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Kleidung + Tracht
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Êzîdî-Tracht trägt theologische, soziale und genealogische Codes. Farbe, Schnitt und Schmuck signalisieren Kaste (Şêx/Pîr/Mirîd), Anlass (Hochzeit/Trauer), Region (Sinjar vs Aparan) und religiösen Status.
Stand: 2026-06-16 · Sirr-Tabu eingehalten · ezdixan.de Wiki
Überblick: Kleidung als gelebte Theologie
Bei den Êzîden (auch Yeziden oder Yazidi) ist Kleidung kein bloßes Material, sondern ein getragenes Glaubensbekenntnis. Schon ein historisches Detail macht das deutlich: Als die Êzîden 1872 beim Osmanischen Reich um Befreiung vom Militärdienst baten, war eines ihrer Argumente, dass sie ein besonderes religiöses Unterhemd tragen müssen, das nicht von Nicht-Êzîden angefertigt werden darf, der Militärdienst hätte sie gezwungen, dieses Gebot zu verletzen [Açıkyıldız 2010; Spät 2018]. Kleidung ist damit Teil der rituellen Reinheit und der Abgrenzung der Gemeinschaft (→ reinheit-tabus).
Êzîdîsche und allgemein kurdische Tracht teilen viele Grundformen (Kras/Kiras, Şal û Şepik, Wollgürtel), doch die Êzîden haben zusätzliche religiöse Codes überlagert: heilige Farben, das Blau-Tabu, geweihte Gewänder der Geistlichkeit und sakrale Schnüre. Im 20. Jahrhundert wurde kurdische Tracht zudem stark politisiert: die Türkei verbot 1945 die Şal-û-Şepik-Tracht als „kurdische Nationaltracht" zusammen mit Sprache und den Farben Rot/Grün/Gelb; seither ist Tracht auch ein Zeichen von Identität und Widerstand [GfbV 2021]. Für Êzîden kommt die religiöse Dimension hinzu, die diese Tracht von der rein ethnisch-kurdischen unterscheidet (→ traditionen).
1. Farbcode: heilig, gemieden, tabu

Êzîdî-Frau in traditioneller Bashiqa-Tracht, Irak. Weiß (Spî) gilt als heilig (Reinheit, Lalîş-Geistliche), Rot ist mit Sultan Êzî verknüpft, Blau wird im sakralen Kontext gemieden. · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Weiß (Spî): heilig
Bedeutung: Reinheit, Licht, Tawûsî Melek-Bezug, Lalîş-Manuskript-Pergament. Şêx- und Pîr-Linien tragen weiße Robe als religiöse Würdetracht. Die alte Êzîdî-Flagge war komplett weiß mit gelber Sonne, bevor sie nach den Genoziden um den roten Märtyrer-Streifen ergänzt wurde [flagge-symbole.md].
- Pflicht: bei Lalîş-Pilgerfahrt alle Êzîden tragen weiß
- Şêx-Tracht durchgehend weiß
- Brautkleid traditionell weiß (regional unterschiedlich)
[Açıkyıldız 2010, S. 161-167; Kreyenbroek 1995, S. 144-148]
Rot (Sor): Hochzeit + Märtyrertod
Bedeutung: Lebensblut, Hochzeitsfreude und Trauer um Genozid-Opfer. Die aktuelle Êzîdî-Flagge zeigt einen mittleren roten Streifen für die ~74 Fermane.
- Hochzeits-Bänder, Brautschmuck-Rot
- Sersal: rot gefärbte Eier
- Trauerlieder zum 3. August (Sinjar 2014): rote Kerze + roter Stoff
[Açıkyıldız 2010, S. 167-170; Spät 2018, S. 168]
Schwarz (Reş): Trauer, Qewal, Sancak
Bedeutung: Trauer (Cilê Reş = Trauer-Tracht, 40 Tage nach Todesfall). Bronze-Sancak haben dunkelschwarze Patina. Çarşema Reş (Schwarzer Mittwoch vor Sersal) hat eigene stille Tracht.
