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Êzîdî in Armenien und Georgien: die älteste Diaspora
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Stand: 2026-06. Dieser Artikel behandelt die êzîdîschen Gemeinschaften im Südkaukasus, die älteste durchgehend bestehende Êzîdî-Diaspora der Welt: Entstehung im 19./frühen 20. Jahrhundert, kulturelle Blüte der Sowjetzeit, heutige Lage in Armenien und Georgien, Identitätsdebatte. Die Verfolgungen im Osmanischen Reich erscheinen hier nur als Fluchtursache (ausführlich: Fermane-Chronik und Genozide an den Êzîden). Die weltweiten Bevölkerungszahlen stehen im Artikel Diaspora und Demographie, dieser Artikel vertieft die Geschichte hinter den Kaukasus-Zahlen. Methodik: Alle Zahlen mit Quelle; bei widersprüchlichen Jahresangaben werden beide genannt. Aussagen zur Identitätsfrage sind strikt den jeweiligen Positionen zugeordnet, der Artikel ergreift keine Partei.
Einleitung
Wer durch ein êzîdîsches Dorf an den Hängen des Aragats fährt oder in Eriwan ältere Êzîdî (auch Yeziden oder Jesiden) trifft, stößt auf etwas auf den ersten Blick Rätselhaftes: Menschen, die Kurmancî sprechen, es aber jahrzehntelang in kyrillischen Buchstaben gelesen und geschrieben haben. Ihre Eltern hörten Nachrichten und Volkslieder aus dem staatlichen Radio Eriwan in ihrer Muttersprache, ihre Großeltern lasen eine kurmancîsprachige Zeitung aus der armenischen Hauptstadt. Wie kommt das?
Die Antwort führt in die Geschichte der ältesten Êzîdî-Diaspora der Welt. Während die großen Gemeinden in Deutschland, Russland oder Nordamerika erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden, leben Êzîdî im Südkaukasus seit rund zweihundert Jahren, als Nachfahren von Familien, die vor religiöser Verfolgung aus dem Osmanischen Reich über die russische Grenze flohen [1][7]. Aus dieser Flucht erwuchs eine Gemeinschaft, die heute die größte ethnische Minderheit der Republik Armenien stellt, einen garantierten Sitz im armenischen Parlament besitzt und mit dem 2019 eröffneten Quba Mêrê Dîwanê in Aknalîç den größten êzîdîschen Tempel der Welt errichtet hat [1][16].
Zugleich ist diese Diaspora ein historischer Sonderfall: Nirgendwo sonst erlebte die êzîdîsche Kultur im 20. Jahrhundert eine vergleichbare institutionelle Blüte, mit eigenen Schulen, Verlagen, einem Theater, einer Zeitung und einem Rundfunk in der Muttersprache. Und nirgendwo sonst wird die Identitätsfrage, eigenes Volk oder Teil des kurdischen Volkes?, so offen ausgetragen wie in Armenien (siehe unten).
Ankunft: Flucht über die Grenze des Zaren
Die ersten Wellen im 19. Jahrhundert
Die Êzîdî siedelten sich auf dem Gebiet des heutigen Armenien und Georgien hauptsächlich im 19. und frühen 20. Jahrhundert an, auf der Flucht vor religiöser Verfolgung im Osmanischen Reich, wo osmanische Behörden und sunnitische kurdische Stämme Konversionsdruck auf die Gemeinschaft ausübten [1][7]. Der erste größere Zuzug erfolgte während der russisch-persischen und russisch-türkischen Kriege 1828–1829; eine weitere Welle folgte 1879–1882. Die Familien kamen vor allem aus den Regionen Wan, Kars und Doğubayazıt in Ostanatolien. Die Überlieferung nennt Temur Agha und Usuv Beg als Anführer dieser Einwanderung [1][7].
Das Russische Reich, das in diesen Kriegen Gebiete im Südkaukasus gewann, bot den Geflohenen, was das Osmanische Reich ihnen verweigerte: ein Leben ohne Zwangskonversion. Die Êzîdî gründeten Dörfer in den Hochlagen, viele an den Hängen des Berges Aragats, wo die Schafhaltung bis heute der traditionelle Haupterwerb ist [1].
