne zuzuwenden. Damit verbindet sich das tägliche Gebet mit dem Schöpfungsmythos (siehe Religion): Wer betet, wiederholt eine Geste, die bis zum Anbeginn der Menschheit zurückreicht.

Eine wichtige Differenzierung betrifft das Mittagsgebet: Wer es verrichtet, wendet sich nicht der Sonne im Zenit zu, sondern der Richtung des Heiligtums Lalîş (siehe Lalîş). Lalîş ist damit so etwas wie die Qibla der Êzîden, der irdische geografische Bezugspunkt, der die kosmische Lichtverehrung an einen konkreten Ort bindet. Auch das Sonnengebet selbst wird gedanklich auf Lalîş bezogen, da dort nach êzîdîscher Vorstellung die Schöpfung ihren Anfang nahm.


Waschungen und Reinheit vor dem Gebet

Dem Gebet geht idealerweise eine rituelle Reinigung voraus. Die betende Person wäscht sich Hände und Gesicht, ehe sie sich der Sonne zuwendet. Reinheit (paqijî) ist im Êzîdîtum kein bloß hygienischer, sondern ein religiöser Wert: Wer mit dem Heiligen in Berührung tritt, sei es im Gebet, beim Besuch eines Schreins oder beim Umgang mit geweihten Gegenständen –, soll rein sein.

Die Gebetsreinheit ist Teil eines umfassenderen Systems von Reinheits- und Speisevorschriften, das den Alltag prägt (ausführlich unter Reinheit & Tabus). Wasser spielt dabei eine herausgehobene Rolle; das heiligste Wasser entspringt in Lalîş (Kaniya Sipî, Zimzim) und wird in geweihter Form bis in die Diaspora gebracht.


Gebetsformeln: Anrufung, Glaubensbekenntnis und freies Bittgebet

Da das Êzîdîtum keinen für alle verbindlichen, wörtlich fixierten Gebetstext kennt (siehe oben), besteht das tägliche Gebet aus einer Mischung von frei formulierter Anrufung und einigen wiederkehrenden festen Wendungen, die mündlich tradiert werden. Im Folgenden einige in der Literatur dokumentierte Formeln, jeweils mit dem Hinweis, dass Wortlaut und Reihenfolge regional und familiär stark variieren.

Die Eröffnungs-Anrufung Xwedê

Viele Gebete beginnen mit einer Lobpreisung Gottes (Xwedê) als Schöpfer und Allmächtigem. Eine in der gelebten Praxis überlieferte Eröffnung lautet sinngemäß: „O Herr, du bist der Allmächtige, du bist mein Schöpfer, dir gebühren Lob und Preis; du bist rein und ohne Fehl; du hast tausendundein Namen, und der Name Xwedê (Gott) ist der liebste." Daran schließt sich die Anrufung Gottes als des Ewigen, des Schöpfers von Erde und Himmel und der Quelle allen Trostes an. Charakteristisch ist, dass die betende Person das eigentliche Bittgebet anschließend frei formuliert und in eigene Worte fasst.

Die Fürbitte für die „72 Völker"

Ein wiederkehrendes Motiv êzîdîscher Gebete ist, dass die betende Person nicht nur für die eigene Gemeinschaft, sondern zuerst für alle Menschen bittet. Eine verbreitete Wendung lautet sinngemäß: „Gott, schütze zuerst die 72 Völker und dann uns." Diese Formel verbindet das persönliche Gebet mit der êzîdîschen Vorstellung von den „72 Völkern" (heftê û du milet) der Menschheit; sie drückt aus, dass die Fürbitte universal gemeint ist und die eigene Gemeinschaft an letzter Stelle steht.

Das Glaubensbekenntnis (Şehdetiya Dîn)

Die dem Wortlaut nach am festesten überlieferte Formel ist das êzîdîsche Glaubensbekenntnis, kurmancî Şehdetiya Dîn (auch Şehde Dîn / Şehda Dînî, „Bezeugung des Glaubens"). Es gehört zu den eigenständigen Gattungen der heiligen Texte (siehe Qewl-Tradition) und wird unter anderem als nächtliches Gebet vor dem Schlafengehen (Dua Ser Belgî) gesprochen. In seiner bekanntesten Form benennt es die heilige Trias der êzîdîschen Frömmigkeit:

„Sultan Şêx Adî ist mein König, Sultan Êzîd ist mein König, Tawûsî Melek ist das Zeichen [meines Glaubens] und mein Glaube."