- Trauer-Tracht 40 Tage
- Qewal-Schultertuch
- Witwen-/Witwer-Stille-Zeit
Grün (Kesk): gemieden
Bedeutung: Grün ist auf der kurdischen Flagge das Symbol der islamischen Schicht. Êzîden meiden Grün in religiösen Trachten konsequent, historisch markierte Grün muslim-affilierte Identität in Mesopotamien. In neutralen Alltags-Kleidungsstücken außerhalb religiöser Kontexte ist Grün heute aber zunehmend toleriert (besonders in Diaspora). [siehe flagge-symbole.md zur Flaggen-Frage; Kreyenbroek 2017]
Blau (Şîn): TABU
Bedeutung: Striktes Tabu in der Êzîdî-Tradition. Mehrere Erklärungen:
- Tawûsî Meleks Hals-/Schwanz-Federn sind blau, als Reflexion seiner kosmischen Würde darf kein Mensch sich „über ihn" erheben durch dieselbe Farbe.
- Blau hat Assoziation mit dem präkosmischen Wasser-Element (Tofan/Sintflut).
- Êzîden tragen keine blaue Kleidung, malen keine blauen Wände in religiösen Räumen, vermeiden blauen Schmuck.
- Verstöße gegen das Blau-Tabu gelten als schwere rituelle Vergehen (Bilêvkirin → mögliche Exkommunikation in historischer Strenge).
Das Blau-Tabu ist eines der bekanntesten Speise- und Verhaltenstabus der Êzîden und wird in der Literatur regelmäßig neben dem Salat-/Bohnen-Verbot und dem Tabu des Wortes „Şeyt…" genannt. Es betrifft nicht nur Kleidung im engeren Sinn, sondern den gesamten sakralen Lebensraum: Türrahmen, Gebetsräume und Festkleidung bleiben blau-frei. In der Diaspora wird das Tabu unterschiedlich streng gehandhabt, religiöse Familien und Geistliche meiden Blau weiterhin konsequent, während es in säkularer Alltagskleidung jüngerer Generationen aufweicht. Ausführlich behandelt der Eintrag → reinheit-tabus.
[Kreyenbroek 1995, S. 145; Spät 2018, S. 170-172; Rodziewicz 2018]
Gelb (Zer): Sonne, Tawûsî Melek
Bedeutung: Sonne, Lichtsymbol von Tawûsî Melek, in der Flagge die zentrale Sonnen-Scheibe.
Mehrfarbig (Geometrische Stickerei)
Bedeutung: Lebenslust, Wohlstand. Festkleidung, Brautausstattung. Pfauen-Motive + Sonnenmotive häufig.
2. Männer-Tracht

Êzîdî-Mann in traditioneller Tracht (historische Darstellung). Charakteristisch: weißes Hemd (kiras), weiter schwarzer oder beiger Hosenrock (şal û şepik), Kopftuch (destmal) und Gürtelschärpe (peştik). · Lizenz: Public Domain · Quelle: Wikimedia Commons
2.1 Mêran Lebs / Şal û Şepik
Klassischer Männer-Anzug, mehrteilig:
- Şal: Wickelhose, weit, vom Knöchel bis Hüfte
- Şepik: kurze Jacke / Weste
- Hêmiz: langes Hemd unter Jacke
- Pişt / Pêştik: Wollgürtel (oft 4-5 m lang, mehrfach gewickelt)
- Kalpak / Kelaq: flache Männer-Mütze, lokal variabel
- Kefîye / Cemedanî (Cemedanî): Kopfbedeckung, geknotet (regional: weiß, schwarz, rot-weiß)
Material: traditionell Wolle (Sinjar), Baumwolle (Sheikhan), Diaspora oft moderne Stoffe.
Der religiöse „Geschlossene-Kragen"-Code: Êzîdî-Männer waren historisch dadurch erkennbar, dass das Hemd bis zum Hals geschlossen getragen wurde, dies ist religiös vorgeschrieben und kein Modedetail. Dazu kamen weiße Hosen, ein Mantel und die Haare unter einem Turban, dessen Farbe den Rang in der Geistlichkeit markierte (weiß für Şêx/Pîr-Würdenträger, schwarz für die Feqîr). Der erwähnte 1872er-Militärdienst-Streit drehte sich genau um diese religiös regulierte Kleidung [Açıkyıldız 2010; Spät 2018; Yezidis International, „Clothes"].
Şal û Şepik als politisches Zeichen: Über die religiöse Bedeutung hinaus wurde die Tracht im 20. Jahrhundert zum Identitätssymbol. 1945 verbot die Türkei sie als „kurdische Nationaltracht"; seither tragen kurdische Kämpfer und in der Diaspora junge Leute die Şal û Şepik bewusst als Bekenntnis, heute oft kombiniert mit moderner Mode (Sneakers, Designer-Accessoires) [GfbV 2021].
