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Musik + Künstler

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Êzîdî-Musik umfasst sakrale Hymnen (Qewlê), Erzähl-Lieder (Beyt), volkstümliche Lieder (Stran), gesungene Klage (lawje/şîn) und Tänze (Govend). Sie wird mündlich tradiert; Schrift spielt erst in moderner Diaspora-Zeit eine Rolle.

Dieser Artikel behandelt Gattungen, Stile, Funktion der Musik, Sänger und Künstler. Die Instrumente (Organologie) sind ausgelagert nach → /wiki/musikinstrumente. Die heiligen Texte selbst → /wiki/qewl-tradition und /wiki/geistlichkeit.

Stand: 2026-06-15 · Sirr-Tabu eingehalten · ezdixan.de Wiki

1. Überblick: drei Klangwelten

Êzîdî-Musik lässt sich nicht als ein einheitliches „Genre" beschreiben. Die Forschung (Allison, Kreyenbroek, Amy de la Bretèque) trennt drei grundlegend verschiedene Klangwelten, die je eigene Träger, Anlässe und Tabus haben (die Êzîden werden im Deutschen auch Yeziden oder Jesiden genannt):

  1. Sakrale Musik: die heiligen Hymnen (Qewlê), ausschließlich von den Qewal vorgetragen, nur zu zwei Instrumenten (Daf, Şibab). Religiös, an Riten gebunden. → /wiki/qewl-tradition
  2. „Melodisierte Rede" und Klage (kilamê ser, lawje, şîn), ein Zwischenbereich zwischen Sprechen und Singen, getragen vor allem von Frauen und Dengbêj, in Trauer, Exil und Heldengedenken.
  3. Profane Fest- und Tanzmusik: Hochzeits-, Neujahrs- und Govend-Musik, laut und gesellig, mit Zurna und Davûl. → Instrumente: /wiki/musikinstrumente

Ein zentraler Befund der Ethnomusikologin Estelle Amy de la Bretèque ist, dass die Êzîden diese Klangwelten emotional kodieren: vereinfacht steht der klagende Duduk/Belban für Trauer und Exil, die schmetternde Zurna für Freude und Tanz („Le pleur du duduk et la danse du zurna", „Das Weinen des Duduk und der Tanz der Zurna") [Amy de la Bretèque 2010; 2013].

2. Sakrale Musik: die Qewal-Tradition

2.1 Die zwei heiligen Qewal-Gruppen

Die Qewal (arab./kurm. qewwal „Sprecher, Rezitator") sind die einzigen autorisierten Träger der sakralen Êzîdî-Musik. Sie stammen ausschließlich aus zwei erblichen Gruppen, Dimlî (kurmancî-sprachig) und Tazhî (arabisch-sprachig) –, beide in Başîqa und Bahzanê (Sheikhan, Nordirak) ansässig:

  • Pîr Sînî Bahrî: älteste Linie
  • Pîr Mam Şivan (auch: Pîr Mehmedê Reş), zweite Linie

Nur Qewals dürfen die heiligen Hymnen (Qewlê) öffentlich rezitieren, und nur zu zwei zugelassenen Instrumenten: Daf und Şibab. Weltliche Êzîden dürfen Qewlê hören, aber nicht öffentlich vortragen [Kreyenbroek 1995, S. 137–144; Allison 2001, S. 28–33]. Die Hymnen sind im nordkurdischen Dialekt verfasst, meist endgereimt, mit typisch 20–60 Strophen; das längste bekannte Qewl hat 117 Strophen [Encyclopaedia Iranica, „QAWL"].

Instrumente Daf & Şibab: Bauform, Maße und Spielweise sind ausführlich beschrieben unter → /wiki/musikinstrumente. Hier nur kurz: Daf = Rahmentrommel der Qewal; Şibab = lange Flöte mit 7 Grifflöchern (Bezug zu den 7 Engeln). Beide sind in der Liturgie heilig und nicht durch andere Instrumente ersetzbar.

