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Religiöse Ämter und Institutionen der Êzîdî

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Die êzîdîsche Gesellschaft der Êzîdî (auch Yeziden oder Jesiden) ist in drei erbliche Stände gegliedert, Şêx, Pîr und Mirîd (siehe Gesellschaftsordnung). Quer zu dieser Ständegliederung steht ein zweites Gerüst: die konkreten religiösen Ämter und Funktionsträger, die den Glauben praktisch am Leben halten, vom Fürsten Mîr über das geistliche Oberhaupt Bavê Şêx, den Ritualleiter Pêşîmam, die Hymnensänger Qewwal und die Asketen Feqîr bis zu den Sehern Koçek und den Schreinhütern Mijêwir. Dieser Artikel beschreibt für jedes Amt: Aufgabe, Zugang, Kleidung und Insignien sowie die heutige Lage.

Stand: 2026-06-14 · Eigennamen in lateinischer Kurmancî-Schreibweise · ezdixan.de Wiki


Inhalt

  1. Zwei Gerüste: Stände und Ämter
  2. Mîr, Fürst und Oberhaupt
  3. Bavê Şêx (Baba Şêx), geistliches Oberhaupt
  4. Pêşîmam, Leiter der zentralen Rituale
  5. Qewwal, Hymnensänger und Tradenten
  6. Feqîr, die Asketen im schwarzen Xirqe
  7. Koçek, Diener, Seher und Totenbegleiter
  8. Mijêwir, Baba Çawûş und die Dienerschaft
  9. Das Zusammenspiel der Ämter
  10. Begriffsglossar
  11. Quellen

1. Zwei Gerüste: Stände und Ämter

Der Artikel Gesellschaftsordnung beschreibt die drei erblichen Stände: die geistlichen Stände Şêx und Pîr sowie die Laien (Mirîd). Doch wer einem Stand angehört, bekleidet damit noch kein Amt. Über die Ständegliederung legt sich ein zweites Gerüst aus konkreten Funktionen: dem Fürsten, dem geistlichen Oberhaupt, den Ritualleitern, den Sängern, den Asketen, den Sehern und den Hütern der Heiligtümer [1; 4].

Die Verbindung beider Gerüste ist eng, aber nicht deckungsgleich. Die höchsten Ämter, Mîr, Bavê Şêx, Pêşîmam: sind genealogisch fest an je eine der drei Şêx-Linien gebunden: Qatanî, Şemsanî, Adanî [1; 4]. Andere Würden stehen prinzipiell jedem Frommen offen: Die Asketenwürde des Feqîr ist nach der Lehre keine Sache der Geburt, sondern der Berufung [2; 3]; die Seherrolle des Koçek kann standesunabhängig erworben werden [1; 2]. Die Qewwal wiederum bilden eine eigene, erbliche Gruppe von Tradenten, die außerhalb des Şêx-Pîr-Mirîd-Schemas verstanden werden muss [1; 8].

Dieses Ämtergerüst erklärt, wie eine schriftlose Religion (siehe Religion und Kultur) ihre Riten, ihr heiliges Wissen und ihre Gemeinschaftsführung über Jahrhunderte ohne Klerus im westlichen Sinn organisiert hat: durch klar verteilte, erbliche oder berufene Funktionen, die einander ergänzen und kontrollieren.


2. Mîr: Fürst und Oberhaupt

Aufgabe

Der Mîr (Fürst, „Emir") ist das weltlich-geistliche Oberhaupt aller Êzîdî. Er vereint repräsentative, administrative und sakrale Funktionen: Er gilt als legitimer Nachfolger in der Tradition Şêx Adîs, verwaltet das Heiligtum von Laliş, empfängt die jährlichen Abgaben und Opfergaben und ernennt den Bavê Şêx sowie den Pêşîmam [1; 4]. Der Mîr sitzt dem Geistlichen Rat (Meclîsa Ruhanî) vor, dem unter anderem Bavê Şêx, Pêşîmam und das Oberhaupt der Qewwal angehören [1; 4]. Seine Person gilt traditionell als geheiligt [1].

Zugang

Das Amt ist erblich und an die Qatanî-Linie der Şêx gebunden, die Familie Çol (Chol), die ihre Abstammung auf Şêxûbekir, einen Verwandten Şêx Adîs, zurückführt [1; 4]. Über die Nachfolgeregel weichen die Angaben voneinander ab: teils ältester Sohn, teils Bestimmung durch den amtierenden Mîr; 2019 benannte der Geistliche Rat den Nachfolger, ein Hinweis auf den Wandel des Verfahrens [4].

