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Prominente Êzîden weltweit: nach Ländern

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Dieser Artikel versammelt bedeutende Êzîdî-Persönlichkeiten nach Ländern und Regionen geordnet: von der religiösen Führung im irakischen Kernland über die alte Kaukasus-Diaspora bis zu Aktivistinnen, Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern und Sportlern in Europa und Übersee. Aufgenommen sind ausschließlich real dokumentierte Personen, deren êzîdîsche Herkunft und Lebensdaten durch verlässliche Quellen belegt sind. Da Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden), sunnitische Kurden, Aleviten und Armenier in Medien häufig verwechselt werden, gilt durchgängig: im Zweifel weglassen oder transparent als „unbestätigt" kennzeichnen: niemals erfinden.

Hinweis zur Abgrenzung: Eine thematisch (nach Tätigkeitsfeld) geordnete Übersicht bietet der Artikel Bekannte Personen. Hier stehen die Personen nach geografischer Wirkung im Mittelpunkt. Das Mîr- und die religiösen Ämter vertieft Heilige Genealogie, die politische Gegenwart Êzîdî-Politik, die Frauen Êzîdî-Frauen, der Genozid 2014 Genozid 2014, die kaukasische Geschichte Êzîden in Armenien & Georgien, die deutsche Diaspora Êzîden in Deutschland.

Konvention: Schreibweise „Êzîdî/Êzîden"; der zentrale Engel Tawûsî Melek wird niemals als „Teufel" bezeichnet, diese Gleichsetzung ist eine jahrhundertealte, fremdzugeschriebene Verleumdung. Strittige Lebensdaten folgen dem internen Zahlen-Kanon der Wiki.


Irak

Der Irak, namentlich die Region Kurdistan mit dem Şêxan-Distrikt (Sitz des Heiligtums Lalîş, nördlich von Mosul) und der Region Şingal/Sinjar (Ninive), ist das historische und religiöse Kernland der Êzîden. Hier sitzt die religiöse Führung (Mîr, Baba Şêx, Geistlicher Rat), hier ereignete sich 2014 der IS-Genozid (74. Ferman), und von hier stammen die international bekanntesten êzîdîschen Persönlichkeiten der Gegenwart, von Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad bis zu Widerstandskämpfern wie Qasim und Heydar Şeşo. Tawûsî Melek, der Engel-Pfau, steht im Zentrum ihres Glaubens und darf niemals als „Teufel" missverstanden werden, eine Verleumdung, die historisch zur Rechtfertigung von Verfolgung diente.

Die folgende Aufstellung umfasst ausschließlich real dokumentierte Personen. Lebensdaten folgen, soweit strittig, dem internen WIKI-ZAHLEN-KANON.md.


Religiöse Führung

Mîr Hazim Tahsin Beg (*1963)

  • Name (Kurmancî): Hazim Tahsin Beg (Hezim Têhsîn Beg)
  • Lebensdaten: geboren 1. Mai 1963 in Ba’adre (Şêxan-Distrikt, Region Kurdistan/Irak); lebend
  • Feld: Religiös-weltliches Oberhaupt aller Êzîden (Mîr/Fürst von Şêxan)
  • Werdegang: Sohn und Nachfolger von Mîr Tahsîn Saîd Beg. Bachelor in Landwirtschaft (Universität Bagdad). 2009 gewann er als KDP-Kandidat einen Sitz im kurdischen Regionalparlament. Nach dem Tod seines Vaters im Januar 2019 zogen sechs Mitbewerber ihre Kandidatur zurück, um ihm das Amt zu überlassen.
  • Einfluss/Wirkung: Am 27. Juli 2019 im Heiligtum Lalîş (Provinz Duhok) als Mîr inthronisiert, höchste Autorität der Êzîden in religiösen wie gemeinschaftlichen Belangen, Repräsentant gegenüber Staat und Stämmen. Seine Wahl durch den Geistlichen Rat war nicht unumstritten: Teile der Gemeinschaft warfen der KDP Einflussnahme vor.
  • Belege: Wikipedia: Hazim Tahsin Beg; The New Arab, 28.07.2019; France 24, 27.07.2019

Mîr Tahsîn Saîd Beg (1933–2019)

  • Name (Kurmancî): Tehsîn Saîd Beg (Mîr Tehsîn Beg)
  • Lebensdaten: geboren 15. August 1933 in Ba’adre; gestorben 28. Januar 2019 in Hannover (Deutschland), 85 Jahre; bestattet am 5. Februar 2019 in Ain Sifni (Şêxan)
  • Feld: Mîr aller Êzîden, Vorgänger von Hazim Tahsin Beg
  • Werdegang: Übernahm das erbliche Amt bereits 1944 im Alter von 11 Jahren nach dem Tod seines Vaters Saîd Beg und führte die Gemeinschaft damit 75 Jahre lang (1944–2019). Schloss sich 1969 der kurdischen Bewegung an, überlebte 2004 ein Attentat.
  • Einfluss/Wirkung: Verkörperte über drei Generationen Kontinuität der êzîdîschen Führung. Am 4. August 2014 richtete er einen internationalen Hilfsappell gegen die IS-Angriffe auf die Êzîden, einen Tag vor der berühmten Parlamentsrede Vian Dakhils.
  • Belege: Wikipedia: Tahseen Said; Wikipedia: Mîr Tehsîn Beg

Baba Şêx Xurto Hecî Îsmaîl (†2020)

  • Name (Kurmancî): Xurto Hecî Îsmaîl (Baba Şêx, höchstes geistliches Amt nach dem Mîr)
  • Lebensdaten: gestorben 1. Oktober 2020 in einem Krankenhaus in Erbil, 87 Jahre (Herz- und Nierenversagen); Baba Şêx seit 2007
  • Feld: Oberster geistlicher Würdenträger (Baba Şêx, „Vater der Scheichs"), Vorsteher der religiösen Riten und des Geistlichen Rats
  • Einfluss/Wirkung: Hinterließ ein Vermächtnis als Verteidiger der vom IS verschleppten und versklavten êzîdîschen Frauen: Er erklärte öffentlich, die zurückkehrenden Überlebenden seien vollwertige Êzîdinnen und in der Gemeinschaft willkommen, eine theologisch bedeutsame Entscheidung, die vielen Frauen die Rückkehr ermöglichte.
  • Belege: Wikipedia: Khurto Hajji Ismail; Middle East Eye: Baba Sheikh dies

Şêx Alî Ilyas (Nachfolger als Baba Şêx, *1979)

  • Name (Kurmancî): Şêx Alî Ilyas (Sheikh Ali Ilyas Haji Nasir)
  • Lebensdaten: geboren 1979 in Şêxan (Provinz Duhok); lebend
  • Feld: Baba Şêx der Êzîden (Nachfolger von Xurto Hecî Îsmaîl)
  • Werdegang: Sein Vater war von 1978 bis 1995 ebenfalls geistlicher Führer. Am 18. November 2020 in Lalîş vereidigt und von Mîr Hazim Tahsin Beg mit dem Titel Baba Şêx ausgestattet.
  • Einfluss/Wirkung: Geistliches Oberhaupt; seine Ernennung wurde jedoch von Teilen der Gemeinschaft, insbesondere in Şingal, nicht anerkannt, Ausdruck der Spannungen zwischen der KDP-nahen Führung in Şêxan und den autonomeren Strukturen in Şingal.
  • Belege: Wikipedia: Sheikh Ali Ilyas; Rudaw, 18.11.2020

Geistlicher Rat (Encumena Ruhanî)

Der Geistliche Rat (auch „Oberster Geistlicher Rat", Spiritual Council) ist das höchste religiöse Gremium, das den Mîr berät und u. a. die Wahl bzw. Bestätigung von Mîr und Baba Şêx mitträgt. Er wählte 2019 Mîr Hazim Tahsin Beg und bestätigte 2020 die Ernennung von Şêx Alî Ilyas. Sitz ist Lalîş im Şêxan-Distrikt. (Beleg im Kontext der Inthronisierungsberichte: Kurdistan24, 2019)


Meyan Khatun (1873/74–1957/58)

  • Name (Kurmancî): Meyan Xatûn
  • Lebensdaten: geboren um 1873/74 in Ba’adra (Osmanisches Reich); gestorben 1957/58 in Şingal
  • Feld: Êzîdîsche Prinzessin und Regentin
  • Werdegang/Wirkung: Über Jahrzehnte faktische Herrscherin und Regentin des êzîdîschen Fürstentums Şêxan: sie führte die weltlichen Geschäfte des Mîr-Hauses durch mehrere Minderjährigkeiten hindurch und gilt als eine der einflussreichsten Frauen der neueren êzîdîschen Geschichte.
  • Belege: Wikipedia: Meyan Khatun

Mira Khatun Wansa (1917–2015)

  • Name (Kurmancî): Mira Khatun Wansa
  • Lebensdaten: geboren 1917 in Tikrit; gestorben 25. Juni 2015
  • Feld: Êzîdîsche Prinzessin (Mîr-Haus)
  • Werdegang/Wirkung: Von 1934 bis 1938 Ehefrau des Mîr Saîd Beg, des weltlichen Oberhaupts der Êzîden; Angehörige der fürstlichen Familie von Şêxan.
  • Belege: Wikipedia: Mira Khatun Wansa

Mir Ismail Chol Beg (≈1888/89–1933)

  • Name (Kurmancî): Mîr Îsmaîl Çol Beg
  • Lebensdaten: geboren um 1888/89 in Ba’adra (Irak); gestorben 1933
  • Feld: Êzîdî-Prinz (Mîr), politischer Anführer und Reformer
  • Werdegang/Wirkung: Weltliches Oberhaupt (Mîr) der Êzîden in den 1910er–1930er Jahren; setzte sich für Bildung und für die rechtliche Anerkennung der Êzîden im entstehenden irakischen Staat ein und gilt als reformorientierter Fürst seiner Zeit.
  • Belege: Wikipedia: Mir Ismail Chol Beg

Aktivismus, Menschenrechte und Genozid-Überlebende

Nadia Murad (*1993, Friedensnobelpreis 2018)

  • Name (Kurmancî): Nadia Murad Basee Taha
  • Lebensdaten: geboren um 1993 in Koço (Kocho), Region Şingal; lebend
  • Feld: Menschenrechtsaktivistin, Genozid-Überlebende, Autorin
  • Werdegang: 2014 mit 19 Jahren beim IS-Überfall auf Koço verschleppt; nach rund drei Monaten Gefangenschaft und schwerstem Missbrauch gelang ihr die Flucht. Sie machte ihr Schicksal öffentlich, gründete Nadia’s Initiative (Wiederaufbau Şingals, Unterstützung Überlebender) und mit Amal Clooney den Global Survivors Fund. Memoiren: The Last Girl (2017).
  • Einfluss/Wirkung: Friedensnobelpreis 2018 (gemeinsam mit Dr. Denis Mukwege) für den Kampf gegen sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe. Erste Überlebende von Menschenhandel überhaupt, die UNODC-Sonderbotschafterin wurde (ernannt September 2016). Zuvor 2016 Sacharow-Preis und Václav-Havel-Menschenrechtspreis. Weltweit das Gesicht des êzîdîschen Genozids.
  • Belege: Nadia’s Initiative, Nadia Murad; UNODC, Okt. 2018; UN News, 05.10.2018; Britannica: Nadia Murad

