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Tod, Seele und Wiedergeburt im Êzîdîtum

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Die Jenseitsvorstellungen der Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden) unterscheiden sich grundlegend von den abrahamitischen Religionen ihrer Umgebung. Im Zentrum steht nicht die Drohung einer ewigen Hölle, sondern die Vorstellung eines langen Reinigungs- und Vervollkommnungsweges der Seele, der sich über mehrere Erdenleben erstreckt. Der Tod ist in diesem Verständnis kein endgültiger Bruch, sondern ein Übergang, sinnbildlich ein Wechsel des Gewandes. Die Lehre wird ausschließlich mündlich in den heiligen Hymnen (Qewl) und im Erfahrungswissen der Geistlichkeit tradiert; sie ist nicht in einem verbindlichen Dogma fixiert, weshalb Forschende immer wieder auf regionale und überlieferungsbedingte Unterschiede hinweisen (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017).

Hinweis zur Terminologie: Dieser Artikel verwendet durchgehend die Selbstbezeichnung Êzîdî/Êzîden. Tawûsî Melek, der Pfauenengel, wird in der êzîdîschen Theologie niemals als „Teufel" oder gefallener Engel verstanden, diese Gleichsetzung stammt aus polemischer Fremdliteratur und widerspricht den Primärquellen vollständig. Auch das êzîdîsche Jenseits kennt keinen kosmischen Gegenspieler Gottes.


1. Die Seele (ruh) und die Stellung des Menschen

Im êzîdîschen Denken besitzt der Mensch eine unsterbliche Seele (kurmancî ruh, auch gîyan), die nach dem Tod weiterbesteht. Der Körper ist vergänglich und gilt, anders als in manchen asketischen Traditionen, nicht als grundsätzlich verworfen, sondern als zeitweiliges „Gewand" der Seele. Diese Bildsprache ist für das Verständnis der gesamten Jenseitslehre zentral (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2012).

Die Seele ist nicht von Natur aus erlösungsbedürftig im Sinne einer Erbsünde. Vielmehr trägt jeder Mensch die Verantwortung für seine Taten, und seine sittliche Bilanz bestimmt den weiteren Weg der Seele über den Tod hinaus. Gut und Böse werden dabei nicht als Kampf zweier kosmischer Mächte gedacht, sondern als Stufen auf einem Weg der Läuterung, eine Vorstellung, die eng mit der nicht-dualistischen Grundstruktur der êzîdîschen Religion zusammenhängt.


2. Kiras guhertin: „das Hemd wechseln"

Der zentrale Begriff der êzîdîschen Seelenlehre ist kiras guhertin (auch kiras guhorîn), wörtlich „das Hemd/Gewand wechseln". Damit ist die Seelenwanderung bzw. Reinkarnation gemeint: Die Seele legt beim Tod ihren Körper ab wie ein abgetragenes Kleidungsstück und nimmt in einer neuen Geburt ein neues „Gewand" an (Kreyenbroek 1995; Kreyenbroek & Rashow 2005; Omarkhali 2017).

2.1 Läuterung über viele Leben

Sinn dieses Kreislaufs ist die schrittweise Reinigung und Vervollkommnung der Seele. Eine Seele wird so oft wiedergeboren, bis sie einen Zustand der Reinheit erreicht hat. Die Qualität der jeweils nächsten Existenz hängt vom sittlichen Verhalten im vorangegangenen Leben ab: Wer rein und nach den Geboten der Gemeinschaft lebt, dem steht eine bessere Wiedergeburt in Aussicht (Asatrian & Arakelova 2012).

In der volkstümlichen Überlieferung findet sich die Vorstellung, dass eine durch böse Taten stark verunreinigte Seele unter ihre vorige Stufe zurückfallen kann, bis hin zur Wiedergeburt außerhalb der êzîdîschen Gemeinschaft. Umgekehrt gilt die Rückkehr als Êzîdî als Zeichen einer geglückten Bewährung. Solche Erzählungen sind in den Quellen belegt, ihre genaue Deutung variiert jedoch regional und sollte nicht als einheitliches Dogma missverstanden werden (Asatrian & Arakelova 2012; Spät 2005).

2.2 Kein Erinnern an das frühere Leben

Nach verbreiteter Vorstellung trägt die Seele in ihr neues Leben keine bewusste Erinnerung an die früheren Existenzen. Eine Ausnahme bilden in der Überlieferung bestimmte begabte Personen, etwa die Koçek (visionär begabte religiöse Figuren) –, denen ein „Schauen" über die Grenze der einzelnen Leben hinweg zugeschrieben wird. Familien, die im Verhalten oder in Merkmalen eines Kindes die Wiederkehr eines Verstorbenen zu erkennen glauben, deuten dies im Rahmen des kiras guhertin (Spät 2005; Omarkhali 2017).

