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Junge Êzîdî in der Diaspora: Identität zwischen den Welten

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In Deutschland wächst zum ersten Mal in der Geschichte eine ganze Generation von Êzîdî (auch Yeziden oder Jesiden) heran, die mehrheitlich außerhalb der Herkunftsregion sozialisiert wird. Sie besuchen deutsche Schulen und Universitäten, sprechen Deutsch oft besser als Kurmancî, organisieren sich in Vereinen und sozialen Medien, und tragen zugleich eine der ältesten religiösen Überlieferungen des Nahen Ostens weiter. Diese Generation baut etwas Neues: eine êzîdîsche Identität, die aus beiden Welten schöpft.

Dieser Artikel beschreibt, wie junge Êzîdî Religion, Sprache und Gemeinschaft neu verhandeln, und er richtet sich besonders an sie selbst: Vieles davon ist eure eigene Geschichte.


1. Aufwachsen zwischen den Welten

Deutschland beherbergt die größte êzîdîsche Diaspora der Welt. Da deutsche Statistiken die Religionszugehörigkeit nicht erfassen, gibt es nur Schätzungen: je nach Quelle etwa 150.000 bis 250.000 Êzîdî; der Zentralrat der Êzîden und Medien nannten 2024 rund 250.000. Schwerpunkte liegen in Niedersachsen (Raum Oldenburg und Celle) und in Nordrhein-Westfalen, etwa in Ostwestfalen-Lippe (weltweite Zahlen: Diaspora-Demographie; Hintergrund: Êzîdî in Deutschland).

Die Migration kam in Wellen: ab den 1960er-Jahren als „Gastarbeiter", ab den 1980er- und 1990er-Jahren als Asylsuchende aus der Türkei, ab 2014/15 als große Fluchtbewegung aus dem Irak, nach dem Genozid des sogenannten „Islamischen Staates" an den Êzîdî von Şingal (Sinjar), dem Hauptsiedlungsgebiet im Nordwesten des Irak.

Heute leben Generationen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen nebeneinander: Großeltern aus den Dörfern der Heimat, Eltern, die Flucht und Neuanfang trugen, und Kinder, für die Deutschland schlicht Zuhause ist. Die Religionsforschung fragt seit Philip Kreyenbroeks Generationenstudie von 2009, bis heute das Standardwerk: Wie verändert sich die Wahrnehmung der eigenen Religion, wenn man in der Diaspora aufwächst? Neuere Feldforschung (Doboš 2020/21, Stuewe 2025) zeigt: Die junge Generation gibt darauf eigene, produktive Antworten.


2. Eine mündliche Religion weitergeben: ohne Schriftkanon

Das Êzîdîtum ist eine primär mündlich überlieferte Religion. Das religiöse Wissen lebt in den Qewlên (heiligen Hymnen), in Erzählungen und in der Praxis religiöser Spezialisten, nicht in einem Schriftkanon wie Bibel oder Koran (ausführlich: Qewl-Tradition).

In der Diaspora gerät die klassische Weitergabekette unter Druck. Was im Herkunftsland über Familie, die Beziehungen zu Şêx und Pîr (den erblichen religiösen Ständen) und dörfliche Nähe selbstverständlich floss, muss in der Diaspora aktiv organisiert werden. Kreyenbroeks Generationenvergleich zeigte schon 2009: Viele Jüngere kennen die religiöse Praxis, Feste, Fastentage, Rituale –, aber weniger die Überlieferung dahinter; und sie wünschen sich etwas, das die mündliche Tradition so nie vorsah: erklärbares, „lernbares" Religionswissen. Die Feldforschung von Natalia Doboš ergänzt: Das in europäischen Schulen gelernte kritische Denken erschwert es manchen jungen Leuten, tradierte Tabus einfach zu akzeptieren.

Das ist kein Verfall, es ist der Motor einer der spannendsten Entwicklungen des heutigen Êzîdîtums: der Verschriftlichungsdebatte. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts wird die Tradition aktiv textualisiert (Omarkhali 2017). In der Community wird offen diskutiert, ob es einen schriftlichen Kanon geben soll: Die Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen (GEA) führte dazu die Online-Umfrage „Verschriftlichung des Ezidentums?" durch, die TH Köln bot ein Kompaktseminar „von der oralen Tradition zur Verschriftlichung" an. Ob, wie weit und durch wen verschriftlicht wird, ist ein offener innerêzîdîscher Diskurs: und dass er geführt wird, ist selbst ein Zeichen lebendiger Religion.