1915: Gemeinsames Schicksal mit den Armeniern
Die zweite, größere Welle kam während des Ersten Weltkriegs. Im Zuge des Genozids an den Armeniern 1915 wurden auch Êzîdî massakriert; viele flohen gemeinsam mit Armeniern in die russisch kontrollierten Teile Armeniens [1][7]. Diese geteilte Verfolgungserfahrung ist bis heute das Fundament der êzîdîsch-armenischen Beziehung, sie erklärt vieles an der heutigen Stellung der Êzîdî in Armenien, von der frühen staatlichen Anerkennung bis zum freiwilligen Einsatz êzîdîscher Soldaten in den Karabach-Kriegen (siehe unten). Die Ereignisse von 1915 selbst, in der êzîdîschen Erinnerung Teil der Ferman-Zählung, sind ausführlich in der Fermane-Chronik dargestellt.
Georgien: die Gemeinde von Tiflis
Nach Georgien kam die Hauptwelle im frühen 20. Jahrhundert, ebenfalls auf der Flucht vor Verfolgung im osmanischen Gebiet. Anders als in Armenien ließen sich die Êzîdî hier fast ausschließlich in der Hauptstadt Tiflis nieder und wurden Teil der städtischen Arbeiterschaft [4]. Bemerkenswert früh kam die institutionelle Anerkennung: Bereits 1919 erlaubte die georgische Regierung die Registrierung des „Nationalrats der Êzîdî" in Tiflis [4][8]. In den 1950er Jahren zogen zusätzlich Êzîdî aus Armenien aus wirtschaftlichen Gründen nach Tiflis [4].
Sowjetzeit: die unerwartete Blüte
Eine eigene Nationalität: und ihr Verschwinden aus der Statistik
Die frühe Sowjetunion erfasste die Êzîdî zunächst als eigenständige Gruppe: Der Zensus von 1926 zählte Êzîdî und Kurden getrennt [9]. Mit der atheistischen Wende der Nationalitätenpolitik verschwand diese Unterscheidung ab dem Zensus 1939, religiös begründete Identitäten passten nicht in die sowjetischen Kategorien [9]. Erst der letzte Sowjetzensus 1989 führte die Êzîdî wieder als eigene Nationalität: 52.700 Menschen in Armenien [1]. Dieses statistische Hin und Her ist die Vorgeschichte der Identitätsdebatte, die die Gemeinschaft bis heute beschäftigt (siehe unten).
Schulen und drei Alphabete
Trotz dieser Einordnungsprobleme wurde Sowjet-Armenien zum wichtigsten Bildungs- und Kulturzentrum der kurmancîsprachigen Welt, getragen ganz überwiegend von Êzîdî. Die erste êzîdîsche Schule in Armenien öffnete 1920. In rascher Folge entstanden drei Alphabete für das Kurmancî: 1922 eines auf Basis armenischer Buchstaben, 1927 ein lateinisches (unter Mitarbeit von Erebê Şemo und Ishak Margolov), schließlich 1945/46: die Jahresangabe schwankt je nach Quelle, das kyrillische Kurmancî-Alphabet des êzîdîschen Linguisten Heciyê Cindî [1][10][9].
In diesem kyrillischen Alphabet erschienen jahrzehntelang die Bücher, Zeitungen und Schulmaterialien der Êzîdî und Kurden der gesamten Sowjetunion, der Grund, warum ältere Êzîdî aus Armenien und Georgien ihre Muttersprache bis heute in kyrillischer Schrift lesen. Die vollständige Geschichte der Schriftsysteme erzählt der Artikel Alphabet-Historie.
Riya Teze: „Der neue Weg" (1930)
Ab 1930 erschien in Eriwan die kurmancîsprachige Zeitung „Riya Teze" („Der neue Weg"), eine der ältesten kurdischsprachigen Zeitungen überhaupt. Viele ihrer Macher und Autoren waren Êzîdî, unter ihnen der Dichter und Pädagoge Casimê Celîl [11][12][1]. Die Zeitung wurde 1937 im Stalin-Terror eingestellt und erst 1955 wieder zugelassen [11].