2.3 Theologische Bedeutung: Läuterung statt ewiger Hölle

Die Reinkarnationslehre hat eine weitreichende Folge: Das êzîdîsche Weltbild kennt keine ewige Verdammnis. An die Stelle einer endgültigen Hölle tritt der Gedanke, dass jede Seele über den Kreislauf der Wiedergeburten die Möglichkeit zur Besserung und letztlich zur Rückkehr zum Göttlichen behält (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2012). Darin zeigt sich eine grundsätzlich auf Barmherzigkeit und Vervollkommnung ausgerichtete Heilsvorstellung, ein Punkt, der die êzîdîsche Theologie deutlich von dualistischen Höllenbildern abhebt.


3. Der Weg der Seele unmittelbar nach dem Tod

Neben der langfristigen Reinkarnation kennt die Überlieferung eine Reihe von Gestalten und Stationen, die die Seele unmittelbar im Sterben und kurz danach begleiten. Diese Vorstellungen sind teils mit der Reinkarnationslehre verwoben, teils stehen sie als eigene Überlieferungsstränge neben ihr.

3.1 Sicadîn und Nasirdîn: die Wächter des Sterbens

Beim Sterben treten der Überlieferung nach zwei der heiligen Wesen aus dem Kreis der Sieben (Heft Sirr) an die Seite des Menschen:

Gestalt Rolle im Sterben
Sicadîn (Sicadîn/Sejadin) Bote des Todes; kündigt das Sterben an, begleitet den Übergang (psychopompe Funktion)
Nasirdîn (Nasirdîn/Nasirdin) „Engel des Todes und der Erneuerung"; trennt die Seele vom Körper

Beide gelten in der Tradition als Söhne des Ezdîna Mîr und gehören zu den Manifestationen des einen Gottes innerhalb der heiligen Genealogie. Ihre Aufgabe ist nicht Strafe, sondern Geleit: Sie führen die Seele aus dem Körper und übergeben sie dem weiteren Weg (Asatrian & Arakelova 2012; vgl. Kreyenbroek & Rashow 2005).

3.2 Die Sirat-Brücke (Pira Selat)

Ein bekanntes Motiv ist die Sirat-Brücke, kurmancî Pira Selat (auch Pira Silat). Über sie muss die Seele nach dem Tod hinübergelangen, um in den Bereich des Heils zu kommen. In der Überlieferung wird die Seele dabei vor Şêx Adî gebracht und befragt; bei bestandener Prüfung tritt Şêx Adî als Fürsprecher beim höchsten Gott auf und geleitet die Seele weiter (Asatrian & Arakelova 2012).

Die Vorstellung hat eine deutliche Parallele zur zoroastrischen Činwad-Brücke und gilt der Forschung als Beleg für die alt-iranischen Substrate der êzîdîschen Eschatologie (Asatrian & Arakelova 2012; Kreyenbroek 1995). In Lalîş ist die Brücke zugleich räumlich-rituell präsent: Eine Pira Selat im Heiligtum von Lalîş versinnbildlicht den Übergang von der profanen in die heilige Welt, den die Pilger beim Betreten des Schreins symbolisch vollziehen (Açıkyıldız 2010). Diese irdische Brücke und die eschatologische Brücke spiegeln einander.

Hinweis: Die genaue Verzahnung von Brücken-Prüfung und Reinkarnation wird in den Quellen nicht widerspruchsfrei dargestellt. Beide Motive existieren nebeneinander; das mündliche Überlieferungswesen lässt solche Spannungen bewusst offen (Omarkhali 2017).

3.3 Birê und Xwişka Axretê: Bruder und Schwester des Jenseits

Eine Besonderheit der êzîdîschen Gesellschaftsordnung ist die institutionelle Bindung an einen Bruder bzw. eine Schwester des Jenseits: kurmancî Birê Axretê (Bruder) und Xwişka Axretê (Schwester). Jeder erwachsene Êzîdî soll zu Lebzeiten eine solche geistliche Geschwisterschaft eingehen, Männer in der Regel mit einem „Bruder", Frauen mit einer „Schwester", wobei Ausnahmen vorkommen (Kreyenbroek 1995; Spät 2005).

Diese Person ist nicht bloß ein irdischer Vertrauter, sondern soll die Seele beim Sterben und auf dem Weg ins Jenseits begleiten und für sie eintreten. Beim Tod nimmt der Bruder/die Schwester des Jenseits eine rituelle Rolle ein und gehört zu den Menschen, die dem Sterbenden beistehen. Die Bindung gehört, neben der Bindung an einen geistlichen Lehrer (Pîr) und Vormund aus dem Stand der Geistlichkeit, zu den verpflichtenden religiösen Beziehungen jedes Êzîden.


4. Totenrituale und Begräbnis

Die Bestattung erfolgt nach festen Regeln, die in den Traditionen der Gemeinschaft verankert sind und auf eine rasche, würdevolle Rückgabe des Körpers an die Erde zielen.

4.1 Waschung und Vorbereitung

Nach Eintritt des Todes wird der Leichnam rituell gewaschen. In Mund oder an die Lippen des Verstorbenen wird Erde oder Wasser aus Lalîş gegeben, Materie vom heiligsten Ort der Êzîden, die den Toten symbolisch mit dem geheiligten Zentrum der Religion verbindet (Asatrian & Arakelova 2012). Häufig kommt dabei auch die geweihte Erde der berat (gepresste Kügelchen aus Lalîš-Erde) zum Einsatz.