Wo alte Weitergabewege dünner werden, sind neue entstanden: Seit den 1990er-Jahren übernehmen Kulturvereine vielerorts religiöse Bildung, neue Lernorte einer alten Religion. Und die junge Generation wird von Forschenden aus den eigenen Reihen untersucht: Prof. Dr. Şefik Tagay entwickelte das „Ezidische Identitäts-Inventar" (EZI), das erste Instrument zur Messung êzîdîscher Identität.


3. Sprache: Kurmancî zwischen Muttersprache und Drittsprache

Die Muttersprache der meisten Êzîdî ist Kurmancî (Nordkurdisch). In Teilen der Diaspora, vor allem unter Êzîdî aus der ehemaligen Sowjetunion, zunehmend auch in Deutschland, wird für die eigene Sprache die Bezeichnung „Êzdîkî" verwendet: für die einen ein religiös-ethnisches Merkmal mit eigenem Namen, für die anderen linguistisch eindeutig Kurmancî. Beide Sichtweisen existieren innerhalb der Community nebeneinander.

In vielen Familien verschiebt sich die Sprachpraxis: Deutsch wird zur dominanten Familiensprache, Kurmancî für die zweite und dritte Generation zur Zweit- oder Drittsprache. Quantitative Studien speziell zu êzîdîschen Jugendlichen fehlen bislang, eine Forschungslücke –, doch die qualitative Forschung (Kreyenbroek, Doboš) beschreibt die Tendenz deutlich. Für die Religionsweitergabe wiegt sie doppelt: Die Qewlên sind in einem alten, poetischen Kurmancî überliefert; wer die Sprache verliert, verliert den direkten Zugang zum Herzstück der Überlieferung.

Doch es gibt Gegenbewegungen, oft von den Jungen selbst getragen: Sprachkurse in Vereinen, Lernmaterialien, Online-Angebote. Zur Geschichte der Schriftsysteme des Kurmancî/Êzdîkî siehe Alphabet-Historie; wer die Sprache aktiv lernen oder auffrischen möchte, findet mit lernen.ezdixan.de ein kostenloses Lernangebot dieses Portals. Sprache lässt sich zurückholen, Strophe für Strophe, Gespräch für Gespräch.


4. Heiraten und Zugehörigkeit: Die Endogamie-Debatte

Kaum eine Frage beschäftigt junge Êzîdî in der Diaspora so sehr wie die Heiratsregeln. Traditionell heiraten Êzîdî innerhalb der Gemeinschaft und innerhalb der drei Stände (Mirîd, Şêx, Pîr). Eine Heirat außerhalb der Religion führt nach traditionellem Verständnis zum Ausschluss, in eine Religion, in die man nur hineingeboren werden kann, kann man nicht einheiraten.

Um diese Regeln wird heute innerhalb der Community gerungen, und beide Positionen sind legitime êzîdîsche Innenperspektiven:

Die Schutzperspektive. Für viele ist die Endogamie kein starres Relikt, sondern eine Überlebensstrategie: Eine kleine, über Jahrhunderte verfolgte Religionsgemeinschaft hat ihre Existenz auch dadurch gesichert, dass sie ihre Grenzen wahrte. Nach Genozid und Vertreibung empfinden viele die Regel erst recht als Schutz vor dem „Verschwinden" des Volkes. Die Anthropologin Allison Stuewe, die 22 Monate unter irakischen Êzîdî in Deutschland forschte, fand dafür die treffende Formel „Marrying Against Erasure": Heiratsentscheidungen als bewusste Strategie gegen kulturelle Auslöschung, nicht gegen die Liebe, sondern für den Fortbestand von etwas, das beinahe ausgelöscht worden wäre.