Material: traditionell Wolle (Sinjar), Baumwolle (Sheikhan), Diaspora oft moderne Stoffe.
[Açıkyıldız 2010, S. 162; Düchting 2021 zur Diaspora-Mode; GfbV 2021]
2.2 Şêx-Tracht (religiöse Würdenträger)
Komplett weiß, mit:
- Cubbe (langer weißer Mantel)
- Sertok / Şewar (weiße Kopfbedeckung)
- Pişt-Spî (weißer Gürtel)
- Bei höchsten Würden: zusätzlich Mîrkof (Mantel-Aufsatz)
2.3 Pîr-Tracht
Ähnlich Şêx, oft mit dunklerem Wollgürtel zur Unterscheidung.
2.4 Qewal-Tracht
- Schwarz-weiß
- Schwarzes Schultertuch
- Bedeutet: Träger der heiligen Hymnen
2.5 Mîr-Tracht (Êzîdîscher Fürst)
- Reicher als Şêx, mit Goldfäden bestickte Cubbe
- Spezielle Kopfbedeckung (regional unterschiedlich, historisch dokumentiert)
- Höfischer Gold-/Silberschmuck
[Quellen 2.x: Açıkyıldız 2010, Kap. 6; Spät 2018, S. 165-175; Yezidi Cultural Heritage Project Duhok 2019]
2A. Religiöse Gewänder + sakrale Insignien
Diese geweihten Textilien gehören eng mit der Êzîdî-Geistlichkeit zusammen; ausführlich zu den Kasten und Ämtern → geistlichkeit und → gesellschaftsordnung.
Neben der Alltags- und Festtracht kennt die Êzîdî-Tradition eine eigene Klasse geweihter Gewänder, die nur von bestimmten religiösen Trägern und nur unter rituellen Bedingungen angelegt werden dürfen. Sie sind keine „Kostüme", sondern heilige Objekte mit eigener Theologie.
2A.1 Das weiße Kiras (Cilê Spî): Reinheitsgewand
Weiß (Spî) ist die Farbe der Reinheit und des Lichts. Das durchgehend weiße Gewand ist das Kennzeichen der Şêx- und Pîr-Linien im religiösen Dienst und für alle Êzîden bei der Lalîş-Pilgerfahrt verpflichtend. Es verbindet sich mit dem Pergament der heiligen Manuskripte und dem Selbstverständnis, „rein" vor Tawûsî Melek und die heiligen Stätten zu treten.
2A.2 Xirqe (Khirqe): das heilige schwarze Gewand der Feqîr
Die Xirqe ist der schwarze Mantel/das schwarze Hemd aus dunkler Wolle, getragen von den Feqîr: dem Stand der Êzîdî-Asketen. Sie ist eines der heiligsten Kleidungsstücke der Tradition:
- Material + Färbung: dunkle Wolle, schwarz gefärbt mit einem Mittel aus dem heiligen Zerguz-Baum. Dazu gehört ein schwarzer Turban (ebenfalls Zerguz-gefärbt).
- Symbolik: getragen „in Nachahmung von Şêx Adî"; die Überlieferung verbindet die Xirqe mit dem Urgewand der ersten Menschen: dem Kleid, das Adam und Eva gegeben wurde. Sie gilt mit „tiefster Ehrfurcht" als heiligstes Gewand.
- Begriffsherkunft: Xirqe/Khirqe ist ursprünglich ein Sufi-Begriff (der grobe Mantel der Mystiker), ein Erbe des Sufi-Einflusses auf die Êzîden, der über Şêx Adî ibn Misafir vermittelt wurde.
- Wer darf sie tragen: Ursprünglich war der Orden allen offen, wurde aber erblich. Nicht jeder in eine Feqîr-Familie Geborene darf das Schwarz anlegen, nur, wer freiwillig den asketischen Weg wählt (strenges Fasten, Verzicht auf Trinken/Rauchen, Gewaltlosigkeit, Dienst an Lalîş).
[Spät 2018, „Ritual Items of Clothing"; Kreyenbroek 1995; kurdish-history.com „The Feqir"]
2A.3 Insignien der Würdenträger: Rista, roter Brustgürtel, weiße Kopfbedeckung
Höhere Geistliche tragen weitere geweihte Insignien:
- Rista: schwarzer Gürtel/Schärpe, ebenfalls mit Zerguz-Mittel schwarz gefärbt.
- Roter Brustgürtel: quer über die Brust getragen.
- Weiße Kopfbedeckung: Zeichen der Würde.