4.2 Bestattung und Ausrichtung des Grabes

Die Beisetzung geschieht unmittelbar, möglichst am Todestag. Der Leichnam wird so gelegt, dass der Kopf nach Osten weist und das Gesicht zur Sonne bzw. zum Polarstern (Norden) gerichtet ist (Asatrian & Arakelova 2012). Die Ausrichtung verweist auf die hohe Bedeutung der Sonne und des Lichts in der êzîdîschen Frömmigkeit, in der das Gebet zur aufgehenden Sonne ein zentraler Akt ist.

4.3 Rolle der religiösen Figuren

Beim Begräbnis wirken die zuständigen geistlichen Betreuer (Şêx und Pîr) sowie der Bruder/die Schwester des Jenseits mit. Den Koçek wird in der Überlieferung mitunter eine besondere Rolle zugeschrieben, da ihnen die Fähigkeit nachgesagt wird, das weitere Schicksal der Seele bzw. ihre Wiederkehr zu „schauen" (Spät 2005). Klagegesänge, eine eigene Gattung der mündlichen Qewl-Tradition, begleiten Tod und Trauer.


5. Trauer und Gedenken

5.1 Trauerzeit

Auf den Tod folgt eine geregelte Trauerzeit der Angehörigen mit Klage, Zurückhaltung bei Festen und gemeinschaftlicher Anteilnahme. Die Klage um die Toten ist eingebettet in eine lange Tradition kollektiver Trauer, die durch die Geschichte der Genozide (Fermane) eine besondere Tiefe erhalten hat.

5.2 Totenmahl und Gedenken (Ehmen)

Eine zentrale Form des Gedenkens ist das Totenmahl und das Verteilen von Speisen als Almosen (xêr/sedeqe) zum Gedächtnis des Verstorbenen. In der Überlieferung ist belegt, dass einige Tage nach dem Tod ein Tier (etwa ein Rind) am Grab geopfert und sein Fleisch an Vorübergehende und Bedürftige verteilt wird, als wohltätige Handlung, die der Seele des Verstorbenen zugutekommen soll (Asatrian & Arakelova 2012). Das gemeinsame Gedenkmahl (ehmen) und das Gedenken an bestimmten Tagen halten die Verbindung zwischen Lebenden und Toten aufrecht.

Diese Gedenkpraxis fügt sich in das êzîdîsche Verständnis ein, dass gute Taten der Lebenden: Almosen, Gastfreundschaft, Fürbitte, den Weg der Seele im Jenseits positiv beeinflussen können.


6. Einordnung: Eine Theologie der Hoffnung

Die êzîdîschen Jenseitsvorstellungen lassen sich als ein zusammenhängendes, wenn auch nicht systematisch-dogmatisches Gefüge lesen:

  • Der Tod ist Übergang, nicht Ende, ein „Wechsel des Gewandes".
  • Die Seele durchläuft im kiras guhertin einen Läuterungsweg über viele Leben.
  • Wächtergestalten (Sicadîn/Nasirdîn), die Sirat-Brücke und der Bruder/die Schwester des Jenseits begleiten und prüfen die Seele.
  • Es gibt keine ewige Hölle, sondern Reinigung, Fürsprache und die Aussicht auf Rückkehr zum Göttlichen.

Diese auf Barmherzigkeit, Läuterung und Vervollkommnung ausgerichtete Heilsvorstellung gehört zu den theologisch eigenständigsten Zügen der êzîdîschen Religion und verweist zugleich auf ihre tiefen Wurzeln in den alt-iranischen und altmesopotamischen Religionswelten der Region (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2012; Omarkhali 2017).


Quellen

  • Philip G. Kreyenbroek: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Lewiston: Edwin Mellen Press, 1995.
  • Philip G. Kreyenbroek & Khalil Jindy Rashow: God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2005.
  • Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition, From Oral to Written. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017.
  • Eszter Spät: The Yezidis. London: Saqi Books, 2005.
  • Birgül Açıkyıldız: The Yezidis, The History of a Community, Culture and Religion. London: I.B. Tauris, 2010.
  • Garnik S. Asatrian & Victoria Arakelova: „The Hereafter in the Yezidi Beliefs", in: Iran and the Caucasus 16/3 (2012), S. 309–318., brill.com · academia.edu
  • „Yazidis", in: Encyclopaedia Iranica., iranicaonline.org
  • Khanna Omarkhali: „The Book Revealing the Future in a Religion without Books: the Apocalyptic Visions of Yezidi Seers" (zu Koçek/Seher)., academia.edu
  • Ergänzend zu Sterbe-Wächtern: Wikipedia, „Sicadîn", en.wikipedia.org/wiki/Sicadîn · „Nasirdîn", en.wikipedia.org/wiki/Nasirdîn · „Silat Bridge", en.wikipedia.org/wiki/Silat_Bridge

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