Die Lebensrealitäts-Perspektive. Dieselben Regeln, die die Gemeinschaft im Irak stabilisierten, können sie in Westeuropa unter Druck setzen: Der Heiratsmarkt innerhalb von Community und Stand ist klein, Lebensentwürfe sind individueller, Liebesbeziehungen über Religionsgrenzen gehören zur Realität offener Gesellschaften, und die deutsche Aufenthaltspolitik verlangt jungen Êzîdî „Integrationsleistungen" ab, während die Community Kontinuität erwartet. Die Forschung dokumentiert die Begleiterscheinungen nüchtern: Generationenkonflikte und Zurückhaltung gegenüber arrangierten Ehen. Diaspora-Intellektuelle stellen inzwischen auch das Exogamie-Verbot offen zur Diskussion, und im Irak selbst geraten gemischtreligiöse Familien von beiden Seiten unter Druck; das Spannungsfeld ist also kein reines „Diaspora-Problem".

Bemerkenswert ist, was sich bewegt: In der Diaspora wächst die Reformdynamik gerade bei den Heiratsregeln. Auf der Stuttgarter Fachtagung „Yazidi Identity in Transition" (Weltethos-Stiftung, 2025) wurde Reform- und Anpassungsfähigkeit als „überlebenswichtig für die Kontinuität" des Êzîdîtums diskutiert. Die Debatte selbst ist kein Zeichen des Zerfalls, sondern einer Religion, die lebt: keine „Modernen" gegen „Rückständige", sondern eine Gemeinschaft, die nach dem beinahe Schlimmsten neu aushandelt, was Zugehörigkeit bedeutet.


5. Şingal 2014 und die Generation des Gedenkens

Der 3. August 2014, der Tag, an dem der sogenannte „Islamische Staat" Şingal überfiel, hat die junge Generation geprägt wie kein anderes Ereignis. In der êzîdîschen Erinnerungstradition gilt der Genozid von 2014 als 74. Ferman. Ferman bezeichnet die Verfolgungs- und Vernichtungskampagnen der Geschichte; die Zahl 74 ist dabei eine gewachsene Erinnerungstradition, keine exakt gezählte historische Statistik, sie drückt aus, wie tief die Erfahrung wiederholter Verfolgung im kollektiven Gedächtnis verankert ist (Einordnung: Genozide).

Aus dieser Erfahrung ist eine Generation des Gedenkens und des Engagements entstanden:

  • Der 3. August als Gedenktag. Jedes Jahr wird weltweit an den Beginn des Genozids erinnert; in Deutschland richtet der Zentralrat der Êzîden die zentrale Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche aus. Bei internationalen Gedenk-Panels (Free Yezidi Foundation) sprechen ausdrücklich junge Aktivistinnen und Aktivisten über die Bedürfnisse der nächsten Generation.
  • Jugendorganisationen. Die Êzîdische Jugend Deutschland e.V. (ÊJD) (gegründet 2017, Vorläuferverein seit 2011) ist eine bundesweite Plattform für kulturelle Identität, Bildung und Teilhabe. Die Yezidische Jugend Oldenburg ist seit 1993 Teil des Yezidischen Forums Oldenburg und Mitglied im Bundesverband djo, Deutsche Jugend in Europa. Der Zentralrat der Êzîden in Deutschland (ZÊD), 2017 in Bielefeld gegründet, baut mit hauptamtlicher Jugend- und Frauenarbeit einen eigenen Jugendverband auf. Seminare wie „Wie stärken wir die Êzîdische Jugend?" (IDA e.V.) verbinden Empowerment, Organisationsaufbau und Traumaverarbeitung.
  • Advocacy mit Ergebnissen. Im Januar 2023 erkannte der Deutsche Bundestag die IS-Verbrechen an den Êzîdî als Völkermord an, von Yazda als Ergebnis gemeinsamer zivilgesellschaftlicher Arbeit begrüßt. Deutschland führte zudem die weltweit ersten Strafprozesse wegen des Genozids an Êzîdî; Baden-Württemberg nahm mit einem Sonderkontingent 1.100 überlebende Frauen und Kinder auf.