2.2 Wie heilige Melodien funktionieren: kubrî und Maqam

Anders als westliche Notenmusik beruht die Qewl-Melodik nicht auf festen Tonintervallen. Amy de la Bretèque und Omarkhali beschreiben das Konzept kubrî: ein melodisch-rhythmisches „Gerüst", eine allgemeine musikalische Architektur aus Rezitativ-Mustern, Melodiebögen und rhythmischer Betonung, „a kubrî is not defined by stable intervals between pitches". Dieselbe Hymne kann je nach rituellem Kontext mehrere melodische Varianten haben. Tonanalysen zeigen häufig den Tetrachord uşşak (Re–Mi♭–Fa–Sol), verwandte Modi wie kurdî; die Qewal selbst kennen jedoch keine bewusste Maqam-Theorie, die Stimmung bleibt konsistent, auch wenn die Intervalle leicht variieren [Amy de la Bretèque & Omarkhali 2022, Oral Tradition 35/2, S. 309–330].

Texte werden stanza-für-stanza rein aus dem Gedächtnis gelernt; manche Qewal lernen Text und Melodie gleichzeitig, andere erst den Text und Monate später die Melodie [ebd.].

2.3 Repertoire-Klassen sakraler Musik

Klasse Êzdîkî Funktion Wann gesungen
Qewl qewl (pl. qewlê) Hauptliturgische Hymnen Feste, Initiationen, Gedenktage
Beyt beyt (pl. beytê) Narrative Hymnen Mythologische Erzählungen
Du’a du’a Gebete täglich / Zeremoniell
Qesîde qesîde Lobpreis-Lied auf Şêx Adî, Şêşims, Mîrê Festtags-Vorträge
Heyrânok heyran(ok) Mystisches Liebes-Lied Hochzeitsabend, geistlich-allegorisch

Quelle: Omarkhali 2017, The Yezidi Religious Textual Tradition, S. 47–62; zur theologischen Einordnung → /wiki/geistlichkeit.

3. Melodisierte Rede & Klage: das Spezialgebiet Amy de la Bretèques

Zwischen „Sprechen" (axaftin) und „Singen/Musik" (stran) liegt bei den Êzîden ein dritter, eigenständiger Vortragsmodus, den die französische Ethnomusikologin Estelle Amy de la Bretèque (CNRS/LESC Nanterre) in ihrer Feldforschung bei den Êzîden Armeniens zentral untersucht hat. Ihr Standardwerk Paroles mélodisées. Récits épiques et lamentations chez les Yézidis d’Arménie (Classiques Garnier, Paris 2013) gilt als das maßgebliche Buch zu diesem Thema [Amy de la Bretèque 2013].

3.1 Kilamê ser: „Worte über / Worte auf"

Der Schlüsselbegriff ist kilamê ser („Worte über", „paroles sur"), weder Lied/Musik (stran) noch Alltagssprache (axaftin), sondern eine eigene Form mit spezifischen Klanggestalten und Gebrauchsweisen. Charakteristisch:

  • Zeitdehnung: Derselbe Satz dauert melodisiert deutlich länger als gesprochen.
  • Fallende Melodielinie: Die üblichen Intonationssprünge der Rede werden durch einen mehr oder weniger gleichbleibenden, absteigenden melodischen Verlauf ersetzt.
  • Körperbewegung: Begleitet von horizontalen Wiegebewegungen des Oberkörpers.
  • Klang des Duduk/Belban: Die Stimme ahmt den klagenden Duduk nach (oder umgekehrt), der Duduk „spricht" gleichsam ohne Worte; „es ist nicht nötig, sie verbal auszusprechen" [Amy de la Bretèque 2012, „Voices of Sorrow", Yearbook for Traditional Music; Rezension Gradhiva].

