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Sanjak (Senceq) und die Tawisgêran-Prozession

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Der Sanjak (kurmancî Senceq, auch Sancak, Sinjaq; daneben volkstümlich Tawis / Tawûs, „Pfau") ist das bedeutendste materielle Kultobjekt der Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden): ein gegossenes Pfauen-Standbild aus Bronze (bzw. Messing oder Kupfer) auf einem Leuchter- oder Lampenständer, das den höchsten Engel Tawûsî Melek sinnbildlich darstellt. Über Jahrhunderte wurden diese heiligen Figuren in einer rituellen Rundreise, der Tawisgêran („das Umhertragen des Pfaus", auch Tawûsgêran, Parading of the Peacock), von berufsmäßigen Hymnensängern (Qewwal) von Dorf zu Dorf getragen. Sie banden so die räumlich weit verstreute Gemeinschaft an das heilige Zentrum Lalîş und an die Autorität des religiös-weltlichen Oberhaupts, des Mîr.

Dieser Artikel behandelt die materielle Kultur des Êzîdîtums, ein Feld, das in der Literatur lange unterbelichtet blieb und erst durch die Arbeiten von Eszter Spät („Materializing Memory") und Birgül Açıkyıldız systematisch erschlossen wurde.

Wichtig vorweg: Der Pfau (tawûs) ist im Êzîdîtum ein heiliges Lichtsymbol für Tawûsî Melek, den treuen Statthalter des einen Gottes Xwedê. Er wird niemals als „Teufel", „Iblis" oder „Şeytan" verstanden, diese Gleichsetzung ist eine widerlegte Fremdverleumdung (siehe Tawûsî Melek). Auch der bronzene Sanjak ist kein „Götze" und keine angebetete Gottheit, sondern ein Sinnbild und Bindeglied zur transzendenten göttlichen Wirklichkeit.


1. Was ist ein Sanjak / Senceq?

Das Wort sancak (osmanisch-türkisch „Standarte, Banner, Feldzeichen", später auch eine Verwaltungseinheit) bezeichnet im êzîdîschen Kontext zugleich zwei verbundene Dinge:

  1. das bronzene Pfauen-Standbild selbst, eine vogelförmige Effigie, oft auf einem mehrstufigen Leuchter- oder Kerzenträger montiert;
  2. eine êzîdîsche Region bzw. einen Kultbezirk, dem ein solches Standbild zugeordnet war (siehe Abschnitt 2).

Der Tradition nach soll Tawûsî Melek die Figuren selbst „in seinem Bild als Pfau" aus Messing oder Kupfer geschaffen haben; eine andere Überlieferung lässt die Êzîden die sieben Sanjaks aus ihrer mythischen Urheimat mitbringen (Spät 2017; peacock-angel.org). Religionswissenschaftlich sind die erhaltenen Figuren gegossene Metallarbeiten von beträchtlichem Alter, deren genaue Datierung jedoch ungesichert bleibt.

Die bedeutendste und heiligste Figur trägt den Namen Anzal (auch Enzel, „der/die Uralte"). Sie ist dem zentralen Bezirk Şêxan und damit unmittelbar Lalîş zugeordnet und wird beim großen Herbstfest Cejna Cemaiyê den Pilgern gezeigt (Spät 2017; Kreyenbroek & Rashow 2005). (Zur Lesung „der Uralte"/„die Uralte" siehe auch den Eintrag in Mythologie + Symbolik.)

1.1 Materialität und Ikonographie

Die Sanjaks bestehen aus Bronze, Messing oder Kupfer. Charakteristisch ist die stilisierte Pfauengestalt, ein aufrecht stehender Vogel, häufig mit aufgefächertem oder gestrafftem Schweif –, montiert auf einem säulen- oder lampenartigen Sockel mit mehreren Ringen oder Scheiben. Beim rituellen Gebrauch wurde die Figur in kostbare Tücher gehüllt und nur teilweise enthüllt gezeigt. Die Pfauengestalt verweist auf dieselbe Lichtsymbolik wie das Federkleid des lebendigen Pfaus: göttliches Licht, Schönheit, Reinheit und die Fülle der Schöpfung (Açıkyıldız 2010; vgl. Êzîdî-Flagge + Symbole).