Radio Eriwan: „Êrêvan xeber dide" (1955)
Am 1. Januar 1955 starteten offiziell die Kurmancî-Sendungen von Radio Eriwan; erster Leiter der Kurdisch-Redaktion war der Êzîdî Casimê Celîl, der die Redaktion ab 1954 aufgebaut hatte [12][13][1]. Bereits in den 1930er Jahren hatte es erste kurdische Sendungen gegeben, die 1937 gestoppt worden waren [12].
Die Wirkung dieser Sendungen, Musik, Literatur, Nachrichten, reichte weit über die Sowjetunion hinaus. Für Kurden und Êzîdî in der Türkei, wo das Kurmancî unterdrückt war, war die Ansage „Êrêvan xeber dide" („Hier spricht Eriwan") oft der einzige Rundfunk in der Muttersprache. Das Archiv des Senders bewahrte Tausende Volkslieder [12][13].
Theater und Wissenschaft
Zur kulturellen Infrastruktur gehörte auch die Bühne: Das Kurdische Volkstheater von Alagyaz, gegründet 1937, brachte bis 1947 rund 30 Stücke zur Aufführung [1][12]. In der Wissenschaft wurde Sowjet-Armenien zum Hauptzentrum der kurmancîsprachigen Literatur und, nach Leningrad, zum zweiten Zentrum der Kurdologie in der UdSSR. Getragen wurde diese Forschung ganz überwiegend von êzîdîschen Familien, allen voran den Familien Celîl (russifiziert: Dschalilow) und Cindî [1][12].
Der Bruch: Stalin-Terror 1937
Die Blüte war nicht ungebrochen. Im Großen Terror von 1937 wurden Riya Teze und die Radiosendungen eingestellt, Intellektuelle wurden verbannt, unter ihnen der Schriftsteller Erebê Şemo (siehe unten). Erst nach Stalins Tod, ab 1955, wurden die Institutionen wiederbelebt [11][14].
Erebê Şemo und die Bücher von Eriwan
Der erste Roman in Kurmancî
Die literarische Symbolfigur der Kaukasus-Êzîdî ist Erebê Şemo (1897–1978). Geboren in Susuz bei Kars, damals Russisches Reich, wirkte er 1927 an der Entwicklung des lateinischen Kurmancî-Alphabets mit und arbeitete ab 1931 am Leningrader Orientinstitut [14]. Sein Roman „Şivanê Kurmanca" („Der kurmancîsche Hirte") gilt als der erste Roman in Kurmancî überhaupt: autobiografisch geprägt: ein Hirtenjunge wird Revolutionär. Als Erscheinungsjahr nennen die Quellen 1931 oder 1935 (vermutlich eine kürzere Erstfassung um 1931 und eine erweiterte Eriwaner Ausgabe 1935); das kurdische Originalmanuskript ging zudem lange verloren und wurde erst über Rückübersetzungen aus dem Russischen wieder zugänglich [14][15].
Şemos Biografie spiegelt die Brüche seiner Zeit: 1937 wurde er im Großen Terror verbannt und konnte erst 1956 nach Armenien zurückkehren [14]. Dort setzte er sein Werk fort, mit „Jiyana Bextewer" (1959), „Dimdim" (1966) und „Hopo" (1969). Er starb am 21. Mai 1978 in Eriwan [14].
Heciyê Cindî, Casimê Celîl und die Gelehrtenfamilien
Neben Şemo prägten zwei weitere Êzîdî die Kulturgeschichte der Region: Heciyê Cindî (1908–1990), Linguist und Folklorist, Schöpfer des kyrillischen Kurmancî-Alphabets von 1945/46 [10], und Casimê Celîl (1908–1998), Dichter, Riya-Teze-Autor und Gründerfigur der Kurdisch-Redaktion von Radio Eriwan [12][13]. Celîls Kinder, Ordîxanê, Celîlê und Cemîla Celîl, wurden ihrerseits bedeutende Kurdologen und Folkloristen [12].