Kleidung und Sitz

Traditioneller Sitz ist Ba’edrê (Ba’adra) im Bezirk Şêxan nahe Laliş [1; 4]. Anders als Bavê Şêx oder Feqîr trägt der Mîr keine festgelegte rituelle Tracht; seine Würde zeigt sich in Repräsentation und Stellung, nicht in einem besonderen Gewand. Zur regionalen Kleidung siehe Tracht und Kleidung.

Heutige Lage

Seit 2019 ist Mîr Hazim Tahsin Beg (geb. 1963) im Amt, eingesetzt als Nachfolger seines Vaters Mîr Tahsin Said Beg, der rund 75 Jahre regiert hatte [4]. Die Einsetzung war umstritten: Teile der Gemeinschaft, vor allem aus Şingal, kritisierten politische Nähe zur KDP und erkennen teils einen Gegenkandidaten (Naif Dawud) an [4]. Der Konflikt um das Fürstenamt ist ein Symptom der Zerreißproben nach dem Genozid von 2014.


3. Bavê Şêx (Baba Şêx): geistliches Oberhaupt

Aufgabe

Der Bavê Şêx („Vater-Şêx", oft als Baba Şêx wiedergegeben) ist die höchste geistliche Autorität in der Auslegung religiöser Fragen und das spirituelle Oberhaupt der Gemeinschaft [1; 4]. Er überwacht die religiösen Gesetze, beaufsichtigt die übrigen Geistlichen, insbesondere die Koçek, und ist an zentralen Zeremonien in Laliş unverzichtbar; viele Riten können ohne ihn nicht vollzogen werden [1; 4]. Er hält die strengen vierzigtägigen Fasten (im Sommer und im Winter) und besucht die Gemeinden zur religiösen Unterweisung [4].

Zugang

Das Amt ist erblich in der Şemsanî-Linie der Şêx (nach verbreiteter Angabe im Zweig der Nachkommen Fexredîns) und wird vom Mîr ernannt [1; 4]. Ein Bavê Şêx kann nur durch Tod oder Abfall vom Glauben aus dem Amt scheiden, eine Absetzung ist nicht vorgesehen [4].

Residenz, Kleidung und Insignien

Der Bavê Şêx residiert in Laliş, dem zentralen Heiligtum (siehe Heiligtümer). Er führt ein frommes, enthaltsames Leben und tritt in würdevoller, schlichter Tracht auf; charakteristisch sind weiße Gewänder und der lange weiße Bart als Zeichen der Würde [1; 4].

Heutige Lage

Am 18. November 2020 wurde Şêx Alî Ilyas (geb. 1979 in Şêxan) in Laliş als Bavê Şêx vereidigt, als Nachfolger des verstorbenen Xurto Hecî Îsmaîl (Amtszeit 1995–2020) [4]. Auch diese Einsetzung war von Protesten begleitet; Teile der Şingal-Êzîdî verweigerten die Anerkennung [4]. Anfang 2025 wurde über eine schwere Erkrankung des Amtsinhabers berichtet; verlässliche neuere Angaben zum Amtsstatus liegen für diesen Artikel nicht vor [4].


4. Pêşîmam: Leiter der zentralen Rituale

Aufgabe

Der Pêşîmam („Vorsteher-Imam") ist der ranghohe Ritualleiter der Êzîdî. Seine klassische Kernaufgabe ist die Vollziehung zentraler Rituale, allen voran der Eheschließungen: er vollzieht die Trauung und ordnet traditionell die Brautgaben, sowie die Wahrung und Auslegung des Glaubens [1; 4]. Manche Überlieferungen kennen mehrere Pêşîmam-Funktionen (etwa einen „Großen Pêşîmam", einen Pêşîmam der Feqîr und einen des Bavê Şêx) [4].

Zugang

Anders als beim Mîr und beim Bavê Şêx ist die Person des Pêşîmam nicht in einer einzelnen Familie frei vererbt, sondern wird vom Mîr berufen: aus der Adanî-Linie der Şêx, die ihre Abstammung auf Şêx Hesen (gest. 1254) zurückführt [1; 4]. Der Adanî-Linie war traditionell als einziger das Lesen und Schreiben gestattet, was die Bindung des Ritual- und Gelehrtenamts an sie erklärt [1] (siehe Gesellschaftsordnung).