Die genaue ursprüngliche Form der Standbilder ist schwer zu rekonstruieren, weil nur wenige Figuren erhalten und der breiten Öffentlichkeit über Jahrhunderte gar nicht zugänglich sind. Frühe westliche Beschreibungen, etwa durch Austen Henry Layard im 19. Jahrhundert, trugen einerseits zur Bekanntheit, andererseits zur Verfestigung des falschen „Teufelsanbeter"-Etiketts bei (vgl. Fälschungen + Verleumdungen).


2. Die sieben Sanjaks und ihre Regionen

Der Tradition nach gab es ursprünglich sieben Sanjaks: entsprechend den sieben heiligen Engeln (Heft Sirr) und zugleich den sieben êzîdîschen Kultbezirken, die ebenfalls sancak genannt wurden. Diese Bezirke deckten das historische Siedlungsgebiet der Êzîden ab: von Şingal im Irak über Aleppo in Syrien bis nach Nordwest-Iran und in den Kaukasus (Spät 2017; Açıkyıldız 2010).

Die folgende Zuordnung fasst die in der Literatur und in êzîdîschen Quellen am häufigsten genannte Liste der sieben Standbilder und ihrer Gebiete zusammen. Hinweis zur Quellenlage: Schreibweisen, Zahl und Zuordnung schwanken zwischen den Quellen; einzelne Namen sind nicht durchgängig in der akademischen Literatur belegt, sondern stützen sich teils auf êzîdîsche Eigenangaben und Übersichtsdarstellungen. Die Tabelle ist daher als traditionelle Zuordnung mit Vorbehalt zu lesen.

Sanjak (Senceq) Zugeordnete Region Anmerkung
Tawisa Anzal / Enzel Şêxan (Sheikhan), mit Lalîş; tourte u. a. Tel Kêf, Duhok, Başîqa & Bahzanê heiligste Figur; beim Cejna Cemaiyê gezeigt
Tawisa Şingalê Şingal (Sinjar) und umliegende Dörfer Kerngebiet, Schauplatz des Genozids 2014
Tawisa Helebê Heleb / Aleppo und Afrîn (Syrien) „Aleppo-Pfau"
Tawisa Zozanê / Hekkarî historische Region Hakkârî / Zozan (Südost-Türkei) bergiges Sommerweide-Gebiet
Tawisa Welatê Xaltê Gebiet um Sêrt/Siirt, Xaltî-Stämme (Türkei) nach dem Stammesverband benannt
Tawisa Tewrêzê Tebrîz (Tabriz), Nordwest-Iran iranische Êzîden
Tawisa Misqofa Kaukasus (Armenien, Georgien, Russland) aus Tawisa Serhedê umbenannt nach der Auswanderung aus dem Serhed-Gebiet ins Russische Reich

Quellen für diese Liste: Übersichtsdarstellungen auf Basis von Açıkyıldız (2010) sowie êzîdîsche Quellen (ÊzîdîPress; ezidikhan.net; peacock-angel.org). Eine ältere, leicht abweichende Auflistung der „sieben Sanjak-Regionen" von 1911 nennt: Şêxan, Şingal, Aleppo, Khatta (Mardin/Diyarbakır), Zozan (Tigris/Batman/Şırnak), Haweri (Cizîr) und Moscow (Transkaukasien), die Verschiebungen zeigen, wie stark die Zuordnung von der jeweiligen Epoche und Quelle abhängt.


3. Die Tawisgêran: „das Umhertragen des Pfaus"

Die Tawisgêran (auch Tawûsgêran) war das zentrale Ritual, in dem der Sanjak seine bindende Funktion entfaltete. In dieser Prozession trugen die Qewwal die Pfauenfigur durch die êzîdîschen Gebiete, von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus. Die Figur wurde verehrt, Spenden wurden gesammelt, Predigten gehalten und heilige Hymnen vorgetragen (Spät 2017; Wikipedia Tawûsgeran nach Kreyenbroek 2009 / Maisel 2016).

3.1 Die Qewwal als Träger

Träger und Vortragende waren die Qewwal (von qewl, „Wort/Rede"), die berufsmäßigen Hymnensänger und „Meister des Wortes", die zugleich die wichtigsten lebendigen Bewahrer der mündlich überlieferten Religion sind (vgl. Qewl, die mündliche heilige Überlieferung). Sie stammen traditionell aus den Zwillingsdörfern Başîqa (Beşîqe) und Bahzanê (Behzanê) nahe Mosul und gehören zwei Gruppen an: den Dimlî und den Tazhî (Spät 2017; Kreyenbroek 1995). Diese Zuordnung ist konsistent mit dem êzîdîschen religiösen Kanon und der Standgliederung (siehe Êzîdî-Geistlichkeit).