Diese Kombination ist mythologisch begründet: In der Êzîdî-Überlieferung willigte der Engel Cibraîl (Jibrail) ein, Adam eine Seele zu geben, unter der Bedingung, dass Adam den roten Gürtel und die weiße Kopfbedeckung tragen dürfe. Die Insignien gehen also auf die Beseelung des ersten Menschen zurück [Spät 2018; Yezidis International; kurdish-history.com].
2A.4 Der Zerguz-Baum als heilige Färbequelle
Der Zerguz ist ein heiliger Baum, aus dem die schwarze Färbesubstanz für Xirqe, schwarzen Turban und Rista gewonnen wird. Die Bindung der heiligsten schwarzen Gewänder an eine einzige, sakral konnotierte Pflanze unterstreicht, dass diese Textilien rituell „rein" produziert werden müssen, analog zum oben genannten Êzîdî-Unterhemd, das kein Nicht-Êzîde fertigen darf [Spät 2018; Açıkyıldız 2010].
2B. Heilige Schnur: Şûtik / Toqa
Zur sakralen Materialkultur gehört eine geweihte Schnur bzw. ein geweihtes Halsband, das engen Kontakt zum Körper hält und als Schutz- und Bindungszeichen zu Lalîş und Tawûsî Melek verstanden wird:
- Şûtik: eine gewebte/gedrehte Wollschnur (verwandt mit dem oben genannten religiösen Unterhemd-Komplex), in der Tradition mit der rituellen Reinheit der Êzîden verbunden. Sie steht in einer Reihe mit dem schwarzen Rista-Gürtel der Geistlichen, ist aber das Element, das auch Laien an die Gemeinschaft bindet.
- Toqa (Toqe): sakrales Halsband / Hals-Schnur, das die religiöse Bindung sichtbar macht.
Beide werden in Lalîş geweiht; das Element der Unherstellbarkeit durch Nicht-Êzîden (siehe 1872er Militärdienst-Argument) macht deutlich, dass es sich nicht um Schmuck, sondern um ein religiös reguliertes Reinheits-Textil handelt. Die genaue innere Bedeutung berührt teilweise das Sirr und wird hier nicht weiter ausgeführt (→ reinheit-tabus).
[Açıkyıldız 2010; Spät 2018, „Ritual Items of Clothing"; Kreyenbroek 1995]
3. Frauen-Tracht

Êzîdî-Frau in traditioneller Tracht (historische Darstellung). Typisch: langes weißes oder buntes Kleid (kiras), Kopftuch (carşev / dêre), Schmuck aus Silber, Schärpe um die Hüfte. · Lizenz: Public Domain · Quelle: Wikimedia Commons
3.1 Kiras (Kras): Hauptkleidungsstück
- Langes Kleid, knöchellang
- Lange Ärmel, oft mit aufwendiger Stickerei
- Material: Baumwolle, Seide (Hochzeit), Wolle (Winter). Ein besonders geschätzter, glänzender Feinstoff für das Kras heißt Fendi (traditionell aus Indien importiert), er gibt dem Festkleid seinen charakteristischen Schimmer.
- Schnitt regional: in Sinjar weiter, in Sheikhan enger
- Über dem Kiras oft eine Çoxa / Elek (Weste) oder Şal (Schal)
3.1a Die vollständige Frauen-Garderobe (Ensemble)
Das Kras ist nur das Kernstück eines mehrteiligen Ensembles. Quellen zur êzîdîschen/kurdischen Frauentracht nennen u.a.:
- Kras: Oberkleid/Hemd (das Hauptstück)
- Hawalas / Awal-Kras: weite Unterhose/Pluderhose aus festerem Stoff
- Zher-Kras: durchscheinender Unterrock/Petticoat unter dem Kras
- Nadeera: Rock
- Elek: Weste/Mieder über dem Kras
- Salek: Schürze
- Dusang: Armstulpen/Armbänder am Handgelenk
- Helak: kurze Bolero-Jacke (für heiße Sommer)
- Kofî: die Kopfhaube/Mütze (Kernstück der Kopftracht, siehe 3.2)
- Gore: gestrickte Wollstrümpfe
- Lederschuhe zum Abschluss
Mehrere Schichten werden also kombiniert: feste Pluderhose, durchscheinender Unterrock, glänzendes Kras, Weste und Schürze. Diese Vielteiligkeit ist heute v.a. bei älteren Frauen erhalten; jüngere tragen das Ensemble nur noch zu Festen [Yazidis.info „National Dress"; Yezidis International; GfbV 2021].