Zehn Jahre nach dem Genozid formulierte die Community klare Forderungen: Verankerung des Genozids in Schulen und Hochschulen, eine permanente Gedenkstätte, strafrechtliche Verfolgung aller Täter, etwa 200.000 Êzîdî leben bis heute als Binnenvertriebene in Camps im Irak. Irfan Ortac vom Zentralrat bringt es auf den Punkt: „Man kann Rassismus nur bekämpfen, wenn man informiert ist." Das gilt auch gegen das alte Stigma des „Teufelsanbeter"-Vorwurfs auf Schulhöfen, eine Verleumdung, die mit der êzîdîschen Theologie nichts zu tun hat: Tawûsî Melek, der Pfauenengel, ist der höchste der Engel und keine „Teufelsgestalt".


6. Digital glauben: Archive, Social Media, Wissen im Netz

Für eine Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, findet auch Religion im Netz statt, Verschriftlichung und Digitalisierung laufen parallel. Drei digitale Räume prägen das Bild:

  • Digitale Archive. Die Organisation Yazda betreibt ein Video-Archiv des materiellen und immateriellen êzîdîschen Kulturerbes, ausdrücklich als Ressource für die Diaspora.
  • Wissenschaft online. Der Forschungsblog Yezidi Stories (Johnny Cheung, Inalco) dokumentiert das Qewl-Korpus öffentlich im Netz; das Yezidi Studies Center bündelt akademische Arbeit online. Religiöses Wissen, das früher schwer zugänglich war, ist heute recherchierbar.
  • Social Media als Vermittlungsraum. Die ÊJD bespielt aktiv YouTube, Instagram, TikTok und Facebook, mit Erklärungen zu Feiertagen, Gedenk- und Aufklärungscontent. Religion „in der Hosentasche", für viele der erste Ort, an dem sie strukturiertes Wissen über das eigene Êzîdîtum finden.

Eine ehrliche Einschränkung: Systematische Forschung zur êzîdîschen Social-Media-Religiosität steht noch am Anfang. Sicher ist, die Generation, die einmal als „Generation des Traditionsverlusts" gefürchtet wurde, baut gerade die größte öffentlich zugängliche Wissenssammlung der êzîdîschen Geschichte auf.


7. Stimmen und Vorbilder

Die junge Diaspora hat Stimmen hervorgebracht, die weit über die Community hinaus gehört werden.

Ronya Othmann (geboren 1993 in München, ihr Vater ist êzîdîsch-kurdischer Herkunft aus Nordsyrien) ist die wichtigste literarische Stimme der jungen Diaspora-Generation. Ihr Debütroman „Die Sommer" (2020) erzählt von Leyla zwischen bayerischer Provinz und nordsyrischem Dorf, die Doppelheit, die viele junge Êzîdî kennen, in Literatur verwandelt. Ihr Roman „Vierundsiebzig" (2024) macht den 74. Ferman und die Arbeit des Erinnerns selbst zum Gegenstand. Othmann erhielt u. a. den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs (2019) und den MDR-Literaturpreis, êzîdîsche Stimmen sind im deutschen Kulturbetrieb sichtbar geworden.

Zemfira Dlovani (geboren 1979), Fachanwältin für Sozialrecht in Koblenz, war 2017 Gründungsmitglied des Zentralrats der Êzîden in Deutschland und ist seit 2021 dessen Erste Vorsitzende. Sie vertritt êzîdîsche Zeuginnen in Genozid-Strafverfahren in Deutschland und Großbritannien. Dass eine Frau die wichtigste êzîdîsche Interessenvertretung Deutschlands führt, steht für einen breiteren Wandel: Êzîdîsche Frauen übernehmen zunehmend Führungsrollen im öffentlichen Leben (mehr: Frauen im Êzîdîtum).

Nadia Murad (geboren 1993 in Kocho bei Şingal) hat als Überlebende des Genozids ihre Geschichte in der Autobiografie „The Last Girl" (2017) öffentlich gemacht und erhielt 2018 den Friedensnobelpreis. Ihre Organisation Nadia’s Initiative baut Şingal wieder auf, Schulen, ein Frauenzentrum, Lehrerausbildung. Sie ist die weltweit sichtbarste junge êzîdîsche Frau und für viele der Beleg, dass aus dem Überleben Gestaltungskraft werden kann.

In der Musik liegt es anders: Die êzîdîsche Musikkultur wird vor allem über die Qewwal-Tradition, Archive und Aufnahmeprojekte bewahrt; einzelne junge Musikerinnen und Musiker der Diaspora sind bislang nicht zuverlässig dokumentiert.