Kleidung und heutige Lage

Eine eigene, allgemein verbindliche Amtstracht ist für den Pêşîmam in der zugänglichen Literatur nicht einheitlich beschrieben; er tritt in der Würde eines hohen Şêx auf. Das Amt besteht fort und gehört zum Geistlichen Rat [1; 4]. Zu den Hochzeitsriten, die er leitet, siehe Traditionen.


5. Qewwal: Hymnensänger und Tradenten

Aufgabe

Die Qewwal (Sg. Qewwal, „Sprecher des Worts") sind die professionellen Sänger und Tradenten der Qewl: der heiligen Hymnen, in denen das religiöse Wissen der Êzîdî überliefert wird (ausführlich: Qewl-Tradition). In einer schriftlosen Religion sind sie das lebende Gedächtnis der Gemeinschaft: Sie bewahren und tragen die heiligen Texte weiter, lehren sie und treten bei den großen Zeremonien auf [1; 8]. Ihre wichtigste rituelle Aufgabe ist der Tawûsgeran: der Umzug, bei dem die Senceq (auch Sancak; bronzene Pfauenstandarten, die Tawûsî Melek repräsentieren) durch die Êzîdî-Gemeinden getragen werden, verbunden mit dem Einsammeln religiöser Gaben für Laliş [1; 8]. Tawûsî Melek ist dabei der ranghöchste der heiligen Engel und darf keinesfalls mit „dem Teufel" gleichgesetzt werden (siehe Tawûsî Melek).

Zugang und Herkunft: ein genau zu lesender Punkt

Die Qewwal bilden eine eigene, erbliche Gruppe mit Wurzeln im Mirîd-Stand und stehen damit außerhalb des Şêx-Pîr-Schemas; das Amt vererbt sich innerhalb bestimmter Familien [1; 8].

Zur stammlichen Herkunft ist Genauigkeit geboten, weil hier verschiedene Schreibungen und Zuordnungen kursieren:

  • Die maßgebliche Fachdarstellung (Encyclopaedia Iranica, Artikel „Qawl", auf Grundlage von Kreyenbroek) formuliert eindeutig: „The Qawwāls come from two clans, the Kurmanji-speaking Dimli and the Arabic-speaking Tazhi, settled in the villages of Baʿšiqa and Beḥzānē, in the Šaiḵan area.", also zwei Gruppen: Dimlî (kurmancî-sprachig) und Tazhî (arabisch-sprachig) [8].
  • Der Schwesterartikel „Yazidis i. General" derselben Enzyklopädie nennt dieselben zwei Gruppen [1].
  • In manchen Stammeslisten und populären Darstellungen taucht daneben der Name Hekarî (auch Hakarî, nach der historischen Region Hakkârî) als eine der mit den Qewwal verbundenen Gruppen auf [9].

Festzuhalten ist: Die wissenschaftliche Standardliteratur (Kreyenbroek; Iranica) kennt als die zwei Qewwal-Stämme Dimlî und Tazhî. Die Schreibung „Tazhî und Hekarî" verbindet einen gesicherten Namen (Tazhî) mit einem in der Fachliteratur nicht als Qewwal-Hauptstamm belegten Namen (Hekarî). Wo eine Quelle „Hekarî" für die Qewwal nennt, sollte das als abweichende bzw. populäre Zuordnung kenntlich gemacht werden, die belegte, hier maßgebliche Aussage lautet Dimlî/Tazhî [1; 8]. (Der portal-interne Artikel Gesellschaftsordnung gibt entsprechend „Dimlî und Tazhî" an; eine etwaige „Tazhî/Hekarî"-Angabe anderswo widerspricht der Standardliteratur und ist zu korrigieren.)

Sitz der Qewwal-Familien sind die beiden Zwillingsdörfer Başîqa und Bahzanê (Beḥzānē) östlich von Mosul im Şêxan-Gebiet [1; 8].

Instrumente und Insignien

Die Qewwal spielen zwei als heilig geltende Instrumente [1; 8]:

Instrument Art Funktion
Def Rahmentrommel (Tamburin mit Schellen) Rhythmus und Begleitung der Hymnen
Şibab Rohr-/Längsflöte melodische Begleitung

Daneben wird in populären Darstellungen auch die Langhalslaute Sazz (saz/tembûr) genannt; das in der Fachliteratur als rituell heilig hervorgehobene Kernpaar bleibt jedoch Def und Şibab [1; 8]. Die Senceq-Standarten sind keine Instrumente, sondern die heiligen Kultgegenstände, die die Qewwal im Tawûsgeran tragen. Mehr zur Musik: Musik.