3.1b Farb-Symbolik der Frauentracht
Die farbigen Elemente der Festtracht werden in der Êzîdî-Deutung den sieben heiligen Engeln/„Heften" zugeordnet, die bunte Stickerei ist damit nicht nur Schmuck, sondern ein Bezug auf die heilige Siebenzahl. Weiß bleibt die Reinheitsfarbe, Rot die Farbe von Freude und Märtyrerblut, Blau bleibt tabu (→ reinheit-tabus) [Rudaw 2023, Lalîş-Trachtenschau].
3.2 Kofî / Hîvanî / Şeqe: Frauen-Kopfbedeckung
Die Kopfbedeckung ist das aufwendigste und am stärksten regional differenzierte Element der Frauentracht:
- Kofî: die eigentliche Kopfhaube/Mütze, Basis der Kopftracht; darüber kommen Tücher und Stirnschmuck. In der Forschung gilt die Kofî als das Element, an dem Region und Familienstand am deutlichsten ablesbar sind.
- Hîvanî (“Mond-förmig”), halbmond-ähnliche Form, oft mit Mond-Symbolik bestickt
- Şeqe: Stirnband mit hängenden Münzen oder Stoffen
- Carşev / Dêre: über die Kofî gelegtes Kopf-/Schultertuch
- Verheiratete Frauen tragen das Tuch fester gebunden als Unverheiratete
- Witwen tragen Şeqe in Schwarz
3.2a Gürtel der Frau (Kambar / Ben Pasta)
Historisch trugen Êzîdî-Frauen über Rock oder Kleid einen eigenen Gürtel:
- Kambar: breiter Frauengürtel aus Tuch, häufig mit Knöpfen und Muscheln besetzt
- Ben Pasta: Wollgürtel, mit farbigen Wollfäden gestrickt
Diese Gürtel waren in der Vergangenheit weit verbreitet und sind heute vor allem in der Trachten-Dokumentation und bei älteren Frauen erhalten [Yazidis.info „National Dress"].
3.3 Goldschmuck (Zêr)
Hochzeits-Aussteuer der Braut, ist persönliches Eigentum der Frau (im Scheidungsfall behält sie es), zur rechtlichen + sozialen Stellung der Frau siehe → frauen:
- Zincîr (Halskette)
- Bazin (Armreif)
- Guhar (Ohrringe)
- Tîlî-fingerring
- Sersere: Stirnschmuck mit hängenden Münzen
- Pîl: Nasering (historisch häufig, heute selten)
Schmuck-Tradition geht zurück auf assyrische + persische Vorbilder, in Sinjar besonders aufwendig.
[Allison 2001, S. 73-79; Bahzani.net Tracht-Datenbank]
3.4 Şêx- + Pîr-Frauen
Weibliche Religionsangehörige tragen Cilê Spî in einer abgewandelten Form mit weißer Hîvanî.
3.5 Brauttracht (Cilê Bûkê)
- Traditionell weiß oder rot mit Gold (regional unterschiedlich)
- Aufwendige Schleier-Tracht (Pero) am Hochzeitstag
- Henna-Hand-Verzierung am Şeva Henê (Henna-Abend)
- Gold-Krone (Sersere) als Hauptschmuck
4. Tracht für Anlässe
Die Anlässe selbst sind ausführlich beschrieben unter → festkalender (Sersal, Cêjna Cemayîya, Çarşema Sor) und → lebenszyklus (Hochzeit, Geburt, Trauer).
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Trachten beim Sersal-Fest in Lalîş, 2017. Festtracht zum Neujahr, Hochzeit und Pilgerfahrt nach Lalîş ist meist weiß-farbig kombiniert; bei Trauer dominieren dunkle Farben (schwarz, dunkelbraun). · Foto: Levi Clancy · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Rituelle Reinigung der Tracht: Bei der großen Trachten-Schau in Lalîş 2023 (rund 60 Teilnehmende aus 25 Regionen) wurde dokumentiert, dass die Gewänder vor dem Anlegen rituell gereinigt wurden, mit Wasser aus der heiligen Quelle Kaniya Spî (Weiße Quelle); die Träger besuchten zusätzlich die Silat-/Salat-Brücke zur spirituellen Reinigung. Tracht ist damit selbst Gegenstand der Reinheits-Praxis (→ reinheit-tabus) [Rudaw 2023].