Lamiya Aji Bashar (*1998, Sacharow-Preis 2016)

  • Name (Kurmancî): Lamiya Aji Bashar (Lamiya Haji Bashar)
  • Lebensdaten: geboren 1998 in Koço, Region Şingal; lebend
  • Feld: Menschenrechtsaktivistin, Genozid-Überlebende
  • Werdegang: Im August 2014 mit 16 Jahren, gemeinsam mit Nadia Murad, vom IS verschleppt, in die Sklaverei gezwungen und u. a. zum Bau von Sprengstoffwesten genötigt. Flucht im April 2016 mit Hilfe von Schleusern; auf der Flucht detonierte eine Landmine, tötete zwei Begleiterinnen und verletzte und vernarbte ihr Gesicht. Anschließend medizinische Behandlung in Deutschland.
  • Einfluss/Wirkung: Sacharow-Preis für geistige Freiheit 2016 des Europäischen Parlaments (gemeinsam mit Nadia Murad; Verleihung in Straßburg im Dezember 2016). Setzt sich seither für Aufklärung über das Schicksal der êzîdîschen Gemeinschaft und für betroffene Frauen und Kinder ein.
  • Belege: Wikipedia: Lamiya Haji Bashar; Europäisches Parlament, Sacharow-Preis 2016

Farida Khalaf (Pseudonym; *um 1995, Autorin „The Girl Who Beat ISIS")

  • Name (Kurmancî): Farida Khalaf (Pseudonym)
  • Lebensdaten: geboren um 1995 in Koço (Kocho), Region Şingal; lebend
  • Feld: Genozid-Überlebende, Autorin, NGO-Gründerin
  • Werdegang: Beim IS-Überfall auf Koço im August 2014 mit ihrer Familie verschleppt und in die Sklaverei verkauft; Vater und Bruder wurden ermordet. Nach Gefangenschaft, Misshandlung und sexualisierter Gewalt gelang ihr gemeinsam mit fünf jüngeren Mädchen die Flucht durch die syrische Wüste; anschließend medizinische Behandlung und Aufnahme in Deutschland.
  • Einfluss/Wirkung: Memoiren The Girl Who Beat ISIS: My Story (2016, mit der deutschen Journalistin Andrea C. Hoffmann; engl. auch The Girl Who Escaped ISIS), ein international vielbeachtetes Zeugnis des êzîdîschen Genozids. 2019 Mitgründerin und Präsidentin der Farida Global Organization, einer in Deutschland eingetragenen, von Überlebenden des Genozids und konfliktbezogener sexualisierter Gewalt geführten NGO.
  • Belege: Wikipedia: Farida Khalaf; Wikipedia (DE): Farida Khalaf

Fawzia Amin Sido (*um 2004; 2024 aus Gaza befreit)

  • Name (Kurmancî): Fawzia Amin Sido
  • Lebensdaten: geboren um 2004 im Nordirak (Region Şingal); lebend
  • Feld: Genozid-Überlebende
  • Werdegang: Im August 2014 als etwa 11-jähriges Kind beim IS-Überfall auf Şingal verschleppt; in Syrien zur Zwangsehe mit einem palästinensischen Kämpfer gezwungen und 2020 in den Gazastreifen verbracht, wo sie nach dessen Tod in Gefangenschaft seiner Familie blieb.
  • Einfluss/Wirkung: Ihre Befreiung aus Gaza im Oktober 2024: nach über zehn Jahren Gefangenschaft durch eine international koordinierte Operation, anschließend Rückkehr in den Irak, fand weltweite Beachtung als Mahnung an das fortdauernde Schicksal der noch immer vermissten êzîdîschen Frauen und Kinder.
  • Belege: Wikipedia: Fawzia Amin Sido; CNN, 04.10.2024

Nareen Shammo (*1986, Journalistin und Aktivistin)

  • Name (Kurmancî): Nareen Shammo
  • Lebensdaten: geboren 1986 in Başiqa (Bashiqa), Region Ninive; lebend
  • Feld: Journalistin, TV-Produzentin, Menschenrechtsaktivistin
  • Werdegang: Setzt sich publizistisch für die Rechte êzîdîscher Frauen ein und dokumentiert seit 2014 das Schicksal der vom IS verschleppten Frauen und Mädchen; wirkte an Aufklärung über den Genozid und an der Befreiung Betroffener mit.
  • Belege: Wikipedia: Nareen Shammo; Wikipedia (DE): Nareen Shammo

Nagham Nawzat Hasan (*1978, Gynäkologin und Aktivistin)

  • Name (Kurmancî): Nagham Nawzat Hasan
  • Lebensdaten: geboren 1978 in Başiqa; lebend
  • Feld: Gynäkologin, Menschenrechtsaktivistin
  • Werdegang: Betreut als Ärztin Überlebende sexualisierter Gewalt, u. a. im Women Survivors’ Center in Dohuk, und unterstützt vom IS versklavte êzîdîsche Frauen medizinisch und psychosozial.
  • Einfluss/Wirkung: Für ihren Einsatz gegen geschlechtsspezifische Gewalt international ausgezeichnet.
  • Belege: Wikipedia: Nagham Nawzat; Wikipedia (DE): Nagham Nawzat Hasan

Vian Dakhil (*1971, Parlamentsrede 2014)

  • Name (Kurmancî): Vian Dakhil
  • Lebensdaten: geboren 1971 in Mosul; lebend
  • Feld: Politikerin, Abgeordnete im irakischen Parlament
  • Werdegang: Stammt aus einer angesehenen, medizinisch geprägten Familie; MS Biologie / BS Mikrobiologie (Salahaddin-Universität Erbil), zunächst akademische Laufbahn. Lange einzige êzîdîsch-kurdische Frau im irakischen Parlament, Mitglied der KDP.
  • Einfluss/Wirkung: Am 5. August 2014 hielt sie im irakischen Parlament ihre weltweit beachtete, von CNN übertragene Rede, in der sie unter Tränen um Hilfe für die im Şingal-Gebirge eingeschlossenen Êzîden flehte („Rettet uns!“). Ihr Appell trug maßgeblich dazu bei, US-Luftschläge und humanitäre Hilfe auszulösen. Am 12. August 2014 verunglückte sie bei einem Hilfshelikopter-Absturz über Şingal (Beinbruch; der Pilot kam ums Leben). Ausgezeichnet u. a. mit dem Anna-Politkowskaja-Preis (2014), CNN-„Woman of the Year” (2014) und dem Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis (2015).
  • Belege: Wikipedia: Vian Dakhil; Gariwo: Vian Dakhil; RFE/RL

Murad Ismael (Mitgründer Yazda, Abgeordneter seit 2025)

  • Name (Kurmancî): Murad Ismael
  • Feld: Aktivist, Bildungsgründer, Abgeordneter im irakischen Parlament
  • Werdegang: Êzîde aus Şingal; Schule in der Region Kurdistan, danach zwei Master-Abschlüsse (Umwelttechnik, Norwich University; Geophysik, University of Houston). Während des Genozids 2014 Mitglied des Sinjar Crisis Management Team, das US-Stellen Lageinformationen lieferte und so zu den lebensrettenden Luftschlägen und Hilfsabwürfen beitrug.
  • Einfluss/Wirkung: Mitgründer der Menschenrechtsorganisation Yazda (vier Jahre Executive Director) sowie Mitwirkender an Nadia’s Initiative; später Gründer und Präsident der Sinjar Academy (Bildungsinitiative). Bei der irakischen Parlamentswahl am 11. November 2025 gewann er als parteiloser Graswurzelkandidat den êzîdîschen Quotensitz mit über 50 % der êzîdîschen Stimmen, als programmatisches Signal, dass Şingal nicht vergessen werden dürfe.
  • Belege: Wilson Center: Murad Ismael; Al-Monitor: Yazidis historic win; The Middle East Uncovered

Abid Shamdeen (Nadia’s Initiative)

  • Name (Kurmancî): Abid Shamdeen
  • Feld: Entwicklungsexperte, Menschenrechtsaktivist
  • Werdegang: Geboren und aufgewachsen in Şingal; Master in Politikwissenschaft (School of International Service, American University). Während des Genozids 2014 ebenfalls im Sinjar Crisis Management Team tätig und übermittelte US-Stellen Augenzeugenberichte, die zur Rettung Zehntausender auf dem Şingal-Berg eingeschlossener Êzîden beitrugen.
  • Einfluss/Wirkung: Executive Director von Nadia’s Initiative, leitet weltweite Advocacy-Arbeit für Überlebende sexualisierter Gewalt und den Wiederaufbau Şingals.
  • Belege: Wilson Center: Abid Shamdeen; Nadia’s Initiative, Team; American University SIS

Pari Ibrahim (Gründerin Free Yezidi Foundation)

  • Name (Kurmancî): Pari Ibrahim
  • Feld: Juristin, Menschenrechtsaktivistin
  • Herkunft: im Irak geboren, êzîdîscher Herkunft; floh 1991 als Kind mit der Familie vor dem Saddam-Regime, lebte später in den Niederlanden (heute USA). Jurastudium an der Universität Amsterdam; spricht Kurmancî, Niederländisch und Englisch. (Herkunft Irak damit bestätigt; biografisch eng mit der niederländischen Diaspora verbunden.)
  • Werdegang/Einfluss: Gründete im August 2014, unmittelbar nach dem Genozid, die Free Yezidi Foundation (FYF) zur Unterstützung der Gemeinschaft und für Überlebende. Sprach u. a. vor dem UN-Sicherheitsrat und dem britischen Parlament; publizierte in Washington Post und Guardian.
  • Belege: Free Yezidi Foundation, Pari Ibrahim; Washington Institute: Pari Ibrahim; UN Women, 2017

Dalal Khairo (Überlebende, Autorin)

  • Name (Kurmancî): Dalal Khairo (Dalal Khario)
  • Lebensdaten: geboren um 1997 in Hardan (Region Şingal); lebend
  • Feld: Genozid-Überlebende, Autorin, Aktivistin
  • Werdegang: Am 3. August 2014 mit 17 Jahren beim IS-Überfall auf Şingal verschleppt; rund neun Monate Gefangenschaft, mehrfach verkauft und missbraucht. Flucht; lebt heute in Baden-Württemberg (Deutschland). Mutter und Schwester gelten als vermisst.
  • Einfluss/Wirkung: Veröffentlichte 2016 unter dem Pseudonym „Shirin" die Memoiren I Remain a Daughter of the Light; engagiert sich für Aufklärung und Gerechtigkeit für die êzîdîschen Opfer und sagte in internationalen Gerichtsverfahren aus.
  • Belege: Wikipedia: Dalal Khario

Politik

Êzîdîscher Quotensitz im irakischen Parlament

Das irakische Repräsentantenhaus (Council of Representatives) reserviert 9 von 329 Sitzen für religiöse und ethnische Minderheiten (Christen, Êzîden, Schabak, Sabäer-Mandäer, Faili-Kurden). Den Êzîden ist ein Quotensitz in der Provinz Ninive zugeordnet. Anders als allgemeine Mandate werden die Minderheitensitze landesweit besetzt: Jede/r irakische Wähler/in kann unabhängig von Herkunft für einzeln (nicht über Parteilisten) antretende Minderheitskandidaten stimmen.