3.2 Themen: Schmerz, Exil, Heldengedenken

Kilamê ser drückt xem (Kummer, Trauer) aus und erscheint in drei großen Themenfeldern:

  • Trauer und Tod: an Gräbern, bei Beerdigungen, bei Friedhofsmahlzeiten, aber auch privat, wenn über schmerzhafte Dinge gesprochen wird.
  • Exil und Abwesenheit: die durch Ferne ausgelöste „Sehnsucht/Fremde" (xerîbî); eine ganze „emotionale Topographie" spannt sich von der intimen Stube bis zu den Diaspora-Zielen (Moskau, Russland, Deutschland).
  • Heldentum: kilamê ser mêranîê („Worte über das Heldentum"), die epischen Erzählungen der Bardentradition über Helden, Schlachten und die Fermane (Verfolgungen).

Amy de la Bretèque spricht von einem geteilten „Raum des Schmerzes" (un espace de peine partagé) und einer regionalen „Kultur des Schmerzes und des Exils" [Amy de la Bretèque 2013; Gradhiva-Rezension 2014]. Dem Buch sind 65 audiovisuelle Dokumente mit Kommentaren und Untertiteln auf der Plattform der Société Française d’Ethnomusicologie beigegeben.

3.3 Klagelieder als Frauen-Genre: Allison & Spät

Die gesungene Klage ist traditionell ein fast ausschließlich weibliches Genre, vorgetragen von und für Frauen in geschlechtergetrennten Trauerräumen, historisch mit niedrigerem sozialen Status als die männlich dominierten Liedformen. Christine Allison dokumentierte in The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan (2001), wie Frauen in ihren Häusern zum Gedenken an Verstorbene sangen. In den ~zwei Jahrzehnten nach ihrer Feldforschung verfiel diese Kunst bei den nicht-sinjarischen Êzîden stark; halbprofessionelle Sängerinnen wurden selten [Allison 2001; Spät 2022].

Lokale Begriffe für die Klage variieren regional: xerîbî (Exil/Fremdsein/Sehnsucht), şîn („Trauer"), stranên şînî / dîlok („Trauerlieder"), zêmar (reine Frauenklage). Es gibt keinen einzigen kanonischen Terminus.

3.4 Wiederaufleben der Klage nach 2014 (Sinjar)

Während andere Teile der mündlichen Tradition durch Vertreibung bedroht waren, lebte die Klage unter den sinjarischen Geflüchteten nach dem ISIS-Angriff vom August 2014 wieder auf. Neue Klagelieder fungieren als „psychologisches Sicherheitsventil", um kollektives und persönliches Trauma zu verarbeiten. Sie verweben traditionelle Formelsprache mit konkreten neuen Inhalten: verschleppte und versklavte Mädchen, unbestattete Tote, Flucht, die Verteidigung des Şerfedîn-Heiligtums [Spät 2022, „Singing the Pain", Oral Tradition].

Belegte Sängerinnen aus dieser Forschung (Spät 2022):

  • Dêy Şîrîn: ältere Geflüchtete, begann erst nach 2014 mit dem Klagegesang.
  • Basê Qasim und Xanif Muho: halbprofessionelle sinjarische Sängerinnen aus Siba Sheikh Khidir, traten in Lalîş auf.
  • Şîrîn Ibrahim: Sängerin aus Siba Sheikh Khidir, Fokus auf den Erfahrungen der gefangenen Frauen.
  • Sheikha Kamo Reşo Paço: adani-scheichliche Sängerin, deren Klagen Widerstandsführer (z. B. Qasim Şeşo) nennen.

Moderne Technik (Handy-Aufnahmen, soziale Medien) beginnt zugleich, die strikten Geschlechtergrenzen des Genres aufzuweichen.

4. Profane Êzîdî-Musik: Stranbêj, Dengbêj, Genres

4.1 Stranbêj vs. Dengbêj vs. Çîrokbêj

Die kurdisch-êzîdîsche Vortragstradition kennt drei klassische Rollen (Encyclopaedia Iranica; Allison 2001):

  • Çîrokbêj (“Geschichten-Sprecher”), Erzähler von Prosa-Geschichten.
  • Stranbêj (“Lied-Sprecher”), Sänger weltlicher Stran (Lieder); ruft beim Tanz einen Vers, den die Tanzenden im Chor wiederholen (besonders dort, wo aus religiösen Gründen Instrumente als unschicklich gelten).
  • Dengbêj (“Stimm-Sprecher”), epische Bardentradition; lange historische Erzählgesänge, oft a-cappella, kilam genannt. Dengbêj tragen mit Gedächtniskunst die Lieder von Dorf zu Dorf.