Porträts dieser und weiterer êzîdîscher Persönlichkeiten, von den Klassikern bis zur Gegenwart, versammelt der Artikel Bekannte Persönlichkeiten.
Armenien heute
Zahlen und Siedlungsgebiete
Die Êzîdî sind die größte ethnische Minderheit Armeniens. Der Zensus 2022 zählte 31.079 Êzîdî (1,1 % der Bevölkerung), vor Russen, Assyrern und den separat gezählten Kurden (1.663) [1][2]. Die Zensusreihe zeigt allerdings einen stetigen Rückgang: von 52.700 (1989) über 40.620 (2001) und 35.272 (2011) auf 31.079 (2022) [1][3]. Vertreter der Gemeinde halten die offiziellen Zahlen für zu niedrig und sprechen von über 50.000 Êzîdî im Land, eine Angabe, die sich amtlich nicht bestätigen lässt [1][3].
Die größte Konzentration lebt in der Provinz Armavir (43,5 % der Êzîdî Armeniens), gefolgt von Aragatsotn (15,8 %) und Ararat (14,6 %). Das größte êzîdîsche Dorf ist Verin Artashat mit rund 4.270 Einwohnern; traditionell liegen viele Dörfer an den Hängen des Aragats, wo die Schafhaltung den Haupterwerb bildet [1][3]. Wie sich diese Zahlen in die weltweite Demographie der Gemeinschaft einordnen, zeigt der Artikel Diaspora und Demographie.
Politische Repräsentation
Das armenische Wahlrecht garantiert den vier größten ethnischen Minderheiten je einen Sitz in der Nationalversammlung: die Êzîdî verfügen damit über eine garantierte parlamentarische Vertretung [1]. Hinzu kommt eine wachsende kulturelle Infrastruktur: ein êzîdîsches Nationaltheater in Vagharshapat (eröffnet 2021), Schulunterricht in Êzdîkî/Kurmancî in den êzîdîschen Dörfern und ein Lehrstuhl für Kurdologie/Orientalistik in Eriwan [1][21].
Der rechtliche Rahmen: Verfassung, Wahlgesetz und Minderheiten-Mandate
Hinter dem garantierten Sitz steht ein konkreter rechtlicher Mechanismus, der die Êzîdî in Armenien verfassungs- und wahlrechtlich besonders absichert. Die armenische Verfassung erkennt die nationalen Minderheiten als Träger eigener Rechte an: Artikel 28 garantiert die Gleichheit vor dem Gesetz, Artikel 36 das Recht aller Personen, ihre nationale und ethnische Identität zu bewahren und Sprache, Kultur und Traditionen zu pflegen [29]. Auf dieser Grundlage gilt das Êzîdentum in Armenien als anerkannte Religion und die Êzîdî als anerkannte nationale Minderheit.
Konkret umgesetzt wird die Repräsentation über das Wahlgesetzbuch (Electoral Code), das nach der Verfassungsreform von 2015 überarbeitet und ab der Wahl 2017 angewandt wurde. Es sieht vor, dass die vier größten Minderheiten – nach dem jeweils letzten Zensus die Êzîdî, Russen, Assyrer und Kurden – je ein zusätzliches Mandat erhalten. Die Parteien und Allianzen benennen dafür in einem gesonderten Teil ihrer Wahlliste je eine/n Kandidatin/Kandidaten dieser vier Gruppen. Die vier Minderheitenmandate werden zu den regulären Sitzen hinzugezählt, sodass sich die Nationalversammlung von 101 auf bis zu 105 Sitze erweitern kann [30][31].