(Lokale Gouverneure/Bürgermeister von Şingal: Der Distrikt war seit 2014 Gegenstand konkurrierender Verwaltungsansprüche zwischen Bagdad und Erbil; eine eindeutig dokumentierte, namentlich gesicherte êzîdîsche Bürgermeister-/Gouverneursfigur ließ sich für diesen Abschnitt nicht zweifelsfrei belegen und wird daher weggelassen statt unbestätigt aufgeführt.)


Mahma Xelil (Bürgermeister von Şingal)

  • Name (Kurmancî): Mahma Xelil (Mahma Khalil)
  • Feld: Politiker, Bürgermeister von Şingal (Sinjar)
  • Werdegang: Êzîdîscher Politiker; amtierender Bürgermeister des Distrikts Şingal, zuvor Abgeordneter im irakischen Parlament (Kurdistanî-Liste) und Peschmerga-Kommandant.
  • Einfluss/Wirkung: Zentrale lokale Verwaltungs- und Vertretungsfigur beim Wiederaufbau Şingals nach dem Genozid von 2014.
  • Belege: Wikipedia: Mahma Xelil

Pîr Xidir Silêman (1952–2021)

  • Name (Kurmancî): Pîr Xidir Silêman
  • Lebensdaten: geboren 1952 in Ain Sifni (Şêxan, Irak); gestorben 15. November 2021 in Dohuk
  • Feld: Schriftsteller, Lehrer, Kulturfunktionär, Parlamentarier
  • Werdegang: Kurdisch-êzîdîscher Schriftsteller und Pädagoge; Präsident der Kurdischen Schriftstellerunion (1991–1997).
  • Einfluss/Wirkung: Mitbegründer des Lalish Cultural Center (1993), das sich der Bewahrung und Erforschung êzîdîscher Kultur, Sprache und Überlieferung widmet, eine der wichtigsten kulturellen Institutionen der Êzîden im Irak.
  • Belege: Wikipedia: Pîr Xidir Silêman

Amin Farhan Jejo

  • Name (Kurmancî): Emîn Ferhan Cejo
  • Feld: Politiker, Autor
  • Werdegang/Wirkung: Irakisch-êzîdîscher Politiker und Autor; einer der Vorsitzenden der Êzîdîschen Bewegung für Reform und Fortschritt (Yazidi Movement for Reform and Progress), die sich für die politische Vertretung und die Rechte der Êzîden im Irak einsetzt.
  • Belege: Wikipedia: Amin Farhan Jejo

Militär und Geschichte

Mir Jafar Dasni (gest. 841)

  • Name (Kurmancî): Mîr Cafer Dasinî
  • Lebensdaten: gestorben 841 n. Chr.
  • Feld: Kurdisch-êzîdîscher Anführer
  • Werdegang/Wirkung: Führte 838 n. Chr. einen Aufstand gegen den abbasidischen Kalifen al-Mutasim an, eines der frühesten überlieferten Beispiele organisierten Widerstands der Daseni/Êzîden gegen die Zentralmacht. Er fällt damit in die Frühgeschichte der êzîdîschen (Daseni-)Stämme im heutigen Nordirak.
  • Belege: Wikipedia: Mir Jafar Dasni

Shir Sarim (frühes 16. Jh.)

  • Name (Kurmancî): Shir Sarim
  • Lebensdaten: aktiv um 1505/06
  • Feld: Êzîdîscher Anführer / Aufstandsführer
  • Werdegang: Führte im frühen 16. Jahrhundert in der Region Kurdistan/Diyarbakir einen Aufstand der Êzîden an.
  • Einfluss/Wirkung: Sein Aufstand richtete sich gegen das safawidische Persien unter Schah Ismail I.: ein früh dokumentiertes Beispiel êzîdîschen Widerstands gegen die regionale Herrschaftsmacht der Zeit.
  • Belege: Wikipedia: Shir Sarim; Wikipedia (DE): Shir Sarim

Hemoyê Şero (1850–1935)

  • Name (Kurmancî): Hemoyê Şero (Hammo Shero)
  • Lebensdaten: 1850–1935
  • Feld: Êzîdîscher Stammesführer in Şingal
  • Werdegang: Formte die soziale Schicht der Faqîrs zu einer Stammeseinheit und etablierte sich als deren Anführer. Herrschte nach dem Ersten Weltkrieg mit britischer Unterstützung, bis Şingal 1919 Teil des neuen irakischen Staates wurde.
  • Einfluss/Wirkung: Rettete während des Völkermords an den Armeniern (ab 1915) rund 20.000 Christen (überwiegend Armenier), indem er sie im Şingal-Gebirge versteckte und schützte; bewaffnete êzîdîsche Gruppen unter seiner Führung wehrten osmanische Verfolger ab und befreiten Deportationskonvois. Bleibendes Symbol êzîdîscher Solidarität mit verfolgten Minderheiten.
  • Belege: Wikipedia: Hemoye Shero; Gariwo: Hammo Shero; Armenian Weekly, 26.03.2025

Sheikh Khairy Khedr (gest. 2014)

  • Name (Kurmancî): Şêx Xeyrî Xedir
  • Lebensdaten: gestorben 22. Oktober 2014 (Siba Sheikh Khidir, Cezîre/Irak)
  • Feld: Êzîdîscher Milizkommandeur
  • Werdegang/Wirkung: Gründer und Kommandeur der êzîdîschen Miliz Malik-Al-Tawus-Einheit („Truppe des Engels Pfau"), aus der später die Şingal-Widerstandseinheiten (YBŞ) hervorgingen; fiel im Oktober 2014 im Kampf gegen den IS bei der Verteidigung der êzîdîschen Heimat.
  • Belege: Wikipedia: Sheikh Khairy Khedr

Mahmoud Ezidi (1944–1979)

  • Name (Kurmancî): Mehmûd Êzîdî (geboren als Hashim Ilyas Silo)
  • Lebensdaten: geboren 1944 in Şêxan; gestorben 18. August 1979
  • Feld: Peschmerga-Kämpfer (KDP)
  • Werdegang/Wirkung: Bekannter êzîdîscher Peschmerga der Kurdistan-Demokratischen Partei (KDP); eine Symbolfigur des bewaffneten kurdisch-êzîdîschen Widerstands der 1960er- und 1970er-Jahre.
  • Belege: Wikipedia: Mahmoud Ezidi

Qasim Şeşo (Kommandeur in Şingal)

  • Name (Kurmancî): Qasim Şeşo (Qasim Shesho)
  • Feld: Êzîdîscher Militärkommandeur (im Verbund der kurdischen Peschmerga/KDP)
  • Werdegang: Gehörte bereits in den 1970er Jahren der bewaffneten kurdischen Opposition gegen die Saddam-Regierung an.
  • Einfluss/Wirkung: Verteidigte 2014/2015 mit einer êzîdîschen Miliz den Şerfedîn-Schrein (Sherefedin) am Şingal-Berg, den der IS niederbrennen wollte; monatelang ein zentrales Symbol des êzîdîschen Widerstands. In Medien als „alter Tiger des Şingal-Bergs" bezeichnet.
  • Belege: VICE: The Old Tiger of Mount Sinjar; Wikipedia: Battle of Sharfadin Temple; RFE/RL

Heydar Şeşo (Gründer der HPÊ)

  • Name (Kurmancî): Heydar Şeşo (Haydar Shesho)
  • Feld: Êzîdîscher Militärkommandeur, Gründer und Oberbefehlshaber der Selbstschutzmiliz HPÊ (Hêza Parastina Êzîdxanê, Schutzkraft von Êzîdxan)
  • Werdegang: Seine Familie emigrierte 1990 unter Saddam Hussein nach Deutschland (Bad Oeynhausen); er diente zeitweise in der Bundeswehr. Zu Beginn des Şingal-Massakers im August 2014 kehrte er gemeinsam mit seinem Onkel Qasim Şeşo und mehreren Cousins in den Irak zurück, um die êzîdîsche Heimat zu schützen.
  • Einfluss/Wirkung: Unter seiner Führung mobilisierte die HPÊ rund 1.300 einsatzfähige Kämpfer und eine größere Reserve (ca. 4.000) zur bewaffneten Verteidigung der Êzîden gegen den IS.
  • Belege: Wikipedia: Haydar Shesho; Jamestown Foundation

Êzîdî Mîrza (1600–1651)

  • Name (Kurmancî): Êzîdî Mîrza (Ezidi Mirza; auch Mîrza Beg Dasinî)
  • Lebensdaten: geboren 1600 in Başîqa (Eyalet Mosul, Osmanisches Reich); gestorben 1651
  • Feld: Êzîdîscher Heerführer und Statthalter
  • Werdegang: Geboren in einer angesehenen Scheich-Familie der Qatanî-Linie als jüngster von drei Brüdern; nach der Tötung seiner Familie durch muslimische Räuber (um 1605) als Waise aufgewachsen. 1649 zum Gouverneur von Mosul ernannt. Die Region Şêxan wurde damals als osmanisches Sandschak „Sandschak Dasinî" verwaltet, woran sich der Beiname Dasinî knüpft.
  • Einfluss/Wirkung: Eine zentrale Heldenfigur der êzîdîschen mündlichen Überlieferung (Sagen, Gedichte) wegen seiner militärischen Taten, bis heute Symbol êzîdîscher Eigenständigkeit und Widerstandskraft.
  • Belege: Wikipedia: Ezidi Mirza; Kurdish History: The Defiant Pasha


Kaukasus und ehemalige Sowjetunion

Die größte und älteste êzîdîsche Diaspora außerhalb des Nahen Ostens entstand im südlichen Kaukasus. Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert flohen viele Êzîden vor Verfolgung im Osmanischen Reich nach Armenien, Georgien und in das damalige Russische Reich. In der Sowjetunion erlebte die kurdisch-êzîdîsche Kultur eine Blüte: eine eigene Schriftsprache (zunächst lateinisch, ab 1946 kyrillisch), die Zeitung Rya T’eze, kurdischsprachige Sendungen von Radio Eriwan und ein Kreis êzîdîscher Schriftsteller und Wissenschaftler. Armenien zählt bis heute zur größten anerkannten Minderheit das êzîdîsche Volk; in Aknalich steht der weltweit größte êzîdîsche Tempel (Quba Mêrê Dîwanê), und Armenien war nach dem Irak das erste Land, das den Genozid an den Êzîden gesetzlich anerkannte. Hinweis zur Konvention: Tawûsî Melek (der Engel-Pfau) ist in der êzîdîschen Religion eine zentrale, heilige Gestalt und darf keinesfalls mit „dem Teufel" gleichgesetzt werden, diese Gleichsetzung ist eine historische Verleumdung.

Armenien

Cangîr Axa (Jangir Agha) (~1874–1943)

Feld: Militärführer, gesellschaftliche Persönlichkeit.