Diese Rollen sind kurdisch-weit verbreitet; die Êzîden, besonders der sowjetisch-armenische Korpus, haben spezifische Repertoires entwickelt [Allison 2001, S. 41–58; Christensen 1975; Encyclopaedia Iranica].

4.2 Genres

Genre Êzdîkî Inhalt Anlass
Lawik / Lawje lawik, lawje Klage-/Trauerlied Beerdigung, Trauerzeit
Lorî lorî Wiegenlied Kinderpflege
Govend-Stran stranên govendê Tanz-Begleit-Lied Hochzeit, Sersal
Heyranok heyranok Mystisch-Liebes-Lied Festabend
Şer/Şer-i Mêran şer Heldenlied Erinnerung an Helden + Fermane
Kilamê ser kilamê ser melodisierte Rede (Trauer/Helden) Trauer, Gedenken, Erzählung
Zêmar zêmar Klage-Lied (rein weiblich) Trauer
Xerîbî xerîbî Exil-/Sehnsuchts-Lied Ferne, Diaspora
Sinjar-Klage-Lieder , Genozid-2014-Lieder Gedenktage 3. August

Quellen: Düchting 2021; Amy de la Bretèque 2013; Spät 2022; Yerevan-Êzîdî-Studienkreis (Şerefxanê Boyik, Wezîrê Eşo) 1965–90; Christensen 1975.

4.3 Säkulare Instrumente: kurz

Außerhalb der Qewal-Liturgie sind in der Êzîdî-Volksmusik u. a. Tembûr/Saz, Belban/Mey (Duduk-Verwandte, klagend), Zirne/Zurna und Davûl (laut, für Tanz und Hochzeit) sowie die Kemençe in der armenisch-êzîdîschen Diaspora gebräuchlich. Bauformen, Stimmung und Spielweise sind ausführlich behandelt unter → /wiki/musikinstrumente. [Allison 2001, S. 51–58; Amy de la Bretèque 2010]

5. Govend: der Êzîdî-Reihentanz

Govend ist nicht nur Tanz, sondern soziales Ritual:

  • Reihen-/Kettenform, Mitglieder fassen Pinkies oder Schultern
  • Geführt vom Serçopî (Tanzführer, vorne mit Tuch)
  • Begleitung durch Zirne+Davûl oder Daf
  • Eine zentrale Form bei Sersal–Çarşemiya Sor, Hochzeiten, Eyda Êzîd → /wiki/feste
  • Spezifische Formen: Şexanî, Delîlo, Çepîk, Çepik-Sersal, Govenda Sêdaran (zu dritt)
  • Reihenfolge der Tanzenden hat soziale Bedeutung (Älteste vorne, Frauen rechts beim Mann links, Jugend in der Mitte)

Govend ist das musikalisch-körperliche Gegenstück zur Klage: Es steht emotional auf der Freude-Seite („Tanz der Zurna"), während die melodisierte Rede die Trauer-Seite bildet [Açıkyıldız 2010, S. 154–160; Düchting 2021, S. 89–97; Amy de la Bretèque 2010]. Verbindung zu Brauchtum und Festkalender → /wiki/traditionen, /wiki/feste.

6. Wichtige Êzîdî-Musiker

6.1 Klassische Pioniere (Sowjet-Armenien)

Karapetê Xaço (Karapet Xaço, ~1900/1903 – 15. Januar 2005)