Damit ruft das Bekenntnis die drei zentralen heiligen Gestalten an: Şêx Adî (Adî ibn Musafir, ca. 1072/78–1162, der als Erscheinung des Tawûsî Melek verehrte Reformer), Sultan Êzîd und vor allem Tawûsî Melek, den obersten der sieben heiligen Engel (niemals mit dem „Teufel" gleichzusetzen; siehe Tawûsî Melek). Theologisch bleibt dabei festgehalten, dass aller Glaube letztlich dem einen Gott (Xwedê) gilt, dessen Wirken in der Welt durch die heiligen Wesen geschieht. Die Selbstbezeichnung der Êzîden als Miletê Tawûsî Melek („Volk des Tawûsî Melek") spiegelt dieselbe Bindung wider.

Die Şehdetiya Dîn ist in der Forschung als eigene Textgattung der êzîdîschen mündlichen Überlieferung dokumentiert (Khanna Omarkhali, The Yezidi Religious Textual Tradition, 2017); der Wortlaut des Bekenntnisses („Şêx Adî ist mein König …") findet sich u. a. in der Encyclopaedia Iranica und in der religionswissenschaftlichen Literatur. Wie bei allen mündlich tradierten Texten existieren mehrere Varianten.


Gesten und kleine Riten des Alltags

Neben dem eigentlichen Wortgebet bestehen zahlreiche körperliche Gesten der Frömmigkeit, die den Alltag durchziehen:

  • Armhaltung beim Gebet: Viele Êzîden kreuzen während des Gebets die Arme vor dem Körper und heben das Gesicht zur Sonne. Das Gebet wird meist im Stehen verrichtet.
  • Küssen der Gewandsäume: Zum Abschluss des Gebets wird oft der Saum des eigenen Gewandes (oder ein Halsband, ein Knotentuch) geküsst, eine Geste der Demut und der Berührung des Heiligen.
  • Küssen von Schwellen und heiligen Orten: Das Küssen der Türschwellen an Schreinen und am Heiligtum Lalîş ist ein zentraler Ritus der Frömmigkeit. Die Pilger knien an den Toren nieder und küssen die Schwellen, ohne sie zu betreten, Schwellen heiliger Räume dürfen nicht mit dem Fuß berührt werden. Auch heilige Steine, Säulen und die bunten Knotentücher der Schreine werden geküsst und berührt. Diese Gesten machen die Heiligkeit körperlich erfahrbar und sind, anders als das gesprochene Gebet, allen zugänglich.

Der Berat: heilige Kügelchen aus Lalîş-Erde

Ein besonderer Gegenstand der täglichen Frömmigkeit ist der Berat (auch berat, „Segen, Erlaubnis"): ein kleines, meist perlförmiges, weißliches Kügelchen aus der heiligen Erde des Tals von Lalîş, das mit geweihtem Wasser, aus der Weißen Quelle (Kaniya Sipî) oder der Quelle Zimzim, vermengt und geformt wird.

Viele Êzîden tragen einen oder mehrere Berat bei sich: in der Tasche, an einer Schnur um den Hals oder im Haus aufbewahrt. Der Berat ist ein physisches Zeugnis der Verbindung mit dem heiligsten Ort der Erde und zugleich ein Stück Lalîš, das man überallhin mitnehmen kann. Im Gebet und in Lebenskrisen wird er berührt, geküsst oder in die Hand genommen; er begleitet bei Heirat, Pilgerfahrt und Tod. Gerade in der Diaspora, fern vom Heiligtum, gewinnt der Berat als tragbares Stück Heimat und Heiligkeit zusätzliche Bedeutung.

Die Herstellung und Verteilung der Berat ist an Lalîş und an die dortigen religiösen Würdenträger gebunden; die Kügelchen werden von Pilgern mitgenommen und in der Gemeinschaft weitergegeben.

Wissenschaftlich aufgearbeitet wurde der Berat u. a. in der Studie „The blessed handful of light: genesis and message of the Yezidi berat" (British Journal of Middle Eastern Studies, 2022), die seine Verbindung zur êzîdîschen Schöpfungsvorstellung, Lalîš als zuerst geschaffener, vom Himmel herabgesenkter Ort, herausarbeitet.