Werdegang & Einfluss: Cangîr Axa (englisch Jangir Agha, auch Cîhangîr Axa) gilt als êzîdîscher Nationalheld Armeniens. Während der armenisch-türkischen Kämpfe von 1918 stellte er eine êzîdîsche Reitereinheit auf und kämpfte an der Seite der armenischen Truppen gegen die einfallende osmanische Armee. In der Schlacht von Baş-Aparan (Bash-Aparan, 16.–18. Mai 1918) führte er ein Bataillon von rund 300 êzîdîschen Reitern. In der entscheidenden Schlacht von Sardarabad (21./22. Mai 1918) verhinderte die êzîdîsche Kavallerie-Einheit beim Dorf Molla Bayazet, dass die osmanischen Truppen den armenischen Verbänden in den Rücken fielen. Sein Einsatz wird als wesentlicher Beitrag zur Rettung der jungen armenischen Republik gewürdigt; in Eriwan erinnert ein Denkmal an ihn.

Belege:

Aziz Tamoyan (1933–2021)

Feld: Politik, Gemeindeführung.

Werdegang & Einfluss: Aziz Amari Tamoyan wurde am 1. Juli 1933 im Dorf Zovuni (Armenien) geboren und starb am 2. Januar 2021. Am 30. September 1989 wurde er zum Vorsitzenden der „Nationalen Union der Êzîden Armeniens" gewählt, 1997 zum Vorsitzenden der „Êzîdîschen Nationalunion der Welt" (Yezidi National Union). Über rund drei Jahrzehnte war er der prägende Wortführer der êzîdîschen Gemeinschaft in Armenien. Er setzte sich für den Erhalt der êzîdîschen Identität und für die êzîdîsch-armenische Freundschaft ein; in der Frage der ethnischen Selbstbezeichnung vertrat er, durchaus umstritten, die Position, Êzîden seien eine eigene Nation und nicht Teil der Kurden.

Belege:

Rustam Bakoyan (Abgeordneter)

Feld: Politik (Nationalversammlung Armeniens).

Werdegang & Einfluss: Rustam Bakoyan ist ethnischer Êzîde und wurde am 9. Dezember 2018 über die Liste des Blocks „Mein Schritt" (heute Civil-Contract-Partei) in die armenische Nationalversammlung gewählt. Er amtiert als stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Ausschusses für den Schutz der Menschenrechte und öffentliche Angelegenheiten. Bakoyan ist eine zentrale Stimme bei der parlamentarischen Anerkennung und dem Gedenken an den Genozid an den Êzîden: 2018 verabschiedete das armenische Parlament eine Resolution, die die Massaker des IS an den Êzîden 2014 als Völkermord einstuft. Auf seinen Gesetzesvorschlag hin beschloss die Nationalversammlung 2024, den 3. August offiziell zum Gedenktag des Êzîden-Genozids zu erklären, Armenien wurde damit nach dem Irak das erste Land, das dies gesetzlich verankert. (Lebende Person; Angaben aus parlamentarischen und Medienquellen.)

Belege:

Emerîkê Serdar (1935–2018)

Feld: Schriftsteller, Journalist, Publizist, Übersetzer.

Werdegang & Einfluss: Emerîkê Serdar wurde am 8. Februar 1935 im Dorf Pampa Kurda (Sipan, Armenische SSR) in einer êzîdîsch-kurdischen Familie geboren und starb am 19. Februar 2018. Ab 1965 war er Mitglied des Journalistenverbands Armeniens, 1995 wurde er in den Schriftstellerverband Armeniens aufgenommen. 1991 übernahm er die Leitung der kurdischsprachigen Zeitung Rya T’eze, die er bis zu seinem krankheitsbedingten Rücktritt führte. 1980 erhielt er die Ehrenurkunde des Präsidiums des Obersten Sowjets, 1986 den Ehrentitel „Verdienter Journalist der Armenischen SSR". Er gilt als eigenständige Stimme der kurdisch-êzîdîschen Sowjetliteratur.

Belege:

Têmûrê Xelîl (* 1949)

Feld: Journalist, Schriftsteller, Übersetzer.

Werdegang & Einfluss: Têmûrê Xelîl wurde 1949 in Eriwan (Armenische SSR) in einer êzîdîsch-kurdischen Familie geboren. Nach einem Studium der Physik und Mathematik arbeitete er drei Jahre als Lehrer im êzîdîschen Dorf Sipan. Von 1977 bis 1992 war er Reporter und später Leiter der Kulturabteilung der kurdischen Zeitung Rya T’eze; von 1981 bis 1984 leitete er die kurdische (Kurmancî-)Redaktion von Radio Eriwan. Von 1992 bis 1997 war er stellvertretender Redakteur der russischsprachigen Zeitung Golos Kurda. Er ist Mitglied des Kurdischen Instituts Paris, Redakteur der Zeitschrift Roja Nû und lebt seit den 1990er-Jahren in Schweden. (Lebende Person.)

Belege:

Roman Amoyan (* 1983)

Feld: Sport (griechisch-römisches Ringen).

Werdegang & Einfluss: Roman Amoyan wurde am 3. September 1983 in Eriwan (Armenien) geboren und ist armenisch-êzîdîscher Herkunft (in mehreren Quellen wird er als „armenisch-jesidischer" Ringer geführt). Er trat international für Armenien an. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking gewann er die Bronzemedaille im griechisch-römischen Ringen (55 kg), die erste olympische Ringer-Medaille für Armenien seit 16 Jahren. Hinzu kommen mehrere WM-Medaillen (u. a. Bronze 2009, Silber 2010) und EM-Titel (Gold 2006). Er gilt als prominentestes êzîdîsches Sportgesicht des Kaukasus. (Lebende Person; Hinweis: geboren und sportlich verankert in Armenien, nicht in Russland.)

Belege:

Kyaram Sloyan (1996–2016)

Feld: Soldat (Verteidigungsarmee Arzach).

Werdegang & Einfluss: Kyaram Sloyan stammte aus dem Dorf Artashavan (Provinz Aragatsotn, Armenien) und gehörte der êzîdîschen Gemeinschaft Armeniens an. Als Soldat der Verteidigungsarmee Arzach fiel er Anfang April 2016 im Verlauf der „Viertagekrieg"-Kämpfe um Bergkarabach. Aserbaidschanische Kräfte schändeten seinen Leichnam und enthaupteten ihn, ein Akt, den Armeniens OSZE-Vertretung als „IS-artig" bezeichnete; die Familien dreier so getöteter Soldaten (darunter Sloyan) brachten den Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Posthum wurde er mit der Medaille „Für Tapferkeit im Gefecht" und dem Orden des Kampfkreuzes (1. Grades) ausgezeichnet; an der Schule seines Heimatdorfes wurde 2016 eine Büste enthüllt. Sein Schicksal wurde zum Symbol, auch für die êzîdîsche Minderheit Armeniens.

Belege:

Usub Bek Temuryan (gest. 1934)

Feld: Politischer, nationaler und militärischer Führer.

Werdegang & Einfluss: Usub Bek (Temuryan), gestorben am 12. Januar 1934, war ein êzîdîscher Anführer aus Armenien, politischer und militärischer Führer sowie Abgeordneter im Parlament der Ersten Republik Armenien. Seit 1896 galt er als Anführer der Êzîden des Transkaukasus; er nahm an der für Armenien entscheidenden Schlacht von Sardarabad (1918) teil.

Belege:

Samand Siabandov (1909–1989)

Feld: Schriftsteller, Militäroffizier, Politiker.

Werdegang & Einfluss: Samand Alijewitsch Siabandow (20. November 1909 – 14. November 1989) war ein êzîdîsch-kurdischer sowjetischer Schriftsteller, Offizier und Politiker. Für seine Verdienste wurde er als Held der Sowjetunion ausgezeichnet, eine der höchsten Auszeichnungen der UdSSR.

Belege:

Sashik Sultanyan (Menschenrechtsaktivist)

Feld: Menschenrechtsaktivist.

Werdegang & Einfluss: Sashik Sultanyan ist ein armenischer Menschenrechtsaktivist und Angehöriger der êzîdîschen Minderheit Armeniens. Er gründete das Yezidi Centre for Human Rights, das sich für êzîdîsche Kultur und Sprache sowie für die Integration von Minderheiten in die armenische Gesellschaft einsetzt.

Belege:

Khdr Hajoyan (* 1990)

Feld: Gemeindefunktionär, Publizist.

Werdegang & Einfluss: Khdr Hajoyan (geb. 4. Dezember 1990) ist Präsident der Nationalen Union der Êziden in Armenien und Direktor von Ezdikhana, der offiziellen Zeitung der Union. Er engagiert sich für die organisatorische und kulturelle Vertretung der êzîdîschen Gemeinschaft Armeniens.

Belege:

Haje Bakoyan (* um 1974)

Feld: Menschenrechts- und Bildungsaktivistin.

Werdegang & Einfluss: Haje Bakoyan (geb. um 1974 in Armenien) ist eine êzîdîsche Menschenrechtsaktivistin, die sich besonders für den Bildungszugang êzîdîscher Mädchen und Frauen in Armenien einsetzt und eine entsprechende Initiative gegründet hat.

Belege:

Russland

Mirza Sloyan (1946–2019)

Feld: Unternehmer, Philanthrop, Stifter.

Werdegang & Einfluss: Mirza Sloyan wurde 1946 in der Nähe von Aknalich (Armenien) geboren und machte sein Vermögen als Unternehmer in Russland. Er finanzierte den Bau des rund 25 Meter hohen Tempels Quba Mêrê Dîwanê in Aknalich (Baubeginn 2014 als Reaktion auf die IS-Angriffe auf die Êzîden, Eröffnung September 2019), heute der größte êzîdîsche Tempel der Welt. Nach dem Genozid 2014 organisierte er umfangreiche Hilfe; in Russland gründete er den „Allrussischen Êzîden-Kongress" und den Internet-Fernsehsender Lalish, der weltweit über êzîdîsche Themen berichtet. Sloyan starb am 3. November 2019 nach einer Operation in Deutschland.

Belege:

Zara (Zarifa Mgoyan, *1983)

Feld: Pop-Sängerin, Schauspielerin, Sozialaktivistin.

Werdegang & Einfluss: Zara (bürgerlich Zarifa Paşaevna Mgoyan) wurde 1983 in Leningrad in eine Familie êzîdîsch-kurdischer Herkunft geboren und zählt zu den bekanntesten Pop-Sängerinnen Russlands. Neben ihrer Musik- und Schauspielkarriere engagiert sie sich gesellschaftlich und gehört zu den sichtbarsten Persönlichkeiten êzîdîscher Abstammung in der russischen Öffentlichkeit.

Belege:

Über die êzîdîsche Diaspora in Russland hinaus sind Organisationen wie der von Sloyan gegründete Allrussische Êzîden-Kongress dokumentiert. Weitere êzîdîsche Personen in Russland (etwa einzelne Sportler) ließen sich für diesen Abschnitt nicht zweifelsfrei verifizieren und werden daher bewusst weggelassen, um keine unbelegten Angaben zu machen.

Mikhail Aloyan (* 1988)

Feld: Sport (Boxen).

Werdegang & Einfluss: Mikhail Aloyan (geb. 23. August 1988 in Bambakaşat, Armenische SSR) ist ein russischer Profiboxer êzîdîsch-kurdischer Herkunft. Er gewann mehrere internationale Titel im Amateurboxen (u. a. Weltmeister) und eine olympische Medaille für Russland, einer der erfolgreichsten Sportler êzîdîscher Abstammung.

Belege:

Aslan Usoyan („Ded Hasan", 1937–2013)

Feld: Einflussreiche Persönlichkeit der post-sowjetischen Unterwelt; Diaspora-Patron.