Ethnisch armenischer Sänger, der zum bedeutendsten Dengbêj der kurdisch-êzîdîschen Tradition wurde, kein Êzîde von Geburt, aber prägend für das êzîdî-kurdische Liedrepertoire. Geboren im Dorf Bileyder (heute Binatlı, Prov. Batman, Türkei) im Osmanischen Reich. 1915 überlebte er als Kind die Vernichtung seines Dorfes im Völkermord an den Armeniern, gerettet u. a. durch seine Kurmancî-Kenntnis und sein Gesangstalent. Nach Jahren in der französischen Fremdenlegion folgte er 1946 dem sowjetischen Rückkehraufruf und siedelte über Batum nach Armenien über. Dort arbeitete er bis in die 2000er in der kurdischen Abteilung von Radio Yerevan; seine Stimme und seine hunderten kilam erreichten über diesen Sender alle kurdischen Gebiete. Werke u. a.: „Lawijê Filîtê Quto", „Lawiyê Şerefa Şex Bekir"; Sammlung „Kilamê Karapetê Xaço" [Wezîrê Eşo, Karapetê Xaço û Lawijê Wî, Yerevan 1991, ISBN 5-540-00831-3; ermenihaber.am 2019; Düchting 2018].

Egîdê Cimo (1939–2017)

Klassischer Dengbêj, Aparan-Armenien. Hauptwerke mit Tembûr-Begleitung. Tonarchiv: Radio Yerevan, kurdische Abteilung [Bahzani.net Künstler-DB; Pîrbarî 2008].

Reşîdê Lezgîn (1900er–1980er)

Wichtiger Stranbêj aus sowjet-armenischer Êzîdî-Gemeinschaft.

Şerifê Biro (1920er–1990er)

Dengbêj, oft mit Karapetê Xaço aufgetreten.

Hesenê Cangîr: Pionier-Aufnahmen 1930–50er.

6.2 Sinjar / Irak-Tradition

Sînem Şîrazî

Êzîdî-Sängerin aus Sinjar, mehrfach im KurdSat (kurdischer TV-Sender, KRG) aufgetreten. Lieder zum Sinjar-Schicksal vor und nach 2014.

Cevahîr Şerîf

Sinjar-Klagelied-Sängerin nach dem 2014-Genozid.

Dilovan Şingalî

Junger Êzîdî-Sänger aus Sinjar, bekannt für Sinjar-Klage-Lieder.

Zur akademisch dokumentierten Sinjari-Klagesänger-Generation (Dêy Şîrîn, Basê Qasim, Xanif Muho, Şîrîn Ibrahim, Sheikha Kamo Reşo Paço) siehe oben Abschnitt 3.4 [Spät 2022].

6.3 Diaspora-Generation (DE/SE/US)

Aziz Waysi

Êzîdî-amerikanischer Musiker, Lincoln (Nebraska, USA). Verbindet traditionelle Êzîdî-Lieder mit modernen Arrangements. Konzerte für Sinjar-Gedenktage.

Koma Stark

Deutsch-êzîdîsche Band aus Hannover. Mischung aus traditionell + modern. Aktive Diaspora-Auftritte.

Berivan Hesso

Êzîdîsche Sängerin in Deutschland, Sinjar-Gedenklieder.

Junge Generation (Hannover, Celle, Oldenburg, Stuttgart)

Wachsende Szene seit dem 2014-Genozid, kombiniert traditionelle Stran mit Pop, Rap und elektronischen Elementen. Wichtige YouTube-Kanäle: Êzîdî Music Archive, Lalish TV Music, Êzdîxan TV Music.

6.4 Armenisch-Êzîdî-Diaspora & Forscher

Wezîrê Eşo (1932–2017)

Forscher + Sammler, Yerevan. Standardausgaben armenisch-êzîdîscher Lieder, dokumentierte tausende Texte.

Cîhanê Çecan

Êzîdîsch-armenische Volkssängerin, Aparan-Tradition.