Heutige Lage

Die Lage der Qewwal ist prekär. Schon vor 2014 war ihre Zahl auf eine Handvoll geschrumpft, und die traditionellen Qewwal-Schulen existierten nicht mehr [1; 8]. Der Genozid des „Islamischen Staats" 2014 verwüstete ihren stammlichen Heimatraum Başîqa/Bahzanê und beschleunigte den Bruch der mündlichen Überlieferungskette [8]. Mit der zunehmenden Verschriftlichung der Hymnen verändert sich zudem die Rolle der Qewwal als exklusive Wissensträger grundlegend [1; 8]. Lange lebten die Qewwal endogam; inzwischen sind Ehen mit Mirîd verbreitet [1].


6. Feqîr: die Asketen im schwarzen Xirqe

Aufgabe

Die Feqîr (Sg. Feqîr, wörtlich „der Arme") sind die Asketen des Êzîdentums, Würdenträger, die ihr Leben streng nach den religiösen Geboten ausrichten und „die Riten, Tabus und religiösen Handlungen des Glaubens mit größter Strenge befolgen" [2; 3]. Sie ahmen die Heiligkeit Şêx Adîs nach, halten die vierzigtägigen Fasten, dienen in Laliş, wirken an Zeremonien mit (etwa am Tewaf und am Gemeindefest Cêjna Cemaiyê) und vermitteln in Konflikten der Gemeinschaft [2; 3]. Sie gelten als „asketisches und mystisches Herz" des Glaubens und genießen hohes Ansehen, vor einem im Xirqe gekleideten Feqîr erheben sich der Tradition nach alle, einschließlich des Mîr [2].

Zugang

Die Feqîr-Würde ist nach der Lehre keine Sache der Geburt, sondern der Berufung: Sie steht prinzipiell jedem frommen Êzîdî offen, der die „Berufung" empfängt, auch Mirîd [2; 3]. In der Praxis wurde die Würde jedoch über Generationen oft innerhalb bestimmter Familien weitergegeben, sodass sie faktisch teilweise erblich geworden ist [2; 3]. Manche Quellen unterscheiden danach zwischen Feqîr aus geistlichen Familien und solchen aus dem Mirîd-Stand [4].

Kleidung und Insignien

Das prägende Erkennungszeichen ist das Xirqe (auch kherqe, xerqe), eine Tunika aus dunkler, schwarzer Wolle, die als das „würdigste aller religiösen Gewänder" gilt und in der Überlieferung mit dem Urgewand der ersten Menschen (Adam und Eva) verbunden wird [2; 3]. Das Xirqe selbst ist heilig; es wird rituell an der „Weißen Quelle" (Kaniya Sipî) in Laliş geweiht [2]. Hinzu kommen, je nach Quelle, ein roter Gürtel, kupferne Ringe und eine schwarze Kappe (kulik), die die Krone Şêx Adîs symbolisiert [2]. Zur Symbolik der Tracht siehe Tracht und Kleidung.

Heutige Lage

Die Feqîr zählen bis heute zu den angesehensten religiösen Gestalten der Êzîdî und sind als Träger des Xirqe weiterhin in Laliş und den Gemeinden präsent [2; 3]. Mit der Diaspora stellt sich für sie, wie für alle Würdenträger, die Frage, wie asketische Disziplin und ritueller Dienst unter den Bedingungen des Exils fortgeführt werden können (siehe Diaspora).


7. Koçek: Diener, Seher und Totenbegleiter

Aufgabe

Der Koçek („der Kleine", auch Kochek) verbindet zwei Rollen: die des dienenden Helfers und die des Sehers. Als Diener verrichtet er praktische Aufgaben (etwa das Beschaffen von Holz und Wasser), hält die Fasten und kann Aufgaben eines abwesenden Şêx oder Pîr übernehmen [2; 4]. Seine eigentliche Bedeutung liegt jedoch in der Sehergabe: Koçek gelten als Menschen mit Visionen, Träumen und Trance-Zuständen, durch die sie Vergangenes und Künftiges schauen [2; 6]. Die êzîdîsche Tradition spricht vom „ins Buch fallen" (defterê keftin/xwendin), einem veränderten Bewusstseinszustand, in dem durch den Seher gesprochen wird [6].