Werdegang & Einfluss: Aslan Usoyan, genannt „Ded Hasan" („Großvater Hasan"), wurde 1937 in Tiflis in eine êzîdîsch-kurdische Familie geboren und zählte zu den bekanntesten und einflussreichsten vor v zakone („Autoritäten im Gesetz") des post-sowjetischen Raums. In der êzîdîsch-kurdischen Diaspora gilt er vielen als Patron und Schutzfigur der Gemeinschaft: Ihm wird zugeschrieben, kurdische und êzîdîsche Anliegen unterstützt und Landsleuten Schutz und Rückhalt gegeben zu haben; in der Unterwelt war er als angesehener Schlichter bekannt. 2013 wurde er in Moskau getötet. Eine umstrittene, in der Diaspora-Erinnerung jedoch bedeutende und vielfach als heldenhaft erzählte Figur.

Belege:

Zakhar Kalashov („Shakro Molodoy", * 1953)

Feld: Einflussreiche Persönlichkeit der post-sowjetischen Unterwelt.

Werdegang & Einfluss: Zakhar Kalashov (geb. 1953 in Georgien), in der Unterwelt „Shakro Molodoy" genannt, ist eine der prominentesten vor v zakone-Autoritäten des post-sowjetischen Raums und stammt aus einer êzîdîsch-kurdischen Familie. Wie Usoyan wird er in der Diaspora teils als einflussreicher Patron wahrgenommen. Eine umstrittene, aber außerordentlich bekannte Persönlichkeit.

Belege:

Mamuka Usubyan (* 1994)

Feld: Sport (Boxen, Kickboxen).

Werdegang & Einfluss: Mamuka Usubyan (geb. 2. Oktober 1994) ist ein russischer Profi-Boxer und Kickboxer êzîdîscher Herkunft; u. a. amtierender Fair-Fight-Lightweight-Champion. Er gehört zur jüngeren Generation êzîdîscher Sportler in Russland.

Belege:

Amirkhan Mori (* 1961)

Feld: Unternehmer.

Werdegang & Einfluss: Amirkhan Alikovich Mori (geb. 13. November 1961) ist ein Geschäftsmann êzîdîsch-kurdischer Herkunft (Georgien/Russland), u. a. Vorsitzender der Unternehmensgruppe „Regions". Er zählt zu den bekannten Wirtschaftsvertretern der êzîdîschen Diaspora im post-sowjetischen Raum.

Belege:

Georgien

In Georgien, vor allem in Tiflis (Tbilisi), lebt eine alteingesessene êzîdîsche Gemeinde mit eigenen Kultureinrichtungen.

Sultan-Ezid-Tempel und die Spirituelle Rat der Êzîden in Georgien

Feld: Religiöse Gemeindeführung, Institution.

Werdegang & Einfluss: Der „Spirituelle Rat der Êzîden in Georgien" (Spiritual Council of the Yazidis in Georgia, SCYG) wurde 2011 gegründet; sein Sitz ist der Sultan-Ezid-Tempel in Tiflis. Der Tempel wurde im Juni 2015 eröffnet, bei seiner Eröffnung war er der zweite êzîdîsche Tempel außerhalb des Irak. Er steht auf einem 2009 von der georgischen Regierung gestifteten Grundstück; das Bauprojekt wurde 2012 vom „Haus der Êzîden Georgiens" angestoßen und von lokalen êzîdîschen Geschäftsleuten finanziert.

Belege:

Dimitri Pirbari (Pîr Dîma)

Feld: Geistlicher (Pîr), Orientalist/Êzîdîstik-Forscher.

Werdegang & Einfluss: Dimitri Pirbari (genannt Pîr Dîma) ist ein in Tiflis ansässiger êzîdîscher Pîr und leitet den Spirituellen Rat der Êzîden in Georgien. 2020 wurde der Rat in das „Akhtiyarate von Georgien und den êzîdîschen Gebieten von Serhed" umorganisiert, wobei Pirbari den Titel Extiyar (Akhtiyar) übernahm. Wissenschaftlich ist er als Forscher am G.-Tsereteli-Institut für Orientalistik der Ilia-State-Universität in Tiflis tätig und hat mehrere Arbeiten über êzîdîsche Manuskripte und Theologie (mit-)verfasst. Er gilt als zentrale Figur der Wiederbelebung des êzîdîschen religiösen Lebens in Transkaukasien. (Lebende Person.)

Belege:

Isko Daseni (* 1958)

Feld: Politiker, Jurist.

Werdegang & Einfluss: Isko Daseni (geb. 30. März 1958) ist ein georgisch-êzîdîscher Politiker und Jurist; seit November 2016 Abgeordneter im Parlament von Georgien. Er gehört zu den sichtbarsten politischen Vertretern der êzîdîschen Gemeinschaft im Südkaukasus.

Belege:

Wissenschaft und Kurdologie (sowjetisch)

Mehrere der bedeutendsten sowjetischen Kurdologen waren êzîdîscher Herkunft und im Kaukasus verwurzelt. Sie schufen die wissenschaftliche und schriftsprachliche Grundlage der kurmancî-sprachigen Kultur in der UdSSR.

Erebê Şemo (Arab Shamilov) (1897–1978)

Feld: Schriftsteller, Begründer der modernen kurdischen Prosa.

Werdegang & Einfluss: Erebê Şemo (russisch Arab Shamilov) wurde am 23. Oktober 1897 im Dorf Susuz im Gebiet Kars (damals Russisches Reich, heute Osttürkei) in einer êzîdîschen Familie geboren und starb 1978. Im Ersten Weltkrieg (1914–1917) diente er als Dolmetscher der russischen Armee. Er wirkte ab 1931 am Leningrader Institut für Orientalistik und half 1927 bei der Entwicklung eines lateinischen Alphabets für das Kurdische. 1935 veröffentlichte er Şivanê Kurd („Der kurdische Hirte"), der als erster kurdischer Roman gilt. Maxim Gorki würdigte ihn mit den Worten, das kurdische Volk spreche nun „in der Sprache seines eigenen Schriftstellers". Er gilt als „Vater des kurdischen Romans".

Belege:

Qanatê Kurdo (1909–1985)

Feld: Sprachwissenschaftler, Kurdologe, Professor.

Werdegang & Einfluss: Qanatê Kurdo wurde 1909 im Dorf Susuz (heutige Türkei) in einer êzîdîschen Familie geboren. Er war Autor, Sprachforscher und Professor für die kurdische Sprache und entwickelte die Kurdologie in mehreren Bereichen maßgeblich weiter, u. a. mit grammatischen Standardwerken zum Kurmancî. Er gilt als einer der Pioniere der wissenschaftlichen Kurdologie in der UdSSR.

Belege:

Heciyê Cindî (1908–1990)

Feld: Sprachwissenschaftler, Folklorist.

Werdegang & Einfluss: Heciyê Cindî (18. März 1908 – 1. Mai 1990) stammte aus einer êzîdîschen Familie und war ein bedeutender kurdischer Linguist und Folkloreforscher in Sowjetarmenien; u. a. leitete er die Kulturabteilung des kurdischen Rundfunks in Jerewan und sammelte umfangreich mündliche Überlieferung.

Belege:

Emînê Evdal (1906–1964)

Feld: Schriftsteller, Linguist, Dichter.

Werdegang & Einfluss: Emînê Evdal (1906, Yamançayir/Kars – 1964) war ein kurdisch-êzîdîscher Schriftsteller, Sprachforscher und Dichter, der in Sowjetarmenien wirkte und zur Entwicklung der kurmancî-sprachigen Literatur und Wissenschaft beitrug.

Belege:

Ordîxanê Celîl (1932–2007)

Feld: Kurdologe, Folklorist.

Werdegang & Einfluss: Ordîxanê Celîl (1932, Jerewan – 2007) war ein kurdischer Gelehrter aus einer êzîdîschen Familie; gemeinsam mit seinem Bruder Celîlê Celîl baute er eines der bedeutendsten Archive kurdischer Folklore und Volksdichtung auf und prägte die Kurdologie in der UdSSR.

Belege:

Celîlê Celîl (* 1936)

Feld: Historiker, Schriftsteller, Kurdologe.

Werdegang & Einfluss: Celîlê Celîl (geb. 26. November 1936 in Jerewan; lebt in Österreich) ist ein Historiker und Schriftsteller êzîdîsch-kurdischer Abstammung. Mit seinem Bruder Ordîxanê Celîl trug er entscheidend zur Sammlung und Erforschung der kurdischen mündlichen Überlieferung bei und gilt als einer der wichtigsten Kurdologen seiner Generation.

Belege:

Khalil Rashow (Xelîl Cindî Reşo) (* 1952)

Feld: Akademiker, Schriftsteller, Erforscher êzîdîscher heiliger Texte.

Werdegang & Einfluss: Khalil Cindî Rashow (geb. 1952 in Mam Raşa, Distrikt Şêxan, Irak) ist ein kurdisch-êzîdîscher Akademiker und Spezialist für die mündliche religiöse Überlieferung der Êzîden. Er ist Mitautor des wegweisenden Standardwerks God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition (2005) gemeinsam mit Philip G. Kreyenbroek, einer der wichtigsten kommentierten Qewl-Editionen überhaupt.

Belege:

Hecîyê Cindî (1908–1990)

Feld: Folklorist, Linguist, Schriftgestalter.

Werdegang & Einfluss: Hecîyê Cindî wurde am 18. März 1908 im Dorf Emançayîr (Yemençayir) nahe Kars in einer êzîdîsch-kurdischen Familie geboren und starb am 1. Mai 1990. 1946 entwarf er eine eigene, 40 Buchstaben umfassende kyrillische Variante des kurdischen Alphabets, die für das Kurmancî in der Sowjetunion verwendet wurde. Er promovierte über kurdische Folklore, verfasste Lesebücher und weitere kurdische Werke, leitete 1930 die Kulturabteilung der Zeitung Rya T’eze und arbeitete als Sprecher in der kurdischen Redaktion von Radio Eriwan. Sein Werk ist grundlegend für die Bewahrung der mündlichen êzîdîsch-kurdischen Überlieferung.

Belege:

Qanatê Kurdo (1909–1985)

Feld: Kurdologe, Sprachwissenschaftler.

Werdegang & Einfluss: Qanatê Kurdo (russisch Kanat Kalashevich Kurdoev) wurde am 12. September 1909 im Gebiet Kars (Russisches Reich) geboren und starb am 31. Oktober 1985 in Leningrad. Er stammte aus dem êzîdîschen Stamm der Şerqîyan, besuchte eine kurdische Schule in Tiflis und studierte mit einem Stipendium an der Universität Leningrad. 1941 promovierte er; 1960 wurde er Leiter der neu gegründeten Kurdologie-Abteilung. Er verfasste über 100 Monografien, Bücher und Aufsätze zu kurdischer Sprache, Geschichte und Folklore und betreute mehr als 20 weitere Kurdologen. Zu seinem Werk zählen das kurmancî- und das sorani-russische Wörterbuch. Er gilt als einer der einflussreichsten Begründer der sowjetischen Kurdologie.