Die Auswahl der Qewwal war religiös wie politisch bedeutsam: Sie waren das Hauptbindeglied, über das der Mîr in Şêxan seine religiös-politische Autorität auch unter den weit entfernt siedelnden Gemeinschaften aufrechterhielt und festigte (Spät 2017).

3.2 Ablauf und mitgeführte heilige Gegenstände

Auf ihrer Runde führten die Qewwal mit dem Sanjak eine Reihe geweihter Objekte mit (Spät 2017; Kurdistan24 2024):

  • Heiliges Wasser aus der „Weißen Quelle" (Kaniya Spî / Sherbik) in Lalîş;
  • Berat: kleine, zu Kügelchen geformte Klumpen aus heiliger Erde des Lalîş-Tals, die als Segen verteilt wurden;
  • eine heilige Kerze.

Bei den Besuchen wurden Hymnen (Qewl) gesungen, Predigten zu ausgewählten religiösen Themen gehalten und gemeinsame Mahlzeiten abgehalten. Die Gläubigen verehrten die Figur, brachten Spenden dar und empfingen im Gegenzug geweihtes Wasser und Berat. Der Großteil der eingesammelten Gaben floss an den Mîr und diente dem Unterhalt der religiösen Institutionen (Spät 2017).

Die Häufigkeit der Besuche war gestaffelt: Sanjaks der zentralen Regionen tourten zwei- bis dreimal im Jahr, entlegenere Bezirke wurden nur einmal jährlich oder noch seltener erreicht (Spät 2017).

3.3 Materialisiertes Gedächtnis

Eszter Spät deutet den Sanjak und die Tawisgêran als „materialisiertes Gedächtnis" (materializing memory) der Gemeinschaft: In einer überwiegend mündlichen, schriftarmen Religion verkörpert das wandernde Standbild greifbar die religiöse Einheit, die Anbindung an Lalîş und die Kontinuität der Tradition. Das Objekt macht das abstrakte heilige Zentrum für entlegene Dörfer physisch erfahrbar und stiftet so über Distanzen hinweg Zusammenhalt (Spät 2017).


4. Niedergang und Unterbrechung der Praxis

Die Tawisgêran wurde durch eine Kette historischer Brüche stark eingeschränkt:

  • Konfiskation 1892: Bei einer gewaltsamen anti-êzîdîschen Kampagne (verbunden mit dem osmanischen Statthalter Omar Wehbi Pascha) wurden fünf der in Lalîş aufbewahrten Sanjaks als Beute genommen und nach Bagdad gebracht (Spät 2017; YezidiTruth; peacock-angel.org). Êzîdîsche Quellen zählen diese Kampagne zu den Fermane (Verfolgungswellen; vgl. Fermane-Chronik, sofern vorhanden).
  • Neue Staatsgrenzen nach dem Ersten Weltkrieg: Die Aufteilung der Region zwischen Türkei, Syrien, Irak und der Sowjetunion zerschnitt die alten Routen. Der Pfau konnte viele Gemeinschaften jenseits der Grenzen nicht mehr erreichen; bereits in den 1920er Jahren tourten nur noch drei Figuren (Spät 2017).
  • Verfolgung und Sicherheitslage: Anschläge und allgemeine Unsicherheit unterbrachen die Runden wiederholt. Die Anzal-Figur tourte zeitweise wegen Terrorgefahr nicht mehr.
  • Genozid 2014 (IS): Der Überfall des sogenannten „Islamischen Staats" auf Şingal im August 2014, Massenmord, Versklavung, Vertreibung, traf das Kerngebiet eines der Sanjaks und brachte das religiöse Leben großflächig zum Erliegen (vgl. Şingal, sofern vorhanden).
  • Modernisierung und Wandel: In modernisierten Gebieten (etwa der autonomen Region Kurdistans ab 1991) ging die Praxis teils zurück, parallel zum allgemeinen Übergang von mündlicher zu schriftlicher religiöser Überlieferung (Spät 2017).