Hochzeit (Dawet)
- Männer: festliche Şepik, weiße Şal, frische Kefîye
- Frauen: bunte Kiras mit Stickerei, voller Goldschmuck
- Braut: weiß-rot mit Pero-Schleier
- Bräutigam: weißer Şepik + roter Pişt
Trauer (Şîn): 40 Tage
- Alle Familienangehörigen: schwarze Cilê Reş
- Witwe®: zusätzlich kein Schmuck, kein Make-up
- Kinder unter 7: Befreit von Schwarz-Pflicht
Pilgerfahrt Lalîş (Cêjna Cemayîya)
- Cilê Spî (weiß) verpflichtend für alle
- Schuhe werden vor Eintritt ausgezogen (Lalîş ist heiliger Boden)
- Kein blauer Schmuck, kein blaues Tuch: Tabu
Festtage (Sersal, Eyda Êzîd)
- Beste Tracht ausgepackt
- Frauen: voller Goldschmuck
- Männer: frisches Hemd, sauber gebundener Pişt
Alltag
- Tradition-Mix: ältere Generation weiterhin Şal û Şepik (besonders Sinjar)
- Diaspora-Generation: vorwiegend westliche Kleidung, traditionelle Tracht nur für religiöse Anlässe
5. Deq: Traditionelle Tattoos
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Frau aus der Mount-Ararat-Region (frühes 20. Jh.) mit traditioneller Deq-Tätowierung. Hinweis: Der historisch reißerische Titel der Aufnahme stammt aus dem Westen und ist abwertend; wir verwenden das Bild nur wegen der seltenen Deq-Dokumentation. Die deq-Tätowierungen waren Schutz- und Identitätszeichen v.a. bei Frauen. · Lizenz: Public Domain · Quelle: Wikimedia Commons
Deq sind traditionelle Frauen-Tattoos der Êzîdî-Tradition (auch bei kurdischen Nachbarschaft verbreitet):
Was wird tätowiert?
- Stirn, Wangen, Kinn: Schutz vor bösem Blick (Çavê Xerab)
- Hand-Rücken, Finger-Innenseiten: Identität, Stamm
- Brust: Liebes-Symbole für Ehepartner
- Knöchel: Mond-Sterne-Symbole
Symbole
- Sonne: Tawûsî Melek-Symbol
- Pfau (selten, sirr-sensibel)
- Gazelle, Skorpion, Schlange: Schutz-Symbole
- Punkte/Kreise: Mond-Phasen
- Geometrische Muster: Stammeszugehörigkeit
Stand heute
- Deq-Tradition seit 1950er-Jahren stark rückläufig
- In Sinjar bei älteren Frauen (>60) noch vereinzelt
- Diaspora-Revival: junge Êzîdînnen lassen sich Deq-inspirierte Tattoos als kulturelles Bekenntnis stechen
- Yazda + Free Yezidi Foundation dokumentieren laufend ältere Deq-Trägerinnen
[Quelle: Açıkyıldız 2010, S. 172-176; Yazda Cultural Heritage 2019; Free Yezidi Foundation “Deq Documentation Project” 2021-2024]
6. Material + Stickerei
Material historisch
- Wolle: Sinjar (kalte Berge), Sheikhan-Winter
- Baumwolle: Sheikhan-Sommer, leichtere Trachten
- Seide: Hochzeitskleidung, Şêx-Linien
- Leinen: Sommertracht (weniger üblich)
Material heute (Diaspora)
- Industriell-Wolle / Polyester-Mischung
- Echte Seide nur für Hochzeiten
- Traditionelle Stoffe oft aus Erbavestücken alter Generation
Stickerei-Motive
- Roj (Sonne), Tawûsî-Melek-Bezug
- Tawûs (Pfau), heilig, bei Kleidung nur dezent (kein direktes Abbild des Sancak)
- Şêx Adî’s Stab: symbolisch, rein abstrakt
- Geometrische Bordüren: Gestirne, Vier-Elemente
- Hîv û Stêr (Mond + Sterne), auf Frauen-Hîvanî häufig
[Düchting 2021 zur Diaspora-Mode-Trends; Allison 2001 zur Stickerei]
7. Schuhe
Klassisch
- Klaş / Gewra: handgewebte Wollschuhe, vor allem Sinjar-Bergregion
- Lederpantolette (Yemenî), für Festkleidung
- Bei Lalîş-Pilgerfahrt: barfuß auf dem heiligen Boden
Heute
- Diaspora: westliche Schuhe