Die Zuteilung folgt einem festen Verfahren: Das Êzîdî-Mandat – als größte Minderheit zuerst vergeben – geht an die/den Êzîdî-Kandidatin/Kandidaten der stimmenstärksten Liste; deren Koeffizient wird anschließend halbiert, woraufhin die nächststärkste Liste das Russen-Mandat erhält, und so fort für Assyrer und Kurden [30][31]. Weil die Êzîdî nach jedem Zensus die mit Abstand größte Minderheit stellen, ist ihr Sitz in der Praxis stets der erste vergebene. So zog etwa Rustam Makhmudyan als êzîdîscher Abgeordneter in das Parlament der Jahre 2017–2021 ein; in den folgenden Legislaturperioden wurde das Mandat erneut besetzt [30]. Armenien ist damit der einzige Staat weltweit, der den Êzîdî einen verfassungs- und wahlgesetzlich verankerten festen Parlamentssitz einräumt.
Aknalîç: Ziarat und Quba Mêrê Dîwanê
Das sichtbarste Zeichen des êzîdîschen Lebens in Armenien steht im Dorf Aknalîç in der Provinz Armavir. Dort wurde 2012 mit Ziarat der erste êzîdîsche Tempel Armeniens errichtet. Wenige Meter daneben öffnete im September 2019 der Quba Mêrê Dîwanê: der größte êzîdîsche Tempel der Welt: 25 Meter hoch, mit sieben Kuppeln um einen zentralen Bogenbau, erbaut aus armenischem Granit und iranischem Marmor, im Design an Laliş angelehnt, mit Seminar und Museum. Gestiftet wurde der Bau von Mirza Sloyan, einem in Russland lebenden Êzîdî-Geschäftsmann armenischer Herkunft; bei der Eröffnung war der Vizepremier Armeniens anwesend [16][17][18][1]. Zur Formensprache der êzîdîschen Sakralarchitektur siehe Heiligtümer und sakrale Architektur.
Karabach-Kriege und Kyaram Sloyan
Die êzîdîsch-armenische Verbundenheit zeigte sich auch militärisch: Im ersten Karabach-Krieg kämpfte ein rund 500 Mann starkes êzîdîsches Freiwilligen-Bataillon (benannt nach Cangîr Axa) auf armenischer Seite [1]. Der 19-jährige êzîdîsche Soldat Kyaram Sloyan (geboren 1996 in Artashavan) fiel im April-Krieg 2016; sein Leichnam wurde von aserbaidschanischen Kräften enthauptet. Posthum hoch dekoriert, wurde er in Armenien zur Symbolfigur der êzîdîsch-armenischen Waffenbrüderschaft [19]. Auch im 44-Tage-Krieg 2020 meldeten sich viele Êzîdî freiwillig [1].
Gesellschaftliche Lage: Anerkennung und Probleme
Die Lage der Êzîdî in Armenien ist von einem Nebeneinander aus weitgehender Anerkennung und realen Problemen geprägt. Auf der einen Seite gilt Armenien als eines der êzîdî-freundlichsten Länder der Welt: staatliche Anerkennung als eigene Ethnie (siehe unten), garantierter Parlamentssitz, muttersprachlicher Schulunterricht, Tempel, Theater, akademische Strukturen [1][21].
Auf der anderen Seite dokumentieren Berichte internationaler Organisationen, darunter ein UN-OHCHR-Bericht von 2004 und Analysen der Minority Rights Group, fortbestehende Benachteiligungen: niedrigere Bildungsabschlüsse, Nachteile bei der Landprivatisierung sowie bei Wasser- und Weiderechten, Mobbing êzîdîscher Kinder, überproportionales Hazing (Schikanen) im Wehrdienst, Frühverheiratung von Mädchen und hohe Schulabbruchquoten [3][20]. Hinzu kommt anhaltende Abwanderung: Seit den frühen 1990er Jahren verlassen armenische Êzîdî das Land vor allem Richtung Russland und Deutschland: aus wirtschaftlichen Gründen, wegen der Abgelegenheit vieler Dörfer und nach dem Wegfall der sowjetischen Minderheitenförderung [3].
Beide Befunde stehen nebeneinander: Die rechtliche und symbolische Anerkennung ist real, die sozioökonomischen Probleme sind es ebenso.
Die Identitätsfrage: eigenes Volk oder Teil des kurdischen Volkes?
Keine Frage wird innerhalb der Kaukasus-Diaspora so kontrovers diskutiert wie die nach der ethnischen Selbstverortung, und Armenien ist das einzige Land der Welt, in dem diese Frage eine amtliche Antwort erhalten hat.