8. Seelische Gesundheit und Resilienz

Über seelische Belastungen zu sprechen, fällt in vielen Familien schwer, und doch gehört das Thema hierher. Wichtig ist die Blickrichtung: Es geht nicht um ein „Defizit" der jungen Generation, sondern um das Erbe der Verfolgung: und um den Auftrag an die Versorgungssysteme, diesem Erbe gerecht zu werden.

Die Forschung von Jan Ilhan Kizilhan, Chefpsychologe des baden-württembergischen Sonderkontingents, beschreibt die Traumatisierung der Êzîdî auf drei Ebenen: individuell, kollektiv und transgenerational (Kizilhan & Noll-Hussong 2017). Auch wer erst in Deutschland geboren wurde, kann die Verfolgungsgeschichte der Familie mittragen, über Erzählungen, Schweigen, Ängste der Eltern. Klinische Daten unmittelbar nach der Flucht von 2014 zeigen das Ausmaß: Bei untersuchten êzîdîschen Kindern und Jugendlichen fanden sich durchgängig psychische Belastungen, Schlafstörungen, Depressionen, posttraumatische Symptome. Zugleich dokumentiert die Forschung erhebliche Zugangsbarrieren zu psychologischer Versorgung: Sprachhürden, fehlende kultursensible Angebote, lange Wartezeiten.

Und doch ist das nur die halbe Geschichte. Dieselbe Forschung betont die Resilienz: die Fähigkeit, an der Erfahrung nicht zu zerbrechen, sondern zu wachsen. Kizilhan formulierte es 2025 in Stuttgart so: „Trauma kann ein Volk zerstören, oder es wachsen lassen." Die Belege für das Wachsen stehen überall in diesem Artikel: Jugendorganisationen, die Traumaverarbeitung und Empowerment zusammendenken; eine Generation, die den Genozid vor dem Bundestag, in der Paulskirche und in Romanen bezeugt. Hilfe zu suchen, bei Beratungsstellen, Therapeutinnen, Vertrauenspersonen, ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil genau dieser Stärke.


9. Ausblick: Nicht zwischen den Welten: aus beiden Welten

Die Formel von der „Identität zwischen den Welten" greift am Ende zu kurz: Forschung und Community-Praxis zeigen übereinstimmend eine Generation, die aus beiden Welten Identität baut.

Die Stuttgarter Fachtagung 2025 hält deutliche Fortschritte bei Bildung, Community-Aufbau und politischer Partizipation fest; junge Êzîdî vernetzen sich zunehmend transnational. Die Akademisierung schreitet voran, Frauen übernehmen Führungsrollen, vom Zentralratsvorsitz bis zum Friedensnobelpreis. Und die großen Debatten, Verschriftlichung, Heiratsregeln, neue Institutionen, werden in der Forschung nicht als Verfall gelesen, sondern als aktive Transformations- und Überlebensleistung der Diaspora.

Eine Religion, die 2014 ausgelöscht werden sollte, wird zwölf Jahre später von ihrer jüngsten Generation dokumentiert, diskutiert, digitalisiert, gelehrt und gelebt, auf Kurmancî und auf Deutsch, in Laliş und in der Paulskirche, im Qewl und im Netz. Das ist Şerfedîn, weitergetragen in eine neue Zeit.


Quellen

Alle Quellen wurden am 11. Juni 2026 abgerufen und geprüft. Bevölkerungszahlen sind Schätzungen; „74 Ferman" bezeichnet eine Erinnerungstradition, keine exakte historische Zählung.