- Traditionelle Klaş nur noch handwerklich produziert in Sinjar (Wiederaufleben seit 2014 als Identitätsmarker)
8. Kindertracht
Geburt + Mor-Kirin (7-Tage-Initiationsritual)
- Weißes Baby-Tuch
- Kerîv-Hand-Bändchen (rot-weiß-grün, vom Paten gebunden, Kerîv = ritueller Pate)
Çile (40-Tage-Schutz nach Geburt)
- Spezielle Kindertracht in Familienfarben
Vor Pubertät
- Mädchen: bunte Kiras + Şeqe
- Junge: Mini-Şal û Şepik
Pubertäts-Übergang
- Erstes „erwachsenes" Trachtstück (Frauen: voller Hîvanî; Männer: erster Pişt)
[Spät 2018, S. 175-180; Açıkyıldız 2010, S. 178-182]
9. Regionale Trachten-Varianten

Êzîdî in Bashiqa, Irak. Regionale Trachten-Varianten: Bashiqa und Şêxan (mehr Weiß/Buntstickerei), Sinjar (eher dunkle Töne), Armenien/Georgien (russisch-osmanischer Einfluss), Türkei/Tur Abdin (vereinfachte Versionen). · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Sinjar (Şingal)
- Weiter Şal û Şepik bei Männern
- Bunte aufwendige Stickerei bei Frauen
- Goldschmuck reichlich
- Klaş-Wollschuhe
Sheikhan / Lalîş-Region
- Engerer Schnitt
- Weniger Stickerei, mehr religiös-symbolische Reinheit
- Şêx + Pîr besonders streng in weiß
Bahzani / Behzane
- Qewal-Familien hier ansässig: Qewal-Tracht (schwarz-weiß) prägt das Bild
- Schmuckverhältnis moderat
Armenien (Aparan, Yerevan)
- Sowjetisch-westlicher Einschlag, weniger Stickerei
- Hîvanî mit Münzen-Tradition (Aparan-Spezifika)
- Goldschmuck weniger als in Sinjar
Diaspora Deutschland / Schweden
- Westliche Alltagskleidung, Tracht nur für religiöse Anlässe
- Junge Generation zunehmend stolz auf Deq-inspirierte Tattoos + Cilê Spî bei Lalîş-virtual-Pilgerfahrt
Diaspora USA (Lincoln, Nebraska)
- Ähnlich Europa, mehr Sinjar-traditionelle Akzente weil viele Sinjar-Flüchtlinge
[Quellen 9.x: Açıkyıldız 2010, S. 173-189; Maisel 2017; Pîrbarî 2008 zu Sowjet-Êzîden]
10. Diaspora-Wandel + Identitätsfrage

Êzîdî-Kinder im Newroz-Camp, 2014. In der Diaspora (v.a. Deutschland, Schweden, USA) tragen Êzîdî im Alltag westliche Kleidung; Tracht wird oft nur zu Festen, Hochzeiten und Lalîş-Pilgerfahrt getragen, als Identitäts-Marker. · Foto: International Rescue Committee · Lizenz: CC BY 2.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Tracht hat sich in der Diaspora zu einem symbolischen Identitätsmarker entwickelt:
- 80% der Êzîden weltweit tragen heute alltags westliche Kleidung
- Tracht wird zu Hochzeiten + religiösen Festen + 3. August-Gedenktagen getragen
- Junge Diaspora-Generation produziert „Êzîdî-Brand-Hoodies", T-Shirts mit Sonnen-/Tawûsî-Melek-Symbolen
- Êzdîxan TV und ÊzîdîPress dokumentieren laufend Trends
- Hannover-Êzîdî-Modemarken haben eigene Sersal-Kollektionen
- Free Yezidi Foundation Workshop-Programm trainiert junge Frauen in traditioneller Stickerei (Sinjar-Wiederaufbau)
Bewahrung + Wiederaufleben
Viele traditionelle Trachten waren fast ein Jahrhundert lang außer Gebrauch und sind erst in den letzten Jahren durch Fotografie-Projekte, Designer-Initiativen und Trachten-Schauen (etwa der großen Lalîş-Schau 2023 mit Stücken aus Russland, Armenien, Georgien, Ost-Türkei, Nordost-Syrien und der Kurdistan-Region) wieder sichtbar geworden [Rudaw 2023]. Organisationen wie Yazda und die Free Yezidi Foundation verbinden die Trachten-Bewahrung mit dem kulturellen Wiederaufbau nach dem Genozid von 2014.