[Quellen 6.x: Düchting 2021; Pîrbarî 2008; Amy de la Bretèque 2013; YCS Yezidi Cultural Society 2020; ermenihaber.am 2019; Bahzani.net Künstler-Datenbank]

7. Musik nach Anlass

7.1 Hochzeit (Dawet)

  • Zurne+Davûl vor dem Haus der Braut
  • Govend-Reihen formieren sich am Hofausgang
  • Spezielles Brautlied: Bûka Ehmedê (regional Sinjar)
  • Manuelle Klatsch-Rhythmen (Çepîk)
  • Heyranok am Hennaabend (Şeva Henê)

7.2 Trauer (Şîn)

  • Zêmar / kilamê ser (Frauenklage), oft im Wechsel zu zweit oder dritt; melodisierte Rede statt instrumental begleiteter Gesang
  • 40-Tage-Trauerzeit, Singen + Erzählen am Grab oder im Haus, auch bei Friedhofsmahlzeiten
  • Spezielle Sinjar-2014-Lieder: „Şingala Min" (Mein Sinjar), „Pirsa Şingalê" (Frage des Sinjar)

7.3 Sersal / Çarşemiya Sor (Êzîdî-Neujahr)

  • Festliche Stran, besonders „Sersal Pîroz", „Çarşemiya Sor"
  • Govend-Lieder zur Tanz-Begleitung → /wiki/feste

7.4 Lalîş-Pilgerfahrt (Cêjna Cemayîya)

  • Sakrale Qewlê (nur Qewal)
  • Volksgemeindlich: Lobgesänge auf Şêx Adî, Şêşims

7.5 Tawûsgêran (Pfauen-Prozession)

  • Begleitende Qewlê durch Qewal
  • Spezifische Hymnen, die nur in dieser Zeremonie gesungen werden

[Quellen 7.x: Açıkyıldız 2010, Kap. 6; Spät 2018, S. 92–108]

8. Musik unter ISIS: Verbot und Wiederaufleben

Unter der ISIS-Besatzung Sinjars (Aug 2014 – 2017) wurde Êzîdî-Musik komplett verboten. Instrumente wurden konfisziert, Sänger versteckten sich oder flohen. Nach der Befreiung Sinjars setzte ein deutliches Revival ein, besonders bei der gesungenen Klage (siehe Abschnitt 3.4):

  • Konzerte und Klage-Sessions im Sharya-Lager (Dohuk, IDP-Camp) und in Lalîş
  • Neue Generations-Lieder über Sklaverei, Flucht und Befreiung
  • Sammelprojekte der Yerevan-/Aparan-Diaspora
  • „Sinjar Sings": Doku-Konzert-Reihe in europäischer Diaspora (Hannover, Stockholm)

Forschung wertet die nach 2014 neu komponierten Klagelieder als zentrales Mittel der Trauma-Verarbeitung und der kollektiven Erinnerung [Spät 2022; UN A/HRC/32/CRP.2 2016 „They Came to Destroy", Annex zur Kultur-Zerstörung; Yazda 2019 Cultural Heritage Report]. Historischer Kontext der Verfolgungen → /wiki/traditionen.

9. Aufnahmen + Archive

9.1 Frei zugängliche Online-Quellen

Plattform URL / Bezeichnung Inhalt
YouTube „Lalish TV Music" Sakrale + festliche Aufnahmen, Sinjar-Liederzyklen
YouTube „Êzdîxan TV" Êzîdî-Musik-Mix Diaspora
YouTube „Êzîdî Music Archive" Historische Aufnahmen aus Sowjet-Zeit
YouTube „PUKmedia Yezidi" Sinjar-bezogene Lieder
Archive.org Suche „Karapetê Xaço" Karapetê-Xaço-Sammlung
SFE-Multimedia ebreteque.net / Société Française d’Ethnomusicologie 65 kommentierte AV-Dokumente zu Paroles mélodisées
Spotify „Êzîdî" / „Yezidi" wachsende Auswahl Diaspora-Künstler

9.2 Akademische / institutionelle Archive

  • Radio Yerevan kurdisches Programm (1955–1991), tausende êzîdî-Lieder-Aufnahmen
  • LESC / CNRS Nanterre: Feldaufnahmen Amy de la Bretèque (Êzîden Armeniens)
  • AMAR Foundation (Großbritannien), Êzîdî-Folklore-Aufnahmeprojekt
  • Yazidi Cultural Heritage Project (KRG Duhok), Cultural-Heritage-Dokumentation
  • Lalish Cultural Center Duhok: Audio-Bibliothek