  1. Kreyenbroek, Philip G. u. a.: Yezidism in Europe: Different Generations Speak about their Religion. Harrassowitz 2009, https://books.google.com/books/about/Yezidism_in_Europe.html?id=E4FpDDbrvqkC
  2. Omarkhali, Khanna: The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written. Harrassowitz 2017, https://www.harrassowitz-verlag.de/title_1833.ahtml
  3. Kizilhan, J. I. / Noll-Hussong, M.: „Individual, collective, and transgenerational traumatization in the Yazidi." BMC Medicine 15:198 (2017), https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12916-017-0965-7
  4. „The psychological impact of genocide on the Yazidis." Frontiers in Psychology 14 (2023), https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2023.1074283/full
  5. „The Influence of the Diaspora on the Transformation of the Main Elements of the Yazidi Religion." Religions (MDPI) 13(11):1071 (2022), https://www.mdpi.com/2077-1444/13/11/1071
  6. Stuewe, Allison T.: Marrying Against Erasure. Diss., University of Arizona 2025, https://repository.arizona.edu/handle/10150/675804
  7. Doboš, Natalia: „Preservation of Ethnic Identity and Culture of Yazidis in Germany." Kulturní studia, https://kulturnistudia.cz/preservation-of-ethnic-identity-and-culture-of-yazidis-in-germany/
  8. „Psychiatric symptoms and disorders among Yazidi children and adolescents immediately after forced migration following ISIS attacks." (2016), https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27628299/
  9. „Factors influencing utilization and perception of health care… among traumatized Yazidi refugees in Germany." (2021), https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8274022/
  10. Amy de la Bretèque, E. / Omarkhali, Kh.: „The Yezidi Religious Music." Oral Tradition Journal, https://oraltradition.org/the-yezidi-religious-music/
  11. Stiftung Weltethos: „Yazidi Identity in Transition" (Tagungsbericht Stuttgart, April 2025), https://www.weltethos.org/en/yazidi-identity-in-transition/
  12. GEA: EZI-Identitätsinventar, Umfrage „Verschriftlichung des Ezidentums?", https://www.gea-ev.net/wissenschaft-forschung/ezi/
  13. TH Köln: Kompaktseminar „Die Eziden, von der oralen Tradition zur Verschriftlichung", https://www.th-koeln.de/hochschule/kompakt-seminar-die-eziden--von-der-oralen-tradition-zur-verschriftlichung_86867.php
  14. IDA e.V.: Seminar „Wie stärken wir die Êzîdische Jugend?", https://www.idaev.de/
  15. Êzîdische Jugend Deutschland e.V. (ÊJD), https://ezidischejugend.com/
  16. Zentralrat der Êzîden in Deutschland (ZÊD), Vorstand, https://zentralrat-eziden.com/vorstand
  17. Yezidische Jugend Oldenburg (djo-Bundesverband), https://djo.de/yezidische-jugend/
  18. Free Yezidi Foundation: Genozid-Gedenken (2021), https://freeyezidi.org/news-updates/fyf-seven-year-commemoration-of-the-yezidi-genocide/
  19. Yazda: Kultur-/Videoarchiv, https://www.yazda.org/culture · Bundestags-Anerkennung Jan. 2023, https://www.yazda.org/recognition-of-yazidi-genocide-by-german-parliament
  20. USHMM: „On the 10th Anniversary of the Yazidi Genocide…" (2024), https://www.ushmm.org/genocide-prevention/blog/on-the-10th-anniversary-of-the-yazidi-genocide-concerns-about-justice
  21. Nadia’s Initiative, https://www.nadiasinitiative.org/ · Wikipedia (en): „Nadia Murad", https://en.wikipedia.org/wiki/Nadia_Murad
  22. Sonntagsblatt: „Zehn Jahre nach dem Genozid: Jesiden fordern kulturelle Anerkennung in Deutschland" (2024), https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kultur/zehn-jahre-nach-dem-genozid-jesiden-fordern-kulturelle-anerkennung-deutschland
  23. Wikipedia (de): „Die Sommer", https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sommer · taz zu „Vierundsiebzig" (2024), https://taz.de/Roman-Vierundsiebzig-von-Ronya-Othmann/!5996391/
  24. ÊzîdîPress: „Ezdiki, the language of the Ezidis?", https://www.ezidipress.com/en/ezdiki-the-language-of-the-ezidis/
  25. ODI/HPN: „Mixed-faith families at risk in Iraq", https://odihpn.org/en/publication/mixed-faith-families-at-risk-in-iraq-rejected-by-the-muslims-and-by-the-yezidis/
  26. Wikipedia (en): „Yazidis in Germany", https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidis_in_Germany
  27. Yezidi Stories (Johnny Cheung), https://yes.hypotheses.org/ · Yezidi Studies Center, https://www.yezidistudiescenter.org/

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