Der wöchentliche Rhythmus: Mittwoch heilig, Samstag Ruhetag

Auch die Woche ist religiös strukturiert:

Mittwoch: der heilige Tag

Der Mittwoch (kurmancî Çarşem) ist der heiligste Wochentag der Êzîden. Er gilt als Tag, an dem nach êzîdîscher Überlieferung die Schöpfung der Welt zu einem Abschluss kam und Tawûsî Melek zum Herrscher über die Erde eingesetzt wurde, der Tag, an dem das Leben auf der Erde begann und die Erde in Lalîş Gestalt annahm. Der Mittwoch ist deshalb ein Tag besonderer Verehrung; das große Neujahrsfest Çarşema Sor („Roter Mittwoch", siehe Festkalender) fällt bewusst auf einen Mittwoch im Frühjahr.

Die religiöse Aufladung des Mittwochs ist auch Gegenstand wissenschaftlicher Deutung geworden, so verbindet eine Studie den êzîdîschen Mittwoch und die Verehrung von Sonne, Mond und den ihnen zugeordneten Engeln mit altiranischen und pythagoreischen Vorstellungen von der Ordnung der Himmelskörper.

Samstag: der Ruhetag

Der Samstag (kurmancî Şemî) gilt traditionell als Ruhetag, an dem bestimmte Arbeiten und Tätigkeiten unterbleiben sollen. Damit besitzt das Êzîdîtum, wie andere Religionen der Region, einen eigenen wöchentlichen Ruherhythmus, der den Alltag der Gläubigen mitstrukturiert.


Die Fastenzeiten

Das Fasten (kurmancî rojî) gehört zu den verbindlichsten Elementen der gelebten Frömmigkeit und ist eng mit dem Festkalender verzahnt (siehe Festkalender).

Das Dezember-Fasten (Çileyê Êzî / Rojiyên Êzî)

Das wichtigste Fasten aller Êzîden ist das drei Tage dauernde Dezember-Fasten zu Ehren von Êzî (einer heiligen Gestalt, die mit Sultan Êzîd verbunden ist). Es fällt in den Dezember und beginnt nach verbreiteter Regel in der Mitte des Monats (häufig genannt: nicht vor dem 13. Dezember), traditionell von Dienstag bis Donnerstag. Gefastet wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang: tagsüber wird auf Essen, Trinken und Tabak verzichtet; die Nächte sind dem gemeinsamen Mahl und dem Gebet vorbehalten. Familien essen vor der Morgendämmerung ein kräftiges Frühstück und brechen das Fasten am Abend mit einem festlichen Mahl, zu dem oft Nachbarn und Freunde eingeladen werden.

Diese drei Tage gelten als Pflicht für jeden Êzîden: ausgenommen sind nach gängiger Darstellung Kinder, Kranke und Alte. Das Fasten wird nicht nur als körperlicher Verzicht verstanden: Man soll auch „mit Herz und Verstand fasten", also Mitgefühl, Dankbarkeit und Achtsamkeit über Worte und Gedanken üben und für die Gemeinschaft beten.

Am Ende des Fastens steht das Fest des Êzî (Eda Rojiyê Êzî / Eida Rojiyê), an dem man sich mit dem Gruß „Eida te pîroz be" („Frohes Fest!") begegnet.

Dem dreitägigen Pflichtfasten gehen in manchen Traditionen freiwillige Fastentage in den vorangehenden Wochen voraus (etwa Rojiyên Şêşims und Rojiyên Xwedan), die als zusätzliches frommes Werk gelten.

Das Vierzig-Tage-Fasten der Geistlichkeit (Çile)

Über das allgemeine Fasten hinaus kennen die Êzîden ein vierzigtägiges Fasten (Çile), das als religiöse Pflicht ausschließlich der Geistlichkeit: insbesondere dem Babê Şêx und den Feqîr sowie weiteren Würdenträgern, obliegt. Es gibt ein Winter-Çile (etwa von Ende Dezember bis Ende Januar/Anfang Februar, in der kältesten Zeit des Jahres) und ein entsprechendes Sommer-Çile. Den Abschluss des Winterfastens bildet das Fest der Vierzig Tage (Cejna Çilê) Anfang Februar. Diese asketische Disziplin der religiösen Spezialisten unterscheidet sich deutlich vom kurzen Pflichtfasten der Laien.