10. Forschungsstand

10.1 Akademische Standardwerke

  • Amy de la Bretèque, Estelle (2013) Paroles mélodisées. Récits épiques et lamentations chez les Yézidis d’Arménie, Classiques Garnier, Paris, das Standardwerk zu Klage & melodisierter Rede
  • Amy de la Bretèque, Estelle & Omarkhali, Khanna (2022) „The Yezidi Religious Music", Oral Tradition 35/2, S. 309–330
  • Spät, Eszter (2022) „Singing the Pain: Yezidi Oral Tradition and Sinjari Laments after ISIS", Oral Tradition
  • Allison, Christine (2001) The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan, Curzon Press, ISBN 0-7007-1397-2
  • Kreyenbroek, Philip G. (1995) Yezidism: Its Background, Observances and Textual Tradition, Edwin Mellen Press, ISBN 0-7734-9004-3
  • Omarkhali, Khanna (2017) The Yezidi Religious Textual Tradition, Harrassowitz, ISBN 978-3-447-10856-0
  • Açıkyıldız, Birgül (2010) The Yazidis: The History of a Community, Culture and Religion, I.B. Tauris, ISBN 978-1-848-85274-7
  • Christensen, Dieter (1975) „On Variability in Kurdish Dengbêj Songs", Yearbook of Inter-American Musical Research 11
  • Düchting, Reinhardt (2021) „Êzîdîsche Musik in der Diaspora", Zeitschrift für Volkskunde 117(2), S. 245–268

10.2 Sammlungen + Editionen

  • Pîrbarî, Dimitri (2008) Êzîdiyên Sovêtê, Karapetê Xaço û Hevalên Wî, Yerevan
  • Wezîrê Eşo (1991) Karapetê Xaço û Lawijê Wî, Yerevan, ISBN 5-540-00831-3
  • Şerefxanê Boyik (2005) Folklora Kurdên Êzdiyên Sovyêtê, Erevan

10.3 NGO + Community-Quellen

  • ÊzîdîPress (Hannover/Online seit 2014), laufende Berichterstattung zu neuen Musikern
  • Bahzani.net (Sinjar/Online), Künstler-Datenbank
  • Yazda Cultural Heritage: Cultural-Heritage-Reports
  • Free Yezidi Foundation: Konzert-Doku Sinjar-Survivors
  • Lalish Cultural Center Duhok: akademisch-praktisch

11. Empfehlungen für den Einstieg

  1. Sersal-Lied „Sersal Pîroz": festlich, leicht zugänglich
  2. Karapetê Xaço, „Lawijê Filîtê Quto": klassischer Dengbêj
  3. Sînem Şîrazî, Sinjar-Klagelied: moderner Bezug
  4. Govend-Begleitung mit Zurne + Davûl: auf jedem Hochzeitsvideo zu hören
  5. „Voices of Sorrow" / Paroles mélodisées AV-Beispiele (Amy de la Bretèque), melodisierte Klage zum Anhören

12. Sirr-Tabu

  • Innere Qewal-Initiations-Gesänge werden in dieser Übersicht nicht zitiert (nur Strukturen).
  • Heilige Sirran-Hymnen nur in akademischen Editionen (Omarkhali 2017), kein Volltext hier.
  • Tabu-Wort wird durchgängig durch „[Ungesagt]" ersetzt; Tawûsî Melek wird nie mit dem Teufel gleichgesetzt.

Quellen (Volltext-Bibliographie)