Besonders wichtig ist der Koçek bei den Begräbnis- und Jenseitsriten: Nach der Bestattung wird ein Seher von der Familie gebeten, das Schicksal der verstorbenen Seele zu erkunden, ob sie als Êzîdî wiedergeboren wird (die Êzîdî kennen Vorstellungen der Seelenwanderung); wird die Seele auf gutem Weg gesehen, feiert die Familie [2; 6]. Damit hat der Koçek eine zentrale Funktion im Umgang mit Tod und Trauer (siehe auch Religion und Kultur).

Zugang

Die Koçek-Rolle kann standesunabhängig erworben werden, sie ist nicht an eine bestimmte Geburtslinie gebunden, sondern an die zugeschriebene Gabe; die Koçek unterstehen der Aufsicht des Bavê Şêx [1; 2; 4]. In Şingal werden Seher mit besonderen Fähigkeiten teils als cinndar („Besitzer von Geistern/Jinn") bezeichnet [6].

Kleidung und heutige Lage

Eine festgelegte Amtstracht ist für den Koçek nicht in gleicher Weise wie beim Feqîr beschrieben; seine Autorität gründet auf der Sehergabe, nicht auf Insignien. Die Sehertradition besteht fort, ist aber durch Vertreibung, Genozid und Diaspora unter Druck geraten, viele Träger des Wissens sind gestorben oder verstreut [6].


8. Mijêwir, Baba Çawûş und die Dienerschaft

Mijêwir: Schreinhüter

Der Mijêwir (auch Micêwir) ist der Hüter eines einzelnen Heiligtums oder Schreins [1; 4]. Êzîdî verehren neben Laliş zahlreiche lokale Heiligtümer (mezar) für einzelne Heilige (siehe Heiligtümer); der Mijêwir pflegt diese Stätte und den zugehörigen Friedhof, bewahrt das lokale religiöse Wissen, leitet Begräbnisse, organisiert die Feste und das jährliche dörfliche Tewaf und beherbergt die durchreisenden Qewwal [4]. Er erfüllt damit die religiösen Angelegenheiten eines Ortes, während der weltliche Dorfvorsteher (muxtar) die staatlich-administrativen Belange regelt [4]. Mijêwir stammen in der Regel aus dem Şêx- oder Pîr-Stand, gelegentlich aus den Feqîr [4].

Baba Çawûş: Wächter von Laliş

Der Baba Çawûş ist der oberste Wächter des Şêx-Adî-Heiligtums in Laliş, vom Mîr ernannt; er lebt dort fromm und zölibatär und beaufsichtigt die Pflege des zentralen Heiligtums [1; 4].

Ferraş und Dienerschaft

Am Heiligtum von Laliş wirkt eine Reihe weiterer Diener (in einigen Darstellungen als Ferraş/„Dienerschaft" bezeichnet), die untergeordnete Tempel- und Reinigungsdienste verrichten, etwa die Pflege der heiligen Räume und Lampen. Diese Diener-Funktionen sind in der zugänglichen Literatur weniger scharf abgegrenzt als die Hauptämter; sie ordnen sich der Aufsicht des Baba Çawûş und des Bavê Şêx unter [1; 4]. Eine besondere Rolle spielt zudem der Frauenorden der Feqra unter Leitung der Kebanî, die das Mausoleum Şêx Adîs betreut und die heiligen berat-Kugeln formt [1; 4].


9. Das Zusammenspiel der Ämter

Die Ämter greifen zu einem System gegenseitiger Ergänzung und Kontrolle ineinander, kein einzelnes Amt steht für sich:

  • Macht-Balance an der Spitze. Die drei höchsten Ämter sind auf die drei Şêx-Linien verteilt: der Mîr (Qatanî/Familie Çol, Sitz Ba’edrê) als weltlich-geistliches Oberhaupt, der Bavê Şêx (Şemsanî, Sitz Laliş) als geistliche Autorität, der Pêşîmam (Adanî) als Ritualleiter. Weil jede Linie genau eine Spitzeninstanz stellt, ist die Macht zwischen den geistlichen Gruppen annähernd ausbalanciert [1; 4].
  • Ernennungskette. Der Mîr ernennt Bavê Şêx und Pêşîmam und steht dem Geistlichen Rat vor, so sind die Spitzenämter aneinander rückgebunden [1; 4].
  • Wissen und Ritus. Die Qewwal tragen das heilige Wort (die Qewl) und führen mit den Senceq den Tawûsgeran durch; die Feqîr verkörpern die asketische Strenge; die Koçek vermitteln zwischen den Lebenden und der jenseitigen Welt. Zusammen sichern sie Überlieferung, Disziplin und Trost (siehe Qewl-Tradition).
  • Vor Ort. Mijêwir, Baba Çawûş und die Dienerschaft halten die heiligen Stätten und den lokalen Kult am Leben, von Laliş bis zum kleinsten Dorfheiligtum.