Belege:


Deutschland und Europa

Deutschland beherbergt die weltweit größte êzîdîsche Diaspora. Schätzungen reichen von rund 60.000 bis über 200.000 Êzîden; gesicherte Erhebungen sprechen von etwa 100.000 bis 150.000 Menschen, was Deutschland zur bedeutendsten êzîdîschen Gemeinschaft außerhalb der Herkunftsregionen Irak, Syrien, Türkei und Kaukasus macht. Die meisten Familien kamen seit den 1960er- und besonders den 1990er-Jahren aus der Südosttürkei (Tur Abdin) sowie nach dem Völkermord von Şingal/Sinjar 2014 aus dem Irak. Aus dieser Gemeinschaft sind zahlreiche Persönlichkeiten in Politik, Literatur, Wissenschaft, Sport und Menschenrechtsaktivismus hervorgegangen. Die übrigen europäischen Länder (Schweden, Belgien, Niederlande, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Österreich) beherbergen kleinere, aber organisierte Gemeinschaften.

Hinweis zur Schreibweise und Neutralität: In diesem Abschnitt werden die Begriffe „Êzîdî/Êzîden" bzw. „Jesiden/Eziden" je nach Quelle verwendet; gemeint ist stets dieselbe Religionsgemeinschaft. Der zentrale Engel Tawûsî Melek wird hier neutral und ausdrücklich nicht als „Teufel" dargestellt, die historische Gleichsetzung ist eine fremdzugeschriebene Verleumdung. Bei Personen, deren êzîdîsche Herkunft nicht eindeutig belegbar ist, wird dies transparent als „unbestätigt" gekennzeichnet oder die Person weggelassen.


Deutschland: Politik

Feleknas Uca (* 1976, Celle)

Feleknas Uca gilt als eine der ersten êzîdîschen Berufspolitikerinnen Europas und war über Jahre die einzige êzîdîsche Parlamentarierin weltweit, bis 2005 das irakische Parlament gewählt wurde. Sie wurde am 17. September 1976 im niedersächsischen Celle als Tochter einer eingewanderten kurdisch-êzîdîschen Familie aus der Türkei geboren.

  • Feld: Politik (Europaparlament, später Türkei).
  • Werdegang: Mit nur 22 Jahren zog sie über die Bundesliste der PDS ins Europäische Parlament ein. Von 1999 bis 2009 war sie Mitglied des Europäischen Parlaments für Deutschland (PDS/Die Linke). 2014 übersiedelte sie nach Diyarbakır in der Türkei und wurde später über die pro-kurdische HDP in die Große Nationalversammlung der Türkei gewählt.
  • Einfluss/Wirkung: Sie machte den Völkermord und die Verfolgung der Êzîden früh zum Thema europäischer Politik und ist eine der international sichtbarsten êzîdîschen Stimmen ihrer Generation. Sie wurde u. a. mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis ausgezeichnet.
  • Beleg: https://en.wikipedia.org/wiki/Feleknas_Uca

Ali Atalan (* 1968, Midyat/Türkei)

Ali Atalan ist ein deutscher Politiker kurdisch-êzîdîscher Herkunft, der dem Landtag von Nordrhein-Westfalen angehörte.


Deutschland: Literatur, Medien und Aktivismus

Ronya Othmann (* 1993, München)

Ronya Othmann ist eine der profiliertesten jungen Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur und schreibt aus êzîdîscher Familienperspektive.

  • Feld: Literatur, Lyrik, Essay, Journalismus.
  • Werdegang: Geboren am 12. Januar 1993 in München als Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-êzîdîschen Vaters; die väterliche Familie stammt aus der Region um Tirbespî im kurdischen Norden Syriens. Abitur 2012, danach Studium u. a. am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie lebt in Leipzig.
  • Werke/Wirkung: Debütroman Die Sommer (2020) über den syrischen Bürgerkrieg und die Verfolgung der Êzîden. Ihr zweites Buch Vierundsiebzig (2024) ist ein hybrides Werk aus Reportage, Essay und Erinnerung über den Völkermord von 2014, der Titel verweist darauf, dass dieser Genozid in der êzîdîschen Zählung der 74. Vernichtungsversuch (Ferman) ist. Das Buch stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und erhielt u. a. den Düsseldorfer Literaturpreis (2024) sowie den Erich-Loest-Preis (2025). Beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 gewann sie den Publikumspreis. Sie schrieb die taz-Kolumne „Orient Express" und seit 2021 „Import Export" in der FAZ.
  • Beleg: https://de.wikipedia.org/wiki/Ronya_Othmann; https://www.rowohlt.de/autorin/ronya-othmann-38660

Düzen Tekkal (* 1978, Hannover)

Düzen Tekkal ist Journalistin, Filmemacherin und eine der bekanntesten Menschenrechtsaktivistinnen Deutschlands mit êzîdîschem Hintergrund.

  • Feld: Journalismus, Film, Menschenrechtsaktivismus, Bildung.
  • Werdegang: Geboren 1978 in Hannover als eines von elf Kindern einer kurdisch-êzîdîschen Familie, die in den 1960er-Jahren aus der Türkei geflohen war. Seit 2014 arbeitet sie als freie Journalistin und Kriegsberichterstatterin und reiste in die Genozid-Region im Nordirak.
  • Einfluss/Wirkung: Sie gründete gemeinsam mit ihren Schwestern die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help e. V. (2015), die sich vor allem für Mädchen und Frauen im Irak, in Syrien, Afghanistan, Iran und Deutschland einsetzt, sowie die Bildungsinitiative „GermanDream". Für ihr Engagement erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz und den Theodor-Heuss-Preis (2021). Sie zählt zu den wirkmächtigsten Vermittlerinnen êzîdîscher Anliegen in deutsche Öffentlichkeit und Politik.
  • Beleg: https://en.m.wikipedia.org/wiki/Düzen_Tekkal; https://www.deutschland.de/en/topic/politics/civil-society-the-journalist-and-activist-duzen-tekkal; https://www.hawar.help/en/

Nadia Murad (* 1993, Kojo/Irak): in Deutschland lebend (Grenzfall)

Nadia Murad ist Friedensnobelpreisträgerin (2018) und Überlebende des Völkermords von Şingal. Sie ist irakisch-êzîdîscher Herkunft und wurde im Irak geboren, lebt jedoch seit der Flucht in Deutschland (Baden-Württemberg) und ist dadurch eng mit der deutschen Diaspora verbunden.


Deutschland: Wissenschaft

Jan Ilhan Kizilhan (* 1966, Batman/Türkei)

Jan İlhan Kızılhan ist ein international anerkannter Psychologe und Psychotraumatologe und selbst kurdisch-êzîdîscher Herkunft (die Herkunft ist belegt: Er kam 1973 mit seinen kurdisch-êzîdîschen Eltern aus der Türkei nach Deutschland).

  • Feld: Wissenschaft (transkulturelle Psychiatrie, Psychotraumatologie).
  • Werdegang: Geboren 1966 in Batman (Türkei). Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (Villingen-Schwenningen, seit 2010), Direktor des Instituts für transkulturelle Gesundheitsforschung (DHBW, seit 2018) und Dekan des Instituts für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität Dohuk in der autonomen Region Kurdistan/Irak (seit 2016).
  • Einfluss/Wirkung: Er war medizinisch-therapeutischer Leiter des „Sonderkontingents" des Landes Baden-Württemberg (Ende 2014), über das rund 1.100 besonders schutzbedürftige êzîdîsche Frauen und Kinder, die vom IS verschleppt und missbraucht worden waren, nach Deutschland geholt wurden. Er hat über 1.000 êzîdîsche Überlebende betreut und prägte die wissenschaftliche Aufarbeitung des Genozid-Traumas (u. a. Mit-Herausgeber der Evaluationsstudie 2019 „Aus der Gewalt des ‚Islamischen Staates’ nach Baden-Württemberg").
  • Beleg: https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_İlhan_Kızılhan

Ezidische Akademie (EZIDAK), Hannover

Die Ezidische Akademie e. V. (auch Êzîdî-Akademie) in Hannover ist die wichtigste wissenschaftlich-kulturelle Selbstorganisation der Êzîden in Deutschland.

  • Feld: Wissenschaft, Bildung, Kulturpflege.
  • Werdegang/Profil: 2009 von weltoffenen Êzîden und Nicht-Êzîden unterschiedlicher Nationalitäten gegründet, als gemeinnützige Migrant*innen-Selbstorganisation mit Sitz in Hannover. Vertreten durch den Vorsitzenden Hatab Omar und einen wissenschaftlichen Beirat.
  • Einfluss/Wirkung: Sie betreibt inklusive Bildungs-, Integrations- und Beratungsprojekte (u. a. „Asylverfahrensberatung in Niedersachsen", EU- und landesgefördert) und widmet sich der Dokumentation, Interpretation und Revitalisierung der êzîdîschen Religionskultur auf wissenschaftlicher Ebene. Sie gibt die deutschsprachige „Zeitschrift der Ezidischen Akademie" heraus.
  • Beleg: https://de.wikipedia.org/wiki/Ezidische_Akademie; https://ezidak.de/

Eskerê Boyîk (* 1941, Qundexsaz/Armenien): in Deutschland lebend

Eskerê Boyîk ist ein êzîdîscher Dichter und Schriftsteller kurdischer Sprache, der seit 1993 in Deutschland lebt.

  • Feld: Literatur/Wissenschaft (kurdische Literatur, Essayistik).
  • Werdegang: Geboren 1941 in einer êzîdîschen Familie im Dorf Qundexsaz in (Sowjet-)Armenien; Studium der Wirtschaftswissenschaften in Jerewan (Abschluss 1966). Ab den 1960er-Jahren schrieb er Gedichte und Artikel auf Kurdisch sowie Beiträge auf Armenisch und Russisch und ist als Kenner der sowjetkurdischen Literatur bekannt. Nach dem Zerfall der UdSSR kam er 1993 nach Deutschland.
  • Einfluss/Wirkung: Mitglied im sowjetischen Schriftstellerverband (seit 1984), im armenischen Schriftstellerverband und im kurdischen PEN. Er gilt als wichtiger Bewahrer kurdisch-êzîdîscher Literatur und Sprache in der Diaspora.
  • Beleg: https://en.wikipedia.org/wiki/Eskerê_Boyîk; https://www.lyrikline.org/en/authors/eskere-boyik

Khanna Omarkhali (* 1981)

Feld: Religionswissenschaftlerin, Iranistin (Êzîdî-Studien).

Werdegang & Einfluss: Khanna Omarkhali (geb. 1981 in Jerewan) ist eine Forscherin êzîdîscher Herkunft und international führende Wissenschaftlerin der Êzîdî-Studien; sie wirkt u. a. im deutschsprachigen Wissenschaftsraum (Göttingen/Berlin). Ihr Werk The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written (2017) gilt als methodisch wegweisend für die Erforschung der mündlich-schriftlichen Überlieferung der Êzîden.

Belege:

Deutschland: Sport

Deniz Undav (* 1996, Varel)

Deniz Undav ist deutscher Fußball-Nationalspieler und der erste Fußballer êzîdîscher Herkunft, der Deutschland bei einem großen Turnier vertrat.