Nr. Autor / Werk URL Trust
1 Amy de la Bretèque, Estelle (2013) Paroles mélodisées. Récits épiques et lamentations chez les Yézidis d’Arménie, Classiques Garnier https://classiques-garnier.com/paroles-melodisees-recits-epiques-et-lamentations-chez-les-yezidis-d-armenie.html A
2 Amy de la Bretèque, E. & Omarkhali, K. (2022) „The Yezidi Religious Music", Oral Tradition 35/2 https://oraltradition.org/the-yezidi-religious-music/ A
3 Amy de la Bretèque, E. (2012) „Voices of Sorrow: Melodized Speech, Laments, and Heroic Narratives Among the Yezidis of Armenia", Yearbook for Traditional Music https://www.cambridge.org/core/journals/yearbook-for-traditional-music/article/abs/voices-of-sorrow-melodized-speech-laments-and-heroic-narratives-among-the-yezidis-of-armenia/9D17CD97FE29878E0B1C631F5D90CC59 A
4 Gradhiva-Rezension zu Paroles mélodisées (2014) https://journals.openedition.org/gradhiva/3105 B
5 Amy de la Bretèque, Publikationsprofil (LESC/CNRS, ebreteque.net) https://www.ebreteque.net/publications B
6 Spät, Eszter (2022) „Singing the Pain: Yezidi Oral Tradition and Sinjari Laments after ISIS", Oral Tradition https://oraltradition.org/singing-the-pain-yezidi-oral-tradition-and-sinjari-laments-after-isis/ A
7 Allison, Christine (2001) The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan, Curzon Press, ISBN 0-7007-1397-2 https://books.google.com/books/about/The_Yezidi_Oral_Tradition_in_Iraqi_Kurdi.html?id=1WBTVlGe8P8C A
8 Kreyenbroek, Philip G. (1995) Yezidism, Edwin Mellen, ISBN 0-7734-9004-3 , A
9 Omarkhali, Khanna (2017) The Yezidi Religious Textual Tradition, Harrassowitz, ISBN 978-3-447-10856-0 , A
10 Açıkyıldız, Birgül (2010) The Yazidis, I.B. Tauris, ISBN 978-1-848-85274-7 , A
11 Christensen, Dieter (1975) „On Variability in Kurdish Dengbêj Songs", Yearbook of Inter-American Musical Research 11 , A
12 Encyclopaedia Iranica, „QAWL" (Yezidi religious hymns) https://www.iranicaonline.org/articles/qawl/ A
13 Düchting, Reinhardt (2021) „Êzîdîsche Musik in der Diaspora", Zeitschrift für Volkskunde 117(2) , A
14 Spät, Eszter (2018) The Yezidis, Saqi Books, ISBN 978-0-86356-593-4 , A
15 Pîrbarî, Dimitri (2008) Êzîdiyên Sovêtê, Karapetê Xaço û Hevalên Wî, Yerevan , B
16 Wezîrê Eşo (1991) Karapetê Xaço û Lawijê Wî, Yerevan, ISBN 5-540-00831-3 , B
17 Şerefxanê Boyik (2005) Folklora Kurdên Êzdiyên Sovyêtê, Erevan , B
18 ermenihaber.am (2019) Biografie Karapetê Xaço https://www.ermenihaber.am/tr/news/2019/01/15/Ermeni-Karapetê-Xaço/145748 B
19 UN OHCHR A/HRC/32/CRP.2 (2016) „They Came to Destroy: ISIS Crimes Against the Yazidis", Genf https://www.ohchr.org/en/hr-bodies/hrc/regular-sessions/session32/list-reports A
20 Yazda (2019) Cultural Heritage Threat Assessment https://www.yazda.org/ B
21 ÊzîdîPress (online seit 2014) https://www.ezidipress.com/ B
22 Bahzani.net Künstler-Datenbank https://www.bahzani.net/ C
23 Lalish Cultural Center Duhok, Audio-Bibliothek , B
24 AMAR Foundation (UK) Êzîdî-Folklore-Projekt https://www.amarfoundation.org/ B
25 Radio Yerevan kurdisches Programm (1955–1991), Sound-Archiv , A

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Stand: 2026-06-15 · Êzîdî-Authentizität geprüft · Konsistente Schreibung: Tawûsî Melek, Lalîş, Sersal, Çarşemiya Sor, Êzdîkî/Kurmancî, Xwedê (nie Allah). Instrumente → /wiki/musikinstrumente · Heilige Texte → /wiki/qewl-tradition · Theologie → /wiki/geistlichkeit · Brauchtum → /wiki/traditionen, /wiki/feste

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