Die staatliche Anerkennung von 2002. Auf Antrag einer Gruppe um Aziz Tamoyan erkannte das armenische Parlament 2002 die Êzîdî als eigenständige Ethnie und ihre Sprache als „Êzdîkî" an. Seitdem zählt Armenien „Êzîdî" und „Kurden" in seinen Volkszählungen getrennt, 2022: 31.079 gegenüber 1.663 [25][1][2].
Die Position „eigenes Volk". Aziz Tamoyan (1933–2021), langjähriger Präsident der Yezidi National Union, brachte diese Sichtweise auf die Formel „Wir sind keine Kurden": Die Êzîdî sprächen Êzdîkî und seien ein eigenes, altes Volk. Diese Position ist unter den Êzîdî Armeniens weit verbreitet. Geprägt wurde sie nach Darstellung ihrer Vertreter durch die historische Erfahrung, dass die Verfolger des 19. und 20. Jahrhunderts häufig sunnitische Kurden waren, und sie wurde durch den Genozid von 2014 zusätzlich verstärkt [25][26][27].
Die Position „Teil des kurdischen Volkes". Die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung ordnet das Êzdîkî als Varietät des Kurmancî ein und beschreibt die Êzîdî als kurmancîsprachige ethnoreligiöse Gemeinschaft. Auch ein Teil der Êzîdî Armeniens, laut Rudaw vor allem Akademiker, sowie die meisten êzîdîschen Organisationen außerhalb Armeniens betonen die kurdische Zugehörigkeit. Sie verweisen unter anderem darauf, dass die sowjetische Kultur-Blüte, Riya Teze, Radio Eriwan, das Theater von Alagyaz, als „kurdische" Institutionen firmierte und zugleich von Êzîdî getragen wurde [26][27][9].
Einordnung. Beide Selbstverständnisse sind innerhalb der Gemeinschaft gelebte Realität; die Frage ist unter den Êzîdî selbst umstritten und kann politisch aufgeladen sein, nicht zuletzt im Spannungsfeld zwischen Armenien, der Türkei und dem PKK-Konflikt. Kritische Stimmen, etwa in einer Analyse des Institute for War and Peace Reporting, werfen Eriwan vor, die Trennung zwischen „Êzîdî" und „Kurden" auch politisch zu nutzen, ein Vorwurf, den Befürworter der Anerkennung zurückweisen [28][26]. ezdixan.de dokumentiert beide Positionen, ohne eine davon zur „richtigen" zu erklären.
Georgien: die Êzîdî von Tiflis
Eine städtische Gemeinde im Wandel
Die êzîdîsche Gemeinschaft Georgiens ist klein, alt, und fast vollständig städtisch. Der Zensus 2014 zählte 12.174 Êzîdî (0,3 % der Bevölkerung), davon 11.194 in Tiflis [4][5]. Die Entwicklung seit dem Ende der Sowjetunion ist dramatisch: 1989 lebten noch rund 33.000 Êzîdî in Georgien. In den 1990er Jahren flohen Tausende vor dem wirtschaftlichen Kollaps und vor Diskriminierung, vor allem nach Deutschland und Russland [4][6].
In diese Zeit des Schrumpfens fällt eine bemerkenswerte religionsgeschichtliche Episode: Einem Bericht zufolge erlaubten religiöse Würdenträger in Georgien 2012 ein „Rückkehr-Ritual" für Êzîdî, die, zum Teil unter Assimilationsdruck, zum Christentum konvertiert waren; da das Êzîdentum traditionell keine Konversion kennt, wäre dies eine erhebliche Neuerung. Die Angabe stützt sich allerdings nur auf eine einzelne Quelle [6].