  • Feld: Sport (Fußball, Stürmer).
  • Werdegang: Geboren am 19. Juli 1996 in Varel, aufgewachsen in Achim bei Bremen. Seine Eltern sind kurdische Êzîden aus dem Dorf Işıklı (Provinz Şanlıurfa, Südosttürkei); sein Großvater emigrierte nach dem Militärputsch von 1980 nach Deutschland. Den Durchbruch schaffte er beim belgischen Verein Union Saint-Gilloise (2020–2022), danach Brighton & Hove Albion (England) und seit 2023 VfB Stuttgart (fester Wechsel 2024).
  • Einfluss/Wirkung: In der Saison 2021/22 wurde er Torschützenkönig der belgischen Liga (18 Tore) und „Belgischer Fußballer des Jahres". Sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft gab er im März 2024; er nahm an der EM 2024 teil. Als erster Nationalspieler êzîdîscher Herkunft hat er Vorbildwirkung für die Diaspora.
  • Beleg: https://en.wikipedia.org/wiki/Deniz_Undav

Übriges Europa

Außerhalb Deutschlands bestehen kleinere, aber organisierte êzîdîsche Gemeinschaften. Hier ist die individuelle Datenlage zu prominenten Einzelpersonen deutlich dünner als für Deutschland; belegbar sind vor allem Gemeinschaftsstrukturen und Organisationen.

Schweden

Schweden beherbergt seit etwa 2008 eine wachsende êzîdîsche Gemeinschaft mit eigenen Vereinsstrukturen und Vertretungen. Konkrete, eindeutig als êzîdîsch belegte schwedische Lokal- oder Landespolitiker ließen sich in der Recherche nicht zweifelsfrei verifizieren: mehrere kursierende Zuschreibungen betreffen Personen kurdischer Herkunft, deren êzîdîsche Religionszugehörigkeit nicht eindeutig dokumentiert ist. Diese werden hier daher bewusst weggelassen bzw. als unbestätigt markiert. Belegt ist die Existenz organisierter êzîdîscher Strukturen und einer nennenswerten Diaspora in Schweden.

Frankreich

In Frankreich leben nach Schätzung der „Association des Yézidis de France" (AYF) rund 10.000 Êzîden. Die AYF fördert die Integration in die französische Gesellschaft und die Sichtbarkeit êzîdîscher Kultur; Frankreich nahm zudem über ein Aufnahmeprogramm mehr als hundert êzîdîsche Frauen und Kinder auf. Frankreich war außerdem (gemeinsam mit Schweden) an einem internationalen Ermittlungsteam (Joint Investigation Team, koordiniert über Eurojust) zur strafrechtlichen Verfolgung von Verbrechen gegen êzîdîsche Opfer in Syrien und im Irak beteiligt.

Belgien

Belgien ist über den Fußball mit der êzîdîschen Diaspora verbunden: Der deutsche Nationalspieler êzîdîscher Herkunft Deniz Undav feierte 2020–2022 bei Union Saint-Gilloise (Brüssel) seinen Durchbruch und wurde „Belgischer Fußballer des Jahres" 2021/22 (siehe Eintrag unter Deutschland, Sport). Eine eigenständige belegbare belgische êzîdîsche Einzelpersönlichkeit in Politik oder Kultur ließ sich in dieser Recherche nicht zweifelsfrei verifizieren und wird daher nicht behauptet.

Niederlande, Vereinigtes Königreich, Österreich

In den Niederlanden, im Vereinigten Königreich und in Österreich existieren kleinere êzîdîsche Gemeinschaften. Belegbare prominente Einzelpersonen êzîdîscher Herkunft mit klar dokumentierter Religionszugehörigkeit ließen sich für diese Länder in der vorliegenden Recherche nicht zweifelsfrei verifizieren; dokumentiert ist die Existenz dieser Diaspora-Gemeinschaften. Zur Wahrung der Genauigkeit werden hier keine Einzelpersonen erfunden oder unbelegt zugeordnet.


Methodischer Hinweis: Alle oben genannten lebenden Personen wurden anhand mindestens einer belastbaren Quelle sowohl hinsichtlich ihrer Person als auch ihrer êzîdîschen Herkunft geprüft. Wo die Herkunft oder Religionszugehörigkeit nicht eindeutig belegbar war, wurde dies als „unbestätigt" gekennzeichnet oder die betreffende Person weggelassen. Nadia Murad und Eskerê Boyîk sind nicht in Deutschland geboren, aber dort ansässig und werden entsprechend transparent eingeordnet.


Türkei, Syrien, Iran und Übersee

Dieser Abschnitt versammelt dokumentierte êzîdîsche Persönlichkeiten aus der Türkei, Syrien und dem Iran sowie aus den großen Auswanderungsländern Übersee (USA, Kanada, Australien). Alle aufgeführten Personen sind real belegt; bei lebenden Personen wurde sowohl die Existenz als auch – soweit die Quellenlage es zulässt – die êzîdîsche Herkunft geprüft. Wo die Quellenlage dünn ist, wird dies ausdrücklich benannt. Eine wichtige Konvention vorab: Tawûsî Melek, der „Engel Pfau" der êzîdîschen Religion, wird hier wie in der gesamten seriösen Forschung nie als „Teufel" bezeichnet – diese Gleichsetzung ist eine jahrhundertealte Verleumdung.


Türkei

Die Türkei – insbesondere die Region Tur Abdin im Südosten (südöstlich von Diyarbakır, um Batman, Mardin und Nusaybin) – war über Jahrhunderte ein bedeutendes êzîdîsches Siedlungsgebiet. Im Lauf des 20. Jahrhunderts schrumpfte die Gemeinschaft jedoch dramatisch: von etwa 30.000 Personen um 1982 auf weniger als 500 im Jahr 2009. Der ganz überwiegende Teil wanderte nach Europa aus, vor allem nach Deutschland (Hannover, Bielefeld, Celle, Bremen, Oldenburg u. a.), wo heute eine Diaspora von über 200.000 Êzîden lebt. Die in der Türkei verbliebenen Familien konzentrieren sich auf wenige Dörfer in ihrer alten Kernregion Tur Abdin; vereinzelt gibt es im Rahmen von „Rückkehr-ins-Dorf"-Projekten Rückwanderer aus Deutschland.

Quellen:

Historische Stammesführer in Südostanatolien

Die êzîdîsche Geschichte der Region ist eng mit lokalen Stammesführern verknüpft. Belegt ist etwa Hasan Kanjo (Hesen Kenco), ein êzîdîscher Häuptling, der eine Festung bei Haleli östlich von Viranşehir errichtete, um von dort gegen arabische Wüstenstämme (u. a. die Schammar) zu kämpfen; den Angehörigen seines Stammes wurde erlaubt, ihren êzîdîschen Glauben zu bewahren, und sie lagerten rund um die Festung.

  • Feld/Einfluss: Tribale und militärische Führung im Raum Viranşehir; ein Beispiel für die zeitweise relative Autonomie êzîdîscher Stämme in Südostanatolien.
  • Quellenlage: Dünn; vor allem über die allgemeine Êzîden-Geschichtsschreibung greifbar. Quelle: Wikipedia, „Yazidis": https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidis

Hinweis zur korrekten Einordnung: Die in manchen Listen genannten Stammesführer wie Hemoyê Shero (Hammo Shiru, ~1850–1935, Retter tausender Armenier während des Völkermords 1915) gehören geografisch nach Şingal/Sinjar (heute Irak), nicht in die Türkei, und werden daher im Irak-Abschnitt behandelt. Sie werden hier nur zur Abgrenzung erwähnt.

Kulturschaffende: Dengbêj-Tradition aus Tur Abdin

Aus der Türkei stammende Êzîden haben die kurdisch-êzîdîsche Erzähl- und Gesangstradition der Dengbêj geprägt – Sängerinnen und Sänger, die Geschichte und Erinnerung über mündlich tradierte Epen und Lieder bewahrten, gerade in Zeiten, in denen Kurdisch verboten war. Viele dieser Stimmen flohen nach dem Völkermord von 1915 bzw. nach den kurdischen Aufständen der 1920er-Jahre in die Sowjetrepublik Armenien und sangen ab den 1950er-Jahren im kurdischen Programm von Radio Eriwan (Radio Yerevan).

Sûsika Simo (* 1925 im Dorf Mîrekêda, Region Elegez, Sowjetarmenien) ist eine belegte Dengbêj-Sängerin, die einer geflohenen kurdisch-êzîdîschen Familie entstammte und ab 1955 für Radio Eriwan sang.

  • Feld: Êzîdîsch-kurdische Volksmusik (Dengbêj).
  • Einfluss: Bewahrung mündlicher Tradition über das Radio; Teil jener Generation, die das êzîdîsch-kurdische Liedgut über die Sowjetzeit rettete.
  • Werdegang: Geboren in einer Flüchtlingsfamilie in Armenien (Wurzeln in Anatolien), Aufstieg über das Radio.
  • Quellenlage: Mehrere Personen dieser Gruppe (u. a. Zadîna Şakir, Fatma Îsa, Aslîka Qadir) werden in journalistischen Porträts als êzîdîscher/kurdischer Herkunft beschrieben; die genaue konfessionelle Zuordnung einzelner Sängerinnen ist nicht immer eindeutig belegt und sollte vorsichtig formuliert werden.

Quellen:


Syrien

In Syrien lebten Êzîden vor allem in zwei Gebieten: in der Region Afrîn (Nordwesten, Berg Sim’an / Jabal Sim’an) und in der Cezîre/Jazira (Nordosten, um Hasaka). Vor dem Krieg zählte die syrische Gemeinschaft mehrere Zehntausend; durch den Bürgerkrieg und insbesondere die türkische Militäroperation in Afrîn 2018 wurde ein Großteil vertrieben. Schätzungen zufolge lebten danach rund 3.000 aus Afrîn geflohene Êzîden in Lagern und Dörfern der Region Şehba (al-Shahba).

Quellen:

Karapetê Xaço (≈1900–2005) – Träger der Tradition, aber kein Êzîde

Eine in vielen Listen auftauchende Figur ist der Dengbêj Karapetê Xaço (* um 1900, je nach Quelle auch 1903/1908, im Dorf Bileyder/Binatlı bei Batman, Türkei; † 15. Januar 2005). Wichtig und ausdrücklich klarzustellen: Karapetê Xaço war kein Êzîde, sondern ethnisch Armenier. Er wird hier nur deshalb genannt, weil er als einer der bedeutendsten Träger der kurdisch-êzîdîschen Musiktradition (Dengbêj) des 20. Jahrhunderts gilt – ein Beispiel dafür, dass diese mündliche Kultur über religiöse und ethnische Grenzen hinweg getragen wurde.

  • Werdegang: Geboren in eine armenische Familie im osmanischen Anatolien; 1915 überlebte er als Kind den Völkermord an den Armeniern – gerettet, so die Überlieferung, durch seine Kenntnis des Kurmancî und sein Gesangstalent. Er schloss sich kurdischen Aufständischen während des Scheich-Said-Aufstands an, floh danach in das französische Mandatsgebiet Syrien und diente rund 15 Jahre als Soldat in der französischen Armee. 1946 zog er nach Sowjetarmenien (Eriwan), wo er ab 1955 im kurdischen Programm von Radio Eriwan sang.
  • Feld/Einfluss: Bewahrte über Jahrzehnte traditionelle kurdische Melodien und Epen durch Aufnahmen und Auftritte; gilt als einer der talentiertesten Dengbêj der Moderne.
  • Einordnung: Repräsentiert die enge kulturelle Verflechtung von Êzîden, muslimischen Kurden und Armeniern in der Region. Keine Vereinnahmung als êzîdîsche Person.