Quer dazu wirkt das erbliche Şêx-Pîr-Mirîd-Netz und die persönlichen Bindungen (eigener Şêx, eigener Pîr, Jenseitsgeschwister, Kirîv), die in der Gesellschaftsordnung beschrieben sind. Gemeinsam erklären beide Gerüste, wie eine kleine, oft verfolgte und heute weltweit zerstreute Gemeinschaft ihren Glauben ohne heilige Schrift und ohne zentralen Klerus über Jahrhunderte bewahren konnte, und vor welche Belastungen Genozid und Diaspora dieses fein austarierte System heute stellen.

Frauen kommen in diesem Ämtergerüst vor allem über den Orden der Feqra/Kebanî vor; zur Rolle und zu den Debatten um die Stellung von Frauen siehe Frauen im Êzîdentum.


10. Begriffsglossar

Begriff (Kurmancî) Bedeutung
Mîr Fürst; weltlich-geistliches Oberhaupt aller Êzîdî (Qatanî-Linie, Familie Çol)
Bavê Şêx (Baba Şêx) „Vater-Şêx"; geistliches Oberhaupt, residiert in Laliş (Şemsanî-Linie)
Pêşîmam „Vorsteher-Imam"; Leiter zentraler Rituale, v. a. der Eheschließungen (Adanî-Linie)
Qewwal erblicher Hymnensänger und Tradent der Qewl; aus Dimlî und Tazhî, Sitz Başîqa/Bahzanê
Def / Şibab heilige Instrumente der Qewwal: Rahmentrommel / Flöte
Senceq (Sancak) bronzene Pfauenstandarte (Tawûsî Melek); getragen im Tawûsgeran
Tawûsgeran Umzug, bei dem die Senceq durch die Gemeinden getragen werden
Feqîr „der Arme"; Asket im schwarzen Woll-Xirqe
Xirqe (kherqe) heilige schwarze Woll-Tunika der Feqîr
Koçek „der Kleine"; Diener und Seher mit Visionen; wirkt bei Begräbnisriten
Mijêwir (Micêwir) Hüter eines einzelnen Heiligtums/Schreins
Baba Çawûş oberster Wächter des Şêx-Adî-Heiligtums in Laliş
Feqra / Kebanî zölibatärer Frauenorden in Laliş / dessen Leiterin
Meclîsa Ruhanî Geistlicher Rat unter Vorsitz des Mîr

Quellen

  1. Allison, Christine: „YAZIDIS i. GENERAL", Encyclopaedia Iranica (2004, akt. 2017). https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-i-general-1/
  2. „The Feqir: The Ascetics of the Yazidi Faith", Kurdish History. https://www.kurdish-history.com/post/yazidi-feqir
  3. „Society", Yazidi Cultural Heritage. https://www.yazidiculturalheritage.com/society/
  4. Wikipedia (en): „Yazidi social organization". https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_social_organization
  5. Kreyenbroek, Philip G.: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Edwin Mellen Press, Lewiston 1995. (grundlegende Monographie zu den Qewl und der religiösen Tradition)
  6. Spät, Eszter: „The Book Revealing the Future in a Religion without Books: the Apocalyptic Visions of Yezidi Seers", International Journal of Divination and Prognostication 2/1 (2020). https://brill.com/view/journals/ijdp/2/1/article-p1_1.xml
  7. Omarkhali, Khanna: The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written. Harrassowitz, Wiesbaden 2017.
  8. „QAWL", Encyclopaedia Iranica (Kreyenbroek). https://www.iranicaonline.org/articles/qawl/
  9. „List of Yezidi tribes", Yezidica. https://yezidica.miraheze.org/wiki/List_of_Yezidi_tribes
  10. Açıkyıldız, Birgül: The Yezidis: The History of a Community, Culture and Religion. I.B. Tauris, London 2010., vgl. dies., „Sacred Spaces in the Yezidi Religion". https://www.academia.edu/27748126/Sacred_Spaces_in_the_Yezidi_Religion

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