Sultan-Ezid-Tempel und Theologische Akademie
Trotz der Abwanderung hat die Gemeinde von Tiflis ihre Infrastruktur ausgebaut. Die êzîdîsche Religion ist in Georgien seit 2011 staatlich anerkannt [22]. Im Juni 2015 wurde im Stadtteil Warketili der Sultan-Ezid-Tempel mit angeschlossenem Kulturzentrum eröffnet, nach dem Vorbild von Laliş gestaltet und damals erst der zweite bzw. dritte êzîdîsche Tempel außerhalb des Irak. Das Grundstück hatte die georgische Regierung 2009 gestiftet; gebaut wurde ab 2012 durch das „Haus der Êzîdî Georgiens", finanziert von lokalen Geschäftsleuten [22][23][24].
Seit 2016 arbeitet neben dem Tempel die (Internationale) Êzîdîsche Theologische Akademie mit Unterricht zu Religion, Geschichte und Sprachen, ein neuartiger Versuch, traditionell mündlich weitergegebenes religiöses Wissen institutionell zu lehren [8][22].
Verbindungen zur weltweiten Gemeinschaft
Die Kaukasus-Diaspora ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein lebendiger Knoten im weltweiten êzîdîschen Netz, in beide Richtungen.
Was der Kaukasus der Weltgemeinschaft gab: Die Bücher, Lieder und Sendungen aus Eriwan wirkten über Jahrzehnte in die gesamte kurmancîsprachige Welt hinein, Radio Eriwan war für Hörer in der Türkei oft die einzige muttersprachliche Stimme, der erste Kurmancî-Roman der Geschichte wurde von einem Êzîdî aus dem Kaukasus geschrieben, und das Eriwaner Liederarchiv gehört zum kulturellen Erbe der ganzen Gemeinschaft [12][13][14].
Was die Weltgemeinschaft dem Kaukasus gibt: Der größte Tempel der Welt in Aknalîç wurde von einem in Russland lebenden Êzîdî gestiftet [16][17], ein Beispiel dafür, wie die nach 1991 entstandenen Migrationsnetzwerke (Armenien/Georgien → Russland und Deutschland) heute zurückwirken. Viele Familien in Deutschland und Russland haben kaukasische Wurzeln; die Wege dieser Sekundärmigration und die heutigen Gemeindegrößen weltweit dokumentiert der Artikel Diaspora und Demographie.
So schließt sich ein Kreis: Die Nachfahren derer, die im 19. Jahrhundert über die russische Grenze flohen, tragen heute mit an Tempeln, Archiven und Institutionen für eine Gemeinschaft, die nach dem Ferman von 2014 (siehe Fermane-Chronik) verstreuter lebt als je zuvor.
Persönlichkeiten im Überblick
| Name | Lebensdaten | Bedeutung |
|---|---|---|
| Erebê Şemo | 1897–1978 | Erster Kurmancî-Romancier („Şivanê Kurmanca", 1931/1935) [14] |
| Heciyê Cindî | 1908–1990 | Linguist; kyrillisches Kurmancî-Alphabet 1945/46 [10] |
| Casimê Celîl | 1908–1998 | Dichter; Kopf der Kurdisch-Redaktion von Radio Eriwan [12][13] |
| Aziz Tamoyan | 1933–2021 | Politiker; treibende Kraft der Anerkennung von 2002 [27] |
| Kyaram Sloyan | 1996–2016 | Gefallener Soldat; Symbolfigur der êzîdîsch-armenischen Verbundenheit [19] |
| Mirza Sloyan | , | Stifter des Quba Mêrê Dîwanê [16][17] |
Ausführliche Porträts êzîdîscher Persönlichkeiten aus allen Epochen und Ländern: Bekannte Persönlichkeiten.
Quellen
Alle Quellen abgerufen am 11.06.2026.