Quellen:

Êzîdîsche Aktivisten und Kulturträger aus Afrîn

Sileman Cafer (Silêman Cafer) ist ein belegter êzîdîscher Gemeindeführer aus Afrîn und Autor des Buches Qewlên Êzdiyan („Die êzîdîschen Texte/Hymnen"), einer Sammlung religiöser Überlieferungen.

  • Feld: Religiös-kulturelle Überlieferung, Gemeindeführung in Afrîn.
  • Einfluss: Dokumentation der mündlichen Qewl-Tradition der syrischen Êzîden.

Saad Babir (Se’d Babîr) ist ein êzîdîscher Aktivist aus Afrîn, der nach Beginn der türkischen Militäroperation 2018 die Zerstörung mehrerer êzîdîscher Heiligtümer (Şrîn/Schreine) dokumentierte und international darauf aufmerksam machte – Angaben, die von weiteren Aktivisten vor Ort bestätigt wurden.

  • Feld: Menschenrechts- und Kulturgut-Dokumentation.
  • Einfluss: Beweissicherung zur Zerstörung êzîdîschen Kulturerbes in Afrîn.
  • Quellenlage: Belegt über journalistische Berichterstattung; biografische Detailtiefe (Geburtsdaten, Werdegang) ist in den verfügbaren Quellen gering.

Quellen:


Iran

Die Quellenlage zu Êzîden im Iran ist ausgesprochen dünn und wird hier bewusst transparent gemacht. Im historischen Maku-Khanat (18.–20. Jh.) im äußersten Nordwesten des Iran (West-Aserbaidschan, um Maku und den Urmia-See) werden in der Bevölkerung neben Aserbaidschanern, Kurden und Armeniern auch Êzîden genannt. Eine zusammenhängende, gut dokumentierte êzîdîsche Gemeinschaft mit namentlich greifbaren Persönlichkeiten lässt sich für den Iran jedoch heute kaum belegen.

Der in der Aufgabenstellung genannte Bezug zum „Şikak"-Stamm (Şekak/Shikak) ist mit Vorsicht zu behandelt: Der Şikak ist ein überwiegend sunnitisch-kurdischer Stamm im Raum Urmia/Maku, dessen bekanntester Führer Simko Şikak (Ismail Agha Şikak) war. Eine direkte êzîdîsche Zuordnung des Şikak-Stammes ist in den vorliegenden Quellen nicht belegt; Simko selbst war kein Êzîde. Dieser Punkt sollte im fertigen Artikel nicht überdehnt werden – die êzîdîsche Präsenz im Iran bleibt historisch marginal und schlecht dokumentiert.

  • Fazit: Keine seriös belegbare, namentlich fassbare êzîdîsche Einzelperson aus dem Iran. Die dünne Quellenlage wird offen benannt, statt Personen zu erfinden.

Quellen:


USA

Die größte êzîdîsche Gemeinde der USA befindet sich in Lincoln, Nebraska (rund 2.500 Personen). Viele kamen als ehemalige Dolmetscher der US-Armee im Irak und über Familiennachzug; aus dieser Gruppe sind mehrere prägende Aktivisten hervorgegangen.

Hadi Pir

Hadi Pir ist Mitgründer und Vizepräsident von Yazda, einer internationalen êzîdîschen Hilfs- und Advocacy-Organisation (gegründet 2014 nach dem Genozid von Şingal, mit Sitz u. a. in Texas/USA).

  • Werdegang: Êzîde aus dem Nordirak; kurz vor dem Studienabschluss, als die USA 2003 in den Irak einmarschierten. Anschließend rund sieben Jahre Dolmetscher und Kulturberater für US-Spezialeinheiten. Nach der Übersiedlung in die USA Lehrer an öffentlichen Schulen in Lincoln; B.A. (Englisch als Zweitsprache, Universität Mosul), M.A. in Pädagogik an der University of Nebraska-Lincoln (UNL).
  • Feld/Einfluss: Menschenrechts-Advocacy, Anerkennung des Völkermords, Aufbau êzîdîscher Strukturen in den USA.

Quellen:

Ziyad Smoqi

Ziyad Smoqi ist êzîdîscher Aktivist, Mitgründer von Yazda und ehemaliger Dolmetscher der US-Armee im Irak; er promovierte im Bereich Maschinenbau/Werkstoffwissenschaften an der UNL.

  • Feld/Einfluss: Wie Hadi Pir Mitaufbau von Yazda und Lobbyarbeit für die êzîdîsche Sache in den USA.

Quelle: Nebraska Today (s. o.)

Murad Ismael

Murad Ismael ist Mitgründer von Yazda und der Nadia Initiative sowie Mitgründer und Präsident der Sinjar Academy (Bildungsinitiative für die Gemeinschaft von Şingal). Er war vier Jahre lang Geschäftsführer (Executive Director) von Yazda.

  • Werdegang: Êzîde aus Şingal; Schulbildung in der Region Kurdistan-Irak; zwei Masterabschlüsse (Umweltingenieurwesen, Norwich University; Geophysik, University of Houston). Während des ISIS-Angriffs 2014 Teil der êzîdîschen Delegation, die im Weißen Haus vorsprach und so zur US-Intervention (Luftschläge, humanitäre Abwürfe für die am Berg Şingal Eingeschlossenen) beitrug.
  • Feld/Einfluss: Bildung, humanitäre Hilfe, internationale Advocacy. Stark mit den USA verbunden (Studium und Aktivismus dort); zugleich Mitglied des irakischen Parlaments laut neueren Profilen – die USA-Zuordnung ist daher als „Wirkungsort des Aktivismus" zu verstehen, nicht als alleinige Verortung.

Quellen:

Hinweis: Nadia Murad (Friedensnobelpreis 2018) und ihr Ehemann Abid Shamdeen (UNL-Absolvent, Mitgründer der Nadia Initiative) sind eng mit der Lincoln-Community und den USA verbunden, stammen aber aus Şingal/Irak und werden voraussichtlich im Irak-Abschnitt geführt. Hier nur als Querverweis.


Kanada

In Kanada konzentriert sich die êzîdîsche Resettlement-Geschichte auf Winnipeg (Manitoba) und ist eng mit der Initiative „Operation Ezra" verbunden – einem 2015 von Winnipeger jüdischen Gemeinden gestarteten Hilfsprojekt, das nach dem ISIS-Völkermord êzîdîsche Familien nach Kanada holte. Bis 2017 hatte Operation Ezra rund 500.000 CAD gesammelt und mehrere Dutzend Êzîden angesiedelt; die kanadische Regierung kündigte an, bis Ende 2017 rund 1.200 êzîdîsche Überlebende aufzunehmen.

Nafiya Naso

Nafiya Naso ist die zentrale êzîdîsche Aktivistin hinter Operation Ezra (verifiziert).

  • Werdegang: Verbrachte ihre Kindheit in einem Flüchtlingslager in Syrien und kam vor etwa 16 Jahren (Stand 2017) mit ihrer Familie nach Manitoba. Sie ist Resettlement-Koordinatorin von Operation Ezra und unterstützt neu ankommende Familien praktisch (Gesundheitskarten, Schulanmeldung, Englischkurse, Bankensystem).
  • Feld/Einfluss: Flüchtlings-Resettlement und Advocacy. Sie sprach vor dem Einwanderungsausschuss des kanadischen Unterhauses (House of Commons) und setzte sich dafür ein, deutlich mehr êzîdîsche Flüchtlinge (sie nannte die Zahl 5.000 für 2017) aufzunehmen. Die Begegnung mit ihr gab den Anstoß für die Gründung von Operation Ezra.

Quellen:


Australien

Êzîden in Australien haben sich überwiegend in regionalen Städten niedergelassen, vor allem in Toowoomba (Queensland) – mit der größten êzîdîschen Bevölkerung des Landes – sowie in Coffs Harbour, Armidale und Wagga Wagga (New South Wales). Viele kamen als Überlebende des Völkermords von 2014.

Tosinê Reşîd (* 1941)

Feld: Schriftsteller, Dichter, Dramatiker.

Werdegang & Einfluss: Tosinê Reşîd (geb. 1941 in Kûrekend, Armenien) ist ein kurdisch-êzîdîscher Schriftsteller, Dichter und Dramatiker; er lebt in der Diaspora in Melbourne (Australien). Er veröffentlichte u. a. Gedichtbände und Theaterstücke und zählt zu den literarischen Stimmen der êzîdîschen Diaspora aus der ehemaligen Sowjetunion.

Belege:

Khairi Jolo

Khairi Jolo ist ein belegter êzîdîscher Gemeindevertreter aus dem Irak, der nach Australien floh und sich in Wagga Wagga ansiedelte.

  • Werdegang: Vor seiner Flucht Kontaktperson seiner Gemeinschaft gegenüber dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, von dem er für seinen Schutz der Gemeinschaft vor Diskriminierung und Rassismus eine ehrenvolle Anerkennung erhielt. In Australien engagiert er sich u. a. als Mitglied des Katastrophenschutzes (NSW SES).
  • Feld/Einfluss: Gemeindeführung, Integration und Freiwilligenarbeit.

Quelle: NSW SES, „World Refugee Day 2024: Meet Wagga Wagga unit member Khairi Jolo": https://www.ses.nsw.gov.au/news/world-refugee-day-2024-meet-wagga-wagga-unit-member-khairi-jolo

Nihad Barakt und weitere Stimmen aus Toowoomba

Nihad Barakt, aus der Region Şingal (Nordirak), lebt heute in Toowoomba und engagiert sich öffentlich für die Anliegen ihrer Gemeinschaft (u. a. Forderung nach einem eigenen Gebetsort, um die alte Kultur lebendig zu halten).

  • Feld/Einfluss: Gemeinde-Advocacy, Erhalt von Kultur und Religion in der Diaspora.
  • Quellenlage: Belegt über australische Lokal- und Parlamentsquellen; biografische Detailtiefe gering.

Auf nationaler bzw. Melbourne-Ebene tritt Khalaf Bashier als Sprecher der êzîdîschen Gemeinschaft auf.

Quellen:


Methodische Hinweise zu diesem Abschnitt

  • Verifizierung: Lebende Personen wurden auf Existenz und – soweit möglich – êzîdîsche Herkunft geprüft. Karapetê Xaço ist ausdrücklich als ethnischer Armenier (kein Êzîde) markiert und nur als Träger der gemeinsamen Musiktradition aufgeführt.
  • Geografische Abgrenzung: Mehrere prominente Êzîden (Hemoyê Shero, Nadia Murad, Abid Shamdeen, Mirza Dinnayi) stammen aus Şingal/Irak bzw. leben in Deutschland und gehören sachlich in andere Abschnitte; sie sind hier nur als Querverweis genannt, um Doppelungen und Fehlzuordnungen zu vermeiden.
  • Dünne Quellenlage (insbesondere Iran, einzelne Syrien-/Australien-Figuren) wird offen benannt statt durch Spekulation gefüllt.
  • Konventionen: durchgängig Êzîdî/Êzîden; Tawûsî Melek nie „Teufel"; neutrale, würdigende Darstellung.

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