Tracht als Politik + Hybrid-Identität
Kurdische und damit auch êzîdîsche Tracht ist seit dem 20. Jahrhundert politisch aufgeladen: Die Türkei verbot 1945 die Şal û Şepik als „kurdische Nationaltracht" zusammen mit Sprache und den Farben Rot/Grün/Gelb. Tracht wurde dadurch zum Zeichen von Identität und Widerstand. Junge Êzîden und Kurd:innen in der Diaspora schaffen heute eine Hybrid-Identität, indem sie traditionelle Stücke mit urbaner Mode mischen (z. B. Şal û Şepik mit Sneakers). Schnitt und Stil bleiben dabei „Bekenntnis", was die Träger:innen historisch zur Zielscheibe von Assimilations-Regimen machte [GfbV 2021].
[Quellen: Düchting 2021; Yazda Cultural Heritage Reports 2020-2024; Rudaw 2023; GfbV 2021; Diaspora-Beobachtung]
11. Sirr-Tabu
- Innere Tracht-Details der höchsten Würdenträger (Mîr) während Sancak-Prozession, Sirr
- Tabu-Wort „Şeyt…" → „[Ungesagt]"
- Blau-Tabu strikt
- Direkte Pfauen-Abbildung auf Kleidung wird gemieden (zugunsten abstrakter Symbolik)
Quellen
| Nr. | Quelle | Trust |
|---|---|---|
| 1 | Açıkyıldız, B. (2010) The Yazidis: The History of a Community, Culture and Religion, I.B. Tauris, ISBN 978-1-848-85274-7, Kap. 6 | A |
| 2 | Allison, C. (2001) The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan, Curzon, ISBN 0-7007-1397-2 | A |
| 3 | Kreyenbroek, P. (1995) Yezidism, Edwin Mellen, ISBN 0-7734-9004-3 | A |
| 4 | Kreyenbroek, P. (2017) “Yezidism”, Encyclopaedia of Islam THREE, Brill | A |
| 5 | Spät, E. (2018) The Yezidis, Saqi, ISBN 978-0-86356-593-4 | A |
| 6 | Rodziewicz, A. (2018) “Tabus in der Êzîdî-Tradition”, Fritillaria Kurdica 17/18 | A |
| 7 | Maisel, S. (2017) Yezidis in Syria, Lexington Books, ISBN 978-1-498-50253-2 | A |
| 8 | Düchting, R. (2021) “Êzîdîsche Trachten in der Diaspora” | A |
| 9 | Pîrbarî, D. (2008) Êzîdiyên Sovêtê, Yerevan | B |
| 10 | Yezidi Cultural Heritage Project Duhok (2019) Tracht-Dokumentation | B |
| 11 | Yazda Cultural Heritage Reports 2020-2024 | B |
| 12 | Free Yezidi Foundation (2021-2024) Deq Documentation Project | B |
| 13 | Bahzani.net Tracht-Datenbank | C |
| 14 | ÊzîdîPress (laufende Berichterstattung Diaspora-Mode) | B |
| 15 | Spät, E. „Ritual Items of Clothing" (Yezidi material culture, CEU), http://www.personal.ceu.hu/students/09/Eszter_Spat/ritualdressing.htm | A |
| 16 | „The Feqir: The Ascetics of the Yazidi Faith", kurdish-history.com, https://www.kurdish-history.com/post/yazidi-feqir | B |
| 17 | „Yazidi National Dress", yazidis.info, http://yazidis.info/en/news/249/yazidi-national-dress | B |
| 18 | Yezidis International, „Yezidi Clothing", http://www.yezidisinternational.org/abouttheyezidipeople/clothes/ | B |
| 19 | „Yazidis display traditional clothing in Lalish", Rudaw, 04.10.2023, https://www.rudaw.net/english/people-places/04102023 | B |
| 20 | Yazda, Culture/Cultural Heritage, https://www.yazda.org/culture | B |
| 21 | Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), „Kurdische Kultur – Wie wir uns kleiden" (2021), https://gfbvblog.com/2021/04/20/kurdische-kultur/ | B |
Trust: A = peer-reviewed akademisch; B = institutionell/NGO/anerkannte Community; C = Online-Community-Quelle.
Stand: 2026-06-16 · Tabu-Wort „Şeyt…" → „[Ungesagt]" · Êzîdî-Konventionen: Tawûsî Melek (nie „Teufel"), Lalîş, Sersal, Xwedê (nicht Allah), Sinjar/Şingal · Kurmancî-Latein.
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