- Wikipedia: Yazidis in Armenia, https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidis_in_Armenia
- Armstat: Population Census 2022, https://www.armstat.am/en/?nid=743
- Minority Rights Group: Yezidis in Armenia, https://minorityrights.org/communities/yezidis-kurds/
- Wikipedia: Yazidis in Georgia / Yazidism in Georgia, https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidis_in_Georgia
- Civil Georgia: Geostat Final Results 2014 Census, https://civil.ge/archives/124561
- yazidis.info: Yazidis in Georgia, the Yazidi population in Georgia has been dwindling since the 1990s, http://yazidis.info/en/news/35/yazidis-in-georgia-the-yazidi-population-in-georgia-has-been-dwindling-since-the-1990s
- Wikipedia: Persecution of Yazidis, https://en.wikipedia.org/wiki/Persecution_of_Yazidis
- Kulturní studia: Between Orthopraxy and Orthodoxy, International Yezidi Theological Academy in Tbilisi (2022), https://kulturnistudia.cz/between-orthopraxy-and-orthodoxy-international-yezidi-theological-academy-in-tbilisi/
- Wikipedia: Kurds in Armenia, https://en.wikipedia.org/wiki/Kurds_in_Armenia
- Omniglot: Kurdish language and alphabets, https://www.omniglot.com/writing/kurdish.htm
- University of Exeter Special Collections: Rya T’eze and the Kurds in Armenia, https://specialcollections.exeter.ac.uk/2021/09/07/rya-teze-and-the-kurds-in-armenia/
- Ajam Media Collective: How a Soviet Armenian Radio Station Preserved Kurdish Culture, https://ajammc.com/2021/06/13/radio-yerevan-kurdish-culture/
- EVN Report: The Kurdish Voice of Radio Yerevan, https://evnreport.com/evn-youth-report/the-kurdish-voice-of-radio-yerevan/
- Wikipedia: Erebê Şemo, https://en.wikipedia.org/wiki/Erebê_Şemo
- Rûpela Nû: Erebê Şemo’nun romanı ilk kez orijinal metniyle Türkçeye çevrildi, https://www.rupelanu.org/erebe-semonun-romani-ilk-kez-orijinal-metniyle-turkceye-cevrildi-17081h.htm
- Wikipedia: Quba Mêrê Dîwanê, https://en.wikipedia.org/wiki/Quba_Mêrê_Dîwanê
- Hetq: Dispatches from Aknalich, 1st Anniversary of the World’s Largest Yazidi Temple, https://hetq.am/en/article/121526
- Armenian Weekly: Largest Yazidi Temple to Be Built in Armenia (2016), https://armenianweekly.com/2016/07/27/largest-yazidi-temple/
- Wikipedia: Kyaram Sloyan, https://en.wikipedia.org/wiki/Kyaram_Sloyan
- Refworld/MRG: World Directory of Minorities, Armenia: Yezidis & Kurds, https://www.refworld.org/docid/49749d60c.html
- Kurdistan24: Yerevan’s Department of Kurdology, https://www.kurdistan24.net/en/story/865727/
- Wikipedia: Sultan Ezid Temple, https://en.wikipedia.org/wiki/Sultan_Ezid_Temple
- DFWatch: Yazidi temple, third in the world, opened in Tbilisi (2015), https://dfwatch.net/yazidi-temple-third-in-the-world-opened-in-tbilisi-36650
- Rudaw: Yezidis of Georgia celebrate new temple in Tbilisi (2015), https://www.rudaw.net/english/world/180620152
- Wikipedia: Yazidis (Abschnitt Identität/Armenien 2002), https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidis
- Rudaw: The Yezidis of Armenia Face Identity Crisis over Kurdish Ethnicity (2014), https://www.rudaw.net/english/people-places/28052014
- Wikipedia: Aziz Tamoyan / Yezidi National Union, https://en.wikipedia.org/wiki/Aziz_Tamoyan
- IWPR: Armenia, Yezidi Identity Battle, https://iwpr.net/global-voices/armenia-yezidi-identity-battle
- Constitution of the Republic of Armenia (Art. 28 Gleichheit, Art. 36 Schutz der nationalen/ethnischen Identität), https://www.president.am/en/constitution-2015/
- EVN Report: Armenia’s New Electoral Code, Part III (Minderheiten-Mandate, Zuteilungsverfahren), https://evnreport.com/politics/armenias-new-electoral-code-part-iii/
- Armenian National Committee of America: Ethnic Minorities Win Seats in Armenian Parliament, https://anca.org/ethnic-minorities-win-seats-in-armenian-parliament/
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