5. Erhaltene Sanjaks und Wiederbelebung heute

Von den ursprünglich sieben Figuren gelten heute nur noch wenige als erhalten und in Gebrauch. Übereinstimmend werden genannt (Spät 2017; Kurdistan24 2024):

  • Tawisa Anzal: die heiligste Figur, dem Şêxan-Bezirk zugeordnet; tourt Gemeinden in Şêxan, Tel Kêf, Duhok sowie Başîqa und Bahzanê;
  • Tawisa Şingalê: dem Sinjar-Gebiet und Dörfern bei Zaxo zugeordnet;
  • Tawisa Helebê (Aleppo): für die êzîdîschen Orte in Syrien.

Für weitere Figuren (etwa Aleppo- oder Diyarbakır-Sanjaks) existieren widersprüchliche Angaben; gesichert ist im Wesentlichen die Fortexistenz der beiden irakischen Hauptfiguren (Şêxan und Şingal). Die übrigen gelten als verschollen, zerstört oder konfisziert.

In jüngerer Zeit gibt es Wiederbelebungen: 2024 berichtete kurdistan24, der jährliche „Tawus-Tour" sei wieder durch êzîdîsche Dörfer der Provinz Duhok gezogen, nach einer mehrjährigen Pause, was in den Gemeinden große Freude auslöste. Qewwal führten die Prozession an, trugen religiöse Texte vor, reichten Sherbik (geweihtes Wasser der Weißen Quelle) und verteilten Berat und Kerzen (Kurdistan24 2024). Solche Wiederaufnahmen zeigen, dass die Tawisgêran trotz aller Brüche als lebendige Tradition fortbesteht und identitätsstiftend bleibt.


6. Korrekte Begriffe (Konventionen)

Begriff Bedeutung
Sanjak / Senceq bronzenes Pfauen-Standbild als Sinnbild Tawûsî Meleks; zugleich ein Kultbezirk
Tawis / Tawûs volkstümliche Bezeichnung der Figur („Pfau")
Anzal / Enzel die heiligste Figur, dem Bezirk Şêxan zugeordnet
Tawisgêran „Umhertragen des Pfaus", die rituelle Prozession
Qewwal berufsmäßige Hymnensänger aus Başîqa & Bahzanê (Gruppen Dimlî & Tazhî)
Başîqa / Bahzanê Zwillingsdörfer nahe Mosul, Heimat der Qewwal
Berat geweihte Erd-Kügelchen aus dem Lalîş-Tal
Kaniya Spî / Sherbik „Weiße Quelle" in Lalîş; Quelle des geweihten Wassers
Mîr religiös-weltliches Oberhaupt der Êzîden in Şêxan
Heft Sirr die Sieben Geheimnisse / sieben heiligen Engel
Cejna Cemaiyê Herbst-Versammlungsfest in Lalîş, bei dem Anzal gezeigt wird

Quellen

  • Eszter Spät: „Materializing Memory, The Role of the Yezidi Peacock Sanjak", in: Materializing Memory, Archaeological Material Culture and the Semantics of the Past (Archaeopress, Oxford). PDF: academia.edu
  • Eszter Spät: „The Sanjak of the Peacock Angel" (CEU). personal.ceu.hu
  • Birgül Açıkyıldız: The Yezidis, The History of a Community, Culture and Religion. London: I. B. Tauris, 2010.
  • Philip G. Kreyenbroek: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Lewiston: Edwin Mellen Press, 1995.
  • Philip G. Kreyenbroek & Khalil Jindy Rashow: God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2005.
  • Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017.
  • Encyclopædia Iranica, Artikel „Yazidis" (online). iranicaonline.org
  • Wikipedia: „Tawûsgeran". en.wikipedia.org
  • „The Sacred Journey of Tawus Tour: Reviving Ancient Yezidi Traditions", Kurdistan24, 2024. kurdistan24.net
  • „Reincarnation, the Sanjak, and an ancient Yezidi prophecy", peacock-angel.org. peacock-angel.org
  • ÊzîdîPress: „Représentations yezidies et symboles nationaux" (zur Liste der sieben Tawis-Regionen). ezidipress.com

Hinweis: Die Zahl, Benennung und regionale Zuordnung der sieben Sanjaks (Abschnitt 2) variiert je nach Quelle und Epoche; abweichende Listen und unsichere Zuordnungen sind im Text ausdrücklich als solche gekennzeichnet und nicht als gesicherte Fakten zu lesen.

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