Häusliche Frömmigkeit und Hausaltar

Ein großer Teil der êzîdîschen Religiosität spielt sich im Haus ab. Neben dem persönlichen Morgen- und Abendgebet pflegen Familien häusliche Andacht: das Aufbewahren und Berühren des Berat, das Entzünden von Lichtern und Dochten (das Licht als Erscheinung des Göttlichen), das Anbringen heiliger Knotentücher und das Bewahren von Erde, Wasser oder Gegenständen aus Lalîš.

Manche Häuser besitzen eine kleine heilige Ecke oder Nische mit geweihten Gegenständen, eine Form von „Hausaltar", an der die Familie ihre Andacht verrichtet. Auch das Fest Batizmî und andere Familienzeremonien werden im häuslichen Rahmen begangen. Diese häusliche Frömmigkeit ist es, die das Êzîdîtum über Generationen und über die weite Streuung der Diaspora hinweg lebendig hält, gerade dort, wo Schreine und Heiligtümer fehlen.


Die Rolle von Şêx, Pîr und Hosta

Die gelebte Frömmigkeit ist eng an die Kastenordnung der êzîdîschen Gesellschaft gebunden (ausführlich unter Gesellschaftsordnung). Jede Laienfamilie der Mirîd ist mit bestimmten religiösen Würdenträgern verbunden, die ihre geistliche Begleitung übernehmen:

  • Şêx (Scheich) und Pîr sind die beiden religiösen „Kasten", denen jede Laienfamilie zugeordnet ist. Der zuständige Şêx und Pîr begleiten die Familie bei den Übergängen des Lebens, Taufe, Heirat, Tod (siehe Traditionen), und bei religiösen Anliegen. Ihnen gegenüber besteht eine Verpflichtung zu Respekt und Abgaben.
  • Der Hosta (auch Mamosta, „Lehrer/Meister") ist der religiöse Lehrmeister, der die Glaubensinhalte, Gebete und das rechte Verhalten vermittelt. Da das Wissen mündlich weitergegeben wird, kommt diesen Lehrern eine Schlüsselrolle bei der Bewahrung der Tradition zu.
  • Spezialisierte Gruppen wie die Feqîr (asketische Fromme) und die Qewal (die Vortragenden der heiligen Hymnen) tragen die anspruchsvollsten religiösen Pflichten, etwa das vierzigtägige Fasten oder den rituellen Vortrag der Qewl (siehe Qewl-Tradition).

Für die alltägliche Frömmigkeit der Laien bedeutet dies: Das individuelle Sonnengebet kann jede und jeder verrichten, aber die religiöse Autorität, das Wissen und die feierlichen Riten liegen bei den geistlichen Kasten. Die enge persönliche Bindung zwischen Laienfamilie und ihrem Şêx/Pîr ist eines der stabilsten Elemente der êzîdîschen Religionspraxis.


Verwandte Themen

  • Religion: Glaube, Kosmologie und Theologie der Êzîden
  • Tawûsî Melek: Tawûsî Melek, der oberste heilige Engel
  • Reinheit & Tabus: Reinheit, Speise- und Reinheitsgebote
  • Lalîş: das Heiligtum Lalîš, Quelle von Berat und Gebetsrichtung
  • Festkalender: der êzîdîsche Festkalender (Çarşema Sor, Cejna Cemaiyê, Fastenfeste)
  • Gesellschaftsordnung, Kastenordnung: Şêx, Pîr, Mirîd
  • Traditionen: Riten des Lebenslaufs (Taufe, Heirat, Tod)

Quellen

Wissenschaftliche Standardliteratur:

  • Philip G. Kreyenbroek: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Lewiston: Edwin Mellen Press, 1995.
  • Philip G. Kreyenbroek / Khalil Jindy Rashow: God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2005.
  • Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition, From Oral to Written. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017.
  • Eszter Spät: The Yezidis. London: Saqi Books, 2005.
  • Birgül Açıkyıldız: The Yazidis, The History of a Community, Culture and Religion. London: I.B. Tauris, 2010.
  • Artur Rodziewicz: „The blessed handful of light: genesis and message of the Yezidi berat." British Journal of Middle Eastern Studies 51 (2022), Nr. 1.
  • Artur Rodziewicz: „The Yezidi Wednesday and the Music of the Spheres." Iranian Studies 53 (2020), Nr. 1–2.

Online verifizierte Quellen (abgerufen Juni 2026):

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